Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir zeigten in unserem ersten Aufsatz, daß, der Krieg an der jüdischen. Lage prinzipiell nichts geändert, sie vielmehr nur in außerordentlich starkem Maße verschlimmert und somit die politische und ideologische Grundlage des zionistischen Programms nicht im geringsten innerlich erschüttert, sie vielmehr nur gekräftigt und ihre Berechtigung neu erwiesen habe. Es .fragt sich nunmehr, welche Stellung der Zionismus zum. Kriege eingenommen hat, welches die Richtlinien der zionistischen Politik im Kriege sind und in welcher Weise der Krieg auf die zionistische Organisation und ihre Tätigkeit eingewirkt hat. Die erste und wichtigste Aufgabe, die der Krieg dem Zionismus stellte, war die der Aufrechterhaltung der Organisation und die Verhütung jeglichen inneren Konfliktes zwischen den verschiedenen Ländern. Es galt die Gefahr, die der völkertrennende und länderschcidcnde Krieg für alle internationalen Organisationen bedeutet, zu überwinden und die unbedingte innere Einheit der Bewegung zu wahren. Man weiß, wie viele der größten internationalen Organisationen? dieser Gefahr-erlegen sind; man -weiß, daß selbst die scheinbar internationalste derselben, die nicht nur aus äußeren Gründen, sondern aus tiefstem Priuzipe heraus internationale Sozialdemokratie durch den Krieg völlig gespalten wurde und ihr internationaler Charakter für lange Zeit heute dahin ist. Umso stolzer und befriedigter darf der Zionismus darauf verweisen, daß er dem Ansturnl des Kriegs staudgehaltcn hat und seine internationale Organisation, die Einheit der Bewegung heil und unversehrt aus den Leidenschaften und Stürmen des überspanntem trunkenen nationalen Gefühls hervorgegangen ist.. Das ist eine Leistung, die scheinbar nur unbedeutend,!veil sie äußerlich nicht erkennbar ist, die aber in Wahrheit eine Großtat von bleibender historischer Bedeutung darstellt. Daß diese, Leistung vollbracht werden konnte, verdanken wir neben der inneren Stärke des jüdisch-nationalen Solidäritätsgedankens vor allem auch der Haltung und Tätigkeit der Leitung. Sie hat von vornherein mit klarem- Verständnis der Situation den Standpunkt unbedingter Neutralität eingenommen und, trotzdem sic in Berlin ihren Sitz hat und. auch beibehielt, den Zionisten aller, auch der Ententeländer, die Neberzeugung gegeben, daß sie in Wahrheit und Aufrichtigkeit neutral ist und bleiben will. Wie verhängnisvoll jeder Fehltritt in dieser Hinsicht hätte wirken müssen, beweist das Beispiel der Alliance Jsraelite, die vor weniger Zeit infolge der neutralen Haltung ihres Pariser Sekretärs die Trennung der deutschen Mitglieder hat erleben müssen. ' ' Es ist bekannt, daß diese neutrale Haltung der Leitung mannigfachen Angriffen innerhalb der Bewegung ansgesetzt gewesen war, daß man versucht hat, die zionistische Politik in bestimmter Weise für die eine oder andere Mächtegruppe festzulegen. Alle diese Versuche sind zum Glück mißlungen. und haben das festumschriebeM Programm des E. A. C. nicht beeinflussen können. ' Diese Neutralität des Zionismus mußte aber eine Ausnahme haben, die aber eigentlich keine Ausnahme, sondern nur eine, verständnisvolle Anwendung des Neutralitätsprinzips ist: das B erhält nis zur Türkei durfte nicht das einer passiven und indifferenren Neutralität, sondern das aktiver und treuer Loyalität sein. Dieser Grundsatz, der seit jeher die vorwiegende Richtlinie der zionistischen Politik gegenüber der Türkei gebildet hat, durfte im Kriege, gerade im Kriege nicht aufgegeben werden, sollte der Zionismus sich nicht mit dem Odium einer untreuen und inkonsequenten. Politik beladen, und außerdem noch den gesamten jüdischen Besitzstand in Palästina in Gefahr bringen. Dieser Grundsatz, bedeutete auch, richtig verstanden, keine Abweichung vom Neutralitätsstandpunkt, denn er sprach nicht irgendwelchen Anschluß an die Mächtegruppe aus, der die Türkei im Kriege sich angeschlossen hatte, sondern -stellte nur die Fortsetzung des traditionellen und natürlichen Verhältnisses zur Türkei dar und brachte, allgemein gefaßt, nur das Prinzip zum Ausdruck, das; der Zionismus, der keine weltpolitischen Tendenzen verfolgt, sondern nur die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina erstrebt, dem Staate, der die Souveränität über Palästina besitzt, die Treue wahrt. So war diese Stellungnahme gegenüber der Türkrei trotz ihrer scheinbaren, äußerlichen ^Abweichung vom Neutralitätsstandpunkt doch die politisch und moralisch allein mögliche. Man weiß, daß auch diese Richtlinie der zionistischen Politik im Kriege heftigen Angriffen ausgesetzt war, ja, daß eine Reihe trauriger Vorkommnisse in Palästina diesen 'Angriffen scheinbar Recht gaben und mancher Zionist zeitweise in der Tat sich fragen mußte: Ist. die Fortsetzung unseres bisherigen Verhältnisses zur Türkei noch gerechtfertigt? Es muß in hohem Maße anerkannt werden, daß die Leitung durch alle diese Angriffe, vor allem aber auch durch all die zeitweiligen Schreckensnachrichten aus Palästina und die durchs sie hervorgcrufenen Stimmungen und Empfindungen sich nicht.im geringsten beeinflussen ließ, sondern ruhig ''und überzeugt an ihrer Loyalität gegenüber der Türkei festhielt. Sie sagte sich uiit Recht, daß einzelne Vorfälle, auch wenn amtliche Persönlichkeiten sie veranlaßt haben, nicht die Aenderung einer Politik veranlassen können, die auf eine alte Tradition gegründet ist, und aus einzelnen Vorkommnissen Schlüsse auf die Haltung der Zentralregierung zu ziehen, überall, besonders aber in der Türkei, höchst voreilig und unpolitisch wäre. So ward die schlimmste Zeit überstanden, dem Treiben eines eigenmächtigen judenfcindlichen Wüterichs in Palästina ein Ende bereitet, und heute erkennt wohl die gesamte Organisation, welch unabsehbaren Folgen es gehabt hätte, hätte sich die Leitung durch die Stimmung jener Tage fortreißen lassen, und wie gerechtfertigt? und segensreich ihr Festhalten an der alten' traditionellen Loyalitätspölitik war. Diese beiden großen Richtlinien der zionistischem Politik im Kriege — Neutralität gegenüber den beiden Mächtegruppen, Loyalität gegenüber der Türkei — bedingen naturgemäß eine gewisse Passivität- und Reserviertheit in ihrer politischen Tätigkeit. Neutralität erfordert eben ruhiges Abwarten, ^vorsichtige Zurückhaltung, zum großen Teil passives Zuschauen, denn jeder Schritt kann zu Mißverständnissen und unliebsamen Folgerungen Anlaß'geben. Und so mußte die Tätigkeit der Organisation. viel weniger in großen politischen Aktionen? als in innerer o r g ä n i s a t o r i s ch e r ü n dpa l'ä st i n e n s i s ch e r A r b eit bestehen. Die Organisation innerlich . ausgestalten uns) kräftigen und den Besitzstand in Palästina bewahren und aus den Stürmen des .Krieges möglichst unversehrt hervorgehen lassen, darin mußten die zwei Hauptaufgaben der aktiven zionistischen Arbeit während des Krieges bestehen. Beide Aufgaben suchte die Leitung nach Möglichkeit zu erfüllen. Was zunächst die F ü r s o r g e für Palästina betrifft, so wissen unsere Leser aus vielen Berichten und Nachrichten, wieviel es da zu leisten und zu verrichten galt. Brachte doch der Krieg ungeahnte Not und Gefahr fiir die" palästinensische Bevölkerung. Ter völlige Abschluß von der Außenwelt, die der Eintritt der Türkei irr den Krieg herbeiführte, die dadurch hervorgerufene Unmöglichkeit jeglicher Ein- und Ausfuhr, der Mangel an Lebensmitteln und Rohstoffen, die ökonomische Not infolge des Nichtverkaufs der beiden Jahresernten und des plötzlichen 'Abbruches des Spendeneinlaufs der „Chalukah", all dies und noch manches andere bedingte eine innere Krisis, die zeitweise für die Fortexistenz des gesamten palästinensischen Werkes zittern ließ;, und als noch zu all diesem Elen.d die Heuschreckenplage hinzukam, da begann das Herz manches Zionisten sich in Verzweiflung und Jammer zusammenzukrampfen. Glücklicherweise ist das Schlimmste verhütet worden, und man muß der Leitung das Verdienst zuerkenuen, daran mit allen Kräften und beträchtlichem Erfolg mitgewirkt zu haben. Durch' die Organisierung einer großen Hilfstätigkeit, durch Spendensammlungen, besonders in Amerika, durch Sen-" düng von Lebensmitteln und Rohstoffen, durch Zuhilfenahme der bestehenden Institutionen, .vor allem aber durch die rastlose ausgezeichnete Wirksamkeit des Leiters des zionistischen Palästinaamts in Jaffa gelang cs, der schlimnlsten Not zu steuern und das Ganze doch ziemlich über Bord zn halten, Und wenn auch heute noch nicht alle Gefahr beseitigt und die Not noch groß ist, so braucht man doch an der Erhaltuiig des Patüstinawerkes nicht mehr zu zweifeln und darf hoffen, daß auch diese junge zarte Blüte der zionistischem Tätigkeit wenn auch leider nicht unbeschädigt, so doch ungebrochen aus dem Kriege hervorgchcn wird. .Hand kn Hand mit dieser palästinensischen Arbeit ging die organisatorische Tätigkeit. Auch hier galt es, große -Schwierigkeiten zu überwinden. Tic Verbindung mit den einzelnen Ländern war unterbrochen, die militärische Einberufung vieler junger Kräfte hatte die Bewegung so mancher der eifrigsten Mitarbeiter beraubt und die bald einsctzenden Kriegsgeschehuisse in Rußland führten — wie man weiß — zu jenem furchtbaren . Martyrium der russischen Judenheit, das viele blühende jüdische Gemeinden vernichtete, und eine in diesem Nnifang noch nie erlebte Expatrierung von Hunderttausenden zur Folge hatte. All dies mußte naturgemäß die Organisation in der ungünstigsten Weise beeinflussen. Auch hier versuchte die Leitung alles zu tun, was in ihren Kräften lag. In Kopenhagen wurde ein Büro errichtet, das die Verbindung-mit den verschiedenen Ländern vermitteln sollte, Zusammenkünfte der großen Aktionskomitees nach Kopenhagen wurden einberufen, und nach Möglichkeit wurde die organisatorische. Tätigkeit fortgesetzt. Ihre besondere Aufmerksamkeit aber richtete die Leitung auf jenes große jüdische Zentrum, das allein vom Kriege unberührt war: auf das a m e r i k a n i s ch e Judentum. Tort hatte der Zionismus bisher auch noch nicht einen. Bruchteil der Ausdehnung gewonnen, die er bei systematischer eifriger Agitationsarbeit mit Leichtigkeit gewinnen konnte.