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Neue jüdische Presse · 1915-12-03 · Heft 47 (3.12.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 47 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als wir vor einein Jahre das "Chanukahfest feierten, da durfte der jüdische Chronist mit Recht darauf Hinweisen, daß es in der gesamten jüdischen Geschichte wohl kaum eine Zeit gegeben habe, die in ihrer namenlosen Not -und Qual' der Epoche der Mäkkabäertage .so vergleichbar wäre wie diese. Seitdem ist ein volles Jahr dahingegangen, und wiederum ist das traute, innige Fest herangekommenj und die Not und Qual der Zeit des Weltkrieges, das Elend und. der Jammer der jüdischen Lage hat sich seitdem nur gesteigert. Die tragische Situation, in der sich unser'Volk zur Zeit. der Verztveiflungskäntpfe der Makkabäer/äußerlich befand, 'war nicht kritischer als die, ist der wir in diesen Monaten leben. >, Hingegen war sie innerlich gewiß damals, besser- und. trostvoller als heute. Das Volk stand allerdings vor dem Untergang: aber es gab doch Tausende jüdischer Heldendie gegen diese scheinbar unabwendbare Notwendigkeit mit Todesverachtung kämpften. Man durfte kaum noch eine Rettung erhoffen; aber ein großer Teil der Nation war doch entschlossen, wenn keine Rettung mehr möglich wäre, wie Helden zu sterben. War die nationale Existenz auch ii: Frage gestellt, die nationale Ehre-war doch' rein geblieben, mochte auch das Volk in seinem letzten Kampfe unterliegen, sein Name, sein Ruhm hatten doch den makellosen Glanz bewahrt. Doch heute? — Wo sind die Enkel der Makkabäer, die - gleich ihren Ahnen bereit wären, für ihr Volk den Todeskampf zu wagen? Und wenn sie da sind — und wir wissen, daß sie da sind —, wie hatten sie die Möglichkeit, ihren heldenhaften Willen durch die Tat zu bekunden? Das ist ja das Furchtbare an unserer heutigen Situation:- daß selbst,-wenn wir wollten, wir uns kaum gegen unser Schicksal sträuben könnten, daß wir nicht nur bluten müssen, sondern geknechtet bluten nchssen, daß wir alle furchtbaren Schläge hinnehinen-müssen, ohne uns irgendwie dagegen wehren zu können "Nicht nur traurig ist unser Los, sondern —schlimmer noch als dies — auch niedrig und duulpf; unsere Ahnen zur Zeit der Makkabäer -dursten doch wenigstens als Helden in der Schlacht fallen: ihre Enkel in unseren Tagen aber, müssen als Bettler auf den Landstraßen Jnnerrußlands verhungern. Wie eine undurchdringlichd^ Finsternis liegt es heute - auf uns, eine Finsternis, in der es kein Vor und Zurück, aus der es keinen Ausweg und kein Entrinnen gibt, und in deren zentnerschwerein Alpdruck man langsam ersticken muß. - / - * Doch, da naht das Chanukahfest. Und in der Finsternis wird es Heller, lichter. Ein. einziges Lichtlein -zwar nur flackert auf, aber es genügt, um die Finsternis zu erhellen, und die Helle wird immer starker, von Tag zu Tag stärker, bis sic am siebenten Tagein ihrem siebenfachen Glanze dje Finsternis vollends überstrahlt und überwindet. Ja, das Chanukahlichtlein! Wann kam es uns willkommener,, freudiger begrüßt, sehnsüchtiger erwartet als dies Jahr?. Wenn die Gegenwart zu trostlos, wemr die Zukunft zu dunkel und undurchdringlich ist, dann gibt es nur einen Trost: die Flucht in die' Erinnerungen der Vergangenheit. Und wo gäbe es in unserer gesamten tausendjähriges i Vergangenheit _ eine herrlichere, trostvollere undc.beglückeisdere Erinnerung als jene, die uns das Chanukahlichtlein wieder in die Erinnerung zurückrust? Und mit der Erinnerung flöht es uns auch Leben ein, erteilt es uns Mahnungen, kündet cs uns Imperative. Zwei Imperative kündet es uns vor allem: Zunächst den Glauben an unseres Volkes Unv-ergän glich? eit. Diese Ueberzeugung muß uns mehrals eine historisch gerechtfertigte Erkenntnis, als eine logisch begründete Einsicht sein, sie muß uns ein Glaube sein, den uns kein scheinbarer Widerspruch der Tatsachen, kein Gegenargument, das aus der augenblicklichen Situation geschöpft ist, raube» darf. ' Dieses Chanukahlichtlein sei uns ein Künder all jener vielen Zeiten in der Geschichte unseres Volkes, in der sein Untergang als unabwendbar erscheinen mußte, und deren Ausgang doch schließlich alle scheinbar unabänderliche Notwendigkeit Lügen strafte. Es gibt eben keine Notwendigkeiten in der Geschichte; denn die Historie ist das Reich des Geistes,. und das tiefste Wesen des Geistes heißt Freiheit. Und in innigem Zusammenhang damit-kündetuns das Chanukahlichtlein noch eine zweite Lehre: den Glauben an das Wunder in der Geschichte. Dies ist die-tiefste und erhabenste Lehre des Chänukahfestes: daß es Wunder in der Geschichte gibt; Ereignisse und Begebnisse, die außerhalb jeder historischen Wahrscheinlichkeit, ja scheinbaren, Möglichkeit stehen, die logisch nicht zu erfassen und zu verstehen ~ sind, und die doch sehr oft hie entscheidenden und bestimmenden Begebenheiten im historischen Entwicklungsprozesse darstellen. . _ ' - Die höchsten und größten Ereignisse, die sich in der Geschichtsentwicklung abgespielt haben, waren vom. Standpunkt nüchterner Wahrscheinlichkeitserwägung gesehen, Wunder gewesen, und ohne den Glauben an das Wunderbare in der Geschichte ist noch niemals etwas wahrhaft . Großes und Weltbewegendes vollbracht worden. Es war eines der unheilvollsten inneren Gebrechen unserer Zeit, daß sie unter dem Einfluß einer mißverstandenen naturwissenschaftliche Weltauffassung den Glauben an das Wunder verloren hatte, und es ist eine der segensreichsten und bedeutsamsten Wirkungen des Krieges, daß sie Tausenden diesen Glauben neu wiedergegeben hat. Denn was wir heute täglich ccm uns, erleben, ist es nicht Wunderbares? Hätte es jemand vor wenigen Jahren noch für ncöglich oder gar wahrscheinlich gehalten? In dieser erhaben-großen Zeit, in der wir leben, erleben wir wieder neu das Wunder in der Geschichte, von dem uns die Chanukahllchtlein in ihrer trauten, schlichten, herzergreifenden Art künden. - Wenn wir diese beiden tiefsten Lehren des Chanukahfestes, den Glauben an Israels Unvergänglichkeit und den allgemeineren an das Wunderbare in der Geschichte, in uns aufnehmen werden, wird uns dieses herrliche Fest zu dem werden, was alle Feste in erster Reitze sein müssen: zueinem Born der Kraft und des Trostes, der uns über die traurigste Gegenwart hinwegführt. Helle des Dunkels verborgensten Winkel siegreich überwindet. — Also kündet das Wunder. Ein Häuflein, winzig an Zahl, der Feind aber übennächtig, weltbeherrschend. Ein Lmuftein. flüchtig von der heimatlichen Scholle, denn auf Haus und Hof lastet die eiserne Faust des Weltbezwingers. Doch die wenigen, sie vertrauen auf die Reinheit ihrer Gesinnung, sie glauben an. die sich durchringende Gerechtigkeit ihrer Sache. Unter diesem Zeichen siegen sie, siegen gegen eine Welt und erlösen ihr Volk. — Also kündet das Wunder. So ward Channka. * Wieder ivie vor zweitausend Fahren drohte „in unseren Tagen" unseres Judenvolkes Lebenslicht zu verlöschen, schwinden der eigene»: Lichtstärke, Ueberhandnehmeir fremder Lichtstärken schienen unser Schicksal allmählich zu besiegeln. Und wieder, »vie's zum letzten Auffackern zuckte, geschah das Wunder: rvo's schon erloschen »var, entflammte es unversehens. ~- Daß aber Flamme an Flamme sich entzünde und in der Bereinigung Macht der Glanz der alte»: Herrlichkeit wieder erstrahle, harrt heut' noch der Erfüllung. Daß wieder Channka werde! 3- * Das Wunder. Ein Lichtchen, einsam und schwach an Kraft. Ob's standhalten wird ^unter der niederzwingenden Gewalt der Finsternis^ Doch es wächst und wächst; wächst zu einem Srrahlenmeere, dessen Die liberale» Juderr und das polnisch-jüdische Problem.: Die liberalen Jude» Deutschlands find an der Arbeit, das Schicksal der „Polen" mosaischer Konfession zu bestinnnen und zwar auf sehr einfache Weise: durch völliges Ansgeheit im Po len tum. In der vorigen Vtummer publizierten wir die Ausführungen Professor Philippsons in der „Allg. Ztg. der Judenheit" hierüber, die das polrrisch-jüdische Problem auf solche Weise lösen »vollen, und Philippson ist einer ihrer Besten, denn in ihnr leben, noch jüdisches Gefühl »md jüdischer Solidaritätssinn. - Fragt man, wieso ein Philippson zu einem solch traurigen Rat kommen kann, »vieso ein Jude, der auf sein Judentuin stolz ist, seine»: Brüdern ein völliges Aufgehen — wir sagen: völliges Äufgeheir, weil sich ein künstlich nie de »gehaltenes, zur Ohnmacht verurteiltes, in der Auferstehung begriffenes Volkstum nicht mit einer halben Assimilation .seitens der in seiner Mitte le-. benden Fremdvölker zufrieden geben kann — in einen: sittlich tiefer stehenden Volkstum als das seinige anzuenchfehlen vermag, so' gibt uns der Intellektualist Professor Philippson zur Antwort: Der Wohlstand, der Juden Polens erheischt es. Der Wohlstand erheischt es? —. Und dies sagt' in allem Ernst nicht irgend ein abseits» vom Judentum stehender Kommerziell-, rat, sondern der' jüdische Geschichtsschreiber und gewesene Führer de.r liberalen Juden, Prof. Philipp so»:! Der Wohlstand erheischt es! — Was würden dazu, Herr Professor, unsere Ahne»: gesagt haben,' die lieber vorzogen, ihren' Wohlstand auszugeber^ ihr ganzes Hab und Gut in Spanien zu kaffem und in die Berba»:nung zu gehen, als ihrem Judentum zu entsagen? Allein, was jene Ihnen nicht mehr sagen können, dies würden Sie vom den Juden Warschaus, den zum großen Teit wegen ihres Judentums aus Moskau und Kiev» J", - -V

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