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Neue jüdische Presse · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jannar 1916) Rr % 31 zu Hundert! 31 zu Hundert! — Ein geivaltiges Trauerspiel kündet sich in dieser Zahl, bis in die Tiefe der Seele greifend und sie in ihren Urgründen aufpeitschend. Sic kündet das Trauerspiel eines Volkes, und denen sie es kündet, sind die noch lebenden Söhne dieses Volkes. Wir, die Söhne Israels, sind die Darsteller und die Dargestellten zugleich. Statt der Nachahmung der Bühne wirkt hier die Wirklichkeit des Lebens, — und die Bühne, wahrlich, sie kann tue an die Tragik des Lebens reichen. 31 zu Hundert! — Sv kündet kühl die Wissenschaft der Zahl. 31 zu Hundert der jüdischen Ehen Deutschlands haben heute bereits die Vermählung mit den Nichtjüderr vollzogen und sich mit diesem Schritt die jüdische Zukunft vernichtet. 1911 waren es noch 17, 1913 aber bereits 31; — das bedeutet den Weg' zum sicheren Ende, zum Ende des Volkes Israel. Mächtig wie noch nie pocht die Stimme unserer Zeit an das Gewissen eines jeden, der wachend sein Erdendasein durchschreitet. Wie das Geschehen der Gegenwart war nichts vordem, war nichts ihm gleichend an Weite und aufwühlender Tiefe, seitdem Menschen leben. Noch' nie wütete , ein Krieg, der, soweit das Weltall reicht, die Menschheit in seinen Banden hielt; noch nie webte eine Zeit, in der die Fugen der Gcsamtmenschheit, alles von ihr Gedachte und Erdachte, wankte. lind in dieser gedankenvollen Zeit des mit sich zu Rate Gehens über den Sinn seines bisherigen seelischen Achs — sollte man da nicht auch an seinem Judesein prüfend verweilen, dürfte da ein solch' machtvoll cindringender Ruf, wie ihn die Zahl „31 .zu Hundert" hinansdonnert, verhallen-? Sollen wir uns da weiter in die Schuld der Assimilation verwirren und in dieser Schuld unser Volk umkommen lassen? Einst, vor 3500 Jahren, in den Kindheitstagen unseres Volksdaseins, gab . der heidnische . Seher Bileam Balak, dem Könige von Moab, als einzigen zur Vernichtung des Jsraelvolkes führenden Weg den Rat, sich dieses Volk zu assimilieren. „Und das Volk Israel begann, sich den nüchtern Moabs anznschließen, mit dem Volke Moab zu speisen und sich vor seinen Göttern zu bücken, — und es starben 24,000 vom Volke Israel." Damals aber stand ein Pinchas auf und rettete vor der weiteren Vernichtung. Haben wir -heute einen Pinchas? Hat nicht ein jedcr. der der Sohn einer jüdischen Mutter ist, heute Pinchas- Pflichten? Möge die Stimme der Zeit gehört werden, daß nicht weiter Vernichtung werde, da wir weiter in gleichgültiger Gedankenlosigkeit und in kurzsichtiger Selbstsucht der Befriedigung unserer kleinen Interessen uns verschulden! Was sage» unsere Offiziellen 1 . In 2000 Gemeinden gliedert sich die deutsche Judenheit, und selbst die kleinsten Gemeinden haben ihre „Aelsesten" und ihre „Priester", deren Aufgabe es ist, über die Erhaltung des Judentums zu wachen. Wahrlich, die 'Zahl der Gärtner für die Pflege der Judentumssaaten ist überreich — und trotzdem die Feststellung einer von Jahr zu Jahr an Umfang gewinnenden Auflösung, die in Taufen und besonders in den äußerlich harmloseren, deshalb weniger beachteten, aber tatsächlich genau so verheerenden Mischehen ihren sichtbarsten Ausdruck findet. Ein warnender Unkenruf, ohne daß Gefahr droht! Denn finden sich nicht selbst in den kleinsten der.2000 Gemeinden Gotteshäuser, Religionsschuleu und Vereine zur Förderung jüdischer Werte? Ist so nicht alles für die Erhaltung des Judentums getan? Doch da tritt ein Ankläger auf, dessen Anklagen gleich ^mächtigen Kolbenstößen treffen. Tie Statistik klagt an, und gegen ihr Tatsachenwort müssen die beschönigenden und beruhigenden Zweifel verstummen. Ihre Anklage lautet: Ans je 100 rein jüdische Ehen kommen heilte in Deutschland bereits 34 jüdisch-christliche. Diese Zahl als das Ergebnis der jüdischen Arbeit all der Tausende für das Judentum iu Deutschlacrd Verantwortlichen betrachtet, wird zu einer Antwort heischenden Anklage. Die Vertreter des Judentums iu den großen und in beit kleinen jüdischen Kreisen Deutschlands stehen zu Gericht. Was; haben sie zu erwidern, was sagen,unsere Offiziellen zu dieser Anklage? Sie lverden im Gefühle der Unschuld die Achseln zucken; sie tragen für diesen Wandel der Dinge keine Berairtwortung. Ihre Gemeindefinanzen' sind in Ordnung, in den Religionsstunden wird der vvrgeschriebeice Lehrplan erledigt und iu den Gotteshäusern der religiösen Andacht Stätte gewährt. Wer so sorgt, kann allabendlich mit Seelenruhe sein Haupt betten! Wenn es einen Angetlagteil gibt, so ist dies der Geist der Zeit. Der Geist der Zeit ist das Schicksal, gegen das nicht angekämpft lverden kann, — und es muß gewartet werden, bis bei Geist der Zeit wieder einmal eilt anderer wird. Auf eine Zeit, die gegen das Bestehen des Judentums arbeitet, wird einmal wieder eine, Zeit kommen, die sein Bestehen fördert. So ungefähr gibt sich die landläufige Lebensweisheit in Sachen Judentum. Doch wer das Judentum und die Juden liebt, kann sich nimMcr..mit einer solchen Antwort beruhigen. Er lvird suchen und suchen, bis er Die Ursachen nicht außerhalb seiner und der seinen in der Zeit, sondern in sich und in den seinen findet. Und die Ursache liegt nicht in der Zeit, liegt in uns! Wie sah es eigentlich in den decirschen jüdischen Gemeinden-zu einer Zeit aus, in der man noch keine Taufen und Mischehen kannte, trotzdem die Veranlassung zu Berschmelzungsbestrebungen verständlicher gelvcsen wäre als heute. Auch da hatte man Gotteshäuser, Religionsschulen und ein glänzend ausgebautes jüdisches Bcreinsleben. Man hatte aber noch mehr! Die Aeltesten dieser Zeit suchten lind sanden ihre Muße in den Büchern des Judentums; das war das gewaltige Plus vor dem Heute bei uns; das war das gewaltige Plus, das immer wieder und wieder jüdische Altregungen gab, Judentum weckte und entwickelte. Und noch ein zweites Plus! Für unsere Väter gab cs nur eine einheitliche jüdische Gesamtheit; nicht nur von den Urvätern bis zur Gegenwart sahen sie ein einziges Band der Judenheit, sondern auch in der Gegenwart im Erdenrund. All dies ist heute bei ltns längst dahin. Es fehlen die Bücher des Judentums in "den Köpfen und in den Schränken selbst bei den Vorstehern der jüdischen Gemeinden und Organisationen, die die Auslese der Gemeindeinitglieder darstellen sollen. Und auch die jüdische Einheit, und damit die Krasl nnd der Witte, für eine gesicherte jüdische Zukunft ist nicht mehr vorhanden: sie wird als*jüdischer Rarionalismus gerade von den berufenen Vertretern der jüdischen Gemeinden und Organisationen ailss eifrigste bekämpft. Mau vergesse nicht: Nicht die Rabbiner lind die Lehrer sind es, die bestimmenden Einfluß auf die deutsche Judenheit ausüben, sondern Die Vorsteher in den großen und in den kleinen Gemeinden, in den großen und in den kleinen Organisationen, sie haben die Macht, und sie verstehen sie auch unnachsichtlich nach ihren Anschauungen auszuüben. Also die verkehrte Tendenz ist es. die von oben diktiert wird, die alles niederreißl und vernichtet. Die Anklage der Statistik trifft deshalb in ' erster Reihe die Vorsteher, die würdigen „Aellesten iu Israel". Wissen sie die Schlüsse aus der Anklage zu - ziehen, dann hat die deutsche Judenheit wieder die Macht gesunden, gegen den Geist der Zeit zu leben, statt — wie jetzt — mit ihm zu sterben. Zum polnisch-jüdische« Problem. Die Stellungnahme der Assimilation. Die Diskussion über das polnisch-jüdische Problein in der deutschen Presse nimmt immer breitere und lebhaftere Formen an. Während bisher fast nur Vertreter der nationalen Gleichberechtigung der politischen Judenheit auf der einen und polnische Gegner dieser Forderung auf der anderen Seite ztt Worte kamen, melden sich jetzt auch die Wortführer der jüdischen Assimilation in Deutschland zu Wort, die, unbekümmert um alle historischen und politischen Grundlagen des Problems, es einzig aus die Gefahr hin betrachten^ die ihnen aus einer eventuellen Anerkennung der jüdischen Nationalität in Polen droht; denn wer gäbe ihnen die Bürgschaft, daß diese Anerkennung an der Ostgrenze Halt machte und nicht auch nach Deutschland hinübergriffe; und dann — ja dann wäre es doch mit dem Dogma vom „Nur-Konfessionsjudentum" zu Ende. Also heißt es mit aller Gewalt die Anerkennung der polnischen Judenheil als Nationalität verhindern, und hieße dies attch die elementarsten Prinzipien der Gerechtigkeit verletzen und die wichtigsten Interessen der deutschen Politik schädigen; — die Wahrung des Dogmas vout Konfeffionsjudentum geht über alles. Es war besonders der Aufsatz von Nachum Goldmann in den „Preußischen Jahrbüchern" — den wir beim Erscheinen in seinen wichtigsten Teilen hier Wiedergaben —, der die Assimilationsjuden aller Schattierungen in Harnisch brachte. Vorher hatten sie sich getreu ihrem Prinzip, daß die _ einzige Politik in jüdischen Fragen das Totschweigen gegenüber der Oefsentlichkeit sei, damit diese von der Existenz besonderer jüdischer Dinge nichts wahr-.. nehme, völlig stumm zur Debatte über die polnischjüdische Frage vcrhälteir und nur in der jüdischen Presse ihren Kamps gegen die nationalen Forderungen ausgenommen. Der Aussatz von Goldmann hatte aber zu ihrem Leidwesen zu große Beachtung gesunden; verschiedene Zeitungen gaben ihn im Auszug wieder, viele andere nahmen von ihm Notiz. Kürz: das weitere Totschweigen erschien nicht mehr. .gut möglich, nnd so entschlossen sie sich, - sehr gegen ihren Willen — den Kamps in breitester publizistischer Oefsentlichkeit aufzunehmen. Wortführer ward das „Berliner Tageblatt", welch anderes Organ sollte auch Wortführer der jüdischen Assimitation

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