Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 16 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamilienNait. Nr. 16 Vonl Standpunkt des nationalen Juden aus kommt diese Ausführung etwas lächerlich vor. Der „Jzraelita" verneint im Juden die jüdische Nationalität, weil er nicht in Palästina sondern in Polen lÄt, hingegen die polnische Nationalität, empfiehlt er ihm, sogar in Amerika oder vielleicht auch in Palästina beizubehalten (denn auch von Palästina war damals die Rede, und der betreffende Aufsatz ist „Nach Palästina" betitelt.) Die Drundstellungnahme zu der Emigration seitens ibcS assimilatorischen Organs ist freilich vollständig logisch. Sobald man die iJuden für Polen hält, darf man sie nicht zur Auswanderung anregen. .Fällt cs doch keinem Polen ein, die Polenfrage durch Auswanderung der Polen zu lösen. Ganz im Gegenteil: unlängst waren wir Zeugen, das; in der ersten Periode des Krieges (zu der Russenzeit) das polnische Central-Bürgerkomitee sich bemüht hat, polnische Auswanderer aus Amerika zurückzubringen, um nnt ihnen die Plätze der von der russischen Regierung ausgetriebenen Juden und deutschen Kolonisten zu besetzen. Inzwischen gestalteten sich die polnisch-jüdischen Beziehungen allmählich ungünstiger. Im Jahre 1886 tprcbigte bereits die Emigration der Juden aus Polen nicht nur der Klerikale und Reaktionär Jelenski (in welchem manche Polen einen russischen Spitzel sehen wollen), sondern auch der sich als (Sozialist gebertende Fortschrittler und Freidenker Z. K. Potocki, der Leiter der radikalen Wochenschrift „Glos". Potocki betrieb Antisemitismus, indem er zugleich aussührte, die Bekämpfung der Juden würde auch — den Komunismus fördern, weil es ein Kampf gegen das jüdische Kapital sei. Als einen der Postulate dieses antisemitischen Sozialisinus betrachtete Potocki die „Nationalisierung des polnischen Handels"; die Juden will er dabei massenweise emigrieren. Er beteuerte, er sei kein Antisemit, denn die Emigration liege eben im Interesse der Juden; nachdem deren überwiegende Mehrheit ausgewandert sein werde, wird sich deren Minderheit assimilieren .können. Der „Jzraelita" jedoch als Organ der Assimilantcn, die noch an ihre Polonisierung wirklich glaubten, ließ sich nicht durch solche Phrasen irrcfüh'ren und wies diesen zynischen /Vorschlag mit Entrüstung ab: „Was bevollmächtigt irgendwer!" — schrieb „Jzraclita" —, „Auswarrderungs-Postulate zu stellen gegenüber einem Teile der Landcsbcvölkerung, die zwar numerisch eine Minorität bildet und sich durch das Bekenntnis und Lebensweise von der übrigen Bevölkermrg unterscheidet, aber die kein minderes Recht hat, sich als ständige, seit Jahrhunderten hier lebende Einwohner des Landes zu betrachten". (Schluß folgt.) Borkonferenz zum omerikauisch-jüdischen Kongreß in Philadelphia. „Jewish Chronicle" meldet: Am 26. März und den beiden folgenden Tagen wurde in Philadephia eine Vorkonferenz für den amerikanischjüdischen Kongreß abgehalten. Sie war von 400 Delegierten dreihundert verschiedener Organisationen besucht. Die Konferenz beschloß, einen Kongreß amerikanischer Juden nicht später als für Dezember 1916 einznberuscn. Der Kongreß soll auf demokratischer Basis organisiert werden, und seine Plattform soll die Forderung der Emanzipation von Juden überall dort, wo sie unterdrückt find, und ihre Anerkennung als einer nationalen Einheit in den Nationalitötcn-Staaten sein. Es herrscht die Ansicht, daß das American-Jewish Committee sich anschließen und daß der Kongreß somit die Gesamtheit der Amerikanischen Judenheit Larstellen wird. . i Eine neue jüdische Organisation in England. Die „Nationale Union für jüdische Rechte", eine neu gegründete Organisation, hielt in London eine Massenversammlung ab, auf der der Vorsitzende der Union, der bekannte englisch-jüdische Journalist Ln eien Wolf und Israel Zangwill das Programm entwickelteu. Die Union erstrebt die Gleichberechtigung für die Juden in allen Ländern und hat außerdem ein besonderes Programm für Palästina aufgestellt, indem sic für Palästina außer der Gleichberechtigung Erleichterung der Einwanderung und Kolonisation sowie für die dortigen jüdischen Kolonien iminizipale Privilegien verlangt, die eine Renaissance des jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur in Palästina gewährleisten. Die Union hofft, daß sich, alle großen jüdischen Organisationen Englands auf dieses Programm einigen werden. Die jüdische Preffe Englands, an der Spitze „Jewish Chronicle", steht der neuen Gründung vorläufig skeptisch gegenüber: .„Jewish Chronicle" bemängelt im besonderen die Unklarheit des Verhältnisses der neuen Union zum Conjoint Committee; das eigentlich seinerseits die Aufgaben zu erfüllen hätte, die das Programm der Union bilden sollen. Herbert Bentwich, der Vorsitzende des Order of Aneient Ma'ccabacans, berührte in einem Vorträge, den er in Cardiff über das Thema „Der Zionismus, seine Arbeit und seine Ziele" hielt, die Gründung der' neuen Union, der er Sympathien entgegenbringc, und deren Versprechen zur Alitarbeit er mit Freudtir begrüße. Allerdings könne sich die Zionistische Organisation auf keine Aenderung ihres in Basel festgclegten Programms cinlassen. Der Bezalel wahrend des Krieges. Die finanzielle Sicherstellung der Kunstwcrkstätten des Bczalel in Jerusalem während der Kriegsdauer ist dadurch ermöglicht worden, daß sic neben den Zuschüssen seitens des Vereins „Bezalel" ein monatliches Darlchn von 600 Dollar vom „Provisional Comitee sor General Zionist Affairs" in New-?)ork erhalten, das durch den Verkauf der sich jetzt in Jerusalem ansammelnden Produkte nach Friedensschlnß gedeckt werden soll. Seit der im Sommer 1914 erfolgten Uebernahme der technischen Leitung der Werkstätten durch, den Kunstgewerbler L a z a r Strich haben die Erzeugnisse — ganz besonders die Silberwaren — eine tvcitcre Verbesserung erfahren. Die großen Vorräte an Rohmaterialien, die die Werkstätten bei Kriegsausbruch besaßen, genügten jhnen fast ganz für das erste Kriegsjahr, während sie jetzt die notwendigsten Rohmaterialien im Lande selbst anfkaufen oder soweit möglich aus dem Ausland geliefert erhalten. Wenn auch die Arbeiterzahl und die Arbeiterstunden eine Einschränkung erfahren haben, so konnten doch die Werkstätten allein an Arbeitslöhnen in den ersten 14 Kricgsmonaten Frs. . 35187 auszahlen. : Danken Bemühungen Professors Schatz hat her Unterricht an der Kunstg ew erb esch ulc in Jerusalem keine Unterbrechung erfahren. Wenn auch, das Budget bedeutend vermindert werden mußte, so beträgt es noch immer 20 000 Frs. das Jahr. Gegenwärtig sind die Lehrer und Schüler n. a. damit beschäftigt, aus.getriebenem Kupfer, Stein, Elfenbein und Emaille einen „Aron Kodesch" (Thoraladc) herzustellen, der ein Meisterstück «ruf dem Gebiete der synagogalen Kunst zu werden verspricht. Lehrer und Schüler haben aus ihren Ersparnissen zum Ankauf der hierzu erforderlichen Materialien heigesteuert. Im Interesse derjenigen Schüler, die jetzt von ihren im KriegSgebiet wohnenden Eltern keine Unterstützung erhalten können, hat Prof. Schatz eine S n p p e n k ü ch c eingerichtet. . •' Nachdem es gelungen ist, den Betrieb des Bezalcl während der ersten zwanzig Kricgsmonate anfrechtzucrhalten, handelt es sich jetzt darum, bis znm Friedensschluß durchzuhalten. Doch läßt sich, dies nur dann ermöglichen, wenn die zahlreichen Freunde deh Bczalel ihm ihre Treue bewahren. „Vrez Jsrael"-Siedlnng§gesellschaft. Die Jahresversammlung der Gesellschaft fand jüngst im Haag statt. Justizrat Dr. Bodenheimcr-Köln führte den Vorsitz und verlas den Bericht. In der Debatte kani vor allem der Wnnsch zum Ausdruck, mit dem Nationalfonds während des Krieges wegen der von ihm gewährten Vorschüsse zu einer Verständigung zu kommen. Aber auch nach Ordnung dieser Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit bleibt das Vermögen der Siedlungsgesellschaft i» den Aktivbestände» der Siedlnngsgenossenschaft „Mcrchawjah" fcstgclegt. Zwar ist vom I. N. F. die Lösung der Wohnungsfrage speziell für die verheirateten Arbeiter aus den Mitteln des Arbeiterheimstätten- oder Wolfssohiifonds in Anssicht genommen, doch werden noch immerhin beträchtliche Aufwendungen seitens der Siedelnngsgesellschaft znr Sicherung von Mcrchawjah und weitere Mittel znr Uebernahme oder Gründung von neuen Genossenschaften notwendig sein. Eine energische Fortsetzung der Werbeaktion für Anteil- und Genußsck)eine der Siedlungsgesellschast ist nach Aufstellung der Bilanz für das Jahr 1915 in Aussicht genommen. Zugleich aber soll der sog. „Genosscnschaftsfpcnde", d. h. den Beträgen unter Mk. 80.— (Frs. 100.—) besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Es sollte angestrebt werden, die Genossenschaftsspende, die dem Anteil des I. N. F. an der Siedlungsgesellschaft „Erez Israel" zugute kommt, zu einer ständigen Sammelrubrik zu gestalten. Die Oeffentlichkcit sollte nachdrücklich über die Wichtigkeit dieser Spendenart für den Genossenschaftsfonds aufgeklärt werden, die einerseits die Deckung von Okkupationsverlusten in Mcrchawjah, anderseits eine planmäßige Wirksamkeit znr Erschließung von' Neuländereien mit Hilfe wandernder Pioniergruppen nach dem Kriege ermöglichen soll. . In den Anfsichtsrat wurden sodann gewählt: Justizrat Dr. B o d e n h c i m e r, Ing. S. K a p l an s k h, Ing. Joh. Kremenezky, R. de Lieme, Dr. Franz Oppenheimer, A. Simons, Mz. und Pros. Dr. O. Marburg, zu Geschäftsführern N. Groß und Dr. A. Rnppin. Indischer Frauenbund. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes hielt am 9. April in Berlin eine aus ganz Deutschland gut besuchte Sitzung, die 4. Kriegstagnng, ab, in der ein reichhaltiges Arbeitsprögramm bewältigt wurde. Aus demselben sei folgendes hervorgehoben: Ueber eine deni Jüdischen Frauenbund schön seit der Tagung anläßlich des 50 jährigen Bestehens des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins beschäftigende Angelegenheit, die Stellung des Jüdischen Frauenbundes im Bund Deutscher Fraueiwereinc betreffend, wird verhandelt und ein Schreiben an die Bundcsvorsihende, Frl. Dr. Bäumer, beschlossen. Zum Punkt „Kriegsspende Deutscher Frauendaul" wird berichtet, oaß allein die Ortsgruppe .Berlin mehr als 27 000 Mk. gebracht hat. Feldrabbiner Dr. Tänzer, der jüdische Frauen zur Mitarbeit in Po len dringend hcrbeirnft, erhält die Versicherung, daß der I. F. B. sich seit mehr denn eins,» Jahr zur Mitarbeit bereit erklärt hat und diese leisten wird, sobald Gelb und die Möglichkeit einer solchen vorhanden ist. ■ , Der I. F. B. berichtet über seine Mitarbeit im Ausschuß für Kriegsstatistik. Das Heim in Neu-Isenbnrg, das Heim für „Moralkranke" aus ganz Deutschland, bedarf dringend des warme» Interesses und der Förderung aller jüdischen Gemeinden und Organisationen aus ganz Deutschland. Eine B c a m t i n n e n b r o ch c als Abzeichen wird beschlossen. Zur Inangriffnahme des H i l f s w e r k s . i n Ostpreußen wird für den 30. April eine große Konferenz in Königsberg, festgesetzt, zu der Delegierte aus München, Nürnberg, Frankfurt, Hamburg, Kassel und Berlin kommen werden. Eine Delegicrteiiversaminlung, die für den Herbst festgesetzt ist, wird sich besonders auch mit deni Be Völkern ngsproblem beschäftigen. Die rituelle Selbstverköüignug jüdischer Mannschaften. Wie bekannt, hatte das Kricgsiniiiisterium durch- Verfügung vom 15. November 1915 Nö. 2148/10 15t ö 2 die Befreiung rituell lebender jüdischer Mannschaften von der Trnppenküche auch während der Dauer der Mobilmachung als zulässig erklärt und diesen Mannschaften eine Geldabfindung in entsprechender Höhe zugebilligt. Diese Verfügung galt jedochnur für Angehörige i in - mobiler Truppenteile, nicht jedoch für Mannschaften des Feldheeres, auch, .wenn sie sich in festen Standorten in der Etappe befanden». Erfreulicherweise hat das Kricgsministeriniii nunmehr, durch Verfügung vom 15. April ds. Js. Nr. 3725/2 16. 8 1 den Herrn Generalintendanten des Feldheeres davon verständigt, daß auch den Angehörigen mobiler Truppenteile, wenn sie sichin f e st e n Standorten befinden, die Erlaubnis zur Selbstverköstigung und zlvar unter Gewährung des Beköstignngsgeldes erteilt werden kann. Gleichzeitig hat das Kriegsministerium in Erläuterung eines Erlasses vom 13. Januar ds. Js. ausdrücklich klargestellt, daß auch den Mannschaften an der Front die Selbstverköstigung, soweitsic ihnen möglich ist, jedoch ohne Geldabfindung, gestattet werden darf. In -allen Fällen liegt die Entscheidung, ob die Erlaubnis im Einzelfalle ohne Schädigung der dienstlichen Interessen möglich ist, natürlich in den Händen der Trnpenkommandenre. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Lffenbach. Zur Einweihung der Svnagoge waren Minister v. Hombergk, Kreisrat jGennes, Oberbürgermeister Dr. D n l l o usw. erschienen. Rabbiner Dr. Golds.chmidt hielt die Festrede. Nieüer-Wetsel. A>» t Mai ,ei>rt Lehrer Max Goldschmidt sein 25jähriges Lehrerjubiläum. Seit 18 Jahren hier tätig, befindet er sichjetzt in einem Landstnrmbataillon und war auch schon im Felde. Ltraßburg. Dr. Emir Levh uns Cbarlottcnbnrg, zur Zeit Feldrabbiner, gebürtig aus Dambach bei Schlettstadt, ist vom israelit. Konsistoriuni einstimmig zum O b errabbiner von Straßbn-rg iind Unterclsaß gewählt worden. Die israelit. Konsistorien wählten für den verstorbenen Oberrabbiner Ury Oberrabbiner Dr. Netter-Metz .als Vertreter der Judcicheit in die erste Kammer des Landtages. Laluau. An dem Händler I. Blumberg wmde Raubmord verübt. Beuturn. Rabbiner Julius Nischkowsky erlag im Mter von nur 35 Jahren einem Leiden.. Berlin. Julie Gerion-Liebermann, Vorsitzende des Vereins für jüd. Krankenpflegerinnen, ist verschieden. München. Hauvtebrer Heinrich Frei-Münchenund Lehrer Hähnlein -Schwätz. Hall begingen den 70. Geburtstag. Posen. Der frühere Stadtverordneterivorsteher Justizrat Dr. Lewinski, jetzt in Charlottenburg, überwies der Stadt Posen znr Erinnerung an jeinen auf dem Felde der Ehre gefallenen einzigen Sohn 15 000 Mark. Kuttowttz Rabbiner Dr. Jakob Cohn, der innigst geliebte Führer der hiesigen Gemeinde, Vorstandsmitglied des Rabbinerverbandes in Deutschland usw., jist im,73. Lebensjahre verschieden. Seiner Persönlichkeit ist der traditionell Zug unter den Rabbinern Schlesiens zu verdanken. L-mberg. Der bekannte Zionist vr. Moses Sch orr ist znm anßerordentl. Universitätsprosessor ernannt worden. Konstaoiinovel. Die Schriftstellerin Cbalide Edib Chanum hatOskarWildes „Salome"ins Türkische übersetzt. Sie veröffentlicht im „Tanin" hie Szene, wo Salome den J^chanaan durch ihre gleißnerischen Worte und ihre verführerischen Reize zu gewinnen sucht. Nach dieser Uebersetzungsprobe zu urteilen, scheint die Uebersetzung ganz ausgezeichnet zu sein. Sie liegt noch nicht im Druck vor.;