Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 47 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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©wte^ jjxauquwt (jniuiunwiuu. IFranl Schwnnl etnzif a Frankf urterMilchkiiransialt unter Kontrolle des ärztlichen Yenbu '. SchwuraliHtgilr. g-6. Tel. nanu 1168 einzige Anstalt I'ranlrfartv'welcäie »nesoi kalinirme Kamilch nur aus HUeh der eignen Stellung liefert. sialtB nsaUegfl t, .. B Die Aufregung in der zurückgebliebenen Gesellschaft wor. zu groß, als daß. diese otzne Austausch' der öffentlichen Meinung so schnell den Schauplatz des großen Er--, cignisses am Saudberg Hätte verlassen können. Der Gendarm sand^daher die. Gasse menschenleer, nur zwei Männer standen 'vor der Tür ihrer lmchbarlichen Behausung. die er eines - halben Blickes würdigte, weil , -er vermutcre, daß erder Gegenstanv des Eifers sei, mit? welchem öer cine ui den andcrn hineinredete. i In der Tar^ er täuschte sich hierin keineswegs. Der arte, Iieb ^Abelc, durch die uriruhige Bewegung des Leibes, des Kopfes und der Arme wie durch schwarzen ■: Kaftan und schwarzes Käppchen hinreichend als ge-' warÄter, Disputator dokumentiert, unterbrach seinen heftigen Gestikulationen, nm den Gendarm das Antlitz nebst dem spitzen Bärtcheir grüßend entgegen zu strecken. Der andere, den wir. noch näher kennen lernen werden, grüßte den unwillkommenen Gast garnicht. Im Gegenteil, matibtc sich ab, um ihm cntrved'er, die Mißachtung recht ausfallend zu beweisen, oder wie wir richtiger vermuten, um den Gram zu verbergen, den der heutige Vorgang in ihm erzeugte. Hierüber' aber wurde Reb Abele erst recht aufgebracht.' .$• „Du Narr, Du Tor Du", redete er den Nachbar -hitzig an. „Was nwchst Du für ein beweint Antlitz? Weißt Du- >üt, daß es imnrer so ist? Fängt nicht jcder neue Schandar so an? Und was ist das End? Eh' er ein halb Dutzend cingcbracht hat, lernt er verstehen, warum dem alten Schandar wohlcr gctvesen ist, >»enn' er keine» eingebracht. Du Tor Du", fuhr er in der Disputation heftiger werdend fort. „Du iveißt nichts. Du kennst die Welt nit. Darum inußt Tu hören, was ich Dir sag: Und ich sag Dir", lsterbei erhob sich seine Stiurme Heller zum vollendeten Tone überzeugender Belehrung. — „Hör' zu! Ich sag Dir, ein Schnäpschcn, das er bald wird trinkeu in der - Hölle, - bringt ihn herum und herum mit dem Judenfresser vom ' Pferd." . ,, Reb-Abele Latschte hierbei in die Hände und lachte sich außerordciitlich herzlich Beifall zu, wegen dxr witzigen Korriimpicrung eines Bibelvcrses, den er als Belag für seine-Behauptung hierbei zum Besten gab. Ja, er ging -sogar so weit, in Ermangelung eines andern Zuhörers feinem sehr ungelehrten und traurigen Nachbar den Witz begreiflich zu machen.' . Als jedoch auch dies vergeblich war, und der Nachbar durchaus nicht Beifall lachen wollte, ja als er statt dessen sogar noch seufzte und in Mitleid über das. Mßgeschick Mendels das Haupt finken ließ, empörte dies den gelehrten Reb Abele so sehr, daß er den Nachbar 'mit schneidenden Zorn ganz wütend anfuhr: „Du bist gar kein Mensch, Du bist ein Mcnnist!" Mit diesen Worten warf Reb Abele einen sehr verächtlichen Blick auf dcp Angcred.eten und begab sich, niit einem langen „Na" die Schultern zückend, zurück in seine Behausung,, über sich selber aufgebracht, daß er, der gelehrte Reb Abele, der auf alles ein gleich Wörtchen -wußte, durch das Ereignis des Tages verlockt worden sich, mit seinem unwissenden Nachbar Rücksprache zu nehmen. v. Der Geschmähte nahm den Schimpf schweigend hin. Er wußte, daß man ihn wegen seines stillen Wesens, -seiner scheuen Sitten, seiner peinlichen Sauberkeit, seiner Zurückgezogenheit und trüben Wortkargheicheincn Mcnnist, eigentlich Mrnnonitcn nannte. „Salme Mennist" hörte .er oft hinter sich her die Kinder rufen, aber er litt es ohne Schmerz; denn er war über die Empfindlichkeit einer gerade nicht schimpflichen^Beczichnung - hinaus, ja er sagte sich zuweilen, Üaß ihm dieser Name noch immer lieber sei, als der Spottname, den er -vor vielen Jahren als Junggeselle habe tragen müssen, wo man ihn wegen - seiner Schüchternheit und der säst völligen Barttosigkcit seines Gesichts Salme Mädche nannte. Jetzt,., wo er seit 18 Jahren Wittwer war und .über die Abgeschlossenhell seiner Lebenstvcise -oft nachdachte, gestand er's im Stillen, daß die Beczichnnng „Mcnnist" etwas Treffen des für -ihn habe. > Weil ihm denn die' Bezeichnung nicht loch .tut, wollen mir ihn so. nennen. I Optiker, Liebfrauenstr. 1. BrUlen, Pincenez, OpernglSser, .Feldstecher) in jeder opt.-mechan.Spielwaren i J Preislage Eisen&abneo, Oampinascfeioen, Lateraa-Iagica, Kinematograpbon - etc. Salme Mennist mir seinem »och srischfcirbigcu, vollen, aber doch sehr gcsurchten Gesicht, seinem blaue» säubern Sanuntkäppchen auf dem kahlen Kopf, seinem braunen Tuchrock-mit fast twlergroßril schwarzen Knöpfcnr stand noch eine - ganze Weile gesenkten Hauptes .und rieb sich -trübselig dir Hände, denn Mendel Gibbor, dieser riesige zweinndzwanzigjährige Mensch mit schwarzem Haar, schwarzem Bart und überkräfttg markiertem Gesicht, war zwar äußerlich das auffallendH: Gegenstück zu ih'm^ aber er >mr doch sein Liebling und sein Trost.. Das Mißgeschick, das diesen heut betroffen, ging Salme. Mennist außerordentlich nahe. ' Als er nach einer Welle warnahm, daß die Besatzung der Stadt vom Sandberg her sich näherte, schlich er stilliu sein Häuschen zurück, schloß die untere Hälfte und lehnte die obere Hälfte der Haustür an, damit Mendel, wenn er käme, nicht erst zu warten brauchte, bis er ihm öffnete, und begab sich hinauf auf den'Boden, diese Wohnstätte Mendels, um sie zum Empfang des Eigentümers aufzuräumen, der sie für heute so unfreiwillig in Besitz nehmen sollte, während er regelrecht wie ein richtiger Hausierer erst am Freitag in die Genieindc hätte heimkehren sollen. (Fortsetzung folgt.) 1 Cigarren-Hailep, gr. Esehenbeimerstr.Sl. Iiiebfraaenstr. 1/3. . - Tnnnnsstr. 47. garren ‘ ■ garetten erstklassigen Ursprungs. Partien kM Ditffl ML A. Kohidi . Schl/iormtr. 18m Telephon I, 8630. . Seifen, Liebte,- Kammnnd Bürgtenwaren, Besen etc. Cosnretlsche Spezialii&ten. I Das Chanukaglück im Lazarett Aon Hpp. „Seien Sie vorsichtig, Schwester Ruth; wir habe» das Möglichste getan, nun wollen wir sehen, ob die kräfttge Natur des Kranken mns mithllst!" Mit Wohlgefallen ruhte der Blick des Stabsarztes Menkes auf den sympathischen Zügen des vor ihm liegenden Verwundeten, der, eben operiert, noch nicht ganz aus der Narkose erwacht war. . Der Arzt entfernte sich, und Schwester Ruth nahm ihren Platz am Krankenbett ein. Ihre Gedanken schweiften zurück... Sic sicht sich im Hause der Eltern, wo noch echt jüdisches Leben pulsierte.. Sieben, Geschwister waren sie, nnd weim der Freitagabend alle vereinte, was für cm herrliches Familicnbild war das! Ihre fünf Brüder sangen vereint mit dem Baker Semiraüs, und hell stimmten die Schwestern in den weihevollen Sabbathgesang mit ein. Fast immer kamen Freunde und Bekannte dazu, die den traulichen Familienkreis ergänzten. ' Unter, den Freunden der Brüder ivar cs besonders einer, der durch sein ernstes und zurückhaltendes'Wesest ihr angenehm ausfiel. Max Lcßncr konnte sich nicht so angeregt. au der Unterhaltung betelligen wie die andren. Schweres mußte er durchleben, auf ihm lastete die Sorge für seine Geschwister. Die Eltern starben früh, und die zurückgebliebenen Kinder mußten jeder , für sich ihren Weg suchen. Und doch war cs Max, der alle zusammciihielt, der unter Zurückstellung seiner Person in der einfachsten Weise sein Leben führte. Ruth wußte das, und ivenn er mit seiner schönen Sttmmc die Semiraüs nütsang, denn freute sie sich, daß er in ihrer Familie^ sich wohl fühlte und die unerquicklichen häuslichen Verhältnisse vergaß. Jahre vergingen. . . Die Brüder hatten sich inzwischen verheiratet, und das innige Familienbild nahm jäh ein Ende, als der Vater plötzlich an einem Schlaganfall starb und die Mutter kurz darauf ihm folgte. Sie stand mit ihrer jüngeren Schwester nun ganz allein in' der großen Wohnung, und in ihrer tiefen Trauer hielt sie nur das von den Eltern ererbte Gottvertrauen auftecht. Während ihre Schwester nach Regelung der häuslichen Angelegenheiten zu einem der Brüder übersicdclte, konnte sie sich nicht dazu entschließen. Sio fühlte sich zur Krankenpflege geeignet; sic. wollte anderen Menschen etwas sein, und nirgends glaubte sie dies besser betätigen zu können als auf diesem Gebiet. Fast ein Jahr war Ruth im jüdischen Krankenhaus mit größter Hingabe 'tätig. Da brach ivie ein . Blitz aus hellerem Himmel der Krieg ins Änd. .. Eine herrliche Organisation.setzte überall, ein; -alle Krankenhäuser errietet«:» Lazarette.. Auch das jüdische Krankenhaus, dem Ruth angehörte, rüstete sich zur Aufnahme von - verwundeten Kriegern, und als dann die ersten Hclden^rintrafcn, versah Ruth mit.Aufopferung und Begeisterung ihr schweres Licbeswerk. . Heute 7 nun wurden ^wieder Kricgsverwunüete cingewicsen, und unter ihnen erkannte. Rüth sofort das edle Gesichr von Max Lcßncr, der, mit dem Eiserne» Kreuz ausgezeichnet, bleich aus der Bahre lag. s " .''I Bei der Untersuchung zeigte es sich, daß durch einen Schrapnellschuß der linke Anis durchschoftN'ward.''Eine' schwere Blutung,- die nur durch. Operation -gestellt werben konnte, folgte bald nach der Einlieferung. Ruth sah, wiex der geschickte Operateur das Gefäß, 'woraus das Blut gleich einem Quell -rieselte; unterband, nnd von innigem Mitlell» ergriffen, Hat sic den dlrzt, ihr die; Pflege des Verwundeten anzuvertrauen: Nun saß sie schon eine Weile am Krankenbett, legte kühle Kompressen aus die Stirne-des Bernmndeten, und noch immer schien es, als ob das Bl> wnßtsein nicht zurückgekehrt sei. Endlich schlug Leßner die Augen auf, und ein glückliches Lächeln umspielte sein Gesicht beim Anblick seiner Jugendfreundin. Schnell war Ruth an seiner Seite und sprach teilnahmsvoll: ^Seien Sie ganz ruhig, lieber Max; es wird schon alles gut werden, und bald werden Sie so weit sein, daß wir uns ganz wie früher ausplauschen können." Wie ein Engelgesang kam ihm diese melodische Stimme vor. „Wenn Sie wüßten, liebe Ruth, wie es in mir aussah, als ich gestern hier ankam! Schon" glaubte ich, daß alles bald überstanden sein werde. Die' großen Strapazen der letzten Wochen und dann die schwere Verwundung, der Rücktransport unter, den fürchterlichsten Schmerzen, all das ließ in mir die Aussicht auf ein Weiterlebcn schwinden. Da sah ich Sie, an die ich draußen im ärgsten Feuer gedacht, hier als Schivcstcr tätig, und es kam in "ipir ein heißes Dankgefühl auf über diese glückliche Fügung. Ich raffte mich zusammen in der Hoffiumg, Sie^noch einmal sprechen zu können und Ihnen all das sagen zu dürfen, ivas jahrelang in mir ruhte." Wie gern hätte Ruth de» lieben Menschen vor Freude umarmt und ihm liebe, herzige Worte ins Ohr geflüstert, aber ihr Berus als Schwester mahnte sic an ihre Pflichten. „Aber, Herr Leßner, jetzt habe ich einen Wunsch; halten Sie sich ruhig, und denken Sie daran, daß ich Sie gesund pflegen möchte." \ " Stabsarzt Menkes war zufrieden, als er'zuin zweiten Besuch kam.' Die Atmung war gut, nur eine kleine Tempcratursteigerung und etwas beschleunigter Puls zeigten sich. Lachend neigte er sich zur. Schivcstcr: „Na," cs geht aber famos unter Ihrer Pflege." . Wochen verginge». . . Leßner war bereits außer Bett; allein der Arm hing steif und leblos herab. Die Kugel hatte das Gelenk durchschossen, sodaß keine Möglichkeit gegeben war, die Versteifung des Armes zu beseitigen. - Es war an einem Freitagabend, als Leßner, in Gedanken versunken, in seinem Krankenzimmer saß. Der würdige Krankenhausgottesdienst war vorüber, und nachhaltig klangen die Sabbathgesängc in ihm wieder. Unaufhörlich quälte cs ihn jedoch, was er nun begumen sollte, denn seine Entlaffüng als dienstuntauglich war eingereicht und komlte jeden Tag erfolgen. Wohl würde er voraussichtlich seinen Lehrcrberuf wieder ausüben können, allein die hllflose Lage, in der er sich infolge des ulchrauchbaren Armes befand, kam ihm jeden Tag mehr vor Augen. „Wie kann man nur so grübeln, Sie alter Pessimist! Na) ivarten Sie, heute ist Schadbos, und da gibt's keine Grübeleien." Alles Ernste verschwand aus Leßners Gesicht, und mll inniger Freude reichte er der einttetcudcn Schwester Ruth die Hand. „Ja, liebe Ruth, Sie haben recht, heute ist Schabbos! Erinnern Sie sich noch au die Freitagabende unserer Kinderzeit? Ich vergaß ihrer nicht im späteren Lehen, und draußen im Toben des Kampfes, 'beim Doimer der Geschütze,^ da schwebte, wenn es Sabbath war, die Seligkeit der Kindertage mir vor Augen.. Ein heiliger Talisman war mir diese Erinnerung! Und nun werde ich wohl einsam dahinleben müssen; als „Einarmiger" werde ich voraussichtlich nicht viel anfangen kömten. Getmß, den Untcrrichl kann ich iviÄicr. aufnehmen, aber dann daheim iy üreiner Stube geht's nicht-mehr, wie früher, den» man-ist doch hilfloser." Er sah Ruth an und, .'erblickte Tränen, in ihren Augen. „Ruth, liebste Ruth, ist es währ, wäre es möglich, daß Sie mir etwas sein könnten? daß mein Leben noch Inhalt bekäme, und daß dann unsere Jugendcrinnerungen neu aufleben?" - ' , . v ', litftitler & Laitech l Tel. Hansa 3148. Finuihfarta.3t, UebfiranenbergSS. » Speeialbaus für Unterkleider: und Strümpfe. ■ Niederlage echter Dr. LahmamiTWäsche. W