Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 16 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die jüdische Wanderbewegnug in Ratzland. Die gewaltigen, alles überschattenden Ereignisse des Weltkrieges lassen —- anch im jüdischen Leben — Geschehnisse und Erscheinungen unbeachtet vorbeiziehen, die in ruhigeren Zeiten unsere vollste Aufmerksamkeit und unser größtes Interesse erregt hätten. Hinzu kommt noch der Umstand, daß aus den meisten Zentren des jüdischen Lebens nur. sehrspärlich und unregelmäßig Nachrichten zu uns gelangen, sodaß wir über viele der wichtigsten Vorfälle nur lückenhaft berichtet sind. Nur so ist cs zu erklären, daß sich gegenwärtig innerhalb des russischen Judentums ein Vorgang abspielen kann, der von . geradezu uiinvälzcnder Bedeutung für die gesamte Existenz der russischen Judenheit zu werden verspricht, ohne aber daß wir - in Deutschland Näheres davon wüßten, ja ohne daß der größte Teil der deutschen Juden überhaupt davon weiß. Wir meinen jene große Wanderung, die in Rußland eine Million und mehr Inden im letztens ahrc neue Wohnsitze aufsuchen ließ, die zumeist von ihren bisherigen Heimatplätzen sehrweit entfernt liegen. Den Anstoß zu dieser in diesem Umfang auch in der jüdischen Geschichte noch nicht dagewesenen Massenwanderung gab die gewaltsame Austreibung der baltischen, litauischen und eines Teiles der polnischen Juden seitens der russischen Militärbehörden während der großen vorjährigen deutsch-österreichischen Offensive. Als jene plötzlichen gewaltsamen Massenausweisungen erfolgten, da schien das russische Judentum vor einer furchtbaren Katastrophe zu stehen. Was sollte mit diesen tzunderttansenden, die über Nacht aus -ihren Heimstätten gejagt wurden, geschehen? Schienen sie nicht, alle dem Untergänge preisgcgeben? Da — in diesen Wochen höchster Not und Gefahr — offenbarte das russische Judentum seine wunderbare innere Kraft, entdeckte es / in sich Kräfte und Fähigkeiten, die man ihm früher niemals zugetraut hatte. Mit einem Opfermut und. einer Einmütigkeit sondergleichen stellte sich die gesamte s russische Judenheit in den Dienst der großen Aufgabe, die es zu erfüllen galt, und ganz unerwartet zeigten sich überall Kräfte, die auch den Kenner des russischen Judentums aufs höchste staunen ließen. In kurzer Zeit war der ungeheure Strom von Ausgewicsencn organisiert; eine wunderbare Organisation von Hilfskomitees, die das ganze Land' umspannten, wurde geschaffen, große Geldmittel wurden in bewundernswerter Opferfrcudigkeit gesammelt, und man begann, die Wanderung dieser Hunderttauscnde nach festen Grundsätzen und Zwecken zu regeln. Dabei wurde so ausgezeichnet gearbeitet, daß die gesamte russische Oesfentlichkeit den Juden ihre Bewunderung zollte. Während die Ausgelviescncn der anderen Nationalitäten (Letten, Litauer, Polen) sich in völligem Wirrwarr über das Land ergossen und großenteils zugrunde gingen, waren die jüdischen Wandererscharen die bestvcrpflegten und bestorganisierten. Da der größte Teil des Ansiedlungsrayons von den Truppen der Zentralniächte besetzt ward, mußte die russische Regierung wohl oder übel den Rayon Aufheben, und die jüdischen Wandererströme konnten nach den innerrussischen Provinzen geleitet werden. Die das Ganze regelnde Hilfsorganisation erkannte sehr wohl, daß vor allem einer Zersplitterung und Zerstreuung der einzelnen Scharen vorgebeugt werden mußte, da dies; zu einer schnellen Assimilierung an die russische Umgebung führen konnte, — und so wurde von vornherein die Parole der Zentralisation ausgegeben und durchgeführt. Ueberblickt man nun heute, was bereits geleistet würde, so erkennt man, daß über Nacht ein großes neues jüdisches Zentrum in I n n e n r u ß l a n d e n t st a n d e n ist. In Städten, die früher nie einen Juden gesehen, gibt cs heute große jüdische Gemeinden; an Orten, deren Name vordem die Juden. des Rayons kaum kannten, befinden sich jetzt große Jeschibahs und Talmud- Thoras; kurzum: ein neues jüdisches Zentrum ist erstanden. Mit der außerordentlichen Anpassungsfähigkeit, die den Juden überhaupt, den. Oftjuden ganz besonders auszeichnet, haben sich diese Ausgewiesenen zum großen Teil in ihre neue Umgebung eingelebt, haben sehr viele bereits begonnen, sich dort eine neue wirtschaftliche Grundlage zu errichten und sich in ihren neuen Wohnsitzen zu verwurzeln. Welch' außerordentlich große Bedeutung dieser Vorgang für das russische Judentum hat, liegt klar zu Tage. Die wirtschaftlich unerträglichen und mit immer steigender Schnelligkeit die ökonomische Vernichtung herbciführcndcn Fesseln des Ansiedluttgsrayons sind jetzt gesprengt worden, und. was die russische Judenheit seit Jahrzehnten ersehnt und gefordert hat: die Möglichkeit, sich 'nach Jnnerrußland auszubreitcn, ist jetzt durch d i e G e w a l t der E r e i g n i s s c > g c - schaffen. .Es ist keine Frage, daß den Hunderttausenden Flüchtlingen, die jetzt neue Wohnsitze gefunden haben, dort wirtschaftlich eine große Zukunft bevorsteht und darum von ihnen nach dem Friedensschluß nur ein kleiner Teil in die alten Heimatstädte zurückkehren wird. Voraussetzung ist allerdings bei alle dem, das; sie in ihren neuen Wohnsitzen auch später werden verbleiben dürfen und die russische Regierung nicht etwa den Rayon wiederherstellt. Doch hat sich ein Teil dieser Äusgewiesenen bereits so fest in ihren neuen Wohnstätten verwurzelt, öaß eine gewaltsame Rückschiebung überhaupt nicht möglich sein dürfte. So werden die großen Ausweisungen des vorigen Jahres die alte Wahrnehmung, die man in unserer Geschichtsentwicklung so oft machen kann, neu bestätigt haben, daß vielfach gerade die Ereignisse, die unseren Untergang und unsere Vernichtung herbeiführen sollten, nur ein Mittel der inneren Kräftigung geworden sind. Dieser große Wanderungsprozeß, der sich gegenwärtig innerhalb des. russischen Judentums vollzieht, bietet einen erneuten Beweis für die unzerstörbare innere Kraft unseres Volkes und eine erneute Bekräftigung unseres Glaubens an unsere Nnvernichtbarkeit und Unvergänglichkeit. Assimilation und Emigration in Polen. Von S. Hirschhorn-Warschau. I. Die polnischen Publizisten und ihre mosaischen Mithelfer haben in der Judenfrage zweierlei Stellungnahme: die eine fürs -Ausland, die andere fürs Inland. In Deutschland stellt man die Sache so dar, als ob die Polen die biedere Absicht hätten, die Juden unter Gleichberechtigung zu assimilieren; doch die Juden: wollen nicht und fordern gesonderte national-jüdische Rechte. Für jüdische national-kulturelle Rechte hat man aber in Westeuropa wenig Verständnis, sodaß der jüdische „Separatismus" ein gutes Steckenpferd ist, auf dem man gut reiten kann. Ganz anders verhalten sich die Polen im eigenen Lande. Hier die Polonisierung verkiinden, hieße (die Juden als Bürger zu betrachten und ihnen bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren. Dies fällt keinem Polen ein. Tie meisten und mächtigsten polnischen Parteien erkennen die Juden wohl als gesonderte Nation an, wollen ihnen aber" nicht '.nur keine nationalen, sondern. auch keine bürgerlichen Rechte gewähren. Eine verschwindende Minderheit gibt cs zwar, die hie Polonisierung befürwortet., sie stellt aber dabei eine sonderbare Bedingung, die die ganze Idee in Nichts verwandelt. Sie verlangt nämlich, daß die Mehrheit der polnischen Judenschaft auswandert, damit dann dein kleinen Rest der Assimlationsprozeß ermöglicht werde. Merkwürdig ist dabei, daß diesen Standpunkt in der letzten Zeit auch die jüdischpolnischen Assimilanten vertreten. Ein derartiger Vorbehalt würde den völligen Bankrott der jüdischen Assimilation Polens bedeuten. Um aber zu veranschaulichen, wie sich die polnischen Assimilanten selbst bloßstellen, wollen wir einen kurzen geschichtlichen Ueberblick der Auswanderungsidee in Polen, geben. ' II. Die ersten Emigrations-Bewegungen begannen nach, jdem Warschauer Pogrom im Jahre 1881. Die jüdische Intelligenz in Rußland wurde von der Assimilation enttäuscht und fing an, die Auswanderung als Erledigung der Judenfrage zu predigen. Damals hat T. Pinskcr seine „Auloemanzipation" (in der deutschen Sprache) veröffentlicht, in der er die ^Jdee eines gesonderten Territoriums befürwortete. Aus Rußland wurde bie Bewegung nach Kongreßpolen übertragen, aber die Anfiihrer der polnischen Assimilation widersetzten sich in ihrer Zeitschrift „I z r a e l i t a". Sie sagten, die Emigration sei für die polnischen Juden schädlich und werde in Polen nur von den Litwaken (russischen Juden) gepredigt. Das Verhalten, der polnischen öffentlichen Meinung zu den Pogroinen war damals schändlich; (davon werde ich eingehend ein anderes Mal sprechen, um endlich der Mär ein Ende zu setzen, die Polen hätten an den Pogromen keine Schuld). Dennoch wagte damals kein einziger etwas anständiger polnischer Publizist, den Juden die Auswanderung zu empfehlen. Lediglich der berüchtigte Antisemit Jan I e l e n s k i, der seine Artikel im Geiste der echt-russischen Pogromantisemiten führte, hat der jüdisch-polnischen Zeitschrift „Jzrealita" einen Rubel gesandt „für den sehr wichtigen Zweck, wie es die Emigration der Juden ist, für den Zweck, der das Glück, die Zukunft und sogar die. einzige Rettung meines Vaterlandes bildet." Der „Jzraelita" verweigerte natürlich die Annahme des Betrages. Jedoch einige Zeit darauf, als die Auswanderung eines Teiles öer Juden in Polen sich als unentbehrlich zeigte, weil die Pogromstimmung noch lange nach den Pogromen in Polen.herrschte, schrieb „Jzraelita" ohne den grundsätzlichen Standpunkt zu ändern, daß die Emigration schädlich sei, folgendes: „Unsere Ansicht schließt jedoch Fälle nicht aus, in denen einzelne Juden oder sogar ganze Familien, um ihre materielle Lage zu bessern, aus wandern. Aber auch in diesen Fällen müßten sich die Emigranten' von unserem Lande verabschieden, nicht um neue Heimat zu suchen, sondern, ohne aufzuhören, ihr auch fernerhin treuzubleiben."