Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 17 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eine frohe Nachricht dringt zu uns aus Anierika herüber. Der vielfach umstrittene und reiflich erwogene Plan, einen jüdischen Kongreß, cinzuberufen, ist dieser Tage zum Teil verwirklicht worden. Am 26. März wurde in Philadelphia die erste Sitzung unter großer Beteiligung feierlich eröffnet. Glieder der, verschiedensten jüdischen Richtungen nahmen an diesen denkwürdigen Versammlungen teil, die ja doch nur eine Vorkonferenz des großen, voraussichtlich im Dezember stattfindenden Kongresses bildeten. - Die Bedeutung dieser Tatsache ist nicht zu unterschätzen, - und man muß erstaunen, wie binnen verhältnismäßig kurzer Zeit ein solch' großartiger Plan zur Tatsache geworden .ist, um so mehr, wenn man die Haltung der amerikanischen Juden vor dem Kriege in Betracht zieht. Der Krieg hat - augenscheinlich auf die amerikanische Judenheit tief eingewirlt, hat ihr Solidaritätsgefühl wachgerufen und sic dem, jüdischen Volke und seinen Leiden nahegebracht. Nur so ist es zu erklären, daß Juden, die sich meist schon in einem Assimilationsprozeß mit der Landbevölkerung befanden, jetzt zu einer Tat sich aufraffte,i, die Erfolge und greifbare Ergebnisse zu zeitigen verspricht. Der jüdische Amerikaner — man durfte ihn wohl im Frieden so benennen —, der sonst. wie die übrigen Amerikaner den, Verdienste und Geld sinnlos nachjägte, hat nun klar bewiesen, daß er genug Solidaritätsgefühl besitzt, um seine jüdischen Brüder nicht zu verleugnen, im Gegenteil, sie tatkräftig und nützlich zu unterstützen. Der tiefere i und rationalistische Grund dieses plötzlichen Stimmungswandels ist 'wohl in dem Umstand zu erblicken, daß die durch den Krieg überall hervorgerufenc Steigerung des Natioualgefühls bei den amerikanischen Juden einen starken Widerhall fand. Sie sahen ein, daß dem jüdischen Volke eine große Zukunft Vorbehalten sei, und daß cs ihnen eine Pflicht sei, für die jüdischen Brüder, die unsäglich unter dein Kriege leiden und zum großen Teil noch nach der körperlichen Freiheit lechzen, die völlige Gleichberechtigung zu verlangen. So ist der künftige Kongreß freudig zu begrüßen; gewinnt doch der Schritt erst an Bedeutung dadurch, daß die amerikanische Judenheit, der es bisher an jüdischem Selbstbewußtsein gebrach, nun ihrer . inneren Gesundung erfolgreich entgegenarbeitcn kann. Es war bewundernswert, wie Delegierte der verschiedensten Richtungen, die sich sonst schroff gegenüberstchen, nach kurzem Bedenken sich in den Beschlüssen einigten. Vom Wunsche beseelt, dem jüdischen Volke nützlich zu werden, vermieden sie jegliche Unstimmigkeiten und Wortstrcite. Es machte einen tiefen Eindruck, daß Juden, die früher ihre», Volke ganz fremd waren, jetzt ihm kraftvoll zu helfen schworen. Mit besonderer Freude erfüllt uns das Verhalten des Richters Panne, der, sonst dem Treiben der ' Juden völlig fernstehend, zum Vorstand des Hauptkomitees gewählt wurde und darauf gerührt unter - Tränen seine ganze Kraft den, jüdischen Volke zu widmen versprach. Die angenommenen Resolutionen.sind von großer Wichtigkeit, insbesondere die schon erwähnte, die den Juden in allen Ländern nationale und p ol it i.s chj e Gleichbe re chtig u n g verschaffen will. Wir haben von dem nächsten Kongreß sicher Be- - deutendes zu erwarten, denn die amerikanischen Juden besitzen im Gegensatz zu fast allen übrigen Juden politische Freiheit und erfreuen. sich großen Ansehens bei der Regierung und Bevölkerung. Bei ihren beträchtlichen Geldmitteln und ihrer großen Energie werden sie voraussichtlich vieles leisten. Eine andere, nicht zu vergessende Frage ist es, ob die kriegführenden Länder den Wünschen des Kongresses Nachkommen werden. Jedenfalls ist er ein erfreuliches Zeichen und dürfte um so mehr Hoffnung erregen, als zum Ehrenvorstand der bekannte Zionist Louis Br and eis, der aus verschiedenen Gründen nicht zur Feier erschienen war, gewählt wurde. Ebenso trug die Versammlung einen überwiegend nationalen Charakter, und es ist nicht unmöglich, sogar wahrscheinlich, daß der Hauptteil allmählich auf nationalen Boden hinübergeleitet werden wird. So wollen wir gespannt des zukünftigen Kongresses in "Washington harren. Ben-Jefune. Der Jude. Mitten im Kriegslärm, da es für alle Bestrebungen und Unternehmungen, die nicht unmittelbar in: Dienst des Krieges stehen, nur die eine Parole gibt, durchzuhalten, beginnt eine neue jüdische Monatsschrift zu erscheinen. Ihr Name schon kündet ein Programm: „Der Jude". Könnte sie einen schlichteren, könnte sie einen stolzeren, anspruchsvolleren Namen tragen als diesen? So kurz der Name ist, so vielbedeutend ist er; er umschreibt nicht, er proklamiert nichts; er nennt sich in ruhiger Selbstverständlichkeit: „Der Jude". Es kann unter all jenen, die am jüdischen Leben Anteil nehmen, kein Zweifel darüber herrschen, daß die neue Gründung einem starken Bedürfnis entspricht. Es fehlte uns bisher eine solche Zeitschrift, die von hoher Warte aus, in ihrem literarischen und geistigen Gehalt den besten nichtjüdischen Zeitschriften gleichwertig, zu allen großen und wichtigen Fragen des jüdischen Lebens Stellung nehme, ohne doch unmittelbar, parteimäßig und in der Art des Tagesjournalismus, mitten drin zu stehen, ein Organ, welches Zentrum und Ausdructsinittel der ringenden und schaffenden Kräfte des jungen Judentums wäre und ein weithiu sichtbares Wahrzeichen der 'jüdischen Regenerationsbewegung darstellte. Daß diese Zeitschrift, nach der schon so lange eiir Bedür.firis bestand, jetzt gegründet wurde, ist eine Tatsache, die ein jeder freudig begrüßen muß; daß sie gerade jetzt, mitten im Kriegstobcn, gegründet ward, verleiht dem Ganzen erhöhte Bc- . deutung. Deitn jetzt sind die Aufgaben, die sie zu erfüllen haben wird, ganz besonders groß und bedeutsam. Viele Fragen, die früher theoretischer Art.waren, sind jetzt von unmittelbarster praktischer Bedeutung geworden. Das .ganze jüdische Leben hat durch den Krieg einen Stoß erhalten, der es noch lange in Bewegung halten wird; die Jüdensrage ist über Nacht zu einem dringlichen, vielbesprochenen europäschen Problem geworden. Die ganze, so unendlich wichtige Ostjudensrage ist plötzlich zur Lösung gestellt worden; und unser Volk durchlebt eine Krisis, die für seine gesamte Zukunft von einschneidender, entscheidender Bedeutung werden kann. In solcher Zeit gegründet, wird „Der Jude" von ganz besonderem Wert. Inmitten dieser Krisis unseres jüdischen Volksdaseins will er zum Wortführer all der Juden werden, die an die Zukunft unseres Volkes glauben und in tätig-schöpferischer Art daran Mitarbeiten wollen. „Das äußere Schicksal eines großen Teiles des jüdischen Volkes" — sagt der Prospekt der Zeitschrift — „ist in eine Umwandlung eingetreten, die sich nicht vollziehen darf, ohne daß das seine Zukunft bejahende Judentum sein Wort dazu spricht." Daß in diesen Monaten diese Zeitschrift gegründet werden konnte, ist ein schönes, erfreuliches Zeichen unserer inneren Kraft, ist ein Beweis dafür, daß auch die ungeheure Sturmflut des Krieges, die über uns dahingebraust ist, unseren nationalen Daseinstrieb nicht brechen konnte und wir uns in diesem Sturm nicht verloren haben. „Der Jude" will aller Welt sagen, daß wir noch leben, mehr, daß »vir gewillt sind, unsere Rechte als Volk zu fordern und für unsere Forderungen zu kämpfen; in diesen Monaten, da das Schicksal der Welt entschieden wird und alle Nationen ihre Ansprüche erheben, soll die neue Zeitschrift vor der gesamten europäischen Ocsfentlichkeit auch die Ansprache unseres Volkes annielden. So wird die Aufgabe der Zeitschrift eine doppelte sein müssen: nach innen hin, für uns Juden selbst, die Probleme unseres Daseins zu vertiefen, zu klären und ihrer Lösung näher zu bringen, und nach außen hin, für die deutsche und darüber hinaus für die europäische Oeffentlichkeit unsere nationalen Ansprüche zu verkünden, zu chegründen und über die Eigenarten und Tatsachen unseres Lebens aufzuklären. Sie muß — will sie ihren innersten Zweck erfüllen — für die jüdische wie nichtjüdische Ocsfentlichkeit das repräsentative jüdische Organ, die anerkaimtc Ausdrucksform der jungjüdischen Bewegung werden. Herausgeber und Leiter der Zeitschrift ist Dr. Martin Bub er, unter den ringenden und schassenden jüdischen Denkern unserer Tage einer der führenden und tiefsten, vor dessen hohem Streben und innerlicher Aufrichtigkeit ein jeder — er mag zum Gedankensystem Bubers stehen wie er wolle — Ehrfurcht empfinde» muß. Daß er an der Spitze der Zeitschrift steht, bietet Gewähr für ihr hohes Niveau und ihre innere Vornehmheit; hingegen bedeutet es keinesfalls, daß sie nun ganz int Geiste seiner Ideen sich bewegen wird; vielmehr wird sie als ein Organ, das Zentrum der gesamten jungjüdischen Bewegung sein will, alle zu Wort komnien lassen, die wirklich etwas zu sagen haben. Große und bedeutsame Aufgaben hat „Der Jude" sich gestellt. Ob und inwieweit er sie erfüllen wird, kann nur die Zeit lehren. Es wäre verfrüht, auf Grund des vorliegenden ersten Heftes ein Urteil über das Ganze schon fällen zu wollen. Daß Herausgeber, Gründer und Mitarbeiter das Beste erstreben, daran ist kein Zweifel; daß sie einenr dringenden Bedürfnis des jüdischen Lebens abhelsen »vollen, steht außer Frage; daß pe die gestellte Ausgabe voll und ganz erfüllen inögcn, ist unsere Hoffnung und der Wunsch, den die jüdische Oeffentlichkeit der Zeitschrift aus ihrem Wege mitgibt. Assimilation und Emigration in Pole«. > Von S. Hirschhorn-Warschau. ^Schluß.) HL Jetzt haben sich die Zustände in Polen vollständig geändert. Die Jüdensrage 'in Polcir dllrch Emigration zu löse»», predigen schon nicht nur