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Neue jüdische Presse · 1916-05-12 · Heft 18 (12.5.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 18 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sefirahzeit In jener Zeit des Jahres, in der wie in keiner anderen die Welt Lebenskraft und Lebensfülle kündet, in, den herrlichen, goldenen Frühlingstagen zwischen dem Pessach- und dem Schewuausfeste, klingt durch das Herz des jüdischen Volkes leise mahnend ein ernster Ton. Es fühlt, daß es sich von dem Siegestaumel des alle Erdenschwere überwältigenden und dann zu seiner Vollendung wachsenden Lebens nicht mitreißen lassen darf. Es fühlt, daß ein Höherer diesem Wachsen Grenzen setzte, und es strebt nach der Erfassung des begrenzenden Wortes, das dieser Höhere aller Entfaltung gab. „Du sollst zählen!", mahnt das Buch, aus dem das jüdische Volk seine Weisheit schöpft. „Du sollst zählen voir dem Feste, das Deiner Freiheit als Volkskörper gedenkt, bis zu dem Feste, da Dir einst am Berge Sinai Deine sittliche Freiheit gegeben ward." In den Tagen der kraftvollsten Lebensäußerung in der Natur geschieht dieses Zählen als Pflicht eines jeden einzelnen in Israel. Denn jeder einzelne sei Träger der großen Ausgabe seines Volkes, Beispiel zu geben unter den Völkern für die Begrenzung ungebundener Lebensentfaltung durch das göttliche Sittengesetz. Nur dann kann das Gesamtvolk seiner Ausgabe entgegenreifen. Täglich zweimal bekennt der Jude in seinem wichtigsten Gebete, dem Kerias-Schema, wie Früh- und Spätregen zu seiner Zeit und nicht zur Unzeit, wie das Gedeihen in Feld und Flur der Mensch und nur der Mensch mit dem Maße seiner Erfüllung des göttlichen Sittenaesetzes bestimmt. Dem Israels- Volke ist dieses Sittengesetz in der Thora offenbart, in der Sabbat-Institution in , stetem Bewußtsein gehalten und in dem Zählen während einer Zeit, von sieben mal sieben Sabbaten, verbindend das Fest seiner Volksfrciheit mit dem Fest seiner Bolksbestimmung, nochmals eindringlich in Erinnerung gebracht. Doch, trübe, tränenuinslossene Gedenktage seiner Geschichte, die in dieser Zeit sich führen, künden sein Äbirren von diesem Ziele, künden, wie ihm deshalb nicht die volle Segensfüllc spendende Entwicklung seiner Kraft, nicht des Daseins heiterer Vollgenuß war. Gerade jene Forderungen des Thoragesetzes sind selbst in den idealsten Zeiten des jüdischen Volkes verletzt worden und werden auch heute noch von seinen sonst so opferfreudigen traditionstreuen Kreisen verletzt, die dem einzelnen eine Begrenzung seiner Kraftentfaltung zu Gunsten der sittlichen Freiheit, wie solche das Thoragesetz erziehen will, bedeuten. Die Gesetze, die das Verhältnis zum Mitmenschen regeln, spielen eine Aschenbrödelrolle; das liebe Ich tritt ihnen gegenüber zu stark in den Vordergrund, bedenkt nicht, daß 'sein Verhalten zum Mitmenschen der Prüfstein für die Stärke seiner eigenen sittliche^ Freiheit und die Gewähr für sein eigenes wahrhaftes Wohl ist und vergißt, daß es im Verkehr von Mensch zu Mensch gilt, die Größe des Judentums zu beweisen. Welches Unheil das wilde Jagen nach Macht und die Mißachtung der gleichen Lebensrechte des andern zur Folge hat, dafür gibt der Weltkrieg unserer Tage ein grauenhaftes Zeugnis. Das jüdische Volk und jeder einzelne in ihm soll der lebende Protest gegen dieses Neberwuchern der Machtgelüste sein. In den Sefirahtagen dieses Weltkriegsjahrcs mögen durch die Seelen derer, im jüdischen Volke, die da glauben, die Wertvollsten, die Bürgen seiner Zukunft zu sein, indem sie treu in seiner großen Vergangenheit zu wurzelu suchen, ein Heller Lichtstrahl gehen und ihnen zeigen, was ihr bisheriges Fehlen ist. Schwer hat der Weltkrieg die Völker heimgesucht, doch am schwersten das jüdische Volk, das das .festeste Bollwerk gegen alles sich selbst vergötternde Machtstreben hätte sein sollen. Bei ihm sollten daher die Lehren des Weltkrieges am tiefsten wirken utld in seiner Mitte wieder am tiefsten bei seinen bewußten Gliedern. 'Das traditionstreue Judentum hat heute die gewaltigste Aufgabe, damit aus der Verwüstung das tausendfältige Blühen eines jüdischen Frühlings erwache. Doch dazu muß es selber in der von keinem kleinlichen Eigennutz geschmälerten Vollbetäligung seiner sittlichen Freiheit die sittliche Kraft des jüdischen Volkes darstellen. Dann hat es die Lehre der Sefirahzeit verstanden. Vom'Erstarkeu der Türkei. Unter den mannigfachen Ueberraschungen, die der Krieg gebracht hat, ist die Haltung der Türkei eine der stärksten und bedeutsamsten. Seit Jahrzehnten bereits hatte man sich gewöhnt, von ihr nur als dem „kranken Manne" zu sprechen, sie als einen in völliger Anarchie und Zerfahrenheit, ja in beginnender innerlicher Auflösung befindlichen Staat zu betrachten, dem gegenüber jeder Staat sich alles gestatten dürfe; und seit langer Zeit warteten die Mächte der Entente nur auf den Augenblick, da sie die längst geplante und bcschlos- - jene Austeilung der Türkei ungestört würden vornehmen können. Der Balkankrieg, der den raschen Siegeszug der vereinigten Balkanstaaten gebracht hat, schien diese Beurteilung der Türkei nur zu bestätigen. Dieser Weltkrieg solltte dann auf Grund der Abmachungen der Ententestaaten den allgemein geglaubten Zerfall des türkischen Staatswesens seinem Ende entgegenführen und seine endgültige Teilung bringen. Wie ganz anders jedoch ist es statt dessen gekommen. Mit sicherem Blick erkannten die.leitenden türkischen Staatsmänner gleich zu Beginn des Krieges, ivas ihrem Vaterlande bevorstehe, falls die Entente ftegeit sollte, und besaßen den bewundernswerten Mut, in einem kühnen Entschluß der ewigen Politik des Lavierens nach beiden Seiten hin ein Ende zu machen und offen auf die Seite der Zentral Mächte zu treten. Schon das war ein Zeichen der inneren Stärke der türkischen Staaten. Und die nun folgende aktive Teilnahme der Türkei an den kriegerischen Operationen sollre dies erste Zeichen noch um manche andere vermehren. Es begann die große englisch-französische Aktion gegen die Dardanellen, und sie endete nach monatelangcn hartnäckigen Kämpfen, in denen die Entente all ihre Machtmittel aufbot, mit dem schmählichen Fiasko des Unternehmens und der kläglichen Räumung der Gallipolihalbinsel. Dies war ein unerhörter Erfolg über die Ententemächte, vor allem über England. Von einer anderen Seite her versuchte dieses darauf die schwere Schlappe wieder gut zu machen und die Türkei an einer empfindlichen Stelle zu treffen; der Feldzug gegen Bagdad begann. Durch die Einnahme Bagdads sollte der türkische Staat einen seiner stärksten Stützpunkte und Zentren verlieren, zugleich aber sollte damit ein alter, längstgehegter politischer Gedanke Englands verwirklicht werden: die Herstellung der Landverbinduug nach Indien. Auch diese große Aktion ist nunmehr beendet und zwar, wiederum durch eine katastrophale Niederlage derz Engländer, deren gesamte Operationsarmee in K u te l - A m a r a sich ■ den Türken ergeben mußte. Dies bedeutet einen noch schwereren Schlag für die Macht und das Prestige Englands im Osten, als es die Räumung von Gallipoli war. Zum zweiten Male hat der „kranke Mann", die schon totgeglaubte Türkei, das mächtige, seebeherrschende Albion gedemütigt und überwunden, eine Kraftleiftung der Türkei, wie sie auch ihre Freunde' vor diesem Kriege kaum für möglich gehalten hätten. Durch diese Leistungen und machtvollen Beweise ihrer inneren Stärke ist die Türkei in diesem Kriege wieder zu einer geachteten und gefürchteten Großmacht geworden, die fortan als gleichberechtigter Staat seinen Platz unter den Nationen beanspruchen wird. Daß sie sich dessen bewußt und entschlossen ist, die Konsequenzen daraus zu ziehen, hat sie durch die Abschaffung der Kapitulationen, einer der Grundwurzeln ihrer Schwäche und Desorganisation, bewiesen. Durch eine Reihe von Reformgesetzen aber haben die regierenden Männer in Konstantinopel gezeigt, daß sie. wohl wissen, daß die Erringung völliger unantastbarer äußerer Selbständigkeit noch nicht genügt, um ihr eine große Zukunft zu sichern, sondern daß vor allem auch viele und gründliche innere Reformen notwendig sind. Die bereits erlassenen Reformgesetze bedeuten auch in dem beginnenden Prozeß der inneren Erstarkung und Regeneration der Türkei einen guten Anfang und berechtigen zu frohen Hoffnungen für die Zukunft. Auf diese verheißungsvolle Bahn ist die Türkei durch ihren Anschluß an die Zentralmächte geführt worden. Durch ihr Bündnis mit Deutschland hat sie den Staat gefunden, der ihr schon von jeher ein aufrichtiger Freund und Schützer war, und dessen Interessen und Zukunftsziele auf eine Förderung und Stärkung des türkischen Staatswesens Hinweisen. Die großen Erfolge, die die Türkei im Kriege errungen hat, find nur geeignet, die Erkenntnis vom hohen Werte ihres Bündnisses mit Deutschland zu stärken, und so hat sich denn auch die türkische Regierung entschlossen, den im Kriege erfolgten militärischen Anschluß an Deutschland auszugestalten und zu einem dauernden Bündnis umzuformen. In der bedeutsamen Rede, die der türkische Minister des Auswärtigen anläßlich des jüngst erfolgten Besuches deutscher Parlamentarier in Konstantinopel gehalten hat, hat er von dem nahe bevorstehenden Abschluß dieses Bündnisvertrags mit Deutschland Mitteilung gemacht und in starken Worten der Entschlossenheit seiner Regierung, an diesem Bündnis festzuhalten, Ausdruck gegeben. Damit hat die Türkei die Wege ihrer Politik für die Zukunft nach dem Kriege festgesetzt, einer Politik, deren Grundpfeiler das Bündnis und freundschaftliche Zusammenwirken mit den Zentralmächren, vor allem mit Deutschland, sein wird. Für uns Juden ist,diese Politik der Türkei von größter und segensreicher Bedeutung. Es braucht heute nicht wieder dargelegt zu werden, welch starkes Interesse wir, deren heiligste Hoffnungen mir der Türkei verbunden sind, an der Erhaltung und Stärkung dieses Staates haben, die allein durch ihren Anschluß an Deutschland erfolgen kann. Die zionistische Bewegung als Trägerin der Palästinahoffnungen unseres Botels hat denn auch stets, besonders auch während des

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