Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 35 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Abermals ergeht an das gesamte deutsche Volk die Aufforderung: Schafft die Mittel herbei, deren das Vaterland zur weiteren Kriegführung notwendig bedarf! Seit mehr als Jahresfrist steht Deutschland einer Welt von Feinden gegenüber, die ihm an Zahl weit überlegen sind und sich seine Vernichtung zum Ziel gesetzt haben. Gewaltige Waffentaten unseres Heeres und unserer Flotte, großartige wirtschaftliche Leistungen kennzeichnen das abgelaufene Kricgsjahr und geben Gewähr für einen günstigen Ausgang des Weltkrieges, den in Deutschland niemand gewünscht hat, auf dessen Entcsselung aber die Politik unserer heutigen Gegner eit Jahren zielbewußt hingearbeitet hat. Aber noch liegt. Schweres vor uns,' noch gilt es, alles einzusetzen, weil alles auf dein Spiele steht. Täglich und stündlich wagen unsere Brüder und Söhne naußen im Feld ihr Leben im Kampfe für das Vaterland. Jetzt sollen die Daheimgebliebenen neue Geldmittel herbeischaffen, damit unsere Helden draußen mit den zum Leben und Kämpfen notwendigen Dingen ausgestattet werden können. Ehrensache ist es für jeden, dem Vaterlande in dieser großen, über die.Zukunft des deutschen Volkes entscheidenden Zeit mit allen Kräften zu dienen und zu helfen. Und wer dem Rufe Folge leistet und die Kriegsanleihe zeichnet^ bringt nicht einmal ein Opfer, sondern wahrt zugleich sein eigenes Interesse, indem er Wertpapiere von hervorragender Acherheit und glänzender Verzinsung erwirbt. Darum zeichnet die Kriegsanleihe! Zeichnet selbst und helft' die Gleichgültigen aufrütteln! Auf jede, auch die kleinste Zeichnung kommt es an. Jeder muß nach seinem besten Können und Vermögen dazu beitragen, daß das große Werk gelingt. Von den beiden ersten Kriegsanleihen hat man mit Recht gesagt, daß sie gewonnene Schlachten bedeuten. Auch das Ergebnis der laut heutiger Bekanntmachung des Reichshank-Direktoriums zur Zeichnung aufgelegten dritten Kriegsanleihe muß sich wieder zu einem großen' entscheidenden Siege gestalten! n. Bon den Juden der Weststaaten ist für das vergangene Jahr nichts Außergewöhnliches zu berichten. In England wie auch in Frankreich und Italien hat sich die jüdische Bevölkerung ganz selbstverständlicherweise mit all ihrer Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt und erfüllt treu und aufopferungsvoll ihre vaterländischen Pflichten. Wir dürfen aber überzeugt sein, daß niemand in dieses Ländern den Krieg mehr bedauert als gerade die Juden, die der Rache- und Neidpolitik ihrer Regierungen, die zu diesem Kampfe geführt hat, stets ferngestanden haben und zu den eifrigsten Vorkämpfern eines finedlichen, solidarischen Europa zählten. Daß in Frankreich wie in England unter den gegenwärtigen journalistischen und rednerischen Verleumdern Deutschlands sich auch einige wenige Juden befinden, ändert nichts an dieser Tatsache; denn es sind dies nur Juden, die auch als Juden schon seit langem jedes Ehr- und Anstandsgefühl verloren haben und stets mit der Strömung mitzugehen bereit sind, die gerade die populärste ist. Dies ist ja besonders grell bei jener würdelosen Erklärung' zu Tage getreten,!n der eine Anzahl in England lebender und dort naturalisierter Deutschen gegen die „barbarische" Kriegsführung ihres früheren Vaterlandes heuchlerischen Protest erhoben. Es ist leider nicht zu bestreiten, daß unter den Unterzeichnern der Erklärung sich auch einige Juden befanden, aber es waren dies alles Juden, die schon längst ihr Judentum verloren hatten. Und. so bestätigte dieser peinliche und unwürdige Vorfall nur wieder die alte Lehre, daß der Jude, der sein Judentum verrät, in der Regel auch als Mensch charakterlos und jeden Ehrgefühls bar ist. Bis auf dieses und wenige andere unschöne Vorkommnisse sind die Juden Englands und Frankreich im allgemeinen von den häßlichen Auswüchsen eines rohen Chauvinismus, dem man jetzt so vielfach begegnet, frei geblieben, bemühten sich vielmehr nach Kräften, die Leiden des Krieges zu mildern und zu heilen. Die schwierige und unnatürliche Situation aber, in die sie durch die Bundesgenossenschaft ihrer Heimatländer mit Rußland gebracht sind, hindert sie an ihrer Bewegungsfreiheit und ihrem Tun. Immerhin muß ihnen doch der Vorwurf gemacht werden, daß sie in der Rücksichtnahme auf die Politik ihrer Regierungen zu weit gehen und sie nicht den Mut hatten, gegen die furchtbaren Verfolgungen der russischen Juden-- heit zu protestieren oder doch jedenfalls durch ihre Regierungen auf eine Besserung zu dringen. Ja, selbst gegen die brutale, nach russischen Methoden erfolgte Behandlung der in Frankreich wohnenden russischen Juden seitens der französischen Regierung, gegen jene, schändlichen Vorkommnisse in der Fremdenlegion, die Hervß seinerzeit publiziert hat, selbst dagegen wagte die französische Judenheit nicht Einspruch zu erheben und überließ es der sozialistischen Partei, sich dieser Unglücklichen anzuuehrnen- Es ist das ein Grad von Willfährigkeit gegenüber der Regierung, die selbst in diesen Zeiten nicht entschuldbar ist und für immer ein unschönes Kapitel in der Geschichte der französischen und englischen Judenheit bilden.wird. Auch das Leben der Judenheit unseres deutschen Vaterlandes war im vergangenen Kriegsjahr Ml und ohne jegliche außergewöhnlichen Ereignisse. Die Erfüllung unserer vaterländischen Pflichten erforderte den weitaus größten Teil unserer Anstrengung und Kraftentfaltung, und hinter den gewaltigen Ereignissen der Zeit mußte naturgemäß wie alle Besonderheit der einzelnen Bevölkerüngsschichten auch unser spezifisch innerjüdisches Leben zurücktreten. Blicken wir heute, nach mehr als einem Jahre des Krieges, auf unsere LeiMngen im Dienstedes Vaterlandes zurück, so haben wir allen Grund, zufrieden und stolz zu sein- Wir haben unsere Pflicht voll und ganz erfüllt, mehr, wie haben weitaus mehr als unsere Pflicht erfüllt. Wir wollen mit dieser Konstatierung keineswegs unsere LeiMngen irgendwie herausstreichen oder sie gar gegenüber denjenigen anderer Bevölkerungsschichten unseres Vaterlandes hervorheben, wir wollen lediglich jetzt schon mit aller Deutlichkeit und Entschiedenheit feststellen, daß wir an vaterländischer Begeisterung und Opferwilligkeit hinter keinem Bevölkerungsteile Deutschlands zurückstehen, um etwaigen Verleumdungen jetzt bereits die Spitze abzubrechen. Daß solche Verleumdungen kommen werden, wissen wir leider schon jetzt. Wer sich bei Beginn des Krieges der Illusion hingegeben hat, in dieser heiligen, reinen, vaterländischen Begeisterung, in dieser neugeschaffenen völligen Einheit der Nation werde aller Antisemitismus in den Gauen unseres Vaterlandes für immer schwinden, der wird jetzt wohl schon erkannt haben, daß diese Erwartung nur Illusion war. Wer die Geschichte kennt und gewillt ist, aus ihr zu lernen, wußte von vornherein, daß der Antisemitismus niemals ganz schwinden wird, weil er ein notwendiges Merkmal der anormalen Lage unseres jüdischen Volkes ist, eine notwendige Begleiterscheinung unseres Golusdaseins. Wohl aber durften wir bei Beginn des Krieges, die Hoffnung in uns tragen, daß wenigstens die leitenden Kreise unseres Vaterlandes, die militärischen und zivilen Behörden jeden vorher noch bestehenden bewußten oder unbewußten Antisemitismus gründlich befestigen werden. Diese Hoffnung dürfen wir auch jetzt noch hegen. Die zahlreichen Ernennungen jüdischer Soldaten zu Offizieren zeigen, daß man. in militärischen Kreisen mit dem vorher bestandenen Antisemitismus ausräumen will, und was die Zivilbehörden betrifft, so zeigten dieselben anläßlich der bekannten Debatte im Reichstag über die Kriegsgetreidegesellschast eine derartig vorurteilsfieie und paritätische Gesinnung, daß wir auch da zu den besten Hoffnungen berechtigt sind. Und dies mag uns darüber trösten, daß unter unseren Mitbürgern m diesem Kriegsjahr die antisemitischen Regungen noch nicht ganz geschwunden sind, ja vielleicht hie und da sogar erstarkt sein mögen. In unserer Begeisterung und Opferwilligkeit für unser Vaterland wird uns solche Beobachtung nicht im geringsten hemmen oder schwankend machen. Nach wie vor werden wir mit aller Kraft unsere Pflicht erfüllen, werden wir unser Bestes und Teuerstes im Dienste des Vaterlandes .hingeben, und wenn späterhin, nach dem Kriege, die Neider und Verleumder kommen, werden wir ebenso tapfer, wie wir jetzt gegen die Feinde unseres Deutschtums kämpfen, auch diesen Feinden unseres Judentums entgegenzutreten wissen. Zu irgendwelcher Sorge und Furcht aber soll uns die trübe Aussicht, daß wir später vielleicht auch diesen Kampf noch werden ausfechten müssen, keinen Anlaß geben, und die heilige Begeisterung der Gegenwart wollen wir uns dadurch nicht trüben lassen. Außer den allgemein vaterländischen Pflichten hat das vergangene Jahr der deutschen Juden-