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Neue jüdische Presse · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Frankfurter Israelitisches Famrlienblatt. Ente 5 und Barmherzigkeit, haben nur ihre Augen zu ihm iu der Höhe gebetet, ihre Lippen aber haben angclächelt den herzbeglückten Mann. So ist sie gewesen bis ihr Tag ist gekommen vom Gott, licht im Antlitz und licht in der Seele." Es währte lauge bis Salme nach diesen Worten tviederuin zu sprechen begann. Es geschah dies iu singendem Tone synagogaler Klagen, die aber auch zuweilen als Naturlaute hervorströmcn aus gebrochenem Herzen. „Da muß", sagte er, indem er sich leise in der schmerzlichen Melodie seiner stiebe hin und heriviegte, „da muß eine große Versündigung in der Khille gekommen sein. Es ist Trauer und Klag über alle Herzen gefallen. Es sind tveggenonunen worden erst viele junge Kinder im hitzigen Fieber und dann die jungen Weiber! Wir haben nach unseren Sünden geforscht, man hat den ganzen Tag Psalmen gesagt, Aber der 'Engel hat seine Hand ausgestreckt gehalten zu strafen und hat sie nit zurückgezogen, bis in sechs finstern Wochen hinausgetragen tourden zweiundvicrzig Seelen, Kinder und junge Weiber nach dem Friedhof, wo sic ruhen nebeneinander in einer Reihe, die die Leichenbestatter nennen: die Reihe der Frauen und Kinder. „Und in der Reihe", fuhr Saline nach einer Pause Ivieder ruhig fort, „in der Reihe nebeneinander liegt meine fromme Jütte und Elke Cyaskels, Deine Mutter." Der früh verwaiste Mendel hatte bisher im Leben nur zufällige und flüchtige Nachrichten über seinen Vater und fast gar keine über seine Mutter vernommen. Erst in den letzten Wochen, >vo eine bedeutsame Umwandlung seines ganzen Wesens in ihm vorgegangcn war, hatte er in seinem träumerischen Sinnen hierüber und namentlich über die Niedrigkeit seiner Herkunft viel nachzudenken Ursache gehabt. So unerwartet jetzt von seiner Mutter sprechen zu hören, >var daher für ihn von mächtigem Eindruck. (Fortsetzung folgt.) Fügen Sie Ihren Sendungen ins Feld eine Schachtel Fays ächte Sodener Miueral-Pastillen bei. Sie erweisen damit unseren tapferen Kriegern einen doppelten Dienst. Erstens sind „Fays ächte“ ein vorzügliches Mittel gegen alle Erkältungen und zweitens wirken dieselben durststillend. Verlangen Sie aber ausdrücklich „Fays ächte“, weil minderwertige Nachahmungen bestehen. Schlichte Heide«. ' Skizze von Adolf Stark. (Nachdruck verboten.) Gr — Mit einem Schuß ins Bein, welcher für immer eine jede Marschfähigkcit aufhob, war Oberst Rode heimgekehrt. Nun saß er wieder in seinem behaglichen Studierzummer, bequem znrückgelehnt, das kranke Bein sorgsam auf 'einem Stuhle gebeitet, und ich saß ihm gegenüber wie in früheren Zeiten, ehe das große Ringen begonnen hätte. Der Rauch der Zigarren stieg in feinen Wölkchen empor in die Luft, um in Nichts zu zerstieben, auf dem kleinen Tischchen zwischen uns funkelte der rote schwere'Dalmatiner in den'alten Römern, im Kamine brannte, das Feuer, alles war wie früher, und wäre nicht das kranke Bein meines Freundes gewesen, man hätte glauben können, dieser ganze Weltkrieg sei nur der häßliche Traum eines überreizten Gehirnes. Aber noch etwas ivar hier im Zimmer, was ich vor dem Kriege nicht gesehen hatte, und ich kannte doch jeden Künstgegenstand, jedes Bild, jedes Buch. Nein, der Rahmen dort drüben am Kamin hatte vorher nicht da gestanden. Er enthielt offenbar ein Bild, aber das Ganze lag im Schatten, ich konnte nichts genauer erkennen. „Hast Du Dich photographieren lassen?" fragte ich. Denn ich: kannte den fast krankhaften Widerwillen des Obersten gegen das Photographieren. Als begeisterter Freund der Malerei haßte er die mechanische Wiedergabe, von der er behauptete, daß sie nur die Form wiedergebe 'und den Geist töte. Um so mehr überraschte mich das Bild in seinem Zimmer, Er schüttelte das Haupt. „Mich photographieren lassen? Niemals. Und wenn ich ausnahmsweise das Bild hier dulde, so geschieht dies nur deshalb, Iveil ich kein anderes BUd habe und weil unter Umständen eine Photographie doch noch besser ist als gar nichts. Bitte, hole doch^das Bild. Du entschuldigst schon, aber mein Bein —-" >Als ich den Rahmen mit dem Bilde in das volle tLicht brachte, mußte ich unwillkürlich hell auflachcn. Ich hakte einen Kanieradcn des Obersten zu sehen eri. wartet oder vielleicht eilt Frauenbildnis. Der Kontrast ivar gar zu lächerlich^ Da sah mir aus dem Rahmen ein polnischer Jude entgegen: die Haltung, selbst auf dem Bilde, offenbar trotz aller Bemühungen des Photographen, windschief und verschoben, ein verlegenes Lächeln auf dem hageren, scharfgeschnittenen Gesicht mit den charakteristischen Löckchen über beiden Ohren. Ter lauge Kaftan, das schwarze Käppchen, nichts fehlte, um die typische Figur des polnischen Juden zu vollenden. Oberst Mode setzte das Glas, aus welchem er eben getrunken hatte, klirrend auf den Tisch. „Du' lachst, natürlich. Hätte ein Maler das Bild gemalt, einer, der es' versteht, die Seele, die lebendige Seele mit in die Züge hineinzuzanbern, du hättest es gewiß nicht getan. Doch wir wollen nicht Ivieder auf das alte Thema kommen. Lasse Dir lieber von meinem stillen Helden Leib Gänsebügel erzählen. Nein, bitte, lache bricht. Ich versichere Dich, es ist ganz und gar nichts Lächerliches dabei. Man kann Schmachtlocken und Kaftan tragen, Leib Gänsebügel heißen, und ein. verschüchterter, elender polnischer Betteljnde sein und doch ein Held dabei. Hast Du es Dir schon klar gemacht, daß dieser große Krieg eine Umwälzung in unseren ganzen sittlichen "Anschauungen mit sich bringen wird, mit sich bringen muß? Es ist so vieles, was alt und morsch war, im Donner der Kanonen zusamniengebrochen, nicht nur Rußlands Scheingröße und Albions Hochmut, auch Vorurteile, überlieferte Begriffe, ebenso falsch heute wie sie einst richtig waren, alles dies ist zusamniengebrochen. Natürlich kommt uns das jetzt nicht zum Bewußtsein. Psir haben weder Zeit noch Sinn dafür, aber nach dem Kriege, wenn wir beginnen werden, uns wieder auf uns selbst zu besinnen! — — — Zu diesen Begriffen gehört in erster Reihe der Begriff des Helden. Die Zeiten von Annodazumal, aus der Ilias- und Ritterzeit, aus welchen unsere Jugend uno unsere Damenwelt noch immer ihr Heldenideal schöpfen, die Zeiten, wo Körperkrast und Rauflust die erste Vorbedingung zum Heldentum waren, sind ein für allemal vorbei. Die Helden von heute sehen anders aus. lieber einen Leisten schlagen läßt sich der Begriff überhaupt nicht. Es gibt Heldentum in zwanzig verschiedenen Gestalten, denen allen nur das eine gemeinsam ist: die Schlichtheit, denen allen eben das fehlt, wgs für den Helden von Annodozumal charaktcristisch ist: die Pose. Einer dieser schlichten Helden ist der Mann, dessen Bild Du in der Hand hältst. Um auf Leib Gänsebügel zu kommen, muß ich zuerst von mir reden. Diesen Schuß ins Bein erhielt ich, als ich an der Spitze meines Regimentes den Ansturm einer zehnfachen russischen llebermacht abwehrte. Als die Meinen schließlich doch weichen mußten — ach, es war nur noch ein kleines Häufchen und die mußten förmlich gezwungen werden, zurückzugehcn, da unsere Aufgabe erfüllt war, wären lieber alle an Ort und Stelle gefallen —, als die Meinen also auf Befehl zurückgiugen, brachte man mich, den sie hatten liegen lassen, nach Lemberg ins Spital, nach Lemberg, wo damals noch de^ Statthalter des Zaren residierte. Wir waren natürlich außer aller Verbindung mit der Außenwelt. War wir an Nachrichten erfuhren, war so toll und trug so deutlich das Zeichen der Fälschung, der Mache, daß wir keiner glaubten. Und dann begann der Rückzug der Russen, von dem trotz aller Vorsicht Gerüchte durchsickertcn. Uebrigens, schon die Nervosität der russischen Behörden hätte verraten, daß irgend etwas nicht recht stimmte. Eines Tages, ich ging gerade, auf Krücken gestützt, ein wenig im Spitalgarten spazieren, erschien der erste österreichische Flieger über der Stadt. Ich erkannte ihn sofort als einen der Unseren, noch ehe das sinnlose, rasende Geschieße der Russen die ganze Bevölkerung rebellisch machte. Ter selige Noah kann unmöglich freudigere Gefühle gehabt haben, als seine berühmte Taube mit dem Oelzweig im Schnabel zur Arche heimkehrte, als sie uns alle damals beseligte, da unsere Taube majestätisch über die Stadt hinflog. Ich wußte genau, was mir bcvorstand: Verschleppung, ins Innere. Ich war aber auch sofort, vom ersten Tage an, fest entschlossen, alles daran zu setzen, um diesem Schicksale zu entgehen. Rur das Wie war mir noch dunkel. Und da trat Leib Gänsebügel auf den Plan. Ich kannte ihn schon lange vom Ansehen. Er war Kutscher bei dem Fleischlieferanten des Spitals. Tagtäglich rollte sein kleines Wägelchen, von einem elenden mageren Pferde gezogen, in den Hof, wo wir spazieren gingen, und während die Köche das Fleisch ablnden, stand er da, gebückt und verschroben wie ein Fragezeichen, und die großen, schwarzen, melancholischen Augen folgten uns auf unserem Spaziergang. Am selben Tage,, da in der Frühe die Rumpler- Taube sich gezeigt hatte, kam er wie gewöhnlich. Eine quecksilberne Unruhe schien den hageren Körper z» beleben. Er zwinkerte mir mit den."Augen zu. so oft ich voi - nberkam, und machte allerhand Gesten, die ich anfangs nicht recht verstand. Endlich richtete ich es so ein, daß ich an ihm vorüber kam. „Sie kommen", flüsterte er mir zu. „Tie Unfern kommen. Mein Vetter ist gestern in die Stadt gekommen. Bei Gorlicc haben die Unsrigen die Russen geschlagen, oi, wie haben sie sic geschlagen. .Hunderttausende sind tot, Millionen sind tot. Und die vielen Verwundeten. Oi, oi, ganze Züge, bei Tag nnd bei Nacht." Das Herz klopfte mir zum Zerspringen. Und ich versichere Tich, in dem Augenblick habe ich es durchaus nicht als lächerlich empfunden, daß ein armseliger polnischer Jude unser Heer „die Unfern" nannte, und keinen Menschen in der Welt fühlte ich mich in diesem Augenblick so nahe verwandt wie Leib Gänsebügel trotz Schmachtlocken und Kafran. Am andern Morgen kam die erwartete Kommission, welche uns alle nntersnchte und die Transportfähigen, darunter auch mich, für den nächsten Tag zum Abschub ins Innere bestimmte. Am Mittag pürschte. ich mich an den Kutscher heran, und er verstand mich sofort, hatte auch gleich einen Plan, auf den ich nie verfallen wäre. "Am Abend nach Einbruch der Dunkelheit kam er wieder und brachte noch eine Fleischsendung. Das fiel weiter nicht auf, weil -es? öfters Vorkommen mochte. Ich hatte mich im Hausflur verborgen und schlüpfte in den leeren Korbwagen. Leib Gänsebügcl verbarg mich unter den blutigen Matten, mir denen er das Fleisch zuzudeckeu pflegte nnd schaffre mich aus dem Hanse. In seiner eigenen Hütte verbarg er mich noch sechs Tage lang, bis die Russen abgezogen waren. Er verbarg mich, trotzdem er wußte, daß auf sein Tun die Todesstrafe stand, verbarg mich, den Andersgläubigen, der ich ihm gänzlich fremd ivar, nur, weil ich „einer der tlnsern" war. Und als die Gefahr glücklich vorüber war, weigerte er sich hartnäckig auch nur einen Heller anzunehmen, trotz seiner Armut, einer "Armut, von der wir im kultivierten Westen uns keine Vorstellung.machen." — — — Wir stellten das Bild zwischen uns auf den Tisch und stießen an nnt dem schweren dunkelrotcn Dalmatiner auf das Wohl des Patrioten im Kaftan, Leib Gänsebügel. Offen baeh er Druckluft-Anftag» Offinbach a. H. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfnrt). Bewährteste Tapplchralnloang (100,000 qm jährlich) sowie unübertroffene Battenu. Battfadarnralnlflunq mittelst Druckluft nnd Wasserdampf Aus Felvbriesen. Sag, Du kennst doch' das Bild, das man in vielen jüdischen Häusern finden kann (ich glaube, es heißt Golus). Gebückt nnd gedrückt sind die Gestalten, die dahin wandern. — So, viel schrecklicher habe ich sie dahin zielic» sehen, die "Armen unseres Volkes, zu Hunderten nnd Tausenden. Als die Deutschen gegen Kowno hcranrücktrii. mußten die Juden von Kowno und Uingegend innerhalb einer Stunde die estadt räumen. Kowiw zählt 35 000 Juden. Was eine solche Maßregel bedeutet, kannst Du Dir ungefähr vorstellen. Hab nnd Gut blieb zurück. Eben noch reiche Leute waren zu Bettlern geworden. Biele waren nach Wilna geflüchtet, Zn Jom-Kypur kamen auch die Russen von Kowno zurück nach Wilna auf der-Flucht vor .den deutschen Waffen. Kol-Ridre abends 7 Uhr kamen die ersten. , Die ganze Nacht flutete in stürmischer Eile das Russenheer durch Wilnas Straßen. Morgens 0 Uhr chatten die letzten die Stadt hinter sich. 9 Uhr 30 «waren die Deutschen hier. — Die Russen hatten die Absicht gehabt, in Wilna mit 20 000 Inden dasselbe zu tun wie in Kowno. Ein Höherer hatte es anders gewollt. Kaum Zeit chatten die .Müssen, hier und da in einem Geschäft noch zu plündern, was sie sonst doch so meisterhaft verstehen. — . Die ich znrückwaiidcrn sah, das waren Kvwnoer Juden. Zu Hanse finden sie vollständig zertrümmerte Wohnungen. Die Russen verstehen das Handwerk des Zusammenhauens gar wohl.' Jetzt «zogen die Armen an uns vorbei in glühender Sonnenhitze (es wird hier tagsüber sehr heiß), durch den tiefen Sand viele, viele Kilometer. So ist .das Golns unseres Volkes. Hier in Wilna 'ist die Lage etwas besser. ghur die Brotfrage' ist brennend. Im übrigen, besonders, was die Behandlung durch die Deutschen angeht, können die Leute sicher zufrieden sein. —Ungewöhnlich und seltsam für das Auge eines ehrbaren Deutschen istdas Straßenleben. Den ersten Abend machte mich das, chas ich sah, zuin Weinen traurig. Da drängen sich auf den Bürgersteigen hochfein aufgeputzte Damen an Hunderten zwischen Offizieren nnd Mannschaften. Ich habe tatsächlich nie in Deutschland und selten in Paris solche Schönheiten, solche Eleganz gesehen. Damen auf der Straße ohne Herrenbegleitung (außer mit Soldaten) bei Nachtzeit! — Du jchanst Dir die Damen "an. Und unglaublich säst — meist jüdische Typs. — Sind derart unsere 'russischen Jude»? — Aber ich konnte bald tiefer sehen. Ich sprach mit vielen Juden hier. Es ist gewiß sehr schlimnt. Viele jüdische'Mädchen, deren Eltern man irgendwohin ins Innere Rußlands gebrachr hat, sind russischen Offizieren

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