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Neue jüdische Presse · 1915-10-15 · Heft 40 (15.10.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 40 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ausruf der französischen Israeliten a« die Israeliten der neutralen Länder. Am 29. Juli 1910 erschien in diesen Blättern ein Artikel, der Salomon Reinach, den allmächtigen Herrscher in der Alliance-Jsraelite Universelle nnd Mitglied des Vorstandes der mit dieser eng verbundenen Baron Hirsch 250 Millionen Francs-Stiftung Iwish Colonisation Association („Jca"), charakterisierte. Der Artikel zeichnete Reinach auf Grund seines „Orpheus, Allgemeine Geschichte der Religion" als einen der radikalsten Freidenker und Religionsgegner und fand nur in der persönlichen Machtfrage eine Erklärung für seine „jüdische" Betätigung. Wie treffend Reinach in dem Artikel. erfaßt worden war, bewies er in seiner uns gesandten Entgegnung, in der er das Judentum mit Ausdrücken wie „alberne Fabeleien und stupide Riten", „dreistdumme Ritualbildung" bewarf und als die Feinde seines „wahren" Judentums der „hartnäckigen Dulder und Denker für die Sache des Freisinns" nicht die Antisemiten, sondern die frommen Juden, die Talmudisten, die Verfechter des Hebräischen als Umgangssprache anklagte. Der Ort Paris als Sitz der Alliance wäre weniger von Schäden gewesen, wenn Männer mit jüdischem Fühlen an ihrer Spitze gestanden hätten und nicht eine kleine Klique von Franzosen meist ohne jüdische Erziehung und bar jüdischer Lebensführung und jüdischen Wissens. Wir erkannten als die Ursache dieses vernunftwidrigen Zustandes die Handhabung des Wahlrechts. Nicht die Judenheit wählte die Männer in die Leitung, sondern sie selber und ihresgleichen. Hierzu kam, daß in der Leitung dieser „internationalen" Organisation die Franzosen sich durch die Statuten den bestimmenden Einfluß gewahrt hatten, trotzdem die Mehrheit der Beitrag zahlenden Mitglieder in Deutschland wohnte. Wir begannen einen Pressefeldzug, fanden mächtigen Widerhall und konnten als das Ergebnis unseres Kampfes die Gründung der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance verzeichnen. Leider aber bestanden zwischen den deutschen leitenden Herren und ihren französischen Kollegen zu stärke persönliche Beziehungen und hauptsächlich gleichartige jüdisch-politische Anschauungen; auch sie waren Gegner jeder Kontrolle ihres durch ihre soziale Stellung betätigten Einflusses durch die jüdische Masse, nnd so hatten sie trotz ihrer unbestreitbar besseren jüdischen Qualität ihren französischen Kollegen gegenüber nicht genug Rückgrat, — und das Ende vom Liede war das Äufhören der Deutschen Konferenzgemeinschäft und der Wiedereintritt des alten Zustandes. . . Als Leiter einer Organisation, die durch ihre Hunderte von Schulen in Nordafrika und in den türkischen Ländern französischen Kultureinfluß.betrieb,^ faßte Reinach .seine Stellung auf und wußte auch diese Auffassung der französischen Regierung einzuflößen, — und dieser Auffassung gegenüber konnten, die deutschen Herren in der Leitung infolge ihrer ungerechtfertigten zahlenmäßigen Minderheit nur kleine Erfolge, doch keine prinzipiellen Aenderungen erreichen. Wie wenig aber die Pariser Leitung sich als das Haupt einer jüdischen' Organisation ansieht, wie sehr sie ihre Macht als Franzosen und nur zu Gunsten Frankreichs auf-, faßt, zeigt der folgende, .jetzigdurch die.A l l i a n c e Jsraelite Universelle in Paris an die Juden der neutralen Länder versandte Aufruf: Israeliten, die ihr Jahrhunderte lang Opfer der Ungerechtigkeit gewesen seid, wir haben mehr als alle anderen die Berechtigung, im Namen der göttlichen, von den Propheten verkündeten Gesetze die Gewalt zu verdammen, die unserem Lande angetan worden ist. Der gegenwärtige Krieg ist dem friedlichen Frankreich aufgezwungen worden. Um seinen Ideal des Friedens nnd der demokratischen Arbeit treu zu bleiben, hat es wiederholt die Drohungen nnd Herausforderungen eines unversöhnlichen Feindes erduldet, der uns ans der Zahl der großen Völker zu streichen trachtet. Brutal überfallen, kämpft Frankreich heute für sein Bestehen, für seine Freiheit sowie für die Freiheit der Völker, die mit ihm kämpfen. Israeliten der neutralen Länder, könnt ihr ohne Schmerz nnd ohne Stummer die Verringerung einer moralischen Macht anschanen, deren Wohltaten ihr erfahren habt? Ihr wißt: es >var das Frankreich des 18. Jahrhunderts, das die Schwanken niederriß, die gegen die Israeliten errichtet waren nnd die Jahrhunderte der Bedrückung hindurch bestanden. Durch sein Beispiel nnd durch die Ausstrahlungen seines 'Genies haben erst die anderen Nationen den Israeliten nach nnd nach.die Rechte als Menschen und als Bürger gewährt. Der internationale Brauch untersagt es euch, an Frankreichs Verteidigung teilzunehmen; aber die Dankbarkeit, die ihr ihm schuldet, legt euch die .Pflicht auf, zu verbreiten die Wahrheit der wirklichen Ursache dieses gräßlichen Krieges, zu protestieren gegen die eigennützigen Lügen nnd zu verkünden die Schändungen der Kriegsbräuche durch einen Feind, für den allein die Macht das Recht bestimmt. Denkt daran, was dem Judentum das Jahr 1870 gekostet hat! An Stelle der Grundsätze der Gleichberechtigung nnd der Brüderlichkeit, die die französische Revolution verkündet hatte, erstrebte das siegreiche Deutschland die Grundsätze des .Passes, und der rohen Kraft. Seine Universitäten arbeiteten im Namen einer verfälschten Wissenschaft eine Rassentheorie aus, die zum Antisemitismus fiihrte. Der Deutsche als der einzige verbürgte Erbe des arischen Blutes mußte mit aller Kraft seine Reinheit zu erhalten suchen; der Jude war der hundertjährige Eindringling, den es unter allen Umständen auszustoßen galt. Von seiner Geburtsheimat aus verbreitete sich dann der Antisemitismus über die Welt: im Westen ging er unter, im Osten breitete er sich anfangs aus, aber schon seine Rassensymptome Der Sieg der großen liberalen Mächten des Westens, vereinigt mit Rußland in der Verteidigung des Rechts, kann nicht verfehlen, die Gleichberechtigung unserer Brüder in Rußland herbeiznführen. Die französische Revolution hat die Inden des Westens befreit; der Sieg der Verbündeten wird die Juden des übrigen Europa befreien. Es würde töricht sein, von dem Siege des antisemitischen Pangcrmanisnius und des preußischen Militarismus ihre Befreiung zu erwarte». Söhne des alten Judentums, wir erwarten mit Vertrauen den Sieg der Gerechtigkeit. Das Zentralkonsistorium der Israeliten Frankreichs." Die alten Schlagworte! Doch haben sie auch nur den Schein von Berechtigung? Ist nicht das Frankreich der Revolution längst eine Mythe geworden? Hat nicht das heutige Frankreich bereits so restlos all' die großen Werte der Menschenbcfreiung vergessen, daß es sich mit Rußland, dem Hort der Menschenknechtung, verbünden konnte? — Und wir Juden und Frankreich! Hätte die französische Revolution uns nicht nur als Menschen, sondern auch als Juden die Gleichberechtigung gebracht, so könnten lvir dem Geiste, der sie geboren, dankbar sein, — sie gewährte uns aber nur die Gleichberechtigung, indem sie von uns dafür die Assimilation, das Aufgeben unserer jüdischen Eigenart, Mserer jüdischen Werte, verlangte. In Frankreich hat diese Pseudogleichberechtigung das Judentum vernichtet, — und ohne den Zufluß deutscher und russischer Juden könnte man dort längst den letzten Juden int Museum zeigen. In Deutschland dagegen leben wir noch, weil man uns als Juden ansieht, und wir würden noch viel kräftiger leben, wenn nicht der würdelose Gleichberechtigungsgedanke der .französischen Revolution, die Gleichrechtigung als Gegenwert für die Opferung seines jüdischen Jchs, im Denken der deutschen Judenheit verheerend wirken ivürde. In Deutschland, dein Lande der Gerechtigkeit und des sittlichen Empfindens, werden unsere Rechte als Menschen und als Inden geachtet und würden es noch mehr, wenn wir sie selber richtig vertreten würden. Leider ist aber gerade die jüdische Plutokratie, die nun einnial in der deutschen Judenheit herrscht und ihre. Herrschaft zäh zu behaupten sucht, meist stark assimiliert. Wir kennen ja die Bestrebungen unter diesen Herren gegen das Wahlrecht der „jüdischen" Ausländer in den jüdischen Gemeinden; hier ward nur die Gerechtigkeit unserer Regierung zum Bollwerk, sonst hätten in gar manchen jüd. Gemeinden die „Ausländer" längst nur noch das Recht der Steuerzahlung. Und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn diese Plutokratie, statt die Anteilnahme des Publikums an jüdischen Interessen in jeder Hinsicht zu fördern, im Interesse ihrer ungestörten Herrschaft und der Behauptung ihrer Anschauungen die rückständigsten Wahlsysteme hartnäckig verteidigt. Diesem Umstande ist es denn auch zuzuschreiben, daß aus der großen jüdischen Organi-' sation „Alliance israelite Universelle" in Wirklichkeit eine „Alliance Israelite Francaise" geworden ist. Das Kind ist nun in den Brunnen gefallen und nicht mehr zu retten; das Vermögen der Alliance ist in Frankreich investiert, wir müssen heute mit der Einbuße dieser großen und einst viel versprechenden Organisation rechnen. Der Schaden sei aber gesegnet, wenn die führenden deutschen Persönlichkeiten der Alliance, die auch sonst in der deutschen Judenheit maßgebend sind, aus ihm gelernt haben. Wir leben in einer schweren Zeit; mögen ihre wuchtigen Lehren nicht nur für uns als Menschen, sondern auch als Juden keine vergebliche gewesen sein. Berlin-Bagdad. Der große europäische Krieg, dessen Schlachten schon aus den Feldern halb Europas, getobt haben, ist um einen neuen Schauplatz reicher' geworden. Deutsche und österreichische Truppen haben vor wenigen Tagen die Flüsse, die Serbien vom Habsburgerreich trennen, überschritten, und schon sind zwei serbische Festungen, Belgrad und Semendria, erobert. Damit wird der Südosten Europas zum Kriegsschauplatz, ans den für die nächsten Wochen sich die Blicke der gesamten Welt richten werden; denn zweifelsohne wird das blutige Ringen ans dem Balkan so manche der wichtigsten, folgenschwersten Entscheidungen des gesamten Krieges bringen, wenn nicht gar, wie viele hoffen und meinen, die letzte Entsckieidnug selbst. Das jüdische Volk hat Grund, dieser neuen Wendung des Weltkriegs mit gespanntem Interesse zuzuschauen; denn im großen Komplex politischer Probleme, die der Balkanfelozug ihrer Lösung entgegenbringen soll, befindet sich auch das große. Zukunstsproblem unseres Volkes: der zionistische Gedanke. Wir wissen es heute alle, daß das Ziel des neuen Feldzugs auf dem Balkan weit über die bloße Niederwerfung nnd Züchtigung Serbiens hinausgeht. Wäre solches nur beabsichtigt, cs würde nicht das intensivste Interesse der gesamten Welt beanspruchen, es würde nicht mit solch bebender Spannung deni Fortgang dieser Offensive gegen Serbien entgegengesehen werden. Serbien niederzuwersen, das bedeutet für die verbün-

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