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Neue jüdische Presse · 1916-03-10 · Heft 10 (10.3.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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e. me.) >r Erscheint wöchentlich am Freitag. ' Dexagsprei» pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert SO Psg-, frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Strnsband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— -> . Einzel - Nummern kosten lü Psg ' ---* Redaktion und Erpedition: FranMurl «.10. « Cangcftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2803. Herausgeber: Oals — —- . s Zlufertiauspreis für die fünfaespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bet Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnungsinserate, Heirat».Annoncen 15 Pfg. die sech»gespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Lxped. und in «.AnnoncenLSureau»., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. »g, i. ahl t»n. Bnfrei. labbiner tr. 35. Tannas iiadan. Radiolette. aö n einzig Wendung Methode, und fQr Butsches ’rSroiiert twerpen. Sei bat sd- :eit wird :k. Preis te. Nur Patent-, Hern, uenthaltnihne •tt. ide ■ee ol — vate. te. —7- -. 18, I. zeu >d andere ichleift iV Sv 28. M Desebäli ch lerwegll 416. >n Preise : uck 8 50 ,, 7.50 5.50 850 . 75 Pfg. rasa 3821. 14. Jahrga«g. Freitag, den 5. Adar sclieioi 5676 (10. März 1916) Nr. lü ßAhro» Marcus s. A j Bei dein jüdischen Lolke in seiner Gesamtheit ist das Wunderbare stets Ereignis gewesen. Nicht so bei seinen einzelnen Gliedern. Der einzelne! sucht sich innnerhin mehr oder weniger den Dingen u,n sich anzupasscn; seine scheinbaren persönlichen Interessen bestinnncn. Nur selten sind die und waren es stets, die so ganz in der Ideenwelt des sinaitischen Judentums zu leben sich mi'chtcn und dafür freudig alle Annehmlich leiten des Daseins tauschten. . >Zu diesen wenigen gehörte sicherlich Ahron Marcus, der hier in Frankfurt als ein Flüchtling im 74. Lebensjahre feilte große Seele ansgehaucht hat. In ihm war das Wunderbare Ereignis, also die Seele des jüdischen Volkes in ihm als einen seiner reinsten Vertreter tviederspiegelnd. Nicht das Geniale seiner ^Fähigkeiten stempelte seinen jüdischen Wert. Schon in dem Knaben erkannte Chacham Beruays den „Geistesriesen". Bereits im Mter von 4^ Jahren wurde dem Wunderkind ausnahmsweise Tlufnahnre in die Hamburger Talmud Thora-Schule gewährt, als Siebenjähriger saß er bereits mit 14 jährigen Knaben zusammen, und als Neunjähriger war er bereits ein hervorragender Talmudist, denn er hatte da schon mehr als tausend Seiten im Talmud „ge- Ictnt." Doch das war es nicht. Mer auch nicht die dickleibigen Bände, die Zeugnis von seiner phänomenalen Belesenheit und von seiner Geistesschärfe ablegen, geben Kunde von der „jüdischen" Seele dieses Mannes, erzählen von dem Wunderbaren in ihm, von dein so ganz anders gearteten Sehnen ilnd Streben dieses Geistes, der die Kraft hatte, eine Welt, für sich zu erstürmen.und nichts, gar nichts für sich, alles aber für die Erkenntnis Ulid für die Ehre des Judentums wollte. . In denr EntWuß des siebzehnjährigen Jünglings, Hamburg und Deutschland zu verlassen und nach Galizien zu gehen, vollzog sich der entscheidende Augenblick, der—seinem fernen Lebenswege Richtung-wies. Diese Entscheidung war das Außergewöhnliche, das Wunderbare wie der Genius des jüdischen Volkes. Denn sie bedeutete Verzicht auf die: Kultur des Westens, und Verzicht auf eine an Ehren reiche Laufbahn. Sie bedeutete den freiwilligen und freudigen Eintausch der materiellen Genüsse und Ehren der Welt gegen den einen Willen, Gott aus den Quellen des Judentums immer reiner und lauterer zu erfassen, um sein Leben nach seinem Wille» za zstalten. . \ So ward der deutsche Großstädter ein galizischer Chassid. So verbrachte Ahron Marcus die Zeit seines Lebens freiwillig in den bescheidensten bürgerlichen Verhältnissen in Krakau, zufrieden, so viel zu verdienen, um seine zahlreiche Familie in Wreii durchzubringen und. nur geleitet von dem einen Gedanken, den Idealen des Judentums sein Können zu wechen. Unter diesem einzigen Leitgedanken erzog er seine Kinder, wirkte er in engerem und weiterem Kreist, ihm weihte er seine nimmer rastende und nimmer'rostende Feder. Und all dies —- und das ist das Größte und auch das Analogon. zum Wesen des jüdischen Volkes —, trotzdem er durchaus keine Einsiedler? natur war, trotzdem Heiterkeit und Lebensfreude sein Grnndzug waren. Noch in seinen letzten Jahren belebte ihn jugendliche ^Frische und Geschmeidigkeit, blitzte, wenn ein heiterer Gedanke ihm einsiel, der Schalk über sein edles, durchgeistigtes Gesicht, daß man unwilkürlich das große, das wahre Glück eines solchen Daseins, dem bei allen sogenannten Dastinssorgen all die kleinlichen Sorgen des Lebens fremd blieben, empfand.. Ahron Marens Werke sind eine Fundgrube jüdischen Wissens und jüdischer Weisheitsgedanken. Und doch: das Wunderbarste war sein Leben. Es gibt die Lehre, wie auch der einzelne Jude gleich dem jüdischen Volke sich erhält rrnd seiner Daseinsberechtigtlng Treue wahrt gegen die Strömung der Welt. In liefen Runen hat der furchtbarste der Kriege, der uns noch jetzt umfängt, eingegraben, wohin das Streben nach Macht führt. Auch im Leben des einzelnen ist's dieses Streben, das die Keime des Guten, das die Entwicklung zu einem vollwertigen, glücklichen Dasein knickt. Im Leben der Völker und der Einzelmenschen herrscht die Macht. Das jüdische Volk setzt an Stelle der Macht das Suchen nach der Erkenntnis Gottes und die Verwirklichung des Rechtes nach Seinem laintte. Mit diesem Ziele ward das jüdische Volk zu unendlichen! Segen in der Menschheit, und dieses Ziel ist die höchste Aufgabe des Juden. Ahron Marcus hat diese höchste Aufgabe Zeit seines Lebens zu verwirklichen gesucht; — das danken wir ihm zuerst Neben unserer Dankesschuld für die Früchte seines geistigen Schaffens. Umso tiefer und treuer sei unsere Dankbarkeit, als auch er Zeit seines Lebens das Geschick so vieler solcher geistiger und seelischer Großen hat leiden müssen: von der ganzen Mitwelt und dem Kreis der Zunftgelehrten verkannt und übersehen zu werden. Uns dünkt, daß cs nur eine selbstverständliche Pflicht dieser Dankbarkeit sei, die wir ihm schulden, daß Sorge getragen wird, den Schatz von Schriften, die er hinterlassen hat, der jüdischen Oeffentlichkeit zugänglich zu machen und wir dem großen Werke, das er geschaffen hat, erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden und die Fülle seiner Ideen und Erkenntnisse uns in intensiven! Studium anzueignen suchen. A r h o 1! Marcus wurde am 13. Januar 1843 in Hamburg als Sohn von Maier Marcus geboren. Die Grundlagen zu seiner jüdischen Bildung und seinem jüdischen Streben verdankte er Oberrabbiner Stern s. Ä., Dr. Nathan s. A. und Rabbiner Baruch Jizchok Lipschitz s. 21., welch' letzterer ihn auch veranlaßte, nach Galizien zu gehen. Ein Jahr lernte Marcus in Boskowitz. und ging dann nach Krakau, wohin sein Lehrer Rabb. Lipschitz. i- A. inzwischen berufen war. Das damals noch gut jüdische Aakau fesselte den Jüngling so, daß er dorten blieb und dorten heiratete. Sein starkes jüdisches Gefühlsleben zog ihn zu den Chassidim hin. Er schloß , sich dem Chassidimrebbe Tiferes Schlaumo (Rabbi Schlaumo Hakohen Rabinowitsch) und nach dessen Tod dem Hause Friedmann in Rymanow an. An großen Werken schrieb er „Hartmanns induktive Philosophie im Chassidismus", die die Parallelismen zwischen der induktiven Philosophie und dem EhassidisMus aufzeigt, „Barsilai, Sprache als Schrift der Psyche", in der er eine neue Theorie über die Entstehung der Sprache gibt und der.antisemitischen'Bibilkritik heimleuchtet, „Encyklopädisches Wurzelwörterbuch des Ebräischen" und „Der Chassidismus", eine eingehende Darstellung dieser Organisation und ihrer Literatur. Ferner erschienen von ihm folgend-Schriften: „Kadmannijaus, die babylonisch-assyrischen Entdeckungen und die heilige Schrift", der Kommentar „KeseK Hasaufer", „Glauben und- Wissen im Juden-' tum", „Geschichte der jüdischen Traditionslehre", „Zwischen zwei Stühlen, Nachruf zu Delitzsch Bibel und Babel", „Tic moderne Entwicklungstheorie in der jüd. Wissenschaft" und „Dr. Theodor Herzl's Judenstaat", bei welch' letzterer Schrift bemerkt sei, daß Archon Marcus Anhänger der zionistischem Föderation „Misrachi" war. Während einiger Jahre gab er unter dem Titel „Krakauer Jüdische Zeitung" eine Wochenschrift heraus. Den! „Franks. Israelit. Familienblatt" war er seit einem Jahrzehnt ein treuer Mitarbeiter. Vom „Biudestrich-Menschen". Was ein Bindestrich ist, braucht nicht erklärt zu werden. Er verbindet. Er nimmt zwei Worte, zwei Begriffe, von denen jeder seine besondere Bedeutung hat, und verbindet sie zu einem neuen Wortganzen, zu einem höheren, sie beide umschließenden synthetischen Begriff. Nicht alle Sprachen besitzen die Möglichkeit solcher Wortverbindung. Jene, die sie besitzen, werden dadurch innerlich reicher. Ganz neue Wortgestaltungen und Begriffskonstruktionen iverden dadurch erinöglicht; die Ausdrucksfähigkeit, der Nuancenreichtum der ■ Sprache wird ungemein erhöht. Je höher sich das menschliche Denken entwickelt, je differenzierter, ' je nuancenreicher und feiner es wird, umso stärker wird das Bedürfnis nach den Bindestrichbegriffen, da die einfachen, eindeutigen gewöhnlichen Worte die scharfen Unterscheidungen und zarten Wendungen unseres Geistes meist nicht auszudrücken vermögen. Der Bindestrich ist ein Kennzeichen der höheren Kultur und verleiht jeder Sprache einen außerordentlichen Vorzug. Eine ganz analoge Erscheinung zum Bindestrich im Reiche der Sprache existiert auch im Leben der Völker und Staaten. Auch da gibt es neben jetten Menschen, deren nationales und staatliches Dasein ganz einheitlich, selbstverständlich und unproblematisch ist — gewissernmßen die einfachen, gewöhnlichen Worte — solche, die durch ihre historische Entwicklung und Schicksälsgestaltung in. ihren! nationalen Sein gespalten und problematisch geworden sind, die zwei BolNsPhäreu angehören oder aber staatlich einem anderen Kreise eingefügt sind als dem, auf den ihre nationale Zugehörigkeit hinweist. Kurz: Bindestrichtnenschen. Und nicht mir in ihrem Sein, auch in ihrer inneren Bedeutung läßt sich für diese Menschen und Gruppen die Parallele zu den Bindestrich- Worten der Sprache durchführen. Auch sie stellen das Produkt höherer Kulturentwicklung dar. In primitiven Zeiten, da jede soziale Gruppe fest an ihre Scholle gebunden ist, da die Nationen von einander getrennt und abgeschlossen leben, sind solche Bittdestricherscheinungen kaum anzntreffen. Der einzelne verbleibt dann zeitlebens innerhalb der Sphäre seiner kollektiven Zugehörigkeit. Kaum aber treten die Völker in nähere Beziehung zueinander, mit der Entwicklung der Weltwirtschaft und Weltkultur beginnen größere Teile nationaler Organismen in andere Länder einzuwandern, eine gewisse gegenseitige Durchdringung der Mationen setzt ein, und das Bindestrichphänomen in seiner sozialen 2lusdrucksform entsteht. - Diese soziologische Ansdrucksform des Bindestrichphänomens har sich vielleicht noch nie so stark, offenbart wie im gegenwärtigen Kriege und mußte sich in besonders hohem Grade in jenem Staatswesen

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