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Neue jüdische Presse · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. fein, wenn nicht da» Blatt, dessen Verleger Rudolf Masse, dessen Chefredakteur Theodor Wolfs ist? Zum 3tuser im Streite aber gab sich Herr Paul Harms , her, leider ein Paul Harms, deu wir sonst als gediegenen, sachlichen und wissensreichen Publizisten hochschätzen, der aber diesmal an der Vertretung einer so schlechten Sache seine gute Kraft vertun mußte. Doch bevor wir uns mit dem Aufsatz des Herrn Harms näher beschäftigen, sei noch kurz ein Präludium erwähnt, das man kurz vorher im „Zentralorgan der deutschen Sozialdenwkratic", denr „Vorwärts", genießen konnte. Dort hatte sich ein „polnischer Genosse" zu Worte gemeldet und hatte in jenem kategorischen Tone, den die seichteren Jünger des Marxismus so oft an sich haben, erklärt, erstens gäbe es keine jüdische ^Nation, und zweitens sei an der ganzen trostlosen Lage des polnischen Judenmms allein ihre Orthodoxie schuld, die sie im Ghetto halte, sie in mittelalterliche Fesseln schlage usw. usw., wie das bekannte Sprüchlein dieser hohlköpfigen Weltbeherrscher und Menschenbeglücker lautet, das wir in der Zeit der russischen Revolution so oft vernehmen mußten. Sich heute nochmals ernstlich in eine Polemik gegen diese Flachheiten einzulassen, hieße ihnen wirklich zuviel Ehre erweisen, und so seien diese Auslassungen des „polnischen Genossen" nur registriert, einmal weil sie symptomatisch sind für die Stellungnahme der unentwegten Marxisten jüdischer und polnischer Nationalität in Polen zum polnisch-jüdischen Problem und ferner,, weil sie nicht minder charakteristisch sind für die Denkweise ihrer Gesinnungsgenossen in Deutschland, die im „Vorwärts" ihre Vertretung sehen; hatte doch dieser die Ausführungen des „polnischen Genossen" an leitender Stelle veröffentlicht. An diese Ausführungen knüpfte sich noch im „Vorwärts" eine Debatte an, iitdein ein „russischer Genosse" dem polnischen entgegentrat und, weit verständnisvoller^ die nationale Gleichberechtigung der polnischen Juden neben den Polen forderte, allerdings nur, weil er darin das beste Mittel zu ihrer Gewinnung für die Heilslehren des Sozialismus erblickt. Mit einer Replik des „polnischen Genossen" war, das Präludium im „Vorwärts" beendet, lunö es folgte die große Hauptattake, geritten von Herrn Paul Harms. Wir sagten bereits, daß wir Herrn Harms als sachlichen und objektiven Publizisten hochschätzen; es scheint aber, daß er, sowie' er an die Behandlung jüdischer Fragen herantritt, die er ganz im Sinne der jüdischen Assimilation betrachtet, unwlllkürlich auch die Tonart und Denkweise dieser Kreise sich—zu eigen macht: er beginnt zu witzeln. Das ist ja eine der charakteristischen Eigenarten des entwurzelten jüdischen Literatentums aller Länder, daß es, sittlich unfähig zum Ernst, die ganze Welt unter dem Gesichtswinkel des Witzes, der „Geistreichigkeit", des „Esprit (in seiner schlechteren Form) betrachtet. Herr Harins, der sonst so ernsw und sachliche Schriftsteller, verfällt in seinem Aufsatz über das polnischjüdische Problem in dieselbe Manier und eröffnet seine Attake mit einer Reihe billiger Witze über die angebliche Unfehlbarkeit tutd mathematische Sicherheit mit der Nachum Goldmann seine Lösungssormcl des Problems vorbringt. Was Herrn Harms besonders einpört, ist die Bestimmtheit, mit der Goldmann behauptet, die polnische Judcnheit bilde einen nationalen Organismus. In der Tat: vom Standpunkt der Assimilation muß solch eine kategorische Behauptung einfach als eine Frechheit erscheinen; seit Jahrzehtrten predigt man aller Well das Dogma vom Konfessionsjudentum, und nun kommt einer und behauptet in den „Preußischen Jahrbüchern", also an einer. Stelle, da es alle. Nichtjuden lesen können, die polnischen Juden seien eine Nation. Und diese Behauptung wird ohne Wenn und Wer, ohne jede Verklausierung und Milderung aufgestellt, ohne Einschräiikung und Abänderung in ihrer ganzen Rücksichtslosigkeit und Furchtbarkeit verkündet: das ist in der Tat mehr als kühn, das ist unverschämt. Wer Herr Harms hütet sich wohlweislich, diese Unverschämtheit, die dupch die Statistik, durch die Geschichte, durch das Leben auf Schritt und Tritt bewiesen wird, zu widerlegen. Abgesehen von den paar billigen Witzen, die er dagegen vorbringt, führt er nur noch ein Gegenargument heran und dies in der Gestalt eines Gegenzeugen: des Dichters Emil Franzos. Aus den Schilderungen des >ostjüdischen Lebens bei Franzos, erklärt Herr Harins, gehe doch mit Klarheit hervor, in welch „siechem Und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. l'tr- 2 9 kümmerlichen" Zustand sich der ostjüdische Organismus befinde. Herr Franzos als Kronzeuge für den innern Zustand des ostjüdischen Organismus ist nicht übel. Statt an Mendelc Mocher Sforim, Pereg, Asch und viele andere der großen ostjüdischen Dichter von heute ein Bild vom inneren Leben und Wesen des Ostjudentums zu gewinnen, holt sich Herr Harms seine Kenntnis aus den Schriften von Emil Franzos, der einer von jenen war, die das Ghetto in sich „überwunden" und den Weg zum „Licht der westeuropäischen Zivilisation gefunden hatten, der dem oft/? jüdischen Leben daher innerlich fremd und fern stand und so wohl gute äußere M ilicuzeichnungen, aber nimmermehr ein Bild seines inneren Lebens geben konnte. Wer, um auf Grund der Schriften der großen ostjüdischcn Dichter von heute eine richtige Vorstellung vom inneren Zustand des Ostjudentums -zu gewinnen, hätte Herr Harms diese ja kennen müssen? Was aber weiß Herr Harms von ihnen? Was weiß er überhaupt vorn Ostjudentum? Er weiß, daß auf Grund der Theorie des Assimilationsjudentums keine jüdische Nation im Osten existieren darf; was aber diese Judcnheit des Ostens in Wahrheit ist, wie sie lebt und schafft, was kümmert das Herrn Harms! Mein er muß wohl selbst empfunden haben, daß die Zeugenschaft von Emil Franzos kein durchschlagendes Argument darstellt, und so versucht er, noch von einer andern Seite her die Forderung nationaler Gleichberechtigung für das polnische Judentum zu widerlegen. Zunächst nimmt , er seine Zuflucht zur Geschichte; die Geschichte beweise, daß eine Minorität wie die polnische Judcnheit früher oder später sich auflösen muß. Wer erkennt auch hier nicht die alte liebe Argumentationsweise der Assimilation, die schon hundertmal auf Grund historischer und natürlicher Gesetzmäßigkeit nachgewiesen hat, daß es einfach keine jüdische Nation gäbe, und falls Reste derselben sich bis heute noch erhalten. hätten, sie in Zukunft einfach untergehen müßten; ja müßten, weil es die historische Gesetzlichkeit so verlange. Herr Harms führt einige Beispiele dieser Gesetzmäßigkeit an. Die Sachsen und Normannen in England, romanische Kelten und germanische Franken in Frankreich, germanische und slavische Stämme im östlichen Deutschland, sic alle verschmolzen im Laufe der Jahrhunderte zu einem neuen Volksstamm; ebenso werde es mit den Polen und Juden in Polen ergehen. Daß aber demgegenüber viele andere Beispiele da sind, da solche Verschmelzung nicht eintrat — die Polen in Deutschland, die Ruthenen in Galizien, die Italiener in Oesterreich, die Deutschen in Amerika, und — last not least — die Juden in Westeuropa, die noch Gottlob auch nicht mit -den anderen Völkern verschmolzen sind —, daß ferner ein erheblicher Unterschied - besteht zwischen den wenig entwickelten Stämmen früherer Jahrhunderte, die leicht miteinander verschmolzen, und hochentwickelten, national selbstbewußten Nationen von heute, bei denen^solche Verschmelzung meist nicht eintritt, dies und vieles andere vergißt Herr Harms und prophezeit mit der Sicherheit, die ihm sein angebliches Wissen der historischen Notwendigkeit — gibt es eine solche überhaupt? — verleiht, die Auslösung der polnischen Juden. Allerdings, Herr Harms ist vorsichtig; er beansprucht für diesen Prozeß an die 150 und mehr Jahre, sodaß eine Kontrolle seiner Prophezeiung für uns Lebende kaum möglich sein dürste. Ja, er ist offen genug, zuzugeben, daß es gewisse Metalle gibt, die überhaupt nicht schmelzen wollen und meint selbst: „die schlechtesten Metalle sind das bekanntlich nicht!" Was wird nun Herr Harms sagen, wenn wir die Ostjudenheit als zur Kategorie dieser unschmelzbaren Metalle zugehörig erklären? Die heroische Geschichte des jüdischen Volkes, der Heroismus der Ostjudenheit, die trotz der Furchtbarkeit ihrer Lage dem Judentum - unbedingte Treue hält, gäbe uns Recht genug dazu. Und endlich: Zugegeben, daß in ferner Zukunft die Auflösung der Ostjudenheit eintreten würde, welche Bedeutung hätte solche Prognose für die aktuelle Frage, wie ihre Stellung innerhalb des neuen polnischen Gemeinwesens von heute zu regeln wäre? Wenn Herr Harms nur ein wenig sachlich und vorurteilsfrei das Problem betrachten wollte, müßte er doch einsehen, daß seine Lösung in Wahrheit keine ist und man, will man nicht die polnischeJudenheit in brutalster Weise entrechten. ihr ihre nationale Gleichberechtigung nicht versagen kann. Doch Herr Harms hat außer seiner historisch begründeten Vorhersage der ' künftigen Auflösung der polnischen Judenheil — die in Wirklichkeit für das Problem selbst praktisch bedeutungslos, ist noch ein anderes, aktuell-politisches Argument: die polnische Judenheit von heute bilde einen „Staat im Staate" und müßte bei Forterhaltung ihrer nationalen. Sonderart auch in Zukunft einen solchen bilden. Das aber könne Deutschland nicht dul- ..den. Mit diesem Argumente erstieg Herr Harms die Höhe innerlich unwahrer Argumentation. Das Schlagwort vom „Staat int Staate" war von jeher und überall die Lieblingsphrase aller reaktionären und chauvinistischen Parteien, die die gewaltsame Unterdrückung aller fremden nationalen Minoritäten predigten. Sv ward sie in Deutschland stets von den Hakatisten in ihrer Forderung von Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Polen, von den Antisemiten in ihrer Propagierung von Ausnahmegesetzen gegen die Juden, so ward sie in Rußland immer von den reaktionären „Schwarzen Hundert" in ihrer Politik der Vergewaltigung aller nichtrussischen Nationalitäten mit Vorliebe benutzt. Und nun kommt Herr Paul Harnts, der liberale ^Publizist, der Redakteur der „Berliner Tageblatt" und macht sich dieses Schlagw.ort zu eigen. Und bedenkt nicht, wie er sich damit selbst ins Gesicht schlägt. Wir sind auch überzeugt davon, daß er in der Polensrage in Preußen, in der Nationalitätenfrage in Oesterreich niemals diesen Standpunkt einnehmen, vielmehr mit aller Entschiedenheit für die Rechte der nationalen Minoritäten eintreten wird. Den Juden gegenüber aber ist alles gestattet; ob nun der Liberalismus dabei zum Teufel gelst, ob alle» elementaren Rechtsprinzipien verletzt werden, die Hauptsache ist, daß cs keine jüdische Nationalität in Polen geben darf, denn sonst gerät das Dogma vom Konsessionsjudentum in Gefahr. Man versteht, daß mit' Leuten, für die diese .Motive die entscheidenden sind, nicht zu streiten ist. Gegen Vorurteile und Dogmen ist alle Logik vergeblich. Und so ist denn hier auch der Aussatz des Herrn Harms nicht seiner sachlichen Argumente wegen, die belanglos sind, sondern seiner symptomatischen Bedeutung wegen als charakteristische Ausdrucksform der Stellungnahme des Assimilationsjudentums zum bedeutsamsten jüdischen Problem der Stunde besprochen und analysiert worden. Grr Me, stier ihre l / ten Dick Bei rie scho dur ' erst mol - «icfj lich als nnt bur In, Bei Ein Im die schc der pht d. Ko- Ri< hin lis, keil der das des nie sich liä Hel Sh-i lick lick au sei. tri UN au au bei hö 3l> sät uu Warum ist die materialistische Anschauung minderwertig gegenüber der weta-hyfischeü 3 Von Hermann Cohn, Nürnberg. Die Naturwissenschaft und Forschung, die nicht von der Metaphysik ansgcht, wird immer den Mangel der Unvollkommenheit an sich haben, »veil sie die Grundsätze, ans denen sie beruht, nie oonsequent durchführen kann, und inconsequente Grundsätze — also solche, die einmal gelten und das andere Mal ^nicht —, sind eben keine Grundsätze. Die.materialistische Natursorschuug leugnet sowohl die Existenz eines übernatürlichen Schöpfers wie auch alle Metaphysik -überhaupt. Dagegen ließe sich nichts einwenben, wenn diese Materialisten uns zeigen könnten, daß die Wissenschaft auch ohne Hilfe der Metaphysik zu befriedigenden Resultaten führte! Mer ist dem so? Wir wollen einmal auf die Grundpfeiler dox wissenschaftlichen Forschung zurückgehen. Dieselbe beschäftigt sich imr mit Körpern und sogenannten Naturkräften. Letztere wirken auf die Materie und verändern, resp. entwickeln sie nach und nach zu bestimmten Wesen und Systemen — vom Sandkorn bis zum Sonnensystem und vom Einzeller bis znm Menschen. 9tun befindet sich die Materie im Raume, und eine Entwickelung geschieht nur allmählich, d. h. in der Zeit. Der Raumbegriff und der Zeitbegriff sind also dein Materialismus genau so notwendig wie die Begriffe von Materie und von Kräften. — Für Raum und Zeit erlaubt uns die Vernunft keine Grenzen anzunehmen, vielmehr muß der Raum unendlich und die Zeit ewig sein. Die Begriffe der Unendlichkeit und Ewigkeit sind aber für unfern Verstand unfaßbar und rein metaphysisch. Wir Metaphysiker, die an einen Schöpfer glauben, können unsere Weltforschnng und Weltanschauung lückenlos consequent durchführen. In einer früheren Whandlung in diesen Blättern, glaube ich auch! wissenschaftlich einwandfreinachgewiesen zu haben, daß wir logisch gezwungen sind, das Dasein eines bewußten, freien Schöpfers des Weltalls, also sowohl der Materie, als auch der sogenannten Naturkräftä, als bewiesen zu betrachten; es kann folglichweder Materie noch Naturkraft unendlich! und ewig sein. Wenn nun die Materialisten sagen, wir anerkennen die Begriffe Unendlichkeit und Ewigkeit (obwohl sie das einzig wirklich Unendliche und Ewige ableugnen), so ist diese Anerkenntnis von der Metaphysik übernommen und schon eine Durchbrechung des reinen Materialismus. Und wir beschäftigen uns ja mir mit dem Unverfälschten Materialismus, der von dem sec du di, cri li w da w H ab wc S ui SB. es M m i SC I' vr er K> de v M so ai zr st' isi H >!l!>k di

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