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Neue jüdische Presse · 1915-10-15 · Heft 40 (15.10.1915) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 40 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. beten Zentralmächte wahrhaft nichts Großes und Be» , deutendes. Hier aber geht es um Größeres, um sehr Großes: um die Herstellung des freien, ungehinderten Weges nach der Türkei, um die Freilegung der Bahn Berlin--Konstantinopel. Und auch damit ist noch nicht das letzte Ziel des Balkanfeldzuges bezeichnet; der Weg' führt noch weiter als nach Konstantinopel, er führt vielleicht nach Kairo, er führt gewiß nach Bagdad. Berlin-Bagdad! das ist das laute Schlagwört, das jenen gewaltigen wellpolitischen Gedanken zum Ausdruck bringt, der durch den Balkanfeldzug seine Verwirklichung finden soll. Nur um dieses Gedankens willen verlohnte es sich, nach mehr als einem Jahre furchtbaren Kampfes diesen neuen Feldzug zu unternehmen; dieses Gedankens rvegen schaut die ganze Welt mit atemloser Spannung, schauen die Gegner Deutschlands mit bebender Furcht der Offensive in Serbien zu. Denn in diesem Gedanken handelt es sich um die Leitidee der deutschen Orientpolitik, um eine Grundtendenz der gesamten deutschen Weltpolitik und damit um einen Hauptpunkt des ganzen Weltkrieges. Es M schon gesagt worden: in diesem Kriege kämpfen die meisten Soldaten letzten Endes um Länder, die sie nie gesehen haben, nie sehen werden: Rußland um Konstantinopel, England um Aegypten und Indien, Frankreich um Syrien, Deutschland aber in erster Reihe um die Türkei. Die Türkei soll für Deutschland das größte Feld künftiger Kultur- und Wirtschastsentfaltung bilden, im großen Gedanken der Wiederbelebung der unermeßlichen Gebiete Vorderasiens hat sich Deutschland eines der beherrschenden Ziele seiner künftigen weltpolitischen und weltkulturellen Arbeit gesetzt. Darum war das 'Bündnis mit der Türkei, die Verständigung mit Bulgarien vom Beginn des Krieges an natürlich und notwendig, darum war Konstantinopel von Anfang an der weltpolitische Schwerpunkt des Kampfes, darum ward die große so schmählich gescheiterte Dardanellenaktion der Entente unternommen, darum hat jetzt der Feldzug aus dem Balkan begonnen. Die Verwirllichung des Gedankens Berlin-Bagdad ist aber für uns Juden von der größten Bedeutung. Denn das unveränderliche historische Objell unserer heiligsten Zukunftshoffnungen: Palästina, bildet einen Teil jenes Vorderasiens, das durch die Realisierung dieser Idee wiederbelebt werden soll. Mit dem Anschluß der Türkei an Deutschland, die nach der endgiltigen Herstellung der Verbindungslinie mit ihr ein dauerndes werden wird, wird die weltpolitische Situation für uns Juden ein für allemal gellärt mrd festgelgt. Dann wissen wir, daß wir nur von den Mächten dieses großen Völker- und Staatenblocks, der von Berlin nach Bagdad führen wird, Förderung und Verwirklichung unseres nationalen Ideals erhoffen dürfen. Damit aber erhält die bisherige zionistische Politik, die auf der Basis unbedingter Treue und Loyalität zur Türkei gegründet ist, ihre endglltige Rechtfertigung und dauernde Fundierung. Wir wissen dann, ans welcher Seite im europäischen Völkerkonzert unser Platz ist. Und noch ein anderes, wichtigeres bedeutet für uns die Verwirklichung des Gedankens: Berlin-Bagdad: wer gibt uns die Hoffnung, daß die Mächte, die diesen Gedanken realisieren, vor allem Deutschland und die Türkei, unser nationales Ideal in seiner Berechtigung für uns und in seiner heilsamen fruchtbaren Bedeutung für sie anerkennen und verwirklichen helfen werden. Wir ~ brauchen hier nicht wieder all die Gründe darzulegen, die den großen Nutzen zeigen, den der zionistische Gedanke der Türkei, dem Werke der Wiederbelebung Vorderasiens und damit der deutschen Orientpolitik bringen kann und muß. Sie sind hier oft schon dargestellt worden. Auf ihre Gewichtigkeit und Unwiderleglichkeit gründet sich unsere feste Erwartung, daß diese Mächte Helfer und Förderer unserer Bestrebungen sein werden, gründet sich unsere Hoffnung, daß die Verwirllichung des großen iveltpolitischen Gedankens Berlin-Bagdad auch für uns Juden von größter und hellsamster Bedeutung werden tvird. Darum blicken wir Juden der gesamten Welt dem Fortgang der Offensive gegen Serbien mü größter Spannung entgegen, darum wünschen wir auch als Juden den deutschen und österreichischen Waffen auf dein Balkan Glück und Erfolg, darum hoffen auch wir, daß in nicht zu langer Zell der Weg nach Konstantinopel, nach Aegypten, nach Bagdad frei und sicher sein tvird. Zugleich damit hoffen Nur aber auch, daß in nicht zu ferner Zukunst der Weg nach Erez-Jsrael für das jüdische Volk offen und ungehemmt daliegen tvlld. Frankfurter Israelitisches Familienblaff. Aus Palästina zurück . . . Noch! sehe ich sie vor mir, die Scharen von schwachen Greisen und krankeir Frauen, die vor dem Hause der früheren Evelina de Rothschild-Schule in Jerusalem sich znsammcndrängcn, um die ihnen aus dem amerikanischen Hilfsschisfe knapp bemessene Mehlration für die laufende Woche zu erhalten. Es ist ihr einziger Schatz, und jeder der 21000 Empfänger eilt mit ihm nach dem armseligen Heim, wo hungerkranke Kinder der Mutter, des Vaters warten. Das Brot aus dent „ainerikanischen Mehl" ist meist das einzige, was sie zum Essen haben. Was sonst das Land erzeugt und als karge Zukost gelten kann, hat in diesem Jahre die Heuschrecke vernichtet. Paradiesäpfel und Gurken, Melonen und andere kürbisartige Gemüse, die dem armen Jerusalemer sonst, roh gegessen, sein trockenes Brot schmackhafter machten, sind dieses Jahr nur für teueres Geld zu haben und ein Luxus der Reichen. Das trübe -Situationsbild aus dem Heu sch recke nun glück, das der Prophet Joel so erschütternd schildert, scheint sich wiederholt zu haben. All das namenlose Elend, die unaussprechliche Summe voir Not und Hunger, die dieser Weltkrieg und die Heuschreckenplage über Palästina gebracht haben, steht noch einmal vor meinem Auge. Ich sehe sic noch einmal vor mir, die abgehärmten, in Elend geborenen, in langen Leiden zermürbten Gesichter derjenigen, die dann b u ch st ä b l i ch vor Hunger gestorben sind. Es waren Angehörige eines Kollels, dessen Mutterland jetzt infolge des Krieges eine Wüste geworden ist. Die Sterblichkeit ist ins Erschreckende gewachsen. Von der Zunahme der Kindersterblichkeit, die auch in „guten Zeiteil" in Jerusalcnr eine unglaubliche Prozenthöhe anfweist, soll hier geschwiegen werden. Es sei nur eine Familie erwähnt, die im Laufe des vergangenen Winters drei Kinder begraben hat, deren einzige Krankheit U n t e r c r n ä h r u n g w a r. Der Har hasößim, der Oelberg, pflegt man manchmal in Jerusalem zu sagen, hat ein breites Bett. Menschen, die zu Hause kein Lager haben, finden dort eine Ruhestätte. .... Grenzenlos ist dieses Elend. Die „Bcssersituicrtcu" zehren vom Letzten. Die Kaufleute leben von dem, was sie noch! zufällig verkaufen, die Warenkasten sind aber meist schon leer. Die sonst so belebte Jaffastraße in Jerusalem, die Hauptstraße in Jaffa und der Hafen sind jetzt verödet. Die Läden sind vielfach geschlossen, und woher sonst der Ton geschäftigen Treibens herausscholl, dort brütet heute dumpfe 'Verzweiflung. Wer soll denn auch kaufen, und wozu soll man es tun, wenn sogar das trockene Brot fehlt? Es werden nur noch Tauschgeschäfte gemacht. Ein Talmudgelehrter tauscht bei einem befreundeten Kaufmann seinen größten Schatz, seine teuren Talmudexemplare, gegen irgend etwas ein, was seine darbende Fannlie zum Leben braucht. Er tröstet sich damit, daß er jetzt im Beth-Hamidrasch „lernen" werde und tröstet den Freund mit der Versicherung, „nach dem Moratorium" werde er bezahlen und cinlösen. Dieses „nächstem Moratorium" ist jetzt überhaupt das gangbarste Zahlungsmittel in ganz Jerusalem. Es ist dort ein allgemeines Zauberwort, und als man in diesen Zeiten der Not mehr denn je die alte Messias-' Hoffnung erörterte^ meinte einer im Beth-Hamidrasch nicht ohne Ueberzeugung im Tone: „Moschiach wird nach dem Moratorium komme n." Denn auch im Beth-Hamidrasch, der einzigen Stätte des jüdischen Trostes, ist die bitterste Not eingezogen. Einige sind geschlossen worden, und das Thorastudium feiert. Das alte Wort jenes Weisen: „Wenn kein Mehl da ist, gibt es kein Thoralernen" hat jetzt in Erez-Jsroel einen merkwürdig wahren Zeitkommentar gefunden. Dieses Thorastudium, das sonst unter Anspannung aller Kräfte in den Jeschiboth Jerusalems betrieben wurde, hat an Intensität eingebüßt. Es-sind.eben keim Kräfte da, und in den Chedorim, den Stätten, wo sonst jüdische Knaben mit lustigen Augen und klingenden Stimmen die heilige Gotteslehre mit Begeisterung studierten, sitzen nun blasse, scheue Kinder mit Hunger in den Blicken. In den Schulen ist cs nicht besser. Die fremden Schüler, die zumeist aus Rußland nach Jerusalem - gekommen waren, um mit jugendlich heiligem Jdealseuer die Nr. 4Ö hebräische Sprache an der Quelle zu erlernen, chüngerir nun. seitMs Monaten; seit Ausbruch des Weltkrieges und Abbxuch aller Verbindungen mit ihren Eltern in der Ferne, hungern und gehen bloß im: wahrsten Sinne "des Wortes. Es ist geradezu ein Hocoismus, wenn sic dennoch ihre Schülerpflichten erfüllen, wenn sechse zusammen sich ein Licht kaufen, um dem Lehrer den „Chib- ' bur", einen Aufsatz, zu rechter Zeit abzuliefcrn. So lebt man jetzt allüberal l in Palästina. Auf den Kolonien, die einem sonst immer das Herz höher schlagen ließen? wenn man sie betrat, wohnt jetzt die düstere Sorge. Verstummt sind die Lieder und die frohen Weisen in der alten Sprache der Väter. Der Gang zum Weinberg und zum Orangengarten wird mit müder Verzweiflung angetreten, etwa in der Stimmung, wie gebrochene Eltern zum Grabe eines frisch gefallenen, hoffnungsvollen Sohnes gehen. Wie denn aber auch anders? Dies Jahr wird es in'ganz Palästina keine Wein- und Orangenernte geben? Die Mandeln und Feigen wird man auch missen müssen. Alles ist der Heuschrecke zum Opfer gefallen! Ein eigenartiges Brachjahr, eine außerordentliche „Schmittoh" feiert nun das Land. Aber daneben flehen Männer, die in diesen: einen Jahre um Jahrzehnte gealtert sind, weil sie am Grabe ihrer ganzen Lebenshoffnung angelanqt sind-*) ' So ist der allgemeine Ruin, der jetzt in Palästina sein erschreckendes Gesicht zeigt. Der Krieg und die Not haben alles vernichtet oder doch zum Stillstand gebracht. Nur einem Institut haben sie genützt: den Krankenhäusern! Sie sind überall überfüllt, und sie leisten tatsächlich Uebermenschliches. Wer die Lage der palästinensischen Hospitäler in „guten Zeiten" kennt, wird den Heldenmut bewundern, wie man dort ständig ohne Budgetdeckung arbeitet. Es ist immer das grenzenlose Verdienst der leitenden Äerzte, trotz allem bei geringen Mitteln Großes zu leisten. Aber jetzt hat die Not der Anstalten geradezu unermeßliche Dimensionen angenommen. Das „Schaare-Zedek"-Hospital, dies so musterhaft geleitete Institut, wird nun einzig und allein durch die Tatkraft der Leitung weitergeführt. Aber man muß vorerst auf zahlende Patienten Rücksicht nehmen,, und so können arme Kranke nur in den seltensten Fällen Berücksichtigung finden. Dafür ist das Ambulatorium überfüllt, und dahin schleppen sie sich alle, die armen bettbedürftigen Patienten. Die Augenklinik „Lemäan Zion" -leistet als Jerusalems einziges Augenhospital in diesen Zeiten bei doppelte r P a t i e n t e n z a h l trotz infolge des Krieges verminderter Hilfe des Komitees in Frankfurt am Main durch die aufopfernde Arbeit des leitenden Arztes und seiner Frau geradezu Uebermenschliches! Aber auch die Kraft der Helden muß schließlich erlahmen. Wenn man sich hierzulande nicht der Not dieser Anstalten in Jerusalem rechtzeitig und energisch entsinnen wird, werden endlich auch sie geschlossen werden müssen. Ein Kranker kann auch in Jerusalem nicht bis „nach dein Moratorium" warten. Hilfe tut not! Hilfe aus vollem Herzen und mit offener Hand! Hilfe ohne Unterschied, ohne Parteiung, für ganz Palästina, für alle Institute, für .alles,was dortnoch lebt nnddeMRuin noch entronnen ist! In jedes Juden Herzen muß ein Jeruscholojim wohnen, so wie es in seinem Gebetbuch steht! Erez- Jsroel mutz ihm jetzt bei jeder Gelegenheit, in den Sinn kommen, bei jedem Bissen, den er ißt, soll er seiner hungernden Brüder im heiligen Lande ge- - denken! z. Zt. Saybusch (Galizien). Dr. Jakob Bronner, *) Letzte Nachrichten aus Palästina Melden, das; wenigstens die Getreideernte günstig ist, und daß der - Schaden durch die Heuschrecken nicht ganz so schlimm ist, wie es anssah, — allerdings iloch schlimm genug, nn» schleunige Hilfe zn reichen. Die Redaktion. Nr R schein! der b sich s, Guten dürfni in Zei und , Macht des E besont schärfs sein l nackte; Existe und s dieses hätte dem 5 chie fl an sil wie i Trost so ist uate» Weise; jährig und i Denk- Rabbi Wirke Liebe, I auf < jener die h an ei; sühru die? hing« ihren Hein 6 dieses alle ist, l ist, ti Erlau Reicht ichräu ei» 9 MV, Geiste reich» R gebör bekan bogen bürge seine» er in seph scheu Angei bürge das , Aüng daß als S in d Lein» lange ist ii so ül so ch iitfflc eilt tj sein Hiera indes der f gedru ihm blieb durch wollt Treu lerisi tu »ge Tobt Lebe; reiche einzi, Dasei schen Zwei Geha Pri» auf i »i»g Rat» in se »nab laute in se seine errei

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