Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6«ie 2. ^offenbaren, das — von Oesterreich abgesehen —' in seiner Bevölkerung einen größeren Anteil solcher „Bindestrichmcnschen" besitzt als jeder andere, ja recht eigentlich in seinem ganzen Charakter und Wesen nur der Ausdruck des Bindestrichphänomens ist: in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. So stark ist dort. diese Erscheinung zutage getreten, daß selbst die Analogie zur gleichen sprachlichen Erscheinung aller Welt offenkundig ward, und für all die Angehörigen dieser kollektiven Gruppen sofort auch der Ausdruck „Bindestrich-Amerikaner" geprägt wurde. Zwei Gruppen besonders fallen drüben unter diese Bezeichnung: die „Jrisch-Amerikancr", vor allem aber die „Deutsch-Amerikaner", diese beiden eben, jocil in ihrer Stellungnahme zu den Leiden kriegführenden Mächtegruppen, die derjenigen der überwiegenden Majorität des Landes entgegengesetzt ist, ihre Bindestrichqualität ganz besonders stark hervortritt und sich bemerkbar macht. Man weiß, in welch schwerer Lage sich die Deutsch-Amerikaner gegenwärtig befinden, was alles sic für ihre Treue zu ihrer deutschen Heimat zu erdulden haben, in welch heftiger Weise sie politisch, ja auch gesellschaftlich bekäinpft werden, und daß selbst Präsident Wilson sich nicht gescheut hat, gegen sie Stellung zu nehmen und sie des mangelnden amerikanischen Patriotisnins allzuklagen. Prof. Hugo Münsterberg, der bekannte deutsch-amerikanische Gelehrte, bezeichnet die Erfahrung während dieser Kriegszeit für die Millionen von Deutsch-Amerikanern als „die bitterste Tragödie", die zu ertragen „mehr Mut verlange als die Schlachtlinie". Die innere Uneinheitlichkeit und Gespaltenheit, die das Phänomen des „Bindcstrichtums" charakterisiert, der innere Konflikt, der aus der doppelten Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen nationalen oder staatlichen Sphären entspringt, die tiefe Tragik, die in" alledem ruht, hat sich in dem leidenschaftlichen Erleben dieser Monate eben in ihrer ganzen grausamen Härte offenbart, und keiner, der den Kampf der Deutsch-Amerikaner verfolgt, wird ihnen seine Anteilnahme an ihrer tragischen Situation uild seine Bewunderung für ihre Treue zu ihrein Heimatlande, zu Hrer Vergangenheit versagen können. Niemand aber ist so fähig, ihnen diese Anteilnahme zu bekunden, wie wir national bewußten Juden, denn niemand kann die innere Situation der „Deutsch-Amerikaner" so nacherleben und innerlich verstehen wie wir. Was jenseits des Ozeans erst in diesem Kriege aller Welt offenbar wurde, wir wissen und empfinden es schon seit langem. Das „Bindestrichphänomen", das drüben erst jetzt erkannt und wahrgenoimnen wurde, wir erleben es in uns schon seit geraumer Zeit. Die tragische Situation des Menschen, der zwei nationalen Daseinssphären angehört, uiid dem es dadurch! so schwer, schier unmöglich wird, einheitlich und un-- problematisch zu sein, wir leiden daran schon seit vielen Jahren. Aber wer wollte uns bisher verstehen? Wenn wir von seelischer Judennot und innerer Judentragik sprachen, wurden wir da nicht von den meisten angestaunt und von vielen verlacht? Wenn wir für uns das Recht forderten, bei aller innerer Zugehörigkeit zu den Staaten, deren Bürger wir sind, unserem alten jüdischen Volke, seiner Geschichte und Tradition, seiner Sprache und Kultur, seinen Zukunstshosstmngen und nationalen Idealen die Treue wahren zu dürfen, werden wir da nicht gescholten und verketzert? All jene ungerechten Vorwürfe und grausamen Anklagen, die die Deutsch-Amerikaner jetzt über sich ergehen lassen müssen, wir haben sie schon seit Jahren zu ertragen. Und wie dort drüben gerade die ungerechtesten Anklagen und böswilligsten Verleumder Leute sind, deren Ahnen aus Deutschland kamen, Renegaten. an ihrer Heimat und ihrer Geschichte, so sind auch unsere schlimmsten und unvornehmsten Gegner Söhne unseres Stamines, die zu Verrätern an ihrem Volke geworden sind. Dürfen wir hoffen, daß es in Zukunft besser werden wird? Der Krieg hat den ^Bindestrich- Menschen" sehr vielen erst wahrhaft offenbart und näher gebracht; er hat aber auch die Grundlosigkeit der Vorwürfe, die gegen ihn erhoben, die Ungerechtigkeit der Beschuldigungen, die gegen chn geschleudert werden, erwiesen. Er h^t gezeigt, daß bei aller Schwere der inneren Situation doch Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. beides sich vereinen läßt: Treue zum angestammten Volkstum init der Loyalität und Liebe zum Staate, dessen Bürger man ist. Er hat das Mitgefühl aller für die Tragik der „Bindestrichmeuschen" und ihren Heroismus aller Welt offenbart. Er hat gezeigt, daß das Bindestrichphänomen der Ausdruck eines differenzierten, nuancierten Kulturlebens ist und man mit den groben, einfachen Normen, die für beit in seinem nationalen und staatlichen Dasein einheitlichen Menschen gelten, nicht die scinercn, komplizierten Aeußerungsformen dieses Phänomens bewerten und beurteilen darf. Vor allein in Deutschland hat der Krieg Verständnis und Mitgefühle für all das wachgerufen. Das Leiden und Kämpfen der Deutsch-Amerikaner hat hier naturgemäß tiefste Anteilnahme Hervorrufen müssen. In zahllosen Aeußerungen hat die deutsche Oeffentlichkeit den Deutsch-Amerikanern ihre .Bewunderung ausgesprochen. .Als national im großen ganzen in sich einheitlicher Staat hat gerade Deutschland bislang wenig Verständnis für das Bindestrichphänomen gehabt; der Fall seiner Söhne in Amerika wird wohl dies Verständnis im deutschen Volke geweckt haben. Und wenn man die Deutsch-Amerikaner für ihre Treue zunt Deutschtum als Helden verehrt und bewundert, — ja sie sogar als die besseren und und aufrichtigeren Amerikaner gegenüber den Englisch-Amcrikancrn erklärt, — wird man da iwch in Zukunft die Juden, die ihrem Judentuni, dem ganzen, echten, unverfälschten, nationalen Judentum die Treue halten, darob schelten dürfen? Wir hoffen, die Lehre dieses Krieges wird auch nach dem Friedensschlüsse nachwirken und all diesen Vorwürfen für immer ein Ende bereiten. Vor allem aber hoffen wir, daß die deutsche Judenheit sich diese Lehre zunutze machen wird; daß sie von der allgemeinen Bewunderung, die man den Deutsch-Amerikanern entgegenbringt, lernen wird, mit gleicher Treue und gleichem Mute für ihr Judentum einzustehen, wie jene es für ihr Deutschtum tun. Seit langem schon arbeiten wir nationalen Juden daran, das-Bindestrichphänomen dem Ver-' Wildnis der Völker näher zu bringen. Der Krieg ist uns in diesen Bestrebungen ein unerwarteter Helfer geworden. Wir vertrauen darauf, daß der überraschende Erfolg, den er in dieser Aufklärungsarbeit erzielt hat, ihn überdauern und der Bewertung und Beurteilung unserer Ideale und Forderungen in Zukunft zugute kommen wird. Aus aller Welt. Deutsches Retch. Frankfurt a. M. Durch unser Bündnis mit der Türkei ist das Interesse aller Kreise mehr, als in früheren Zeiten auch ans Palästina gerichtet. Es erscheint uns daher angebracht zn berichten, wie der Verband I ü d. Frauen für Kulturarbeit i n Palästina trotz der großen Schwierigkeiten, die der Krieg naturgemäß seiner Arbeit cntgegcnstcllte, bisher seine Ziele'weiter verfolgt hat. Abgeschnitten von einem großen Teil seiner Mitglieder und so, in seinen Einkünften bedeutend herabgesetzt, war es dem Verband trotzdem möglich, die S pi tzcn schulen, die vielen jüdischen Frauen und Mädchen den Lebensunterhalt gewähren, aufrecht zu erhalten. Ebenso segensreich konnte bis jetzt die Mädchenfarm Kinereth wirken. Dieses Institut, das einer S"ßeren Anzahl Mädchen eine sachgemäße, landwirtschafte Ausbildung gibt, ist bis jetzt das einzige seiner Art in ganz Palästina. Wie wertvoll die zweckentsprechende, landwirtschaftliche Vorbildung der Frauen für die Kolonisten in Palästina ist, bemerkt der bekannte Sachverständige, Direktor Auhagen, der u. a. sagt: „Grade Palästina ist berufen, für eine ausgezeichnete, kleinbäuerliche Bewirtschaftung. Es bietet die Möglichkeit für eine sehr rentable Milchvieh- und Geflügelhaltung, sowie für ergiebigen Gemüsebau. Diese Zweige der Landwirtschaft bedingen aber vor allem eine geschulte Frauenhand, und die Erziehung zur Landwirtschaft sollte daher bei der weiblichen Jugend Palästinas frühzeitig und energisch einsetzen. In dieser Richtung hat die Farm Kinereth bisher sehr erfolgreich, gearbeitet. Es wäre sehr zu bedauern, wenn es dem Verbände nicht gelingen. sollte, ihr Fortbestehen zu ermöglichen. Denn ' trotz sparsamsten Wirtschaftens fehlen infolge unvorhergesehener Ausgaben, die durch die lange Dauer des Krieges hervorgernfen wurden, 6—8000 Mk. zum Budget der Farm. Wir richten daher an alle die herzliche Bitte, im Interesse unserer jüdischen Landarbeiter und Kolonien in Palästina, nach Kräften beizusteuern, um die in ihrer Existenz gefährdete, so überaus wichtige und nützliche Farm sicher zu stellen. Nr. iO. Spenden werden entgegengenommeu durch die Ber-- trauensdamen des Verbandes für Frankfurt: Frau Jda Wölf Frl. Sophie Horovitz Heinestraße 12 Langestraße 20. Die Namen der gütigen Spender werden nach Abschluß der Sammlung Anfang" Mai im Franks. Jsr- Familienblatt veröffentlicht. Verna. Ei« Abgeordneter brachte im Staatshaushaltsausschuß des Abgeo r d n c t c uh a u s e s die segensreiche Tätigkeit der jüdischen Feldgeistlichen zur Rede. Sie erführen durchs die Kommandobchörden große Unterstützung; auch sei ihnen jetzt Besoldung in Höhe der für die nicht festangestellte» christlichen Geistlichen bewilligten Bezüge ausgescht. Der Redner bittet den Kultusminister, sich dafür zu verwenden, daß mich im Felde eine feste Organisation für die Seelsorge der jüdischen Soldaten geschaffen würde, und daß dann auch im Frieden die Unterstützung des jüdischen Knltns für dessen bedürftige Gemeinden einaeführt werde. Er müsse noch anerkennen, daß die katholischen und evangelischen Militärgcistlichen den jüdischen Feldrabbinern großes Entgegenkommen nsid durchaus kameradschaftliche Gesinnung bewiesen hätten, was mit Dank anzucrkennen sei. Der Berichterstatter (ein evangelischer Fcldprediger), beinerkt dazu, daß er gleichfalls die .Tätigkeit der jüd. Feldrabbiner im Feld sehr hoch bewerten müsse. Es bestehe das beste Verhältnis zwischen ihnen und den christlichen Feldgeistlichen. Die Anstrengungen der Feldrabbiner seien ganz bedeutend. In der Sitzung wurde auch die Frage der Errichtung einer Lehrkanzel für jüdische Theologie und Rcligionsgcschichtc angeregt. Hamurg, In der Sitzung der Repräsentanten der Deutsch-Israelit. Gemeinde wurde u. a. eine Kriegsteuerungszulagc für die Beamtinnen der Gemeinde bewilligt. Ferner wurde von den im vergangenen Jahre zngefallenen Stiftungen Keimtnis genommen. Aus dem „Benedikt-Bunzel-Testament erhielt die Gemeinde 75 000 Mk. Der verstorbene Obertäntor Süßkind vermachte seine seltenen Exemplare von Mischnah- und Talmnd-Ansgabeu der Gemeinde- Bibliothek. Großbritannien. Manchester. Hier wurde unter Anwesenheit von 48 Delegierten die Iahresvcrßaminlnng der englischen Zionisten abgehaltcn. Unter den Delegierten befanden sich N a ch n m Sokolow und Wladimir Sabotinski. Es wurde ein.Brief Max Nordens verlesen, in dem cs heißt, die zionistische Organisation habe dadurch, dassic in dieser furchtbaren Zeit bestehen geblieben sei, ihre Lebenskraft bewiesen. Ans dem Berichte des Vorsitzenden, I o s e p H C o w e n, ging ti. a. hervor, daß Beziehungen zu den Organisationen „Board of Deputies" und „Anglo JcNiish Association" ,angeknüpft wurden, um iit jüdischen Gesamtheitsangelegcnheitcn znfammenzutrcten. Für die Palästina-Hilfsaktion wurden 500 Pfund gesammelt. , Die Versannnlung beschloß ». a., hebräische 'Sprachkurse und hebräische Schulen zu"" gründen und zn unterstützen und sich mehr Um die Jugendbewegung zu.künimern. Rußland. Petersburg. Abgeordn. Friedmann hielt in der Reichsduma piite große Rede über die Lage der Inden. Er stellte fest, daß das russische Volk sich gut zn den Juden verhält, daß aber die Regierung und ihre Kreise alles tun, um trotz ides Krieges die Juden rechtlos hin- und herznschlcuder» und das Volk gegen die Inden auszuhetzen. Der Krieg und die^eutschen Jude«. , Frankfurt a. M. Dr. Isaak Sondhetmer, Sohn des Herrn F. Sondheimer, Röderbergweg '87, erhielt das Eiferne Kreuz. Berlin. VizewachlmeisterDr. Werner Alexander- K a tz - Berlin und Erich Z n ck e r m a n n - Forst erhielten das Eiferne Kreuz.' Breslau, «iflnenzarzt Fritz Gaßmanu, Kriegsgerichtsrat Julius Rabbinowitz, Alfred Staub- Breslan und Louis Katz--Bismarckhütte erhielten.das EiserneKreuz. St. Ingbert. Leutnant Otto Beer ist mit dem Eisernen Kreuz.1. Kl. ausgezeichnet dvorden. Er ist ein Sohn des verstorbenen Stadtrats Michael Beer und besitzt bereits des Eiserne Kreuz 2. Kl. und den Militärverdienstorden 4. Kl. Wien. Buchs .Oesterr. Wochenschrift' verzeichnet in ihrer jüngsten Nummer folgende Auszeichnungen an Inden: 1 Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens, 5 Militärverdienstkreuze 3. Kl., 1 silbernes und 29 bronzene Signum laudis, 17 goldene Berdienstkreuze mit der Krone, 5 goldene Berdienstkreuze, 29 silberne Berdienstkreuze mit der Krone, 6 silbener Berdienstkreuze, 8 silberne. Tapferkeitsmcdaillen 1. Klasse, 31 silberne Tapferkeitsmedaillen 2. Klasse, 52 bronzene Tapferkeitsmedaillen, zusammen 194 Auszeichnungen; hiervon 43 an Offiziere des Soldatenstandes, 30 an Aerzte und Militärbeamte, 111 an Personen des Mannschaftsstandes. Athen Den Juden in Neu-Griechenland ist die Gleichberechtigung gewährt worden. Sie werden nunmehr zum' Heeresdienste eingezogen. Rew-Uark Die Zenrratkonferenz amerrkan. Rabbiner sandte an Dr. Zlrmand Kaminka in Wien 814 Dollar zur Unterstützung notleidender Rabbiner und Lehrer ,im Kriegsgebiet.