Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Welche Zeit ^var so gecignel, das bisher Versäumte nochzuholcn als diese! Und so ward denn in Amerika eine überaus intensive Tätigkeit entfaltet, die schon zu den besten erfreulichsten Erfolgen geführt hat. Erst nach dem Kriege wird sich, der Umfang des dort Erreichten ganz überblicken lassen, aber der glänzende Sieg, den die nationale Partei im Kampf um die Kongreßfrage errungen hat, beweist, wie stark schon der Prozeß der Nationalisierung des amerikanischen Judentums fortgeschritten ist, und die Zukunft bietet die besten Aussichten. Man ersieht aus diesem nur sehr flüchtigen Ueberblick über die Politik und Tätigkeit der zio- -nistischen Organisation im Kriege, daß sic die großen Aufgaben, die ihr der Krieg gestellt hat, erfaßt und, soweit es in -ihren Kräften stand, erfüllt hat. Sic hat" alles getan, um das bisher Geleistete zu bewahren und zu erhalten und hat jenseits des Ozeans große und bedeutsame Fortschritte gemacht. Noch aber ist der Krieg nicht zu Ende, und damit sind auch iwch nicht die besonderen Aufgaben, die sich aus ihm für den Zionismus ergeben, abgeschlossen und erschöpft. Uns scheint vielmehr, den schwierigsten und bedeutsamsten Teil desselben wird erst die Zukunft bringen. Muß der Zionismus im Kriege selbst neutral und darum politisch passiv und abwartend sich verhalten^ so heißt dies nicht, daß er auch bei den kommenden FriedcnAverhandlungeir in dieser Haltung verharren muß. Dann wird er vielmehr, wie wir glauben, eine ganz andere, viel aktivere und energischere Haltung cinnchnteir müssen. So groß die Aufgaben waren, die der Krieg ihm bisher gestellt, so gut und segensreich er sic auch bisher.erfüllt hat, größer werden die sein, die er iwch zu erfüllen haben wird. Welcher Art werden diese sein? ltird in welcher Weise wird er sic erfüllen rnüsscn? Kurz, wie wird und muß die Zukunft des Zionismus im Kriege sein? Der Beantwortung dieser Frage gelte der folgende Aussatz. Zur Lage i« Palästina. Hohe Lebensmittelprcise, Beschäftigungslosigkeit zahlreicher Arbeitskräfte, Mangel an Bargeld sind -die besonderen Merkmale der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage Palästinas. Barzahlungen an Arbeiter werdennur dann geleistet, wenn die Kolonisten über besondere Darlehen verfügen, die ihnen von dem amerikanischen Hilfsfonds oder anderer Seile gegeben werden zuür Zwecke, jüdische Arbeiter zu beschäftigen. Für gewöhnlich sehen sich die Arbeiter genötigt, die Gutscheine, die sie von ihren Arbeitgebern erhalten haben, mit beträchtlichem Verlust zu verkaufen, um auf diese Weise wenigstens die nötigsten Lebensmittel cinkaufcu zu können. ' Angesichts dieser Lage kann nur immer wieder auf die dringende Notwendigkeit hingewicscn werden, der Palästina-Hilfsaktion jede nur irgend mögliche Unterstützung zu gewähren. Die Hilfssammlungcn sind noch nicht überall richtig eingeleitet, cs gibt noch Tausende von Juden, die ihre Pflicht Palästina gegenüber vollkommen vernachlässigen. — Es gelang den russischen Juden, in fast allen Städten eine S c l b st b c st e u e r u n g zu Guirstcn der Vertriebenen und Flüchtlinge durchzuführcn, und diese Sclbstbestcuerung hat sich sehr bewährt. Sie müßte in allen europäischen Ländern uachgeahmt werden. In den Ver. Staaten hat Rev. Dr. Stephen S. Wise, Mitglied des Amerikanisch-Jüdischen Hilfskomitees, einige. Vorträge zu Gunsten der Palästina-Hilfsaktion gehalten, deren Ergebnis mehr altz. 55,000 Dollar betrug. Zweifellos würden die europäischen Juden auch beträchtliche Summen beitragen, roenn man nur energisch und und in der richtigen Weise an sic heranträtc. . Der Wiederaufbau einer alten Thorastätte. ~ Der hochsinnige deutsche Kommandant von Llobotke bei .Kowno, Major von Struensec, der aus den Berichten der zurückgebliebenen Einwohner die hohe kulturelle Bedeutung der vom Kriege zertrümmerten iveitbcrühmtcn I e s ch i w a h von Slobotkc erkannte, äußerte den Wunsch, daß diese alte Stätte jüdischen Geisteslebens doch so¬ Fronkfurter Israelitisches FamilienNatt. bald wie inöglich wieder erstehen möge; er selbst werde' alles' tun, um dies zu ermöglichen. Dank dein Eingreifen "des Feldrabbiners Dr. Rosenak, der sich mit einer Darlegung der Verhältnisse an die Zentrale der „Agudas Jisrocl" in Frankfurt a. M. wandte, hat diese Organisation beschlossen, durch Bewilligung einer größeren Summe die Verwirklichung des Planes zn ermöglichen. Mit der Instandsetzung des Jcschiwahgebäudcs, das durch den Krieg stark gelitten hat, ist bereits begonnen worden. Um die dauernde Erhaltung der Jcschiwah zu ermöglichen, ergeht die Bitte an alle, die seit Jahren Beiträge für Slobotkc und Kowno leisten, diese Beiträge, die sie leider während zweier Jahre ihrer Bestimmung nicht zusühren konnten, der „Agudas Jisrocl" in Frankfurt a. M. auf Postscheckkonto Nr. 6712 zu übermitteln, damit durch diese regelmäßigen Beiträge die Weiterführung des Werkes gesichert werden kann. Ei« bemerkenswerter Beschluß. Der l6. Delegiertentag der holländischen Zionisten, der rund 1700 organisierte Zionisten vertrat, beschloß den Ausschluß a l l e r M i t g l i e d e r, die Mischehen eingehen. Bei der gefahrdrohenden Zunahme der Mischehen unter den Juden Westeuropas sollten es sich alle jüdischen Vereinigungen zur Pflicht machen, gleiche Beschlüsse zu fassen. Man hat sich daran gewöhnt, die Mischehen leicht zu nehmen, — und es ist endlich an der Zeit, allgemein zum klaren Bewußtsein zu bringen, daß die Mischehen in der Wirklichkeit für das Judentum dasselbe bedeuten wie die Taufen, ein Unterschied zwischen beiden nur in der sittlichen -Bewertung besteht." Brief aus England. Die jüdische Wochenschrift „Pcwish World" erhielt von Harr y I. Montefiore, einem Verwandten des Sir Francis Montcfiorc, das folgende Schreiben: „Da ich einer der besessenen .Fanatiker' bin, der Mitglied der antideutschen, Liga ist und deren Zwecken und Zielen durchaus sympathisch gegcnnbcrsteht, schreibe ich, um zn versuchen, den Abscheu zu schildern, den ich über die Haltung Ihres Blattes empfinde. Erst heute las ich eine Nummer Ihrer Zeitung und sage Ihnen, das; Sie hoffnungslos außerhalb jeder Berührung mit in . England igcborenen Juden stehen, tvenn Sic den Glaube» über den britischen Patriotismus setzen. Sir Francis Montcfiorc war durchaus korrekt, als er sagte, daß diese Zeiten nicht geignet sind, kleine Sektenfragen -zin diskutieren, und daß es jedermanns Pflicht sei, loyal englisch zu fühlen. Nach, ihrer Anschlchung wäre es Pflicht, nicht nur mit dein deutschen .Volke «ine Verständigung nach deni Kriege zn suchen, sondern auch während des Krieges den Grundstein dazri! zn 'legen. ,Wpnn Las Ihre Anschauung ist, fy tun Sic Las größte Unrecht gegen britische Jude», die nicht die mindeste Lust haben, sich mit dem Schwarm, der zu Zentralcuropa gehört,, cinznlasscn. Der Deutsche, ob Christ, ob Jude, ist in nnscrcni Lande nicht gehaßt, das wäre ein Zeichen von L-urcht, aber er tvitd betracht als ein giftiges Tier, das weder göttlichen noch »rätschen Gesetzen gehorcht, und das Gefühl ist nicht gegen ihn, sondern gegen tue Lauheitunserer Gesetze, die Mitglieder dieser verworfenen Rasse zu», englische:, Staatsbürgertilm zuläßt, und Sie irren sich sehr, wenn Sie annehincn, daß irgend eine anständige Gcincindc sich Hut den „Boches" nach dem Kriege verbinden wird. Der jförieg, in dem.wir uns befinden, ist ein Krieg von IBölkcrn, bei denen Religion gqr keine Rolle spielt, und ich hersichere, wenn ich jünger gewesen wäre und an die Mont hätte gehen können, daß ich ein außerordentliches Bergungen daran gefunden hätte, mein Bajonett iii einen Deutschen zn stecke», ob er Jude oder preusislcher Junker wäre, denn wir niache» darin keinen Unterschied. Ihre Bemerkungen wäre» frech, wenn sic nicht so dumm wären, »n& erwecken den Anschein, als ob Sie ft, Jerusalem und nicht in London lebten." Auf diese Aeußerung eiues Tobsuchtsanfalles erwidert das Blatt: >,Wr versichern, daß -es »iederdrückend ist, daß teil, Stammesgenosse in England, geboren wie wir-- Gedanken aussprcchen kann, die beklagenswert wären,, wenn sie die Meinung eines rohen Tieres wären. Aber wir wisse», daß Herr Montefiore ein Gentlemen ist mit edlen Anlagen, so sanft, daß ,er keiner Fliege weht,,,, würde. 'Ein Bajonett in eines Deutschen Brust -stecken — zu viel. Glaubt Herr Montefiore, wir kennen die Geschichten von König Salomon und de», Sperlung nicht? Wir wollen sie ihm erzählen. König Salomon, der die Sprache der Tiere Verstand, hörte einen Sperling, der >an pen Mauern. des Tempels schabte, ausrnfeii: „Ich werde cs tun. Du wirst mich Nr. < nicht hindern. Du sagst, ich solle »ichl, aber iil) will biüv." Salomo» fragte ihn, willst Du .die Mauer» meines Tempels nicderreißeu? „Mächtiger .König", cntgegiäte der Sperling, Du tzveißt daß ich derartigcs"Hicht tun könnte. „Freilich weiß ich cs", erwiderte der .König: „Warn», sprichst Du denn eine solche törichte Prahlerei aus?" „Ich meinte es nicht so, aber der andere Sperling, den D» sahst, lvar nieinc Frau,-sie verhöhnte und ärgerte mich. Da wollte ich ihrimpoiiicre», das ist alles." - ' - . Solche Sperlinge sind Sir-'Krimei» und der Schreiber obigen Brieses." Das Blatt geht um dcu Kern der Sache herum, So schimpfen wie Mvntefiorc kann nur der, der sich selber schuldig fühlt. J>, Montefiore leben sicherlich noch die weicheren Regungen jüdischen Gcsamthcitsgefnhls, und die ivill er nun nfedcrschreien. Das ist die eine Seite des "Falls? Er hat aber auch eine andere Seite; diese lehrt, daß die Verdächtigungen des heute in England in Blüte stehenden Antisemitismus einen Ucberpatriotismus bei jenem Teile der Jntwnheit zur Folge hat, der die Verschmelzung mit der Nichtjudcnheit anstrebt, wenn er sich auch gegen eine solche Beschuldigung entrüstet verwahrt. Dieses Kapitel gehört zum Seclcnstudium des Assimilationsjuden. Eilt Träger des Namens Montifiorc, der seine Ruhe bewahrt hat, ist Claude Montefiore, der Vorsitzende der Anglo Newish Association, sonst in jüdischen Dingen ein sehr radikal rcformfreundlicher Herr. Auf der Jahresversammlung der Gesellschaft nahm er keincil Anstand, die jüdischen Gesamtintercsscn zn betonen. Wir ciitnehmcu seinen Worten folgende Einzelheiten: . Die Evcline-Schnlc in Jerusalem, die bedeutendste Schöpfung der Gesellschaft, mußte trotz, aller Bemühungen, ihren Betrieb zu erhalten, geschlossen werden. In Indien, Marokko und Egypten bcstehcn die Schulen in alter Weis: weiter. In Egypten ist für die .Kinder der jüdischen .Flüchtlingeaus Palästina eine mene Schule errichtet worden, der Frl. iLiandau aus Icrnsalen, vorsteht. / Die Baron Hirsch-Stiftung Newish Colonisation Association („Jca") kann mit Genugtuung die fortschreitende Entwicklung ihrer Kolonien in Argentinien, Kanada und den Bereinigten Staate» feststellen, i Das Coiijoi » t F o r e ign E o in m i t t e e nntcrnimmt alle Schritte, um bei der kommenden Friedenskonferenz vorbereitet zu sein. Me Emanzipatlonsarbeit des Avinitees erstreckt -sich auf die Länder, in denen die -Juden noch piicht die Gleichberechtigung besitzen. Die größte Aufmerksamkeit wird auch Palästina gewidmet, dem Lande, dessen Schicksal so viele Inden mit Liebe und warmem Interesse verfolgen. Scharf aber klär betonte aber der nächste Redner, der Chacham Dr. Gastcr, die jüdische Einheit und erzielte mit seinen Worten - lebhaften Beifall. Die Anglo Pewish Association habe „auch für die Emanzipation des jüdisch nationale Volkskörp,cns in der ganzen Welt zn arbeiten." Als eine geeinte Nation, nicht nur vertreten durch einzelne Organisationen, müsse die Judenheit vor den Friedenskongreß treten und verkünden, was sic als ihre Mindestforderungen betrachtet. Ans Rußland. Von B e n - I c p h u n c. An der r.... Grenze, 31. Dez. Die tzilfstätigkcit für die jüdischen Flüchtlinge seitens der anderen russischen Juden hat besonders während der letzten Monate in erfreulicher Weise zugenommen. Sowohl die Kricgsvereine — und cs ist ihrer eine beträchtliche Anzahl — wie auch die Hilfskomitcen haben den Unglücklichen große Spenden zuteil werden lassen, wodurch an manchen Stellen dem Elend abgeholsen werden konnte. Als besonders mildtätig haben sich die jüdischen Vereine der beiden Hauptstädte Rußlands erwiesen, und erst kürzlich hielten die jüdischen Bankangestellten Petersburgs eine Versamnilung ab, in deren Verlauf man den lobenswerten Beschluß faßte, das durch Sclbstbcsteuerung gesammelte Geld dcnl Zentralkomitee für jüdische Flüchtlinge zu übergeben. Im Anschluß daran drückten die Anwesenden den Wunsch aus, aktiver und kräftiger an den Organisationen für kriegsnotlcitcnde Juden tcilzunchmen. Eine ebenfalls schöne Tat beging eine jüdische Gesellschaft Moskaus, indem sie daselbst einen großen Bazar veranstaltete, und dessen Einnahmen dann, etwa. 12,500 Rubel, den Heimlosen Juden überwies. Eine weit wichtigere, allerdings mehr für das seelische Wohl sorgende Versammlung fand dieser Tage in Odessa statt. Nach längeren Debatten nahm das Hilfskomitee die Resolution an, alle Kräfte und Bemühen daranzusctzen, um die jüdischen Flüchtlinge vor einem geistigen Bankerott zn belvahrcn, wie z. B. zu verhüten, daß sic dem Schnorrer-