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Neue jüdische Presse · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Wie könnte es auch anders sein?! Wurzelte och Maimonides gleich allen anderen zahlreichen rcidenkcrn tief, tief im nationalen Boden Judas, tnd als glühender Nationaljude vergoß er nächtich, auf der Erde sitzend und trauernd „chazaus" ab- >altend, Tränen über den Fall Jerusalems. Auch x teilte beglückt die feste' Hoffnung seines ver- .riebenen Volkes auf die endliche Rückkehr in das ^!and der Väter. P, Und die liberalen Juden? Diese sind im Degensatz zu unseren anderen Freisinnigen aller Orts und aller Zeiten dem nationalen Boden ihres Volkes entrückt und haben damit seine Hoffnung auf die Wiedergeburt vollständig ausgegeben, da ihnen der aufrichtige Wille zuin Judentum völlig ibgeht. So hieß es allgemein. Es ist klar, daß fieses wurzellose Judentum für niemand, auch nicht für die Liberalen, verbindlich ist, und es braucht ckicht erst gesagt wen:, liberalen zu werden, daß cs zwischen Jude», Juden ohne Verjgangenheit und *”ohncv Zukunft, und fen 'östlichen Juden, die beides in . eichem Maße und lebendiger Weise besitzen, eine weite, unüberbrückbare Kluft herrscht,. Pie 'bis zum größten Mißtrauen und gegenseitigen iNichtverstehen reicht! jf Und nun kommen Sie, Herr Professor, init!Ihrer neuen Definition vom ILesen des liberalen Judentums, die ein ganz anderes Bild von' sdem oben entworfenen gibt, denn „freudige Werchrung und hcrzlicheAnerkennung J)cr Glaubens- und Sittenlehre unserer uralten Religion" schließt in sich ar vieles ein! Ist doch in Wirklichkeit finsere Glaubens- und Sittenlehre unzertrennbar mit unserer Vergangenheit und Zukunft zugleich. Unsere Glaubenslehre erstreckt, sich nicht nur auf die einzig- H Artige Größe und Einheit Gottes, wie es Mai- -Ä'nmi richtig erkannt, sondern auch auf die lLtz/userwählthcit des jüdischen Volkes nd seinen Zusammenhang mit seinem .-,11 it‘l ,Gotte, freudige seincr Lehrc nnd sc.inein Lande! Verehrung und herzliche A n e r k e n - n n n g unserer uralten Religion bedeutet auch il'it) irklichc II u sübung der Gebote der h o r a. Somit st e l l t d i e s e s F a k t u m g l c i chzeitig die Solidarität und Einigkeit jüdischen Volkes in seinen Handlungen und Bestrebungen her und schließt ÄLigenbrödelci aus. Ein derartiges liberales Judentum erhebt sich nicht über seine östlichen Brüder hmd spricht nicht wegwerfend von der ^,Ucüerwuchcrung ihres mittelalterlichen Zcremorial- und Formelsystems", sondern blickt mit Bewunderung auf sie hin. Ein derartiges liberales Judentum ist weit davon entfernt, die berechtigten Ansprüche dieser ihrer bewnnberungswerten und i.lH o ch u n g l ü ck l i ch e it B r ü der z u h i n - ilcker treiben und will sie nicht Iinetn fremden, tiefer stehenden olke ausliefern. Es tritt viclltrhr mit allen ihm zu Gebote stehenen Mitteln für ihre vollen Rechte nd i h r e n a t i o n ale S elb st än d i g keit e in! Ueberschaut man Ihre Erwiderung, so ergibt ch', daß aus ihr zwei liberale Judentümer das eine, das seine östlichen Brüder und ihr Heiligstes verachtet und stets bereit ist, sie ausznliefern, das. zweite, das die Religion der Väter und ihre Träger freudig verehrt und herzlichst anerkennt. Welches von den beiden ist eigentlich Ihr Judentum, Herr Professor? Die Tatsache, daß Sie es so eilig haben, Millionen Ihrer heldenhaften Brüder ihrem größten und unversöhnlichsten Feinde auszuliefern, ' läßt uns leider einen Schluß ziehen, den wir bei Ihnen' wirklich nicht gern gezogen hätten. Nun tun Sie harmlos und sagen, es handle. sich lediglich um die Beibringung der Landessprache, lediglich um die Erlernung der polnischen Sprache. — Aber Sie werden doch nicht im Ernst iglauben, daß die polnischen Juden und wir, die bescheidenen Verteidiger ihrer Rechte, solche verkappte Narren und so weltfremd sind! Um die Aneignung der polnischen Sprache handelt es sich nicht, dies werden die dortigen Juden — die Besitzenden früher, die Aermeren etwas später — ohne Ihr Zutun in ihrem eigensten Interesse aus rein praktischen Gründen freiwillig bewerkstelligen. Wir sagen: freiwillig, denn eine Aneignung durch Zwang, eine Aufoktroierung seitens der Polen läßt für das Judentum, für Thorastudium, Hebräisch, jüdische Geschichte und Literatur keinen Raum mehr, während eine freiwillige Aneignung des Polnischen, aus eigener Initiative der Juden, Spielraum für beides läßt. Gegen die polnische Sprache als solche haben weder die Juden Polens noch wir etwas einzuwenden, nur darf dies nicht auf Kosten des Judentums, unseres kostbarsten Gutes, für das wir seit Tausenden von Jahren bluten, geschehen. Wären die Zustände innerhalb des Judentums in unserem Deutschland, selbst bei unserer Orthodoxie, insbesondere was den Stand des jüdischen Wissens und der nationalen Hoffnungen anbelangt, nur so gut wie im Osten! Wogegen wir Stellung nahmen, war ganz klar, und unsere Worte geben zu keinem Irrtum Anlaß; wiederholt betonten wir scharf und deutlich, daß unsere Verwahrung gegen ein Unterfangen gilt, das „völliges Aufgehcn im P,o l e n t u m" sich zuin^Ziel gesetzt hat, und. Ihr Eintreten für die polnische Sprache war' durchaus nicht am Platze! -Der Sprache halber brauchten Sie nicht in Fühlung mit dem jüdischen Assimilantentum Polens, —zu dein die jüdischen Massen kein Vertrauen haben—, auch nicht über die Köpfen der dortigen Juden hinweg mit dem christlichen Lehrerbundc zu treten, sondern hätten mit den wirklichen Führern der dortigen Judenheit, sowie dem jüdischen Lehrer-Verbande in Fühlung treten sollen. Ihre erste Sorge, Herr Professor, als intellektueller jüdischer Führer und Erforscher des Judentums sollte der Erhaltung des Judentums gelten, nicht aber derBerbreitung des Polentums! — Allseits wird gefragt: Wie kommt "das? Woher diese Eile des Handelns? Woher diese Bevormundung von Millionen sittlich und in Gemütskultur hochstehender Menschen seitens unserer deutschen Intellektuellen? Welches sind die Motive hierzu? Professor Ph. entschuldigt sein Vorgehen mit seiner Besorgnis um die Existenz der polnischen Juden; als Beweis hierfür führt er die schlechte Lage der Juden Galiziens an, allein dies ist nicht auf das schlechte Verhältnis zwischen den Juden und den Polen, wie PH. es meint, zurückzuführen, sonderir eher auf den polnischen Schlendrian einerseits, und auf' die Schlappheit der österreichischen Staatsaufsicht andererseits. Auch sind noch andere Faktoren, u. a. örtlich topographische, schuld hieran. Mso diese Ihre Motivierung ist unzulänglich. Ueberdies darf nicht vergessen werden, daß das, was den Juden Polens abträglich sein würde, diese doch weit besser wissen, als Professor PH. es zu wissen vermeint. Böse Zungen behaupten: Seit langem empfindet man in assimilatorischen Kreisen zu sehr die starken Unannehmlichkeiten des Fortschleppens der „süßen Last" des Judentums. Doch angesichts der allmählichen Abbröckelung tröstete man sich mit der stillen Hoffnung, daß man für kurz oder lang sich der süßen Last wird entledigen können. Es waren gute Anfänge! Zum großen Verdruß jedoch kamen fortgesetzt Zuzügler von drüben, und mit ihrem verkappten Judentum störten sie den Prozeß der Auflösung, sie hielten die guten Hoffnungen auf. Dies war sehr ärgerlich! Da brach ein breiter Strahl aus dem finsteren Horizont, der Krieg kam und mit ihm die Befreiung Polens. Und siehe! ganz unverhofft kam eine Hoffnung aus einer weiten, weiten Ferne in nächste Nähe gerückt: Die unversiegbare Quelle, das polnisch-jüdische Reservoir zu verstopfen — wer sollte da still stehen? Wer sollte da nicht schnell zugreifen, um den breiten Strahl aufzufangen? So behaupten die bösen Zungen.. Nun, wir. gehören nicht zu ihnen und wollen es nicht gelten lassen, besonders bei einemPhilippsonnicht. Wenn auch manche Wiederholungen dabei nicht zu vermeiden sind. Wir sagten schon, haß PH. von seinem Standpunkte aus ein guter Jude ist und es durchaus bleiben will. Als guter Jude aber ist er unverwüstlicher Optimist und setzt bei den Polen ein Rechtsgefühl voraus. Denn noch glaubt er, daß sie gewillt sein werden, den Juden ihren Rest von ein paar wässerigen Tropfen Mosaismus zu gewähren, obwohl es feststeht, daß die breite Masse der Polen für Humanität durchaus unzugänglich ist. Bei dem frommen Katholizismus Polens wird man einer anderen Konfession auch noch so geringe Konzessionen nicht machen wollen, insbesondere nicht einer Religion, die bloß ei n e monotheistische Ethik im Sinne der tivberalen Juden, eine für ein internationales Menschentum zurcchtgestutzte Ethik darstellt, die die größten Atheisten und Zyniker seelig zu machen vermag. Und noch weiter. Ph. wird die Sache leicht, da die Opfer, die das Judentum zu bringen haben wird, doch nur unbedeutend sind; der dem Judentum wesentliche Teil des Nationalen ist für ihn gar nicht vorhanden. Und das Religiöse? Sofern es die Zeremonialgesetze ' des Mittelalters betrifft, ist es als überlebt längst überflüssig geworden, und sein Ueberwinden bedeutet nicht^nur keinen Verlust, sogar einen großen „Gewinn". Die zahlreichen aus ihnen herrührenden „Gebrechen" des ^polnischen Juden würden mit ihrem Verschwinden von selbst wegfallen. Und die jüdische Sittlichkeit? Diese besitzen^ „selbstverständlich" nur die kulturellen westeuropäischen Juden, den „Polaken", das heißt den polni-

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