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Neue jüdische Presse · 1915-09-08 · Heft 35 (8.9.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 35 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 35 die so bewegliche, unermüdliche Frau! Sie ist glücklich, wenn ihr Mann die Schabbosmahlzeit lobt, freut sich auf morgen, den Gang zur Schul, auf die später zu Besuch kommende, befreundete Famllie. Me haben die gleiche Wandlung erlebt. Die fleißigen Leute dachten nicht an ihre Geschäfte; der eine oder der andere der Männer sagte irgend ein Wörtchen aus der Tauroh, dann holte der Vater seine Gemoro, und nun fing die Auslegung, der Disput an. Wir wollen ja in dieser wahrheitsgetreuen Geschichte nicht behaupten, daß die Männer alle Gelehrte waren, aber der Kater war ein Lamdon, und bei dem Besuch waren auch immer einer oder zwei, die ihr Wörtchen verstanden, — und so war für verschiedenartige Auslegung und lautem, aber friedlichen Streit bestens gesorgt. Die Frauen hatten auch ihren Gesprächsstoff, und Jenny beobachtete und freute sich. So trug sie die Frömmigkeit im Herzen, die Ausübung der Gebote war ihr selbstverständlich. Bei ihrer Freundin, der Frau Doktor Isaak, die ebenfalls sehr religiös war, lernte sie, wie gut sich die moderne Bildung, die Begeisterung für die Klassiker mll der wahren Frömmigkeft verträgt. Sie hatte sich vor ihrer Uebersüdelung vergewissert, daß das Hauswesen bei ihrer Tante rituell geführt werde. Ihr Onkel hatte allerdings hinzugesetzt: „Das ist aber auch alles, was auf das Judentum in unserm Heim hinweist, so gerne ich selbst ein echt jüdisches Hauswesen hätte. Wer die Tante ist rächt dafür, sie findet keine Zeit dafür. Und die Kinder — nun, wenn die zu Hause nichts von der Religion sehen, die paar Stunden in der Religionsschulo können sie auch nicht zu guten Juden machen." Und. die Kinder hatten sich über Verschiedenes bei Jenny zu wundern. Am Schabbos schrieb sie nicht,, zündete kein Feuer an, berührte die Gaslampe nicht und der Dinge mehr. — „Aber Jenny, wie kann man so sein": fragte wohl das eine oder andere in überlegenem Ton. Sie lachte dann und erwiderte: „Ihr Heiden habt ja keine Ahnung von Euren Pflichten als Juden, aber schämen solltet Ihr Euch. Ihr kennt das Gesetz von Sölon unb Lykurg, auch habe ich gesehen, daß Du Karl Günther int Koran gelesen hast, und vor einigen Tagen erllärtest Du uns einiges von Buddha, allerdings war es fälsch, well Du es nicht verstanden hast. Was Ihr aber am Nötigsten habt, worauf unser ganzes Leben beruht; Eure Religion, die Geschichte Eures Volles, Eure Pflichten — mit einem Worte, die Tauroh kennt Ihr nicht." Die Kinden starrten sie mit offenem Mund an. „Wer Jenny, was sollen wir denn tun?" Die Gefragte bedachte sich eine kurze Welle, dann entgegnete sie ernsthaft: „Ja Kinder, darauf ist die Antwort leicht intb schwer. Die Religionsschule nutzt Euch nicht viel, well Euch die vorausgesetzten Vorkenntnisse und das Beispiel zu Hause fehlen. Laßt jetzt, ich werde unt Euren Ellern reden." — Kapite I 5. Bei Kurz war ein litterarischer Wend. An einem solchen wurde irgend ein Stück mll vertellten Rollen gelesen oder ein Vortrag gehalten, auch wohl von berufener Seite eigene Dichtungen vorgetragen. Außerdem wurde auch Tee und Kekes gereicht. Frau Kurz lud dazu , ihre first claß Bekanntschaft ein, ihr Mann nur einen seiner Freunde, Hermann Beck. Jenny konnte sich der Teilnahme daran nicht entziehen, obgleich sie im Trauerjahr war, denn sie mußte ihrer Tante zur Säte stehen. Diese hatte ihr gesagt: „Jenny, Du wirst wohl die ganze Bewirtung übernehmen; ich kann mich nicht darum kümmern, well, ich ein Referat übernommen D/a lotsten SCerßst-tJß06 eile Hüte, Kostüme, MBntelm Aparte Stoff-Sfleußeiien Seide, Samte, Wolle sehr vorteilhaften Fräsen. Seßr. xffioßinsoßn Frankfurter MmelÜffchÄ FamilieMM. habe und'mich dem schöngeistigen Teil gänzlich widmen muß. In den Zünmern, die durch die ausgehobenen Flügeltüren nur leinen großen Raum bildeten, war es hell uR> warm. Jenny half ihrer Tante eifrig, die Gäste, deren Mehrzahl sei bereits kannte, zu begrüßen und ihnen Plätze anzuweisen. Herr Kurz jedoch stand mit dem eben angekommenen Beck, der sichtlich zögerte, sich in das Gewühl zu stürzen, abseits. Dieser flüsterte seinem Freund zu: „Viktor, im Kaffee Hirsch gefällt es mir besser." „Mir auch, aber weshalb sollst Du cs besser haben als ich?" Beck unterbrach ihn lebhaft: „Viktor, wer ist die Dame neben Deiner Frau, das schöne Mädchen in dem einfachen schwarzen Kleid?" „Das ist unsere Nichte Jenny Isaak, die seit einigen Monaten bei uns ist." „Ich null Deine Frau begrüßen, dann stelle mich der jungen Dame vor." Es geschah so. Viktor ergänzte die Vorstellung humoristisch: „Dieser Herr Beck ist mein spezieller Freund, nicht so sehr der meiner Frau, also ist ihm die Littoratur nicht die Hauptsache. Unsere Abende sind wöchentlich im Kaffee Hirsch, bei diesen tvissenschaftlichen Forschungen haben Damen keinen Zutritt." Jenny, die von diesen Wenden, die ihr Onkel immer pünkllich innehielt, wußte, lächelle und reichte Beck die Hand. „Ich weiß diese Abende zu würdigen und erkenne lobend an, daß Sie unsere heutige bescheidene Veranstaltung nicht verschmähen." Beck verneigte sich. „Gnädiges Fräulein, ich stelle mich unter Ihren Schutz. Sie haben wohl die Güte, mich zu belehren, um so mehr ich eine tadelnswerte Unkenntnis der neueren Litteratur besitze." Die Darbietungen nahmen ihre» programmäßigen Verlauf. Karl Günther, der als ältester Sohn der Veranstaltung beiwohnen durfte, trug eine selbstverfaßte Ode in antllem Versmaß „über die Jahreszeiten" vor, die allgemeinen Beifall hervorrief. Der junge Dichter wurde überschwenglich gelobt, nur Beck fragte ihn,-weshalb er mü so schwerem, ungebräuchlichem Versmaß begänne, Jenny streichelte ihm die Wange und meinte: „Jüngelchen, Du hast Klopfstock mll Nutzen gelesen." Karl Günther errötete, Beck aber wunderte sich und blickte Jenny staunend an. Nach Schluß der Vorträge meldete sich der Hausherr zum maßlosen Erstaunen seiner Frau zum Wort: „Meine Herrschaften, die Wintersaison wird mit heute bei uns geschlossen, das nahende Frühjahr tritt in seine Rechte. Da es aber noch winterlich kalt ist, bitte ich Sie, ein Glas Punsch nicht zu verschmähen und Platz zu behalten." Schon nahte das Mädchen mit den Gläsern. Die Gesichter der Gäste glätteten sich auffallend rasch von den kritischen Falten und erhielten behaglichen Ausdruck: Ein „Akademiker" erhob sich und stellte die unwidersprochene Behauptung auf, Herr Kurz hätte die schönste Rede des Wends gehalten. Beck war ein Schwerenöter. Er hatte sich von vornherein an das Tischchen gesetzt, auf dem die Bowle gestellt wurde, und seine Hoffnung, daß Jenny auch das Amt der Hebe zufallen würde, ging in Erfüllung. Wenn er aber erwartet hatte, mll seiner Nachbarin sich jetzt ruhig unterhalten zu können, so war dies ein Irrtum, denn abgesehen davon, daß sie mll Gläserfüllen ziemlich stark beschäftigt war — sie, die den ganzen Abend nicht ein schöngeistiges Wort gesprochen hatte, wurde von mancher Seite über ihre Meinung über dies und jenes geftagt. Sie aber lachte und erwiderte bescheiden, sie würde nicht wagen, ein selbständiges Urteil vor so vielen Berufenen zu äußern, sie lege übrigens an ihre Lektüre keine krllische Sonde ott, sondern unterscheide nur zwischen langweilig und nicht langweilig. Sie kenne auch von der neueren Lllteratur so wenig. „Wer Herr Beck, bitte Ihr leeres Glas." Dieser aber nahm das gefüllte Glas, sagte ticfsinnig: „Ihr spezielles Wohl, Fräulein Isaak" und ttank es in Leinen Schlucken leer. „Wenn ich heute Wend einen Dusel bekomme, sind Sie schuld haran. Sie sind die einzige Dame hier, die ein vernünftiges Wort spricht, und da muß ich immer aus vollem Herzen auf Ihre Gesundhell trinken." ‘ Sie entgegnete schlagfertig: „Der Vorwand, um viel trinken zu können, ist gar nicht so übel ersonnen, undl deshalb tvill ich Ihr Kompliment für bare Münze annehmen." So war allgemeine Gemütlichkeit, und als zu ziemlich später Stünde der Aufbrucherfolgte,- war auch nicht einer>-der sich -nicht bei Herrn Kurz bedankt hätte. — zum ersten Male wurde ihm die Stellung des Gastgebers anerkannt. Beck dagegen, der wirklich etwas sehr oft prosit gesagt hatte, war beim Abschied der )CU Ansicht, daß es im Kaffee Hirsch auch nicht schöner bri hätte sein können, und das war viel gesagt! Wenige Tage später fand Jenny, als sic von einem Ausgang hcimkehrtc, bei ihrer Tante ein kleines, altes Männchen sitzen, dem sie eben eigenhändig ein Schnäpschen kredenzte. „Gut daß Du kommst, Jenny, Du kannst mich erinnern, wenn ich etwas vergessen habe, mein Mann ist so eigen darin." Und das Männchen mußte vorlesen, was Frau Gini ihm an Spezereiwaren für Pessach bestellt hatte. Es war gar nichts übersehen, das Männchen leerte sein Gläschen und entfernte sich. Gini seufzte. „Wenn wir doch davon loskommen könnten, aber der Onkel ist darin so gewissenhaft. Ich nahm es einmal nicht so genau, da ging es den ganzen Pessach mit den Kindern ins Kaffee Hirsch essen, — damals waren sie noch klein. Du kannst Dir nicht denken, vne ich mich geärgert habe, aber seit der Zeit änutf erüh S äcltfi eiche ages löget frich öltet on S hx«! inbii iiter ütb i 2 IN : jejoci jnen haw tauti nehme ich mich in acht." Jenny freute sich. „Tante, geben wir auch den Seder?" „Nein Kind, dafür bin ich nicht zu haben." „Dann tvirst Du die Güte haben, mich für die Feiertage zu beurteilen, ich fahre nach Ruland zu Doktors, ich muß den Seder geben." Die Tante meinte verblüfft: „Aber Kind, ich kann Dich dieses Jahr doch nicht entbehren. Ist das Dir denn so wichttg?" „Gewiß Tante, auf den Seder freue ich mich das ganze Jahr, das bin ich von meinen lieben seligen ' Eltern noch gewöhnt." „Ich wlll mit Onkel darüber reden, schreibe noch nicht nach Ruland. Vielleicht kann ich ihn veranlassen, den Seder zu geben, obgleich . . ." und sic schüttelte den Kopf. Jenny lächelte unmerklich und antlvortete nichts. Abends bei Tisch sagte Gini: „Jenny, cs ist mir gelungen, Onkel gibt den Seder." Die Kinder gaben lebhaft ihren Beifall kund, die ihnen unbekannte Feier erregte ihre Neugier. Kurz aber flüsterte später Jenny zu: „Ich wünsche das schon, J seitdem wir verheiratet sind und konnte es nicht zwingen. Wie hast Du cs eigentlich angefangen?" — Pessach kam, und der Seder wurde ordnungsgemäß; gegeben. Nachdem Frau Gini sich ins Unvermeidliche geschickt hatte, betrieb sie die Vorbereitungen mll sichtlichem Vergnügen, erweckten sie doch frohe Erinnerungen an ihre Jugendzell. Kurz waltete seines Amtes als der sedergebende Hausherr mit Würde und Sachkemitnis, die Hagavahs konnten allerdings nur von Gini und Jenny benutzt werden, da die Kinder hebräisch kaum zu lesen verstanden. Jenny hatte ihnen vorher das Fest und die Feier erklärt; die Kinder, deren Aufmerksamkeit in der Religionsschule nur eine mäßige war, hatten ihr mit Spannung zugehört und folgten nun dem Seder mit großem Interesse . Der Vater erllärte und verdeutschte so viel, daß die Feier erst nach Mitternacht beendet war. (Fortsetzung folgt.) H, Wlwe, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Plncenez, OpernirlSser, Feldstecher! in jeder opt.»mechan. Spielwaren . I Preislage Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Laterna-Hagiea, Kinematographon ete. Aus Felvbrieseu. Meine sehr verehrte Familie Kallner I > Tieferschüttert vernehme ich soeben aus Ihrem werten Briefe den Heldentod meines treuen, edlen Herzensfreundes. Gestatten Sie mir, Ihnen mein tiefstes Mitgefühl bei diesem unersetzlichen Verluste zum Ausdruck zu bringen — Ach Gott! Ich kann es Ihnen ja nicht sagen, wie schwer mir das Herz ist durch seinen Heimgang. Er war ja mein Bruder. Glauben Sie mir, ern Freund, wie ich nie einen uneigennützigeren, edleren fand. Ich kann es nicht fassen. Nur ein Trost bleibt mir: Der Ewige hat seinen getreuen Sohn seiner Anschauung würdig.beftmden. Er war uns Christen stets ein Muster an Frömmigkeit. Ich gedenke nur jenes Tages im Februar, wo er nach eisiger, durchwachter Nacht aus Vorposten es sich nicht nehmen lies, für seinen sel. Vater zu beten und zu fasten. Es war Ihres sel. Vaters Todestag. Und wie oft hat er mich im Zweifeln aufgerichtet. Seine Worte über die Sabbatfeier und ihre Bedeutung für die jüdische Famllie werden mir nie verloren gehen. Die größte Hochachtnng aller seiner Vorgesetzten errang er sich jedoch« als er unter mancher Entbehrung seine Ostern streng nach seinem Glauben hielt. . -Entbehrungen hatte er, solange ich bei ihm war. Lim zu kragen; denn: er wjpche-AWerÄMrmkk Lieves'gabeü von--Ihnen und verwandten versehen. Oft gaber noch

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