Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2692982--09348-2704556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

~V:■ ^ei^-^to;-fcErrr(St?eit.‘-‘^ieri)ut0f* feine»' ■'feite'«#' Charakter; “ bexlbxett ' und eine hitzige . Wendung- - angenommen, wenn nicht der höchste Enthusiasmus der begeisterten Verehrerin Reb Abbele's sich in einem Ausbruch kundgetan hätte, derälle zu einem gemeinsamen Gelächter hinriß. d Obwohl dieser Durchbruch der Begeisterung nur ein Ehrensold, der Gelehrsamkeit Reb Abbeleis war, -schien er dmh zu fürchten, daß das allgenieine Gelächter seinen gleichen Wörtchen dm Effekt bewahren sonnte, weshalb er denn sofort in der.ersten Pause des Lachens eine Stellung und Mime annahm, die jedermann überzeugte, daß er eigmtlich etwas Besseres und Feineres auf dem Herzen habe und es zum Besten zu geben gedenke. Fn der Tat war es so. Reb Abbele war bereit, da der von-ihm erwartete, sehr tief betrübte Mendel sich nicht einfand, um für das sehr feine gleiche Wörtchen eine natürliche Veranlassung und Unterlage zu geben, die Betrübnis Mendel's hypothekisch festzustellen und auf dm Boden dieser sicheren Hypothese sein Wörtchen autzubaum. Er stellte sich zu diesen: Zweck mehr in die Mitte des -Auditoriums, wiegte seinen Körper hin und her, während er mit Daumen und Zeigefinger ^seiner Lullen das spitze Bärtchen noch spitzer strich, und indem er mit der Rechten eine feine saubere Spirale in der Luft beschrieb, begann er mit tiefsinniger Melodie, die allein schon zum Beweis hinreichte, daß er eigmtlich nur aus Herablassung seine Weisheit auf die Gasse warf, folgende Einleitung: „Well Ihr da selbst gehört von mir einpaar Seine gleiche Wörtchen, werd' ich Euchda ein gleich Wörtchen sagen, was alle anhörm mögen", er lud hier? mll, höchst versöhnlich gestimmt, selbst seine anwesenden Feinde zum Dableiben ein. — ,,Dmn das Wörtchm ist sehr fein und ist eine Wahrest und ist süßer als Honig."' ' ' , Die Einleitung war zu verlockend; man gruppierte sich, um dm Redner, der höchst sinnig und tief sinnend sein Augc^ zudrückte. Selbst Jankele und der Wachtmeister verhielten sich ruhig, obwohl sie eben Mendel mit froherer Miene"als sell langer Zell aus dem Hause. Salmes treten sahen und ihn gem mll einem munteren Wort begrüßt hättm. „Warum", begann Reb "Abbele bedächtig und lagsam, um anzudmtm, daß jedes der folgenden Worte auf Sie Goldwage gelegt zu werden verdiene, „warum, frag' ich Euch, ist Mendel Gibbor jetzund so sehr traurig?" „Was?", schrie der Wachtmeister und schlug mit seiner vollm, dicken Stinune ein Helles, breites Gelächter auf, ,>da. steht er doch und ist gar nicht traurig. Ha, ha, ha", lachte er und klatschte in die Hände; „das heißt-eine hohle Frage, woraus er ein Wörtchm macht! Ha, ha, ha!" Und das schallende Gelächter, das Eigentümliche des Augenblicks und Mendel's Gesicht, das alle heller vor sich sahen, riß das ganze Audllorium zu einem Gelächter hin, das eher zum Freudenfestwie zu dm drei Wochen schicklich war. Reb Abbele war wie vom Schlag getroffen. Aber nur einen Augenblick stand er erstarrt, dann aber fuhr er mll Hcstigkell gegen Mendel los und schrie: „Frevler in Israel, warum bist Du nit traurig in dm drei Wochen! Du bist nll wert, daß ich ein Wörtchen auf Dich sag', Du Frevler!" und mit einer verächtlichen Mime und Bewegung gegen das ganze verehrte Auditorllnn schoß er wie ein Blitz hinein in sein Häuschm und schlug die Haustür hinter sich zu. Es war Mendel nicht unlieb,' so Plötzlich und. in fröhlicher Veranlassung mitten unter die Leute versetzt zu sein. Er war im Jnnem ernst gestimmt und hatte einen ernsten festm Plan : in den Morgenstunden auf seinem Lager überdacht und beschlossen; aber er wollte, allen neugierigen und zudringlichen Fragen ausweichen und vor allen kund geben; daß sein Trübsinn von ihm gewichen war, daß es jetzt ohne sein Hinzutun geschah, das empfand er dankbar gegen Reb Abbele, obwohl er von diesem erst eben so gröblich beleidigt worden war.' Mendel schüttelte allen, die ihn begrüßtm,- die Hände und bot ihnen gemeinsam ,in den wenigen Worten seinen Entschluß kund, daß er nur noch so lange in der Khille bleiben wollte, bis ihm der Prozeß gemacht sei, und er seine vierzehn Tage Gefängnisstrafe, hinter sich habe, dann. aber werde er hinaus und hinüber nach England gehen. So überraschend vielleicht unsem Öhren solch ein plötzlich gefaßter Entschluß trotz der Eisenbahnen und Dampffchlffe Singt, so llar und. vertraut Lang er damals in. dm Kreisen der Leinen jüdischen Gemeinden, die vom Hausieren lebten. — Aus der Gemeinde hatten bereits \ Nr.? L viele, jWge Lenke in'Enstlmü»' Zuflucht "gesD# 7j» das^ Hausieren jedem Menschen gestattet ist 'Wie gegenwärtig Nordamerika, Kalifornien, Australien der Zielpunkt vieler Mischer junger Menschen jener Gegend ist,, die das Glück in der Welt aufsuchen wollen, so war es damals ausschließlich England. Wie jetzt aus den fernsten^Welttellen,viel Gell», in die. Seinen jüdischm Gemeinden.-ankommt von solchen Auswanderern,, die in der Fremde höchst selten^ das jüdische Gemüt einbüßen und ihre treue Verwandten- und Heimatsliebe durch, reichliche Sammlungen dartun, so war cs damals von England der Fall. Ein junger Mensch, der in der Heimat nicht hausierscheinfähig war und einem Äcnsdarm, der nicht durch die Finger sah, aus dem Wege gehen wollte, hatte fast keinen natürlicheren Zufluchtsort als „England"; einer besseren Begründung bedurfte es damals, .und besonders in unserer gutm Gemeiilde, nicht für diesen Schritt. Er nmrde auch jetzt, wo Mendel ihn. kund tat, als Naheliegende Ausflucht nur mit größter Billigung ausgenommen. ' Gegen Abend-desselben Tages saß die alte -reiche Genendel in der Stube der alten Malkoh, iiC welche sie sell langen Zeiten gewohnt war,-, die Neuigkeiten deS Tages hineinzutragen, um - der 'blinden Greisin Gelegenheit zu geben, an den wechselvollen Vorgängen des Lebens Betrachtungen und Werte wechselloser ewiger Wahrheiten zu knüpfen. Es hatte sich sell einem Jahrzehnt cip eigenes.Verhältnis zwischen diesen beiden Greisinnen ausgebildet. Die blinde Malkoh war im achtzigsten, Gmendel im siebzigstm Lebensjahr. Wer aber den Unterredungen beider beiwohnte, dem schien es, als ob Malkoh wie aus vergangenm Jahrhunderten hinüberblickc aus die greise Genossin und alles, was diese vom Leben der Gegenlvart empfand. Genendels Tellnahme für Freud' und Leid des Tages dagegen war noch so rege, als ob kaum die Hälfte ihrer Lebensjahre über ihr Haupt hinwcggegaugm sei. Sie hatte ihren Gattm, ihre Töchter und Schwiegersöhne, aber sich selbst nicht überlebt; es schien im Gegenteil, als ob ihre jetzige Lebensaufgabe, die nur " in frommen Werken bestand, immer verjüngender auf sic einwlllle. Sie tanzte auf jeder Hochzeit den frohen Kalloh-Tanz, sie wachte an jedem Krankenbett, bereitete die erste Hühnerbrühe für jede Wöchnerin und war die erste Bestatterin jeder rveiblichen Leiche. So viel der Freuden- und Schmerzenstränen sie auch im eigenen Lebensschicksale schon geweint, sie flössen noch in frischer Tellnahme für sichere; und wenn sic von. besonderen Ereignissen des Tages angeregt, zur alten Malkoh eilte, hatte sie noch immer den lebensfrohen Mut, gegen die unnahbare Abgeschlossenheit dieser blinden Greisin anzukämpfen und in Disputationen die Frische ihrer Empfindungen gegen den Vorwurf flüchtiger Lebcnsanschauung zu verteidigen, den die alte Malkoh, wenn auch nie - hören, doch durch ihr unerschütterliches Schweigen sic empfilchen ließ. Wenn aber die alte Malkoh ihr Schlveigcn brach - und — scheinbar vom Gegenstand des Tages als von einem ihr gar so fern liegenden ablenken — aus fernen . Vergangenheiten her Erinnerungen und Lebensbilder vorführte, die oft überraschende Lichter auf die Gegenwart I niederstrahlten, da beugte sich die alte Genendel vor ihr ganz in derselben Begeisterung, mit der sie alles Hohe und Erhabene aufnahni. Versuchte sie aber ihrer Ivarmen Bewunderung und Begeisterung Worte zu leihen, so wehrte ein stummes Kopffchüttsln Malkoh's dies ab und veranlaßte fast regelmäßig, daß Genendel, halb - erzürnt über diese Unnahbarkeit, ihre greise Genossin verließ. Kaum aber trennte die Schwelle die beiden Freundinnen, so war Genedels Herz wieder voll Gebet zu Gott, gelobt sei Er, daß er „vermehre die" Tage und Lebensjahre dieser unvergleichlichen Frau". „Herr der Welt", pflegte sie zu beten, „laß nit meine Augen sehen Dein Licht aitsgehen von Malkohs Antlitz!" Die alte Malkoh aber Pflegte auf den Tritt Genendels zu horchen, und wenn diese die Gasse betrat, sprach Malkoh upr die Worte: „Wer gäbe es!", deren vervollständigten Bibeltext und richttgen Sinne Händelc am besten verstand. Die Worte sagten: „Wer gäbe es, daß ihrer viele in Israel so wären wie Genendel." Eigenartig war die Stellung Händeles zwischen.de» Greisinnen. , So well die aufblühende Jugend dem höchsten .Älter nur . gleichen kann, war sie nicht nur äußerlich, sonder» auch in der innersten Patür ein Abbild, der Großmutter. Nur warhier Unerschlosscnhell, was in der Großmutter als Abgeschlossenheit,, hier unnahbare Reinhell, was dortals unnahbare Festigkeit drni Beobachtet ~ entgegentrat?' Jw:den' Getz>rckhech? dep GreWiEHtaH sie ifast 'istiiner-in'-''GeistEids' Großmutkerj über W allln! Äegünßew' Ach Bewegungen des Herzenskoiüjte die Jugend' dmp seellnvolleü Eefen Genendels nicht widerstehen^und dies,, um so-^weniger, alsHändele im Sülle» ahnte,. .daß die Großmutter erst nach schwerem Kampf ihre Unerschütterlichkell) -errang und zuweilen in, unbemerkten Augenblicken viel-tieferer Erregung hingegeben war als die leicht-bewegte Seele der alte» Genendel. > - ,!-• ' (Fortsetzung folgt.) , " 6. m. b. H. - Kohlen - Koks - Brikets Nene Mainzerstr. 16. Tel. Hansa 8068/69:-: Slegeslichttet«... ~ Bon Jacob Diamant. (Fortsetzung.) -- Die Stimme war etwas zu zart, — aber sie mußte , doch die eines-Kameraden sein, der ihn, Jsi, um seine Hand bat, um sich durch, diese beim Erheben, zu stützen. Ohne sich umzuwenden, streckte er seine Hand hin. Aber, — anstatt der großen männlichen Hand eines Kameraden legte sich ein kleines weiches Händchen in die seine: „Scholaum-aleichem ..." Jsi sah überrascht auf und — in zwei große funkelnde Kinderaugen. „Scholaum-aleichem ... scholaum-aleichem . . ." „?!" Es »ützte Jsi nicht, daß er endlich begriff, daß das anmutige, bleiche Bürschlein ihn auf hebräisch grüßte: er hatte es ja längst vergessen oder — was wahrscheinlicher ist — nie gewußt, den Gruß in hebräischer Sprache zu erwidern . . . „Grüß' Gott", sagte er schließlich ein wenig verlegen. „Aber woher weißt Du, daß., . . daß . . ." „As Ihr a Jüd seid? — uu — dos seht me doch on de . . . on de — Nos ..." Jsi errötete. Aber er war weder dem blaßen Knaben noch seiner eigenen Nase böse. — Dieser „jüdischen Nase", die er stets als seinen größten und häßlichsten Feind betrachtete, hatte er nun viel, sehr viel zu verdanken: keines seiner Glieder hat ihm in diesen: Kriege solch gute Dienste geleistet wie gerade diese tödlich gehaßte Nase. I» jedem polnischen Städtchen, in das er sie hineinsteckte, wirkte sie Wunder. Man kam ihm ihretwegen nicht nur entgegen, sondern: trug ihn förmlich auf den Händen. Sic sicherte ihm bei jedem Juden nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern — was im Kriege well mehr bedeutet — auch ein warmes Bett . . . Auch diesem freundlichen Scholaum-aleichem-Gruß mußte etwas Gutes und Schmackhaftes folgen. Und wirllich: , „De Manie bet eich zom Onbeißen . . . un der Tate auch ..." „Meiner Treu, Klinger", lachte Kamerad Dürrer, „über den Krieg, wenigstens so lange wir in Polen sind, jmödjtc auch ich Jude sein ..." ,,. . . Oj wie wohl un oj wie gut Js cs doch zu sein a Jüd. . ." Jsi und seine Kameraden ^amüsierten sich köstlich über den Gesang des Seinen Awromele, der, an die Bemerkung Dürrers anknüpfend, sein schönstes Liedel zum besten gab. Den Stolz aber, der aus den großen Augen des Seinen Chederjungen leuchtete, daß er mit einen! deutschen Soldaten über die Gasse gehen dürfte, würde selbst-Jsi, der ihn sah, kaum beschreiben können, - Und im Hause des Moscheh-Jakob!^Hände, Hände und — Hände: Große, kleine, feiste, hagere, behaarte und glatte . . Und alle, alle mußte Jsi in seine Richte nehmen und drücken und schütteln. Daß es nach all den vielen „Friede über euch" noch immer keinen Frieden gab, war recht verwunderlich. , Endlich saß Jsi in der besten Stube, die nicht nur die beste der Wohnung Moscheh-Jakobs/ sondern auch die beste im ganzen Städtchen war, und Frau Liebe — nomen . est omcn — deckte den Tisch, indem sie sagte:- - - : „Mir essen erscht später, aber far eich haben mer! ungekocht..."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.