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Neue jüdische Presse · 1916-05-05 · Heft 17 (5.5.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 17 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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/ Seite 2. Nr. 17. Antisemiten, wie -Jelenski und Potocki, - sondern auch der „beste" Pole, der einzige ausgesprochene „Judenfreund" Wlodzimierz Dzwonkowski, den Bernhard Lauer in seinem Artikel in den „Preußischen , Jahrbüchern" erwähnt hat, um Deutschland zu überzeugen, daß es noch in Polen Judenfremrde gibt., die die Assimilation der Juden gutheißen und befürworten. Man möge deshalb aufmerksam zuhören, was dieser „Philosemit" in der für jüdisches Geld herausgegebenen Monatsschrift „Mysl Polska" sagt: „Da es als eine unserer Grundpflichtcn selbstverständlich ist, die ökonomische Entwicklung von Polen zu fördern, welche ohne das Aufblühen des Kapitalismus undenkbar wäre, müssen wir an-' anerkennen, daß die Juden ebenso wie ihre Kapitalien mit Rücksicht auf den Handel und die Industrie für das Land nützlich, daß für Polen ihr kühner spekulativer Geist, ihre Initiative, ihre organisatorische und kommerzielle Begabung notwendig sind. Andererseitshat aber das Land entschieden zu viel Juden. Mit der Zahlenreichheit der Juden hängt ihre langwierige Fremdheit zusammen, ihre Abgesondertheit von dem Milieu der Umgebung, ebenso wie die obenerwähnte Gefahr, die sich greifbar daraus ergibt. Deshalb — sowohl in unserem' Interesse, wie auch zum Wohl der Juden — müssen wir in vernünftigen Grenzen die Herabsetzung des Prozentsatzes her Juden bei uns unterstützen. Dazu führen zwei Wege: für die Emigration nach Osten und nach Westen planmäßig beizusteuern und tatkräftig die Abschaffung des jüdischen Ansiedelungsrayons in Rußland zu fördern." Wenn wir von der schönrednerischen Phraseologie .Abstand nehmen, die die bittere Pille süß machen will, bleibt die trübe - Tatsache, daß dieser „beste" Pole gleich, den heftigsten Antisemiten das Gros der Juden zur Auswanderung einladet, indem er dabei so großmütig ist, die jüdischen Kapitalisten bleiben zu lassen, jedoch hricht deshalb, weil sie etwa Rechte hätten, sondern weil sie für die p o l n i s ch e Wirtschaft nützlich wären. Uebrigens in Bezug auf die jüdischen Kapitalisten steht Dzwonkowski einsam, denn die maßgebendsten polnischen Antisemiten sind im Gegenteil der Ansicht, die jüdischen Kapitalisten seien eben die schädlichsten, weil sie sich. des „polnischen" Handels bemächtigen, der „nationalisiert" werden müsse. Wie es auch sein mag, für jüdische Kapitalisten würden wir schon irgendwo eine Herberge finden. Schade, daß es deren in Polen blutwenig gibt. Es bliebe daher nur übrig, das Gros der Juden nach Osten (lies Rußland) oder nach Westen zu verschicken. Wie cs mit der Gastfreundschaft in Rußland den Juden gegenüber steht, wissen wir allzu gut und die Polen nicht minder. In Wirklichkeit wollen daher auch die „besten" Polen, die polnischen Juden nach Westen (lies: nach Deutschland) verdrängen. Dies ist die beste Antwort auf die'Ausführungen der Polen a la Alexander Brückner*) und der. jüdischen Polen a la Bernard Lauer urrd Binjamin Segel, die der wenig unterrichteten deutschen öffentlichen Meinung einreden wollen, die Polen suchten durch eine assimilatorische Politik die Juden in ihrem Lande zu behalten. IV Dem Spiel der Polen tanzen natürlich die jüdischen Assimilanten nach, obwohl man doch glauben dürfte, diese Juden sollten sich allenfalls auch verpflichtet fühlen, die Interessen der Juden wahrzunehmen und nicht nur durch Entfernung der Juden den Polen eine Bequemlichkeit zu machen. - Aber das größte Unglück ist das, daß bei uns die 7 sogenannten Assimilanten sich um die Juden, auch vom assimilatorischen Standpunkt aus, garnicht kümmern, sie sind ganz gewöhnliche Antisemiten. Man höre, wie die assimilatorische „Rozwaga" in.. ' den letzten Nummern (Januar, Februar 1916) über das polnisch-jüdische Problem spricht: „Die Assimitation der Juden, betrachten wir mithin vom Standpunkt der polnischen nationalen Interessen aus als eine nützliche Sache/ aber unter der Bedingung, diese Assimilation numerisch einzuschränken. Aus-unserer Beobachtung und aus geschichtlichen Anweisungen haben wir den Eindruck ge- *) Bergt, seinen Artikel in „Allg. Ztg. d. Indent." Wonnen, daß die Zumischung einer fremden Bevölkerung, die ein drittel der Einwohnerschaft des betreffenden Landes übersteigt, für die Assimilation nicht zugänglich ist. In Bezug ans die jüdische Bevölkerung in Polen müssen wir uns recht vergegenwärtigen, daß man lischt mit ihren: tatsächlichen Prozentsatz rechnen darf, der 15 o/o ausmacht, sondern mit ihrem Prozentsatz unter der städtischen Bevölkerung, unter welchen sie durchschnittlich etwa die Hälfte bilden. Im Bürgerstand des polnischen Volkes macht die Größe der Zumischung von Juden das Wesen der nationalen Assimilation h o f f n u n g s l o s und sogar n i cht w ü n s ch c n swert, denn sic gibt keine Aussichten auf Assilation, sondern bestenfalls auf eine neue etnographische Zusammensetzung. Die einzige erfolgreiche Arznei könnte dieVerdünnungdes semitischen Elementes sein und zwar durch die Zuwendung zum Feldbau und zur Emig r a t i o lt". Der entschiedenste Nationaljude könnte keine besseren Argumente gegen die Polonisierung aufführen. Es bleibt also die „Verdünnung", die Zerstreuung der Juden. Die erste Hälfte der „Arznei", die Iudcn im Ackerbau betätigen zu lassen, kann in Polen nicht ernst behandelt werden, denn dieselben Faktoren, die hier die Juden aug; den Städten aussperren wollen, wollen es auch auf dem Lande tun. Es fei da beispielsweise in Erinnerung gebracht, welch einen Lärm die Polen erhoben haben, als die Alliance I s r a - elitc in Galizien Ackerbau unter den Juden verpflanzen wollte uich zu diesem Zweck für sie Grundstücke zu kaufen beabsichtigte. Die polnischen Publizisten insinuierten, die „Allianz" versuche auf diese Weise die Polen ihres Bodenbesitzes zu euteigenen und, unter dem Vorwand von Bebauung des Feldes, den Juden zu verhelfen, die polnischen Bauern auszubeuten usw. Es bleibt sonnt wiederum nur die Emigration übrig, d. h. das Mittel der Antisemiten, das die vormaligen polnischen Assimilanten, die wirklich an ihre Idee glaubten, mit Recht zurückgewiescn hatten. „Rozwaga" ist für die Emigration derart begeistert, daß sie sogar nicht zurückscheut, den zur Emigration verurteilten Juden glänzende Perspektiven in den neuen Zufluchtsländern Palästina, Syrien und Uganda zu malen. Um die Juden zu vertreiben ist Herr Heinrich Nußbaum, der Leiter der „Rozwaga", bereit, sogar „Zionist" zu werden. Es erübrigt sich! zu sagen, daß die Zionisten nicht der Aufmunterung dieses Herrn bedürfen, um in. ihrer Idee bekräftigt zu werden. Derartige Vorkänrpfer für einen „Zionismus zum Export" (um sich von den Juden zu befreien) sind schon lange die Antisemiten der Welt und die polnischen insbesondere. - Daß der Zionismus ein gutes Mittel zur Lösung der Judenfrage ist, wissen wir auch ohne Herrn Nußbaum. Bevor fidj; aber der Zionismus endgültig verwirklichen kann, verlangen sowohl die Zionisten wie die nichtzionistischen nationalen Juden bürgerliche und nationale Rechte in Polen, wie es die Polen in Litauen, Rutenien, Weißrußland usw. fordern. Die Stellungnahme der „Rozwaga", die gänzlich den Bankrott der polnischen Assimilation bedeutet, liefert uns nur einen neuen Beweis, daß für diejenigen zahlreichen jüdischen Massen, die in Polen noch lange bleiben werden, unser oben erwähnter Standpunkt die einzige Lösung der Judenfrage bildet. ' S. Hirschhorn. (Warschau). J - > \ / Die jüdisch-deutsche Sprache?) \.\ Bon Max Blatt, Frankfurt a. -M. Die Hartnäckigkeit und die zähe Ausdauer, mit der die Ostjuden ihre jüdisch^deutsche Sprache, den sog. Jargon, den spöttischen und böswilligen Angriffen' von Freund und Feind zum Trotz zu behaupten und zu verteidigen suchen, ist eine der seltsamsten Erscheinungen im Völkerleben. Der kon- *) Wir stimmen mit wesentlichen Punkten des Aufsatzes nicht überein und werden demnächst unseren Standpunkt ausführen. D. Redakt. scrvative Sinn, s. „Süddeutsche Monatshefte" ^Artikel Dr. Löwe, die zähe Natur und das enge Familienleben, die dem Judentum im allgemeinen und ganz besonders dem Ostjnden zugegebenermaßen eigen sind, mögen zum Teil dieses Wunder erklären. Daß sie jedoch nicht zur völligen Lösung dieses Rätsels ausreichcn, liegt auf der Hand. Vor allem wäre die Frage zu beantworten, * warum denn die Juden ihre hebräisch -ch a l d ä i - s ch e Muttersprache, die sie ins Galuth mitbrachten, trotz .ihrer Zähigkeit, engen Abg,eschlossenheit, Ausdauer etc. im Laufe der Zeit als Volkssprache eingcbüßt haben. Entweder ist der Einfluß der Umgebung stärker, dann hätten die Juden in den 6—7 Jahrhunderten seit ihrer Vertreibung aus Deutschland und während ihres Aufenthaltes unter meistenteils, slavischen, Völkern ebenso ihren deutschen Dialekt zu Gunsten der polnischen, russischen Sprache usw. aufgeben müssen, wie es seinerzeit mit ihrer hcbräisch-chaldäischen Muttersprache der Fchl war. War doch die breite Masse stets von jedem geistigen Verkehr mit ihrem früheren deutschen Vaterlande vollständig abgeschnitten, da ja sonst das Nichtschritthalten des jüdischen Jargons nrit der Entwickelung der deutschen Sprache und seine eigenartige Ausbildung nicht gut zu erklären wäre. Oder die jüdische Zähigkeit vermag der lfm- . gebung Stand zu halten. In diesem Falle hätten die Juden auch die hebräische Muttersprache, die ja für sie zudem noch einen besonderen Reiz haben mußte, beibehalten müssen. Ich glaube daher nicht fehl zu gehe», ivenn ich dieses merkwürdige Phänomen hauptsächlich auf die engere organische Verwandtschaft zurückführe, die, wie im Folgenden auseinandcrgesetzt werden soll, zwischen der hebräischen und deutschen Sprache in ihren . Hauptmerkmalen besteht, und die die natürliche sprachlich-technische sowie psychologische Voraussetzung zu der innigen Verbrüderung der Juden nrit Der deutschen Sprache, Literatur und Kultur-childet. Die uns sonst äußerst befremdende Tatsache, daß die Juden trotz ihrer Wanderung durch aller Herren Länder, wo sie mit verschiedenen Völkern und Sprachen in Berührung kamerr, und trotzdem sie in Deutschland irn Mittelalter noch viel weniger als wo anders auf Rosen gebettet waren, fast ausschließlich die deutsche Sprache annahnren, sic auf Kosten ' ihrer hebräischen Muttersprache mit Liebe pflegten, in sie ohne jeden religiösen Skrupel die heilige Schrift, die Gebetbücher sowie die sonstigen wissenschaftlich-religiösen Werke übersetzten, und sie in ihren neuen Wohnsitzen gegen den Ansturm seitens der Russifizierungs- und Polonisierungsversucher zu verteidigen wußten, wird rrns nur durch eine organische Verwandtschaft einigermaßen begreiflich. Bei der Assimilierung eines Volkes mit seiner Umgebung spielt neben dem Grade der Widerstands-. fähigkeit der Minorität und der Anziehungskraft der Majorität der Charakter und die Beschaffen- .heit der betreffenden Sprachen eine sehr große, wenn nicht gar die größte Rolle. Minderheiten, die einer sprachlich ihnen ganz fremden Umgebung gegenüberstehen, brauchen — sei es zur völligen nationalen oder auch nur bloß sprachlichen Assimilierüng und Verschmelzung — viel mehr Kalorien als solche, die mit der Mehrheit sprachlich verwandt sind. Selbst widerstandsschwache Völker werden bei großer sprachlicher Verschiedenheit nur sehr langsam in ihrer Umgebung aufgehen, ganz gleichgültig, ob es sich um die völlige nationale oder ob ies sich bloß um sprachliche Entäußerung handelt. Ein so zähes Volk jedochwie es die Juden einmal sind, bei denen, wie die Geschichte bisher gelehrt hat, die nationale Assimilierung überhaupt ^.vollständig ausgeschlossen ist, kann sich — selbst auch nur sprachlich.— keineswegs mit seiner -Umgebung verschnrelzen, wenn ihm nicht dabei in irgend einer Form die Möglichkeit geboten ist, dem Gesetze vom Parallellogramm der Kräfte, zu folgen und sozusagen einen Kompromißweg zwischen dem Einfluß der Umgebung und seinem ihm angeborenen starken konservativen Sinn einzuschlagen. Das heißt: es.wird sich nur dann vollkommen sprachlich assimilieren, wenn die neue Sprache, die ihm von seiner Umgebung aufgeprängt

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