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Neue jüdische Presse · 1916-02-11 · Heft 6 (11.2.1916) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JsrarMsch« FamMvME. Nr. 6. 1ZA VLL-ZVMIVV^ NETTE KRAME 20. Tel. Hansa 1126. Nr.12 Soaeh -Peko-Congo Mischg. Mk.4.40 „ 7 Ceylon-Onwge-Peckoe „ 8.40 Java-Brncb-Tco . . Mk. 2 70,3.20 K>kso tama Mk -3 20 880 Ursprünglich — das stand fest — hatte nämlich dieser Hahn Reb Abbele gehört. Er hatte ihn vor drei Jahren vor dem Roschhaschpnofeste auf dem Markt -getauft,- uni ihn für den Brauch der„Kapporoh" zu benutzen. Ja, es konnte niemand in Abrede stellen, daß dies geschehen war und er ihn wie eine Siegesfahne drei mal drei, also neunmal um das Haupt geschwungen hatte. .Aber gerade, als er beim neunten Male ausries: -Mieser Hahn gehe für mich in den Tod", flog der Hahn zmn Fenster und aus die Gasse hinaus und flüchtete sich sofort auf den Markt und in die Amtsstube hinein. Hier fand er freundlichste Aufnahnre bei dem Wachtmeister, uni bei ihm in stiller Zurückgezogenheit bis zmn Feste der Gesetzessreude zu leben, an welchem Tage er zur Belustigung der ganzen Gemeinde die Ehre hatte, Gegenstand einer sehr gelehrten Disputation im Beth-Hamidrasch zu'werden. Als nämlich an diesem fröhlichen Festtage der Wachtmeister aus Anstiften der fünf Talmudschüler mit dem Hahn auf der Schulter auf dem Platz vor der lieben, heiligen Schul' erschien und hier Reb Abbele voller Eifer sein Eigentumsrecht geltend machen -wollte, rief der Wachtmeister als Richter nach jüdischem Rechte die Talmudschüler herbei und machte die Einwendung, Reb Abbele habe durch seine Worte beim Fortschleudern des Hahnes sein Besprecht aufgegeben. Die Talmudschüler griffen den Einwand mit allem Ernst aus, — und das Ende vom Lied war, daß sie den gelehrten Reb Abbele zu einem Nichtswisser, den guten Wachtmeister und hauptsächlich den Hahn aber zu einem Ausbund talmudischer 'Gelehrsamkeit stempelten, sodaß diese siegreich aus dem Kampf hervorgingen. Reb Abbele aber, von da ab ein Feind des Beth-Hamidrasch und — wie man sogar munkelte — ein Gegner des alten ehrwürdigen Rabbi, der den Uebermut seiner Schüler übersah, — Reb Abbele zog sich auf die Gasse und die „gleichen Wörtchen" zurück und entschuldigte sich durch seinen eigenen Beifall, durch das Gelächter, das zuweilen sein Witz hervorrief .und durch die allzeit fertige Begeisterung, die ihm die schwarze Nucho, seine Verehrerin, schenkte, deren höchstes der Mann war, der alles in den Bibelvers hineinstellen konnte. , Daß dem gelehrten Reb Abbele gerade jetzt das Herannahen des Wachtmeisters und seiner Begleiter höchst widerwärtig war, läßt sich denken. Aber sein gelehrter Ingrimm wurde noch besonders herausgefordert, als Jankele so unbesonnen war, auszurufen: „Steh nur still, Wachtnieister! Hier wird vor Mitternacht iwch ein „gleich Wörtchen" geboren werden!" „Du", schrie Reb Abbele, „Du, Jankele, willst hören ein „gleich Wörtchen"? Das ist ein großer Irrtum: Du bist so schief, daß auf Dich gar 'kein gleich Wörtchen angepaßt werden kann. Dich darf ich gar nit in einen Bibelspruch hineinstellen. Warum? Well kein Grammatiker wissen wird, , in welchen Vers er Dich hineinbringen soll: ofriu einen mit langen oder mit üirzen Füßen! Ha, ha, ha!" Der Zuhörerkreis lachte und versetzte dadurch Reb Wbele in so fröhliche Laune, daß er fortfuhr. Fortsetzung - folgt.) . HU.- UV •«*re, Optiker, Lieb raurust« 1. Brillen, .Pincenez, Opernt;I8ser, Feldstecberi in jeder opt.-nieciian. {tpieliraren /.Preislage EiseBbahoen, Dampfmaschinen, Labrna-Magica, Kinnnatopraphon etc Stegeslichtieirr... Bon Jacob Diamaut. . Seit jenem Tage, an dein er zum ersten Male die Augen öffnete, hatte -sich Mutter Erde berclls cinundvierzigmal um ihren lachenden Gönner dort oben in der blauen Höh' gedreht: Er war demnach kein ganz jungex Deutsche mehr, aber er war noch immer ein ganzer deutscher Junge. Dafür zeugte seine tadellose Haltung. . . In der deutschen Brust aber schlug ein jüdisches Herz. Ob er davon'wußte? Sicherlich: nein.' Er hätte es-sich ja sonst mit den Zähnen aus dem Leibe gerissen: Ein jüdisches Herz! das fehlte noch: Es war schon mll der Mischen Nase schlimm genug. . Daß ,Her. kleine Jude" sich' auch eines großen Antisemitismus. bediente? daß auch seine jüdischen Freunde keine Freunde des Jüdischen waren, — dürste, wohl zu . gewissen Unbegreiflichkeiten gehören, an 1>enen unsere der Natur zuwiderhandelnde „naturalistische" Zeit bis zum 1. August 1914 etivas zu reich >var. ... Ln den Augen aller Welt war so Jsi.Klinger das, als was er sich gab: ein guter Mensch aber — ein schlechter Jude. Nur in den schönen Augen seiner Henriette tvar er anders: auch ein guter Jude. Sic, Henriette, behauptete das mit der ganzen Kraft ihres schönen Mundes. _ Henriette war ein junges Weib mit alten Anschauungen. Mit jenen Anschauungen, .die mehr Einschau als Ausschau halten; die ein männliches Weib ebenso wenig mögenwie einen — weiblichen Mann. . . . Kurz: sie . war ein ganzes Weib. . . . Ein ganzes Weib aber sieht niemals halb: Wenigstens beim Manne nicht. ... „Die meisten Männer sind gerade das, was sie nicht sein wollen, was sie aber sein sollen . . . So einer — ist auch nieiner. . . ." Also sprach Henriette; aber sie fand nur bei ihrem Herzen, was übrigens seit jenem Tage, an dem sie Jsi kennen gelernt, nicht mehr ihr gehörte, Zustimmung. Henriette hätte Recht .... Doch ohne diesen ebenso fruchtbaren wie furchtbaren Weltkrieg hätte Jsi Klinger das, was seine. Henriette längst zu ihren Erfahrungen zählte, vielleicht nie erfahren. Warum? Weil Jsi Klinger bis zu jenem trüben Herbsttag, an dem er von seinem lieben Weib, seinem lieben LÄnde^ seinem lieben funkelnagelneuen, modernen Anzug und seinenr lieben zivilistischcn Ich Abschied nehmen mustte, — für alles Zeit hatte, nur nicht — fürs Zeithaben: „Wer Zell hat" — meinte er — „hat keinen Verstand. Denn wer Verstand. hat, der versteht aus seiner Zell das zu machen, was sic ist: Geld ..." Was Wunder, daß cs Jsi nie in den Sinn kani, über Inden und Judentum nachzudenken. . . . Was Wunder, daß er sein Geschäft besser kannte, als sein Herz! . . . Ja, wie sollte er auch je seine ,-liebe, goldene Zeit" mit Dingen verbringen, die nicht das liebe Gold einbringen?! .... / Aber eines Tages lag Jsi in dem ersten besten Kuhstall eines e.chten, d. h. schmutzigen polnischen Nestes und — hatte Zeit: Er beschäftigte sich eben mit etwas, was nicht nur „nichts" einbrachte", sondern ihn noch um etwas-brachte: um seinen wohlverdienten Schlaf: er dachte nach . . . Ueber was? Wahrlich! über Gegenstände, die für einen Mann, wie er es sein wollte, gegenstandlos sein müßten: über den Sinn des Daseins- und über das Dasein eines Uebersinnlichen . . . über das Ende des Lebens, und über das Leben ohne Ende, die Unsterblichkeit. . . . Wie er sich in dieses „Reich-der Armen", wie er die Phllosophie zu nennen Pflegte, verirrt, wußten nur jene zu sagen, die sich gleich ihm auf der unbewachten Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jnseits befanden, und die wie er für den Tod lebten und — für das Leben töteten: seine Kameraden. Denn gar manches dieser Feldgrauen hing grauen Gedanken nach — ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen. . . Ja, gar mamher dieser in der Erde Vergrabenen lernte neben dem Graben auch — das Grübeln. . . Mit offenen Augen lag Jsi und, tat das, was er früher nicht einmal im Schlaf getan hätte: er träumte... Plötzlich! . . . Was war. das? Wie ist es doch in dem kalten Kuhstall so warm geworden! Im Kuhstall? Nein: in seinem Herzen, entstand' jäh diese Hitze, und von hier rann sie in alle seine Glieder. Und — der wackere, aus der deutschen Reichsstadt und vom jüdischen Stamme stammende tote Kamerad war die Ursache . . . Stand er nicht leibhaftig da, der liebe Raphael Herz? Sahen nicht seine treuherzigen Augen ihn, d. h. seine „jüdische. Nase" ernst lächelnd an? . . . Und horch: „Auch ich bin Jude! . . ." Warum ward es ihin, Jsi, damals bei diesen Worten so eigen zu Mute? 'Warum vergaß er sogar über sie sein Unbehagen, das cr^stets zu empfindey Pflegte, wenn ein Auge — mochte es noch so harmlos gemeint sein.—- auf seiner „jüdische» Nase" ruhte? Warum drückte er die Hand des neuen Kameraden so fest und so lang?... Warum ward es ihm dabei so warm wie — wie jetzt? — nein: noch mehr als jetzt? . . . Kurz: warum liebte er diesen Kameraden mehr als die anderen? Weil Raphael Herz Jude war? Aber waren ihm denn die änderen nichtjüdischen Kameraden nicht gwau so gut, nicht genau -so entgegenkommend wie Raphael?' Be? trachteten sie.ihn nicht, gleich Raphael als. ihren Bruder, als den.Sohn jener lieben, lieben Mutter Heimaterde, für die sie alle ihr Herzblut hergaben? . . . IXomler & Xaitscli I TeLHanf>a3148. Frankfurt a.M., Llebfrauenbergi}8. I Special haus für Unterkleider und Strümpfe. I Ninderlaee echter Dr. Lahmann-Wäsohe. W Mit besten! Gewissen konnte Jsi diese Fragen bejahen. Und doch und doch: die anderen waren deutsche Brüder — aber Raphael war auch noch — ein jüdischer Bruder... ja-ja — — ja — — Erzürnt über das müde und doch nicht einschlaseu, wollende Menschenkind löschte Batet Schlaf Jsi gewältsani die Bewußtseinslampe aus ... Muuh — Muuh — muuh! — — »muh! — Es währte lange, — aber endlich gelang es doch den Kühen, mit ihrem dröhnenden Gemue die unsichtbaren, aber festen Mauern uni Isis Ohren zu erschüttern, und — er^ riß die Augen auf. „Zum Teufel! ..." Aber die Kühe waren bereits außer .Hörweite. Wie gerne hätte er sich noch einmal auf-die linke Seite gelegt! Aber er schämte sich vor Fryu Sonne, die sich nicht im Kriege befand, — und doch bereits ans den Beinen Ivar ... Er hatte sich aufgerichtet und — „Gebt mcr doch de Hand ... de Hand . . ." (Fortsetzung folgt.) I kW Diltii M. 10. KuM SchlUormtr. 18m Telephon I, 8630. Seifen, Liebte, Lamm- und Bü-atenwaren, B-8*n etc. Coanretipche Spezialitäten I Eine alte Urkunde ans dem Archiv der Israelit. Gemeinde zu Frankfurt a. M. Von I. M c y c r. Die Frankfurter israelitische Gemeinde besitzt eine Reihe von Schutzbriesen der Deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg aus der Mitte des 17. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Wer die von dem auf diesem Gebiete überaus fruchtbaren Forscher Prof. Dr. Kracauer bisher veröffentlichten Beiträge zur Geschichte der Frankfurter Judengemeinde auch nur gelesen hat, dem bietet das Studium dieser Urkunden einen ganz eigenarllgen Reiz und er begreift auch, was die Erwirkung eines solchen Schutz- und Stättigkeitsbriefes vom Kaiser für die damalige völlig rechtlose, der Willkür aller möglichen Stellen anheimgegebenen Judengenieinde bedeutete. Auf die älteste dieser Urkunden, die aus dem Jahre 1661 stammt, soll nun hier etwas näher eingegangen werden. Eine Einbanddecke aus rotem Samt, wohl in neuerer Zell an Stelle der ursprünglichen gesetzt, umschließt die 10 Pergamentblätter in Quartsorm, welche in gothischer Schrift die kaiserliche Willensmeinung tragen. Feuer und Wasser haben unauslöschliche Spuren auf den Blättern hinterlassen. Ein beherzter Bewohner der Judengasse mag wohl dieses geschichtliche Dokument mit Gefahr seines Lebens bei dem „Judenbrand" am 14. Jan. 1711 aus den Trümmern des Ghettos gerettet Habens Die. Schrift ist den» auch an vielen Stellen nicht mehr lesbar, und selbst die Unterschrift Kaiser Leopolds I. (1658—1705) ist nur bei genauen! Zusehen mit der Lupe zu entziffern. Besser erhalten ist die Unterschrift des Kanzlers Wslhelmus Schröder. An einer goldgewirkten Schnur hängt in hölzerner Kapsel das im Durchmesser 14 Zentimeter große kaiserliche Wachssiegel, welches das Entzücken jedes Heraldikers Hervorrufen würde. Ein Kranz, von Wappenschildern umgibt das von zwei Greifen gehaltene und von der österreichischen Kaiserkrone überragte Schild mit dem Doppeladler, und in zweifacher lateinischer Umschrift werden die verschiedene«! Titel des Kaisers genannt. So beginnt auch der Text 'der Urkunde: ,Mir Leopoldt von Gottesgnadcir,- Ettoöhlter Römischer Kaiser, Zu allen Zeiten Mehrer des Reiche, in Germanien, zu Hungarn, Böhaimb, Dalmatien, Croatien und Sclavonieu xx. KLnig, Erzherzog zu Oesterreich, Herzog zu Burgundt, zu Brabandt, zu Steyr, zu Kärndten, zu Crain, zu Lutzembürg, zu Württemberg, Ober und Rider Schlesien, Fürst zu Schwaben, Marggraff des heiligen Römischen Reichs zn Bärgaw, zu Mähren, Ober und Rider Laußnitz, Gefürsteter Grass zu Habspurg, zu Tyrol, zu Pfird, zu Kyburg und zu? Görz, Landgraff in Elsaß, Herr auf der Windischen Marck, zu Portten und ,zü Salins xx., bekennen, öffentlich mit dißem Briefs und thiien Kundt ällermänniglich das Uns gemeine Jndenschafst in unser Und des heiligen Reichst Statt Fränckfurth wohnhafft, durch ihre - Abgeordnete , ander andern , in glaubwürdigem Schein underthäniglich haben Vorbringen lassen, ei»-Privilegium oder Freiheitsbrieff, so gemäincr Judenschäfft im heiligen Reich, von weilandt Unserin lieben

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