Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Seite 2.__ ■ ' '__ schen Juden, geht sie ab. Erst nach Wlegung ihrer Gebrechen nnd Beseitigung ihres Aberglaubens, erst wenn sie sich den höher stehenden Nichtjuden ge-; nähert haben und in ihnen aufgegangen_ sind —? erst dann werden sie die wahre Sittlichkeit erlank gen. Wir verweisen dabei auf ein Einaestrndt in der vorletzten Nummer unseres zeigt, lwie gering PH. die polnischen Juden bewertet! K Gleichzeitig aber legen wir energischen Protest ein 7' gegen diese häßliche und feindselige Verallgei|* meinerung, gegen die sonderbare orüi% derliche Art, den noch so geringsten -\ Fehler tausendfältig vergrößert zu ' sehen und die größten Vorzüge zu über- > sehen. ' Es muß endlich einmal offen.gesagt werden, daß unsere polnischen Brüder uns an Seclenreinheit in gar keiner Weise nachstehen und in gar manchen jüdischen Tugenden uns weit, weit überlegen sind. Was ihnen abgeht, ist das bischen .Benehmen, das auf Schein beruht; —_ doch dieser Mangel an europäischer Tünche hindert uns nicht, auf sie stolz zu sein und -S* ihre Seelengröße und Seelentiefe zu bewundern. Es bliebe iwch die jüdische Ethik. Nach Ausschaltung der besonderen jüdischen Merkmale wie z. B. Gerechtigkeit u. dgl. m. und ihre Einschränkung auf die. im Judentum andersgeartete und von den liberalen Juden mißverstandene Barmherzigkeit fallen die Hindernisse für ein Aufgchen ins Christentum der Liebe und Barmherzigkeit weg!' Wir haben uns bemüht, in billiger Weise die gedanklichen Motive der jüngsten Aktion Philippsons zur Assimilierung der „schear jaschub" (des iwch gesunden, an der Rückkehr festhaltenden Restes) zu folgen. Wir können jedoch nicht umhin, zu konstatieren, daß diese philippsonischen Gedankengänge aus einer starken inneren Abneigung gegen d-as östlich e Judentum sowie aus ulitaristischer Gemütsart herrühren. Glücklicherweise aber ist die weitaus große Mehrzahl des jüdischen Volkes ganz anders als Prof. Philippsohn veranlag und daher auch ganz anders orientiert. Diese Mehrheit hält fest zu ihren historischen Idealen und zu ihren ethischen Postulaten, so daß sie stets ohne Schwanken bereit ist, alles irdischeGut auf den Altar dieser ihrer Heiligtümer zu opfern. Gestatten Sie, Herr Professor, zum Schluß Ihnen eine kleine, von unserem Herzblut jedoch diktierte Bitte zu übermitteln: Mischt Euch nicht in unsere geheiligten Angelegenheiten! Wir sind mündig, laßt uns also gehen und legt uns keine Steine in den Weg. Auch wir durchkreuzen Eure Wege nicht, auch wenn sie uns mißfallen. Die Deutsch-Israelitisch-Osmarrische Union. Es war zu erwarten, daß die bedeutsame Neuorientierung der deutschen Politik, die diesen Krieg gebracht hat und die in erster Reihe im deutsch-türkischen Bündnis ihren Ausdruck findet, auch auf die Gestaltungder jüdischen Politik und Wohlfahrtspflege ihrsen Einfluß ausüben würde. Der Anschluß der Türkei an die Zentralmächte mußte ganz naturgenmß die Aufmerksamkeit der Mrenden jüdischen Persönlichkeiten und Organisationen in Deutschland auf sich ziehen und den Gedanken einer eifrigen Betätigung in der Türkei noch stärker hervortreten lassen, als es bisher geschehen ist. Und eine stärkere Verbindung und Zusammenarbeit mit der türkischen Judenheit war von selbst geboten; denn wenn auch die jüdische Politik als solche ihre eigenen Wege gehen muß und die Freundschaft und Feindschaft der Staaten keinesfalls maßgebend sein darf für den Zusammenschluß der Judenheiten der verschiedenen Länder, so ist cs doch nur ganz naturgemäß, daß die jeweilige politische Konstellation auch von Einfluß sein muß auf die Methoden der jüdischen politischen Arbeit, uird dies gilt ganz besonders in diesem Falle, da diese Konstellation - Acankftwtä: Israelitisches FannlienVlatt. nicht das. Produkt einer monrentänen,'bald vorübergehenden Gruppierung ist, sondern das Resultat einer dauernden und bleibenden Interessengemeinschaft- , Die Türkei kommt für die jüdisch e Politik und Philanthropie vor allem als Einigrations- und Kolonisationsland in Betracht, und fast alle bisherige jüdische Arbeit in der Türkei bewegte sich ja auch in dieser Richtung, Uttd daher mutzte das Interesse für oie Türkei in jüdischen Kreisen in diesen Moimten auch noch von einem anderen Gesichtspunkte her besonders wachsen: auf Grund der sicher bevorstehenden großen ostjüdischen Emigrationsbewegung, die nach dem Kriege entsetzen wird. Diese Emigration nach Möglichkeit nach der Türkei zu lenken, das ist ein Gedanke, der in diesen Tagen förmlich in der Luft liegt und zu selbstverständlich, zu einleuchtend ist, als daß er nicht früher oder später den Ausgangspunkt zu einer größeren Aktion seitens der deutschen'Judenheit bilden sollte. Das Naheliegende und sicher zu Erwartende ist nunmehr Ereignis geworden; eine Konferenz, bestehend aus vielen der bekanntesten und angesehensten deutschen Juden, hat in B«rlin getagt und die Gründung einer Organisation beschlossen, die diesen jüdisch-politischen Gedanken einer starken Emigrations- und Kolonisationsarbeit in der Türkei im engsten Einvernehmen mit der türkischen Judenheit verwirklichen und durchführen will; sie nennt sich etwas umMndlich: „D eu t s ch-Js r aelf tisch - Osmanische Union." Die Grüitdung dieser Organisation müßte eigentlich von der jüdischen Presse und Oeffentlichkeit mit größter Genugtuung begrüßt werden; statt dessen kann man eine gewisse kühle Reserve, ja eine Art von Mißtrauen wahrnehmen, die beweisen, daß die Zufriedenheit mit der Gründung der „Union" keine restlose ist, vielmehr mit starken Zweifeln gepaart ist. So sehr der Gedanke, der ihr zugrunde liegt, allgemein gebilligt wird, so sehr stehen viele der Art der Gründung, vor allem aber der Person des eigentlichen Gründers , mit Bedenken und Zweifel gegenüber. Wir müssen gestehen, daß wir diese Bedenken und Zweifel teilen. Für den Kenner der Verhältnisse ist alles gesagt, wenn man mitteilt, daß Herr Dr. Alfted Nossig der eigentliche Gründer und Führer der neuen Vereinigung ist, Es soll hier nichts gegen die Person des Herrn Dr. Nossig gesagt werden, dessen Energie und Geschicklichkeit man durchaus anerkennen muß, aber die Vergangenheit, die -Herr Dr. Nossig in seiner jüdisch-politischen Betätigung hinter sich hat, läßt sich nicht übersehen, und Jie ist cs, die all jene Zweifel und Bedenken hervorruft. Herr Dr. Nossig hat nämlich schon recht viel auf jüdisch-politischem Gebiete angefangen, durchgeführt aber hat Herr Dr. Nossig nur sehr wenig, im Vergleiche zu dem, was er^gcwollt, so gut wie gar nichts. Es gibt politische Köpfe, die wohl reich sind an Ideen, Initiative, fähig, andere anzuspornen und zu beeinflussen, unfähig aber, das begonnene Werk in stiller, zäher - Arbeit nun zu Ende zu führen. Herr Dr. Nossig scheint auf Grund seiner bisherigen Leistungen zu dieser Kategorie zu gehören. Man erinnert sich seiner Tätigkeit innerhalb des Zionismus: ewige Opposition und Kritik bis zu jener großen Auseinandersetzung mit Herzl in der Cypernftage, die für ihn so kläglich endete. Man erinnert sich heute noch lebhaft seiner letzten großen „Leistung", der Gründung der A. I. K. O., die mit so viel Getü und Ambition' ins Leben trat upd doch nichts zustande gebracht hat. Man versaht es so, daß sehr viele mit Skepsis und Reserve diese neue Gründung des Herrn Dr. Nossig bc-, trachten, von der man sich unwillkürlich ftagen muß, ob sie nicht das Schicksal der anderen teilen wird. Und diese zweiflerische Frage wird noch, verstärkt durch die Art der Gründung. Sie erinnert mit fataler Aehnlichkeit an jene der U. I. K. O. (deren Wiederauferstehung sie-fast zu sein scheint); dieselben großen Konferenzen, Kommissionen und Komitees, dieselben vielversprechenden Zeitungsnotizen, wörterreichcn Kommuniguäs, himmelhohe Versprechungen, kurzum: dieselben Prunkstücke einer effekthascherischen Regie, hinter der doch selft oft nichts steckt als wertlose Pappkulissen. Es klingt sehr verdächtig wenn die „Deutsch- Stödtu. Univ.-Bibi. . Frankfurt am Main Jsraelitisch-Osmanische Union." gleich mit dein An--. spruch aüftritt, eine Art Zentrale und Ueberwack)--^ ungsstellc aller in der Türkei arbeitenden jüdi- 7 schen Organisationen zu jein; wer denkt da nickst.- an den guten alten jüdischen Satz:, „Sofaßto unt- , boh, lau tofaßto" (Hast Du zuviel ergriffen, so hast Du nichts ergriffen). Es erhöht nicht' das' Vertrauen in die neue Gründung, wenn man ijt in ihren Kommuniques liest, die türkische Regie-,' rung habe parallele Schwesterorganisationen in . . Konstantinopel bereits legalisiert, hinterher aber erfährt, diese Ankündigung fei zumindest noch verfrüht. Und es ist vollends sehr. bedenklich, wenn man hört, daß der von Herrn Dr. Nossig in Konstantinopel angestellte Sekretär der Union", der eigentliche Leiter ihrer Arbeit dort, soeben zum Islam übergetreten ist, also jedenfalls in jüdischer Hinsicht kein sehr zuverlässiger Charakter sein muß. Alle diese Dinge sind geeignet, die 7 Zweifel, mit denen man vielfach der neuesten Gründung des Herrn Dr. Nossig gegenübersteht, zu verstärken und die Befürchtung zu erhöhen, daß wir hier eine zweite Auflage der A. I. K. O. erleben werden. Wir wollen damit uns nicht etwa endgültig gegen die „Deutsch-Jsraelitisch-Osmanische Unimt" ausfprechen. Der Gedanke, der sie entstehen ließ, , ist zu groß und schön, auch der Name so mancher an ihr beteiligten jüdischen Persönlichkeiten von zu gutem Klang, als daß man gleich von . vornherein den Stab über sie brechen könnte. Aber die Zweifel, die man hegen muß, gleich zu Beginn offen .auszusprechen, ist doch notwendig, schon damit keine übertriebenen Erwartungen au - die neue Gründung geknüpft werden, deren Ent-, täuschung dann ungünstig auf den Gedanken einer eifrigen jüdischen Kolonisationstätigkeit in Palästina zurückivirken könnte. Zunächst ist es geraten, der neuen Organisation abwartend und aufmerksam verfolgend geqenüberzustehen und zu sehen, was sie leisten wird. Der Gedanke, von dem sie ge-,! tragen ist, kann wir wiederholen es — als -s solcher nicht warnt genug begrüßt werden. Hoffen. , . wir, daß die „Deutsch-Jsraelitisch-Osmanische : Union" in ihrem Wirken und Wesen sich dem; großen Gedanken, den sie verwirklichen helfen soll, i würdig erweisen wird. ,' i Brief aus Oesterreich. In „Blochs Wochenschrift"' beschwert sich eine christliche Hausfrau, daß die Jüdinnen die Wcihnachts-- bäume verteuert hätten. Sie schließt Ihre Klage: „Gibt es da keine Abhilfe? Wir bauen uns doch auch keine Laubhütten und backen keine Mazzes!" — Das wohl- Aber die Inden, die sich Laubhütten bauen nnd MazzeS. backen, machen die Wcihnachtsbäüm'e nicht teurer, das sind die anderen. ' Konteradmiral Geza dcll' Adami v. Tarczal wünscht in einer Zuschrift an die „Nene Freie Presse" die Herausgabe eines Werkes über die Inden Oesterreich-Ungärns iin jetzigen Weltkriege, ihre Heldcnmtttigkeit nnd. ihr Patriotismus erforderten dies. — V Der Gemeinsinn der Juden hat sich in den ätzten 'Wochen wieder in einigen großen Spenden betätigt/ So übergab die Firma Julius Wolfner & Co. in Budapest dem Ministerpräsidenten eine Ijalße Million Kronen für eine Kriegs-Witwen- und Waisen-Stiftung. Der Großindustrielle^ernhard Wetzler stiftete eine halbe Million Kronen zur Errichtung eines naturwissenschaftlichen Instituts, das die technische Seite der Ernährnirgsfrage pflegt. Die Eheleute Leon und Betty P a r - n c s in Lemberg habe» im Hinblick auf die Not der jüdischen Bevölkerung mit einer Summe von 10000 Kronen eine Teehälle errichtet. V In Wien verschied int 71. Lebensjahre SDrt Jecheskicl Caro, Oberrabbiner von Lemberg. Eo wurde in Pimie geboren, studierte in Breslau und amtierte in Lodz, Di'rschän, Erfurt Sind Piksen; 1891 kam er nach' Lemberg. Brief aus Palästina. ' Die türkischen Behörden haben den Kolonisten von R i s ch o n l e - Z i o n die Dünen längs ihrer Kolonie abgetreten. Diese Konzession winrde von tot Behörden als Zeichen der Anerkennung des' Wertes der jüdischen Kolonien für das Land gewahrt. Die Mgrechznng der abgetretenen Dünen wird in den nächsten Wochen. vorgenomNten werden. ~ ki Der Frauenverein in Jerusalem beschloß, einen ZhkltS von Borträgen Kbcr Geschichte, Naturwissenschaft nnd Kunf zu veranstalten. Gis jetzt haben die folgenden Borlcsnngesl stattgcfnrchen: Schriftsteller A. M. 'Woruch ow itbfi Soziologie; Dr. A Be ha nt über die Entdeckungen hzK verstorbenen Prof. Ehrlich, und Prof. Boris Schätz über Antokolsky. Die Borträge, die in hebräischer Sprachv abgehalten nnd durch Lichtbilder illustriert wurde», zogen Scharen von Besuchern an. ,U 1 i','?■