Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 tetn und schob ihn voin Fenster ziirück;^ so baß Jankele wieder auf der Gasse und aus seines» kurzen. Bein zu stehen kam. „Jaiikele", sagte Mendel leise, "„red' nit .also mit ihm, denn Du. utußt wissen,, er.ist' eul^Jüd' ivie seines Gleichen nit ist zu finden, von Eckher Welt z» Eck der Welt. Ich sag'- Dir, er ist ein Engel!<- i „Nun", sagte Jankcle ein wenig empfindlich, aber: -doch gutmütig, „die-Engel mögen auch tanzen auf einer? Mitten Hochzeit." . ... .. ' . Dies Argument schien auch Mendel einzuleuchten, mindestns fuhr wieder ein Erröten und ein. Leuchten über -sein Antlitz, und seine Hände sanken sanft von Jankele's Schultern nieder. Aber, wie eine Feder vom Druck erlöst, sprang der geniale Jankele-wieder auf sein langes. Bein. „Du bist doch verliebt!" raunte er Mendel mutwillig zu und mit einem lauten „Guten Morgen!" humpelte der treue Mensch schnell davon und dem Markte zu, um sich jetzt erst dem ungestörten Schlunimer in der' Stube des guten Wachtmeisters anheim zu geben. (Fortsetzung folgt.) TEE-SCHMIDTS NEUE EBANE 20. Tel Hansa 1186. Nr.12 Souch -Peko-Congo Mischg.Mk.4.40 „ 7 Ceylon-OraDge-Peckoe „ 3.40 Java-Bruch-Tee . . . Mk. 2 70,3.20 Kakae Sam» Uk. 3.20 880. Horchposte«. Bon Heinrich Bach rach.' Heller Mondschein. Unheimliche Stille. Gespenstische Schatten huschen durch den Wald. Ab und zu ein leises, kaunr hörbares Knistern, Blätter, die der Nachtwind .herabweht. Durchs Gebüsch leuchtet der See, in dem sich der Moud spiegelt. Ganz^ fern dumpfes Poltern, als juctti! 'Steine und Erde aufeinanderfalleu. — Schützengräben? — Gräber? — — Oben am Himmel Stern an Stern. Weithinten glüht der Wald im Feuerschein. Plötzlich zittert etwas durch die Luft, erst hoch, daun tiefer. Ein weißer, feuchtender Streifen. Scheinwerfer! Huscht durch den Wald — hin — her —, an den Bäumen empor, am Boden, entlang, — haftet an einer dunklen Gestalt, die sich auf Händen und Füßen durch das Dickicht windet. Silbern glänzen die Büsche! — Plötzlich ein Knall, spitz und dumpf; — ein Aufschrei: „Schmäh Jisroel". — Zweige knicken, schwer fällt der dunkle Körper auf die Erde. Aechzen und Stöhnen. Der weiße Streifen zittert über ein fahles Gesicht, verschwindet irgend wohin. Drüben im Dunkeln regt cs sich. Vorsichtig werden Zweige auseinandergebogen. Ein Soldat! Kleine .Lichtflöckchen umspielen ihn. Aengstlich hält er sich am Rande des Buschwerkes, hält den Atem an, lauscht. Dann geht er..mit ein paar großen, schnellen Schritten vorwärts, -bleibt stehen, lauscht wieder. Der Wald schweigt. Nichts, auch gar nichts regt sich. Nur von vorn klingt ein Wimmern - herüber. Dorthin nimmt er den Weg, behutsam, kriechend, spähend. Und endlich ist er dort. Mit großen, irr glänzenden Augen sieht ihn -der Verwundete an, inacht eine abwehrciide Bewegung mit den Aprilen. Der andere faßt seine Hand: '„Fürchte nichts, . ich bin Dein Bruder, — Dein Bruder aus Rußland." Er blickt zum Himmel: „Großer Gott, laß -nicht dieses Blut über mein Haupt kommen!"! Und dann streichelt er den Stöhnenden/ spricht zärtlich mit ihm wie die Mutter zum kranken Kinde: „Sei ruhig, — Du sollst nicht sterben —, ich werde. Dir Helsen! Stöhne doch nicht so, weißt Du nicht, daß jeder Laut mir ins Herz schneidet? Fühlst Du nicht, daß. ich viel lieber selbst so liegen würde?" Dabei hat er ihm den Rock aufgeknöpft, dickes schwarzes Blut' quillt ihm entgegen. Bauchschuß! Da überläuft es ihn eiskalt! Aber er will ja helfen — und schnell! Mühsam wendet er den schon Bewußtlosen etwas auf die Seite. Kein Ausschuß wahrzunehmen. Die Kugel muß noch im Körper sein. Wie war das möglich, auf kaum 100' Meter Entfernung? Vielleicht hat sic vorher einen Baum durchschlagen? Je mehrer darüber nachdenkt, um so gewisser erscheint es ihm: Sicher hat sie vorher einen Baum durchschlagen. - - - Aus.dem Rock des Verwundeten nimmt er die zwei Verbandpäckchen,^, legt sic auf die Wunde. Sic reichen nicht. Da holt er noch seine eigenen ans dem Brotbeutel. Nun geht es. Einmal muß er einhalten, der. Kranke '"hustet, würgt, speit einen dicken Klumpen Blut aus. Wieder dieses Eisgefühl, im Rücken und am Herzen! Mit zitternde» Händen wickelt er weiter. Endlich ist er fertig. Der Schweiß tropft ihm von der Stirne. Mit Frankfurter- JSrnMisches? FmmlitznAatt. dem Rockärmel Wischte er ihn ab, HW erMrocken inne, glaubt-.ein.Geräusch zuThören,- lauscht angestrengt, alle Nerven.-vibrseren, es ist nichts, vielleicht irgend ein Nachtvogel. Er läßt'(sich, auf die Knie nieder«, schiebt behutsam heu Tornister unter den Kopf des Verwundeten, bettet ihn .sorgfältig, jn seinen Mantel. .; Nnd überlegt: Was nun? Soll er ihn liegen lassen? — - In spätestens',zwei Stunden muß die Ablösung da sein, dann muß-mam chu finden..: Aber, ivenu er sich inzwifchen verblutet? — Er betastet den Verband. Noch ist er trocken, das Blut scheint gestillt. —"Aber innerlich? — Ja, innerlich? — - . .. . Wenn-er nun zu den. Deutschen hinginge und ihnen sagte: Draußen im Wald liegt Euer Horchposten verwundet; ich habe ihn verbunden, so gut es ging; tragen konnte ich ihn.-nicht' allein,--^--werden, sie nicht edel genug sein, ihn seines Weges When zu lassen.?Ja, aber er kennt doch dann den. deutschen Graben, man wird ihm nicht trauen, wird fürchten, daß er die Stellung verrät, — wird ihn. gewiß dort behalten. , Schließlich, wenn er sich nun gefangen nehmen ließe? — Was geht ihn überhaupt der ganze Krstg an? Hat er den Krieg gewollt? Uiid sind die Deutschen seine Feinde? Die Deutschen, sind Feinde der Russen. Ist er ein Russe? Er lacht bitter! Man hat ihn lange genug fühlen lassen, daß er keiner ist. Der Jude ist er, der gequälte, geschmähte, verachtete Jude! Düstere Bilder steigen vor ihm auf. Er schüttelt sie ab mit Gewalt. - Muß doch zu einem Entschluß kommen. Der Kranke stöhnt heftiger. Da gibt er sich einen Ruck: ,iJa, ich werde gehen!" und schon wendet er sich um. — . „Aber", fällt ihm plötzlich ein, — „Du hast ja geschworen! Hast Du nicht dem Zaren- Treue geschworen, Treue bis in den Tod?" „Freilich hast Du geschworen. Aber mußtest Tu nicht?, was wolltest Du machen? Muß man einen erzwungenen Eid halten?" . Hin und her schwankt er. „Hab' ich nicht bei. Gott, dem Allmächtigen geschworen? Schwur ist Schwur; ich werde ihn halten. Blau wird ihn auch so finden, ich will ein Zeichen machen." Er hebt einen abgestorbenen Ast vom Boden auf, rammt.ihn in die Erde. Vom Helm nimmt er den Uebcrzug, hängt die Kopfbedeckung an den Ast. Das Messing blinkt im Mondschein. „Taugt nichts", murmelt er, „so werden ihn auch die „andern" sehen. Er holt sein Taschentuch heraus. Es ist groß, rot, mit weißen Rändern. Aber jetzt sind sic; nicht mehr Iveiß! Es ist sein' einziges Taschentuch. Er zögert erst, cs an den Rock zu binden. Dann tut er es mit raschem Griff. „Bis morgen", überlegt er, „geht es ohne Taschentuch. Morgen fallen wieder 10, 20, vielleicht Hundert usw., ich werde Taschentücher genug bekommen. Wenn mich unser Herrgott gesund läßt, an Taschentüchern wird es mir nicht fehlen! Noch einmal befühlt er den Verband des Verwundeten, rückt den Tornister zurecht, betet noch einmal: „Herr, laß dieses Blut nicht auf mein Haupt kommen!" Dann wendet er sich schnell ab; verschwindet im Busch. Und während er dupch das Dickicht tappt, ist's ihm, als müßte ihm etwas einfallen; etwas schönes, etwas — —. Er denkt und denkt, kann nicht darauf kommen. Da begegnet ihm die Ablösung. „Etwas los?" Er schüttelt den Kopf, geht weiter dem eigenen Graben zu. Und plötzlich hat ers: „Kol jisroel acherini seh el seh!" Und ein Leuchten geht über sein 'Antlitz. Frankfurt a. M , Trierische Gasse 31 Ecke Täogesgasse,vts-ä-vls d. Hasengasse. Fr. Pletzscb, Das Glück im Hause ves Leids. ' Von H. S. Es war einmal eine Zeit, in der alle Völker friedlich zusaminenlebten und miteinander bestrebt waren, die höchste Stufe der Kultur zu erringen. Alles, was Gottes schöne Erde zur'Verfügung stellte, wurde fleißig benutzt, um hohe Werte daraus zu ziehen. Die Blüten an dem Baum der sozialen Fürsorge zeigten sich in voller Pracht, und so entstanden Werke der Menschenliebe, die berufen waren.. das Leid in der Welt zu. inirwern. In dieser gesegneten Zeit lebte in einem' schönen Hause, das inmitten eines Parkes stand, ein Häuflein Mensche», €tUt 5 die. durch Krankheit Schweres erlitten und denen wohltätige Menschen hier — weitab vom Stadtgetriebe — ein Heim erröteten, in das die Sonn« der Liebe hineinschaute, um durch ihre Strahlen neue Kräfte ihnen zuzuführen. Und die Kranken und Siechen, die.hier nntergrbracht waren, sie empfanden bald gar nicht mehr ihr Leid, sic wurden neuen Menschen, die zu ihrem Teil mitarbeiteten au den Problemen des -Lebens. Gelähmt am ganzen Körper fast M. auf den rechten Arm, der noch bewegnngsfähig war, lebte unter ihnen ein Mann namens David. Gleich dem biblischen König David — eiii Gottesverehrer — verstand er es, durch die Poesie seiner Sprache, durch die Reinheit seines Herzens und durch den Adel seiner Persönlichkeit einen Willen dem siechen Körper einznhanchen in dem Bestreben, nicht tatenlos . das Ende seines Lebens zu erwarten. . Und seMcch seine Geisteskraft eine Fülle von Anregungen dMpVerzagenden, eine Stütze den Hülflosen und eine Beruhigung den Verzweifelten. Sechzehn Jahre verbrachte er bereits in diesem Heime, das unter Führung verständnisvoller, edler Menschen zum Segen für die Insassen wurde, und »och immer trug der unverwüstliche geistige Schaffensdrang den Sieg über den gefesselten Körper davon. Ja, es schien, als ob der Höhepunkt dieses .Anslebens erst noch kommen sollte. Die Tage gingen gleichmäßig dahin, und gerade dieser einsörmigee.-Berlauf der Zeit brachte durch den seltenen Mann im Kreise seiner Freunde den Gedanken zur Reife, die-Insassen des Heinis zu einer Gemeinde zu vereinigen und eine Synagoge zu errichten, in der das Wort Gottes zu Ehr und Preis verkündet werden sollte. Uud was man kaum für möglich gehalten hatte, hier wurde eS Ereignis. Gelähmte und an Krücken gehende, mit den schwersten Gebrechen heimgesuchte Menschen vereinigten sich zu einer Gottesgemeinde, üm an dem ewig sprudelnden Quell der jüdischen Lehre sich neu zu beleben. Ein einfaches Zimmer war es, in dem man sich zur Andacht versammelte; das Vorbeteramt übernahm der Verwalter des Heinis, und bald fand sich auch ein Talmudist, der an den Sabbaten nach Schluß der Gottesdienste Worte der religiösen Belehrung vortrug. Stiminbegabte Kranke verherrlichten mit Chorgcsang den Gottesdienst, und wenn Freitag abend das Llbendgebet vorüber war, dann sandte diese kleine Gemeinde einen Sabbatgrnß den Friedensengeln.Und die Engel des Friedens kamen und' holten sanft und leise den edlen Menschen, dem diese Gemeinde so vieles zu verdauten hat, mitten ans seinem Glücksgefühl heraus.znm ewigen Frieden. Und als ob ein güttges Geschick dem stillen Dulder das größte Leid ersparen wollte, brach kurz nach seinem Hinscheiden der Krieg über unser geliebtes Vaterland ans. Und dann kam ida» Wunderbare.Ein Raunen und Flüstern erfüllte.den, Raum, in dem der Verstorbene so oft und gerne weilte. Liebe Hände fanden sich, um das von ihm so eifrig geförderte Werk'zu vollenden. Von Sabbat zu Sabbat hielten geheimnisvolle, fromme Geister ihren Einzug; bald sah man prachtvolle Betsessel, herrliche Beleuchtung, bald Silberschmnck und andere schöne Gaben in dem Gotteshaus. Die Wände dehnten sich, und von allen Seiten kanr Licht und Luft in diese, heilige Stätte. So würdig rüstet man sich im Heiine der Liebe zum Empfang verwundeter Krieger» Mit ernsten Blicken kamen sie an, die Helden, noch schmerzten die Wunden, und in ihrem Geiste durchlebten sie noch die vergaugeneu schweren Tage. Und als einige Zeit in sorgsamster Pflege dahingegangen und die Kräfte sich wieder einstellten, da suchten sie das Keine Gotteshaus auf, uin dem Schöpfer Dank darzubringen. Im lichterfüllten Betraum .empfingen die Jnjafsen „ihre" Krieger, und gemeinsam klang ernst und feierlich das Gebet für Kaiser und Reich durch das Gotteshaus. Hier zeigte sich der Segen des Werkes, das auf Anregung eines gelähmten Mannes errichtet wurde. So uneiForschlich die Wege der göttlichen Fügung sind, uns ist-hier ein unvergeßliches Bild vor Llngen, daß der MenMM der scheinbar hilflosesten Lage Unermeßliches leiM^kann, wenn er erfüllt ist von einer inneren Befriedigung. Der werdende Mensch soll, besonders in diesen Tagen, wo der Heimgang unserer besten Kräfte zu bellagen ist, in "jeder Beziehung unsere Förderung erhalten; aber der an der Grenze des Todes stehende Kranke kann auch vermöge seiner durch das Leid bedingten Erfahrung uns herrliche Schätze der Seele offenbaren, und wenn wir vorstehende, . den Tatsachen entsprechende Erzählung zur BeröffS 'ttMlng bringen, so tun wir es im Hinblick auf all den Jchniyer. der jetzt so viele Familien ergreift. MöAe der Gedanke ttostbringend sein, daß das wahre Glück oft nicht im Lebensgenüsse liegt, sondern nur dem Leide entspringt. Elektr. liebt-, Kraft-, St hellenand Telefon-Anlagen. Tel. Taunus 4389. ik. Referenzen. Savigny-traaae 51. Bunte Chronik. Russisch-jüdische Kriegsgefangene. Rabbiner Dr. Adler - Budapest erhielt' folgendes Schreiben: „Euer Ehrwürden! Besten Dank, daß Sie die Güte hatten, den hier lebenden jüdischen "Gefangenen — wenn sie auch russische Untertanen sind — anläßlich der verflossenen Feiertage Gebetbücher zu sende». Wahrlich, Euer Ehrwürden können es sich nicht vorstellen, welch' kulturelles Leben unsere jüdischen Gefangenen hier jühreu. Die erste Organisation war ein „Bikur--Chauliin"-Berein. welchen die Versorgung der armen Kranken mit Milch auf sich genommen hat: überdies, verschafft dieser Verein den Kranken auch ein Stückchen gutes Fleisch, wenn sie dessen bedürfen. Derselbe Verein versorgt ungefähr vierzig jüdische Gefangene, welche nicht aus der gemeinsamen