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Neue jüdische Presse · 1915-09-08 · Heft 35 (8.9.1915) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 35 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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El 6S Seite 2. heit auch die Erfüllung von so mancherlei wichtigen und dringenden jüdischen Aufgaben' auferlegt. Die Fürsorge für die bei Beginn des Krieges in außerordentlich großer Zahl in Deutschland weilenden russischen Juden, die hier zur Kur weilten, die Unterstützung der vielen durch den Krieg ihrer Existenz beraubten ausländischen Juden, die schon seit Jlchren unter uns wohnen, die Hilfsleistung für unsere unglücklichen Brüder in den besetzten russischen Gebieten, die Teilnahme an der Hilfsaktion für die palästinensische Judenheit, diese und noch so manche anderen Aufgaben galt es in diesem Jahre zu erfüllen. Wir sind froh, auch hier feststellen zu können, daß die deutsche Judenheit ihre Pflicht erfülll hat. Es hätte gewiß noch vieles.mehr geschehen können, cs wurde gewiß in so manchen Fällen vieles vernachlässigt und außer acht gelassen, es fehlte vielfach an der notwendigen Einheit und Energie, aber im großen und ganzen ist doch das wichtigste getan, das notwendigste geleistet worden- Jetzt aber, in den letzten Monaten, sind uns viele neue und, große Aufgaben erwachsen. Durch die Eroberung des größten Teiles des westlichen Rußland durch unsere herrlichen Truppen ist eine große Zähl russischer uird polnischer Juden unter deutsche Herrschaft gekommen; von ihnen ist der größte Tell durch den Krieg verarmt, ja brollos geworden, und es ergibt sich so für uns die dringende Pflicht, ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir hoffen zuversichtlich, daß wir auch dieser Pflicht Nachkommen und unseren armen Brüdern zeigen werden, daß sie an uns, die wir von den unmittelbaren Wirkungen des. Kriegs verschont geblieben sind, Helfer und treue Brüder gefunden haben. Roch weiß niemand, wie lange der Krieg noch dauern wird. Wer schon heute gilt es für uns, sich vorzubereiten auf die großen Aufgaben, die unserer nach dem Friedensschlüsse harren. Man darf es heute schon mit Sicherheit Voraussagen, daß dieser Krieg in der Verteilung der Juden in den verschiedenen Ländern grundlegende radikale Aenderung bringen wird. Unser Vaterland wird jedenfalls nach dem Kriege über das Los von viel mehr Juden zu bestimmen haben als bisher. Und so wird die deutsche Judenheit in Zukunft immer mehr und mehr zum zentralen, bedeutsamsten Teil des jüdischen Volkes werden: eine Tatsache, die ihr eine große Zahl neuer, großer Pflichten auferlegen wird. Wir hoffen, daß die Erziehung dieses Krieges zu Aufopferungsfähigkeit und Solidaritätsbewußtsein die deutsche Judenheit dazu fähig machen wird, das große, höhe Stint, Mittelpunkt des Judentums zu sein, zu tragen und sich seiner würdig zu erweisen. Z«« Rausch - haschouohfeste. Von allen Elementen des Daseins, die fähig sind, dem Menschen Trost zu bringen in seinem Leide, Kraft zu spenden in seiner Not, ist das vornehmste und wirksamste die Zeit. Es gibt kein menschliches Leid, keine Qual, keine Not, die nicht durch die Zeit gemildert, ja schließlich auch überwunden würde. Die Tatsache, daß die Zeit nicht still steht, ist eine der tröstlichsten Erscheinungen des Lebens, denn sie gibt die Gewißheit, daß kein Schmerz dauernd, kein Unglück ewig bleibt. In dieser Tatsache wurzelt das tief menschliche Bedürfnis, sich immer wieder zum Bewußtsein zu bringen, daß mit dem Fortschritt der Zeit stets wieder ein neuer Wschnitt des Lebens beginnt, daß das Gewesene für immer vorbei und das Kommende Neues bringen wird. Daher die bei allen Völkern der Welt wiederkchrende Sitte des Feierns des Jahresbeginns; mit dem abgelaufenen Jahre will man alles in ihm Geschehene abtun und beim Beginn des neuen Jahres ftoh und erwartungsvoll einer neuen Zukunft entgegenschauen. Zumal, wenn das vergangene Jahr ein solches des Leids und des Unglücks gewesen, wird das Bedürfnis, den Anfang des neuen Jahres als den Beginn einer neuen Zukunft zu feiern, stärker und tiefer denn je. In uns Juden, dem glaubensstärksten und hoffnungsvollsten aller Völker, lebt dieses Bedürfnis stets stärker als in allen anderen Nationen. Denn bei uns war diese Feier des Jahresbeginns das natürliche und konsequente Ergebnis unserer gesamten Weltanschauung, war sie in unserem tiefsten, innersten Wesen begründet. Völker, die, wie die alten Griechen, auf Grund ihrer Welt- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. konzeption an die Sinnhastigkeit und Gerechtigkeit des Daseins nicht glauben konnten, denen die höchste Schicksalsmacht jene der blinden Parzen war, solche Völker hatten eigentlich kein Recht und keine Möglichkeit zur Feier des Jahresbeginns. Wenn sie es taten, so geschah es . in einer Art von Selbstauslebung, von Trotz gegen ihr eigenstes Wesen, und so mußte die Feier in einem Rausch bestehen, in einem Taumel, in dem sie die Tragik und Hoffnungslosigkeit ihrer Weltauffassung vergessen konnten. So sehen wir denn auch bei den meisten Völkern den Beginn des neuen Jahres durch tolle Ausgelassenheit, durch leidenschaftlichen Taumel feiern; sie zwingen sich gewissermaßen zum Glauben an eine neue bessere Zukunft, zum Glauben an das neue Jahr. Solche Feier ist naturgemäß wertlos: schwindet der Taumel, so schwindet der Glauben, und es bleibt als Grundstimmung für das neue Jahr nur jener bittere Geschmack zurück, den jeder übermäßige, tolle Genuß zurückläßt. Wie ganz anders ist doch die Jahresfeier bei uns Juden. Wir brauchen uns nicht beim Beginn des neuen Jahres zu einem Seelenzustand der Freude, der Hoffnung, des Zukunftsglaubens zu zwingen; denn uns ist diese Hoffnung nur natürlich, nur wesensnotwendig. Wir können daher die Jahresfeier in jener ruhigen abgellärten Freude, in jener tief innerlichen Hoffnung begehen, die den wahrhaft Hoffenden und Glaubenden adelt hnd erhebt. So ist denn unser Rausch-haschonohfest im Gegensatz zu den Neujahrsfeiern der meisten Völker ein Fest innerer Sammlung, ruhiger, stiller Gelassenheit, sittlichen Ernstes und religiöser Weihe. Wir halten in bewußter Erinnerung Rückschau auf das vergangene Jahr; wir brauchen uns vor solcher Rückschau nicht zu fürchten: denn wenn sie uns auch noch so Trauriges, ins Gedächtnis zurückruft, wir wissen: unseren Glauben, unsere Hoffnung kann sie uns nicht rauben. Ja, im Gegenteil: je trauriger der Rückblick ist, umso stärker wird unsere Hoffnung; je leidvoller die Vergangenheit uns war, umso leuchtender schauen wir in die Zukunft. Und so werden uns die Rausch-häschonohtage zu Tagen innerer Abrechnung, seelischen Abschlusses, sittlicher Reinigung, und so, geläutert, geweiht, gestärkt wenden wir den Blick von der Vergangenheit in die Zukunft, vom alten Jahr auf das neue, und unser Blick ist fest, froh, mutig und abgeklärt. Wenig Feste in unserem wunderbaren Festeskranze sind seelisch von solch tiefem Inhalte wie das Rausch-haschonoh, wenige spenden uns so viel an innerer Stärke und sittlichem Werte wie unser Neujahrsfest. Und gerade in den Zeiten, in denen unsere Lage am leidvollsten, unser Dasein am gefährdesten ist, gewinnt unser Rausch-haschonohfest erhöhte Bedeutung. In all den schmerzensreichen Jahrhunderten der Diaspora war es unserem Volke ein unerschöpflicher Quell der Kraft und des Trostes. Mochte ein Jahr noch so furchtbar, noch so jammervoll gewesen sein, am Rausch-haschonoh überwand der Jude die Leiden des Jahres, sammelte er sich, entlastete sich von der Bürde der traurigen Vergangenheit, und mit ^em tiefen Glauben an das bessere neue Jahr 'trat er in dieses neue Jahr hinaus, neu gestärkt und neu geadelt. Kaum jemals wieder in unserer Geschichte war uns das Rausch-haschonoh notwendiger wie dieses Jahr; kaum jemals sehnten wir uns so sehr nach chm wie diesmal. Wir haben ein Jahr durchlebt, wie es ohne Beispiel dasteht in unserer Historie: ein Jahr unsagbaren Unglücks, unmenschlichen Leids. Wir haben Zehntausende unserer Besten verloren, Hunderttausende unserer Brüder sind Bettler geworden, die ältesten und ehrwürdigsten unserer Gemeinden sind vernichtet, die heiligsten unserer Stätten zerstört worden. Üyd neben diesem furcht- . baren Unglück der Nation das schwere SHicksal jedes einzelnen. Keiner unter uns, der nicht in diesem Jahre einen nahen Verwandten, einen teuren Freund verloren, keiner unter uns, der nicht unersetzlich schwere Verluste erlitten hat. Ein Jahr voll tiefster Tragik und Qual liegt hinter uns. Und wie Verzweifelte, die nach einem Halt, einem Tröste schreien, erwarten wir das Rausch-haschonoh, das uns Trost und Hoffnung bringen soll. Wir werden wiederum Rückblick halten auf das vergangene Jahr, wir werden nochmals all das Leid, das uns betroffen, überschauen, aber wir werden uns trösten, Nr. 38. Nr. 3 Pose uns stärken mit dem Bewußtsein, daß dies eben dajoTjn, alte Jahr ist, das vergangene Jahr, und wir Rausch eldwebel häschonoh feiern, den Beginn -des Jahres, bcä ® neuen Jahres, von dem wir hoffen, daß es ein ^tsaut besseres Jahr sein wird. In unseren Gebeten, i« ^r-Czc unserer Selbstbesinnung, in unserer inneren Samw taitf Res lung werden wir diese Hoffnung finden, und wii werden ins neue Jahr stark und mutig, glauben j“actl!t| fest und zukunftsfreudig hinaustreten, im Tiefste, spritz davon 'überzeugt, daß, wie das alte furchtbar Wie« Jahr sein Ende genommen, auch all unser Lei! bald sein Ende nehmen muß, und wie immer miede eil in unendlicher Neugeburt ein neues Jahr auf damgbares andere folgt, ein neuer Frühling stets den Winke krankenb, ablöst, so auch eine neue Zeit kommen muß, di «ff^ren alles Leid in Freude, alles Unglück in Glück wan! deln wird. Und wer könnte uns die Hoffnung nch Hende d, men, daß mit diesem Rausch-haschonoh diese neu »isgespro Zeit bereits beginnt und das neue Jahr ein Tröste rrsindnn unserer Schmerzen, ein Heiler unserer Wunden un der Verwirklichen unserer Träume werden wird? fooü’ | Kilometer Aus aller Wett. Oesterreich-Ungar«. j* SA Wie«. In der „Jüd. Ztg." lesen wir: Des Ab, Dr. Hupka Verleumdung der Lemberger Juden, s> gdischen seien russenfreundlich gewesen, hat die Judenschaft diejü jg, Stadt begreiflicher Weise in Aufregung versetzt. Anstal «testen aber aus diesem durchaus symptomatischen Falle den ein imfcfttno zig richtigen Schluß zu ziehen, mit der bisherigen ljc sgor( Politik der Halbheit endlich auszuräumei »eindele! und den Weg einer konsequenten selbständigen jüdische, 'ic weite Politik zu betreten, stellten sich die Vertreter sämtliche' Richtungen der Lemberger Judenheit aus den St Punkt, dieser Fall sei, ähnlich allen anderen Verleumdung, gegen die Juden, eine Einzelerscheinung, für welche bloj eine Satisfaktion zu verlangen sei. Ms solche erschjr ihnen die Erlangung einer Gegenerklärung, sozusagen cm Wohlverhaltungszeugnisses seitens polnischer Persönlich leiten, um die sie sich auch bemühten. Nun veröffentlicht das Lemberger Jüd. Tagblatt M „Erklärungen", von denen eine von den polnischen Uni versitäts-Professoren Dr. Ludwig Finkel und Di Ciga u Per Fra, .... _ „ ut der Marcely Chlamtazcz, die andere von Dr. Hen )tn Titc ryk Sawczinski unterschrieben ist. Schon aus ix Herr kühlen Sprache nnd der höchst reservierten Form dich Uxx. Erklärungen sickert durch, daß die Feststellung der ei ^reun wähnten drei Persönlichkeiten, welche die Enthüllnnge ludenhei Dr. Hupkas in Abrede stellt, nicht etwa ihrer Wahrheit; chjed e liebe oder einem inneren Bedürfnis entsprungen ist, sonder abgeruugen wurde. Dieser Afsaire wurde jedoch duv Lorstehei das schändiliche Verhalten der gesamten polnischen Pres vährend die Krone aufgesetzt. Der Abgeordnete Dr. Diaman jftbi übernahm nämlich vor einiger Zeit diese Erklärungen m shrcnbüi der Mission, ihre Veröffentlichung in der polnischen Pres ' zu bewirken, was ihm aber scheinbar nicht glückte. Wed! iberwies der „Czas" noch irgend eine andere polnische Zeitui, Hw ei räumte diesen unschuldigen Erklärungen bislang ein Platz grnder chen ein. Dr. D., der bekanntlich vor kurzem als Commis heldento Voyageur des Polenklnbs bei seinen jüdischen „Macher» ichürstia die Unterschriften für die „berühmte" Erklärung in d! mterstüt jüdisch-polnischen Frage erbettelte, mußte sich nun übe, Hür zeugen, daß die Polen die Liebdienerei der Juden b> m: tyuj weitem nicht mit der verdienten WillfährigLit bekohl« nährend und ihn in seiner Rolle als Vermittler desavouiere, r;ri> j,e Budapest. Die „Allg. Jüd. Ztg." schreibt: Bw zr äsende ' Stunde ist in Budapest und in Wien Zliimeldr noch keine Efrogim-Sendnng eingetrofse, Bereits am 15. August wurden aujs Saloniki Esrogi i9&re M abgesandt, — doch diese müssen irgendwo, wahrscheinli lud. Ge in Rumänien, zurückgehalten worden sein; man weiß tu Wie aller Bemühnngen nichts über ihren Verbleib. Auch eü ^ins, auf dem Umwege über die Schweiz abgegangene Sendm hoben, ist bisher unauffindbar. Klav^ h tz o ch z« Der Krieg und die deutschen Juden. i- Juli Frankfurt a M. Von der aus Frankfurtern bestehend N." {rtitmtA Kofi +5.H/>o3 5TW fv.a W V. Besatzung des Bereinslazarettznges M., die nunmehr s- AittPttt CVftTirj» int (Titflnffo XoS utth tf /yUU einem Jahre im Dienste des Vaterlandes steht und je ihre 25. Fahrt znrückgelegt hat, haben die Rote-Kreu Medaille erhalten: die Krankenpfleger Dr. Richar SW®, Selig mann, Dr. Theodor Rothschild, Al l_° fred Mayer, Hermann Marx nnd Mori Simon.! Höchst 1.0. Unteroffizier ArthurFlörsheimr der bereits die Hess. Tapferkeitsmedaille besitzt, erh« das Eiserne Kreuz. vreSla«. Bizefeidwebel Joseph Kühnberl Breslau und Unteroffizier Fritz Charig -Hirschba erhielten das Eiserne Kreuz 1. Kl. Rechtsanwalt H. I. Cohn, Heinr. Fuchls, R« bert Hartmann, Stabsarzt Dr. Gerhard Hah, Martin Knoche, Leutnant Hubert Erich Kol ker, Hans Leschziner, Rechtsanwalt Dr. P. Mo' itauiTbe kowitz, Dr. Walter, Feldrabbiner Dr. Sali Le» die Re Breslau, Bruno Hirsch-Görlitz, B. Feibelsoh, vom l. Schweidnitz, Leutnant Ewald Glaser-Zaborze < für dies hielten das Eiserne Kreuz 2. Kl. lBoranj Bollmerz. Theo Nußvaum erhielt das Eise: Zeitrau Kreuz. Haus ir Hamburg. Dr. < Bert rer m - Asche r und Ku der. Ei, Bischofswerder wurden zu Leutnants beförde In

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