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Neue jüdische Presse · 1915-12-03 · Heft 47 (3.12.1915) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 47 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sk. 47. Leite 2. Wemtzwrter MvaetWchoS FsEenWüt. ansgetricbenen Juden, in einem deutschen Dialekt, nicht i n P o l n i s ch noch. jetzt zu hören bekommen. . . . Und doch sagten und sagen wir: Professor PH. ist ein Judeirr dem ein starkes jüdisches Gefühl pulsiert, nur ist er leider, wie auch die meisten liberalen Juden, mit einer unheilbaren Krankheit, der Meitdelsohn'schen Fiktion von der „mosaischen Konfession",^behaftet! Dieser Fiktion nach existieren Juden nur noch in der Phantasie der Antisemiten, — was aber in Wirklichkeit - existiert, sind Deutsche, Franzosen, Magyaren, Tschechen, Polen mosaischer Konfession:- Deumach sind die polnischen Juden keine eigentlichen Juden, sondern Polen. Zwar reden diese „Polen" kein Wort Polnisch, sondern Jargon; auch haben sie keinen blassen Schimmer von der polnischen Literatur. Zwar stimmen Tansende und aber Tausende dieser „Polinnen" an der Wiege ihrer Kleinen Weisen an, die da lauten: „Tauroh ist die beste Sechäuroh"*); „Glücklich der, mos Hot gelernt Taure"**); „Wie ich soll suchen gHn Ruhe und Glück, immer in Zijon vorblenzet **.*) mein Blick, immer ahin nach dem heiligen Land, zeigt mir den Weg a verborgene Hand, dort ahin zieht <S mich, dort nur ahin, dort nach Zion, ot wo ich nur bin". So die „polnischen" Mütter, die Chawe, Soroh, Riwke, giochcl oder Zipeuroh, Bas-Schcwa, Dwauroh, Chanoh heißen, .an der Wiege ihrer „polnischen" Sprösslinge. So^ auch der „polnische" Lehrer, der zufällig Rabbi Jankel, Jakob Mansche uswheißt, mit seinen Schülern in der Schule — sprich Eheder. So auch die. Erwachsenen, überall in ihren Privattvohnungen oder in den Versammlungslokalen. Kurzum, überall, wohin "sie sich wenden in Stiurden des .Trübsals wie der Freude! Doch trotz allem und allem sind sie Polen, so will es die .Mendelsohn'sche Fiktion haben, und wenn sie es noch nicht „ganz" sind, so sollen sie es werden, ganz gleich, ob sie es wollen! Und weshalb dies? — Der vom polnischen -Geiste angekränkelten, degenerierten Intelligenz zur Liebe, jener Intelligenz, die. freiwillig lediglich des krassen Eigennutzes halben die wenigen zu erreich enden Rech te der entrechteten Brüher verschacherte. Wir erinnern nur an die" berüchtigte Reise Natens o n s und D icksteins, der Vorsteher der Warschauer jüdischem Gemeinde, nach Petersburg, als . cs sich um die Rechte der Juden in den Stadtdumas handelte. . Doch' Professor Philippson hat noch einen starken Trumpf in Händens ein Ding, daß die Welt regiert und. dem zu Liebe Schlachten geschlagen und Millionen von Menschen geopfert werden! Dieser M oloch heißt: .Nützlichkeit, Vorteil! Aber "Herr Professor Ph., Sie als jüdischer Geschichtsschreiber .müssen es doch wissen, baß das• jüdische Volk hierin eine Aus nah me bildet; es hat imGegensatz zu anderen Völkern tausende von Jahren diesem'Moloch getrotzt und ist seinen Idealen nachgcgangen. dioch in alten Zeiten hat cs gewußt, weit größere, weit bedeutendere'Kulturen, als die polnische'cs ist, zu verschmähen;, nicht einmal auf dem Altar des verlockenden, wÄtumspannenden Griechentums, gelang es Mcncsaus, das Judentum zu opfern. Doch, wie stcht's selbst mit dieser Ihrer 9iützlichkeit? Ist es wirklich erwiesen; daß man mit . Konzessionen und mit' Annäherungsmaßnahmen ans Polentum sich in dessen Gunst bringt? Haben nicht die Juden Warschaus ernstliche Versuche gcmacht, einen billigen Ausgleich zwischen ihnen und den Polen herzustcllen? Haben nicht die Juden stcks für die Polen gegen das Moskowitertnm Partei ergriffen? Weshalb entstand eigentlich der grausame ökonomische Boykott seitens der. Polen gegen die Juden? Doch einzig und allein wegen der bescheidenen Forderung der Juden, die über fast die -Hälfte der Gesamtstimmen zur Duma verfügen, keinen ausgespnochenen Anti-' scmiten in die Rcichsduma zu ent- . *) Ware. **) Tora. ***) verirrt sich. Diese Stro--. phen sind den Jargon-Polksliedern: „Unter der Wiegele (Wiege, steht « weiße Ziegele" (Ziege), „Das Ales Beis", „Das Beinken" (Die Schnsucht) und „L'schonoh. habo birst-/ schvlajim" entnommen. - senden! Und wie gestaltete sich dieser entsetzliche Boykott? Machten da die Polen Unterschiede zwischen Nationaljuden und Ueberpolen aus der 'Wischen assimilierten Plutokratie? Nicht , im geringsten! Polen mosaischer Konfession und Nationaljuden wurden in gleicher Weise als Inden angesehen und gleichmäßig boykottiert! 'Man sieht: H albe -Maßnahmen derer von der mosaischc/n Konfession schüHsn vor der Rache der blindwütigen und un gerechten Pola fei ni ch t. Da k a nn nur. ein lückenloses Polentum ohne die noch so geringste Spur von Mosaismus Ab-, Hilfe — wenn auch nicht im ersten und zweiten Geschlecht — schaffen. Daß dies aber uns und den jüdischen Massen Polens unannehmbar ist, braucht nicht gesagt zu werden. Und die' liberalen Juden? Ihren Behauptungen nach, Herr Professor, Ich-' neu auch sic dies ab. Dann aber ist cs unersichtlich, wie Sie aus diesem Dilemma heräuskommcn wollen, und wie das polnisch-jüdische Problein airdcrs als auf Grund des Grundsatzes „Jedem das Seine" zu lösen ist. Dieses „Wie" .muß überhaupt an das gesamte Assimilantentum gestellt werden. Seine Stellung zur Judenfrage ist eine unhaltbare, da sie sich auf der unhistorischen, dem gesamten jüdischen Schrifttum zuwiderlaufenden Mendelsohnschen Fiktion von der mosaischen Konfession aufbaut. Diese Fiktion ist ein Produkt der Zeit, in der sie entstanden ist. Nur eine 'Zeit des Weltbürgertums und ein-' heitlichen Menschentums konnte sic gebären. Das jüdische Volk, das von aller Welt Jahrhunderte hindurch so grausam verkannt und mißhandelt wurde, ergriff voll Dankbarkeit die ihm zögernd dargebotene Hand. Optimistisch vertrauend auf den hohen Wext des Menschen „bezelem elokim (im Ebenbildc Gottes)" glaubte er aus seiner - tiefen Dankbarkeit heraus, daß das messianische Zeitalter, von dem seine Propheten so, beredt, so bestimmt weissagten, im Anzuge hegrissen sei und cs seine, des PrSphetcnvolkes, heilige Pflicht sei, den anderen Nationen mit einem güten Beispiel voranzugehen, um den Beginn dieses von seinen Propheten verkündeten goldenen Zeitalters zu' beschleunigen. Deshalb entsagte es freiwillig seiner Nationalität und seinen nationalen Hoffnungen auf die Wiedergeburt und reihte sich als Glied des Ganzen in die einheitliche Menschheit ein. So glaubte es, eine doppelt ideale Tat begangen zu haben: einerseits vorbildlich „zu sein für ein im Interesse anderer freiwilliges Ansgebcn einer mit der größten Zähigkeit und ungeheuren Opfern erkämpften tausendjährigen glorreichen Vergangenheit, andererseits auszubreiten die eigene unvergängliche Kultur, die sie aus der reichen Schatzkammer ihrer nationalen und zugleich universalen, unvergleichlichen prophetischen Ethik mit in die neuerbgute Welt herüber gerettet hatten, zum Heile der ganzen Menschheit. Dies war schön, wenn auch unvernünftig und unjüdisch gedacht! Inzwischen haben sich die Verhältnisse vollständig geändert, es sind andere Zeiten, und mit ihnen auch andere, ganz andere Lieder gekommen. Ganz oder halb an ihrem Ziele der Erlangung vor: Menschenrechten — mit Zuhilfenahme der etbisch-jüdischen Prinzipien der Rechtsgleichheit —. angelangt, gab sich das Bürgertum mit dein Erreichten zufrieden und stellte den Kampf mit heu Privilegierten ein. Die Prinzipien der Einheitlichkeit, Menschlichkeit und Brüderlichkeit wurden rasch vergessen; die alten egoistischen Instinkte. der Vergewaltigung der Schwachen kamen wieder auf die Oberfläche. Die vorübergehend, geeinte Menschheit. zerfiel, und die Exklusivität der Nationalitäten wurde immer schärfer und schärfer. Während Dom Weltbürgertum heute nur noch mit Achselzucken gesprochen wird, werden Selbstachtung, nationales Empfinden und nationale Werte mit der größten Hochachtung behandelt. Alles, die noch so kleinsten, Kultur und Vergangenheit entbehrenden Völkchen sind eng national; für Selbst» erl c u g n N n g und Assinlilation gibt's .keinen Platz mehr. So die Zustände von heute, — und trotzdem "halten die liberalen Juden noch immer an der Mcndelsohn'schen Fiktivst fest, der heute der ideelle wie auch reale Boden entzögen und in ihrer Wirkung lächerlich und zugleich schädlich ist.- Nur aus zweierlei Art ist, hie Judenfrage zu. lösen: entwederdurch völligen Abfall oder durch Wiedergeburt. Einen dritten Weg gibt c s. n i ch T, da eine hat b e Assimilation auf Grund einer hn n d c r t j ä h r i gen: E rfa h r n n g nicht zum Ziele führt. '* : Die liberalen Juden besitzen anscheinend nicht die Kraft, einen von beiden Wegen zu betreten, und so. schlendern sic in dem alten, unwegsam gewordenen Weg weiter. Immer heißt cs noch: Anpassung, Annäherung yu dH: einheimische Bevölkerung, ganz gleich, wer sie sind, ob Deutsche, ob Engländer öder -- Hottentotten. . . Was nun aber die Annäherung der Inden an die Polen betrifft, so ist es auffallend, wie sic in ihrem großen Eifer für das Polentum unbewußt, ohne es zu wollen, .die wahren Interessen Deutschlands außer acht lassen. Die krankhafte Anpassungssucht hat sie eben blind gemacht. Es liegt uns fern, die liberalen Juden zur Einkehr zu mahnen, dies ist vergebene Muhe. Wir bezweckten ^mi^unscren Ausführungen auch ein anderes: unsere Regierung auf die wirklichen Wünsche des Gros der Juden Deutschlands bezüglich der polnischen Juden aufmerksam zu machen, und unsere Jugend, deren Blick, durch die Vorurteile. und Tücken des Lebens noch nicht getrübt ist, auf die einzig würdige Lösung des Judcnproblems hinzuwcisen! Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Die diesjährige Mitgliederversammlung war nach Berlin einbcrufen. In der unter dem Vorsitz des Abg. Gothein tagenden Versammlung wurdeder Geschäfts- und -Kassenbericht erstattet. Die hieran anschließende Aussprache ergaballseitige UebcreinstimmuNg darüber, daß der schöne Geist -der Verträglichkeit und Versöhnlichkeit, der zu Anfang des Krieges geherrscht, leider vielfach schon verflogen sei, daß die bösen Leidenschaften,,. von der vaterländischen Begeisterung' nur für kurze Zeit gebändigt, wieder nach Betätigung drängen. Von einem bekannten Publizisten wurde die Aufsehen erregende Mitteilung gemacht, daß nach einer ihm von vertrauenswürdiger Seite aus konservativ-agrarischer Quelle zugegangenen Information die politische Richtung und Weltanschauung,, deren. Zurückdrängung der Verein in erster Linie sich zur Aufgabe gemacht hat, nur auf den. Augenblick wartet, wo die Schranken, der Zensur gefallen sein werden, um in Deutschland aufs neue eine skrupellose Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger zu entfesseln und zwar als Antwort auf die mehr oder minder, berechtigten Angriffe, die vielfach wegen der allgemeinen Lebensnlittclteueruug gegen einen großen Erwerbsstand in der Oefsentlichkeit erhoben worden sind.. Es kam ferner zur Sprache, daß trotz des nicht zu bezweifelnden objektiven Bestrebens der Zensur, die Heißsporne aller politischen Parteien zu zügeln, die bedauerliche Tatsache zu verzeichnen sei, daß ein bekannter Fanatiker verstiegener Rassentheorien, übrigens kein Deutscher von Geburt, in Kriegsaufsätzcn, diein vielen Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet werden, und die unter Benutzung' eines eignen Feldpostdienstes auch in größer Anzahl unseren kümpstnidcn Soldaten zugehen, nach wie vor einen gefährlichen Rassenhaß predige und die oberste Volksvertretung des deutschen. Reiches, den Reichstag, in unerhörter Weise beschimpfe. — Die turnusgemäß ausscheidenden Mitgliederdes Ausschusses wurden ebenso wie der bisherige Vorstand — bestehend ans den Herren Abg. Bergrat G o t - h e i n . Geh. Rat Prof. Dr. W i l h e l m F o erster, Landtagsabg. L a n d g e r i ch t s d i r e k t o r K a n - zo w,. Rcichstagsabg. Rittergutsbesitzer R o l a n d- L ü ck c und Rcchtsanw. Dr. B a e r w a l d - Frankfurt ä. M. — wiedergewählt. Anstelle des wegen hohen Alters aus dem. Vorstand ausschcidendenseit Begründung des Vereins ihm angehörendcn Frankfurter Vorstandsmitgliedes-Stadtrat Flinsch wurde Stadtverordneter Jnstizrät Dr. Max Geh-l^ke in dem Vorstand gewählt. ., s ft t u folge» . H dische» im Lc ist sü, A gcnde A U nieri liche usw.) 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