Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 33 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FavtillivÄaÜ. kränklich sind, so ist die Schule daran schuld, sic, die Mutter habe cs ja immer gesagt, sogar öffentlich darüber geriet! Und das predigt sic auch ihren Kindern, wenn sic es wohl manchmal an der Ehrfurcht vor ihr in etwas fehlen lassen, während sic dem Vater doch eine schier hingebende Liebe entgegenbringen. Ja, der älteste, .Karl Günther kann sogar scharf oppositionell werden, und wenn sie sich darüber bei ihrem Mann beklagt, so lächelt dieser gutmütig und erklärt, der Junge sei leidend und deshalb leicht gereizt. Weitere Klagen der Frau schneidet er mit der Bemerkung ab, er habe durchaus keine Zeit mehr, das Geschäft rufe ihn. — •* . Das kleine Sälchen im Cafe Hirsch war gut geheizt. Das Auge des Neueintretenden konnte den Tabaksqualm kaum durchdringen, wenn er sich aber daran gewöhnt hatte, so erblickte er verschiedene Tische, an denen vergnügte Herren mittleren und höheren Alters saßen, die sich alle sehr gut zu kennen schienen; die Aussprache wies darauf hin, daß sie wohl alle im Osten der Monarchie das Licht der' Welt erblickt hatten. Im Gefühl der Landsmannschaft schienen die sozialen Unterschiede geschwunden zu sein; neben Herren im tadellos eleganten Anzug saßen auch bescheidener Gelleidete, aber ohne daß diese sich beengt oder geniert fühlten. Der Inhaber des Cafes, Herr Hirsch, e.in weißbärtiges Männchen, disputierte mit einem gleichaltrigen Freund über irgend einen Schiur, achtete aber mit Falkenblicken darauf, wo der Wirt gewünscht wurde und schoß darauf los. Viktor Kurz saß mit einem Herrn zusammen, offensichüich in fröhlicherer Stimmung als zu Hause. Sein Nachbar begamr mit den' verheißungsvollen Worten: „Zwei Juden" — da rief alles — ruhig, Herr Beck erzählt ein Moschelchen. „Also'zwei Juden hatten eine Eierlieferung übernommen. Sie liefen zwecks Einkaufs die Dörfer ab, der gewünschte Artikel aber war rar und teuer. Als sie morgens sehr ftüh an ein großes Dorf kamen, einigten sie sich, der eine solle im Dorf oben, der andere unten anfangen, die Bauern zu besuchen, dann wollten sie sich hier wieder treffen. Der eine lief eifrig fort. Als er nach einer Stunde mit sehr spärlichem Erfolg wieder an der bezeichneten Stelle eintraf, fand er seinen Genossen gemütlich stehn und Tefillin legen. Da sagte er wütend: „Krieg' die Kränk, was legst Du Tefillin, leg' Eier." Lautes Gelächter belohnte den Vortragenden. Ein anderer begann, als cs wieder ruhig geworden war: „In T wurde ein neuer Rabbiner gesucht, und auf das Ausschreiben meldete sich der Rabbiner von I. Der Parnes erkundigte sich schriftlich beim Vorsteher von I ruck) erhält folgende Auskunft: „Der Rabbiner hat vier Eigenschaften, eine von Gott, eine von Moscheh, eine von Rabbi Akiba und eine von Alexander von Humboldt." Auf diesen Bescheid engagierten sie ihn sofort. Der Rabbiner kam an, befriedigte aber seine Gemeinde ganz und gar nicht. Seine Predigten waren gehalllos, sein Organ schlecht, und im Unterricht versagte er durchaus. Die Parnosim waren wütend über ihre Kollegen in £) tyck> ‘meinten, sie hätten den Rebbe nur so gelobt, um ihn rasch los zu werden. Da aber die Auskunft doch gar zu präzis war, reisten sie nach 2), um sich persönlich über die der Wahrheit so entgegengesetzte Auskunft zu' beschweren. Der Vorsteher von I hörte die Klagen lächelnd an, dann sagte er: „Sie hätten sich früher persönlich über den Sinn meiner Auskunft erkundigen sollen.. Er hat vier Eigenschaften: eine von Gott — er ist ka Mensch; eine von Moscheh — er hat eineschwere Zunge; eine von Rabbi Akiba — er kann ka Deutsch; eine von Alexander von Humboldt — er kann ka Hebräisch." Auch dieses Histörchen wurde mft großem Beifall ausgenommen. Meyer Simon, der von seinen Reisen zum Holzeinkauf immer schöne Anekdoten mitbrachte, begann mit seiner leisen Stimme: „In Krojanke war eine reiche Judenfrau, die sich einbildete, sic hätte einen Frosch im Leib. Sie konsultierte jeden Arzt im Ort, aber keiner konnte ihr diese fixe.Idee ausreden. Nun ließ sich dort ein neuer junger Doktor nieder, und es wurde ihm gleich erzählt, welche Praxis er zu erwarten habe. Richtig, eines schönen Tags ließ die Frau den Arzt rufen. „Herr Doktor, untersuchen Sie mich doch einmal, ich habe so Lcibschmerzcn." Der Arzt klopfte an ihrem Leib, setzte das Höhrrohr an, dann sagte er: „Es ist kein Wunder^ daß es Ihnen weh tut, Sie haben einen Frosch im Leib." Die Frau rief hocherfreut: „Gott sei Dank, endlich einmal ein Arzt, der mein Leiden herausfindet. — Herr Doktor, können Sie mir helfen?" „Gewiß, es ist eine etwas schmerzhafte. wenn auch ungefährliche Operation, die wir morgen vornehmen wollen. Sorgen Sie für Handtücher, warmes Wasser und einen Topf." Andern Tags war alles bereit. Der Doktor gab der Frau einige Tropfen eines sehr bittern, im Magen brennenden Likörs, kneipte mit einem Instrument an ihrem Leib herum, und als sie vor Schmerzen stöhnte, ließ er einen bereit gehaltenen Frosch in den Topf springen. „Sehen Sie Frau Meyer, die Operation ist glücklich verlaufen, da ist der Frosch!" Die Frau sagte: „Gottlob", aber plötzlich begann sie wieder zu jammern: „Der Frosch ist glücklich fort, Herr Doktor, aber er hat sein Arbakanfos zurückgelassen, das ist noch in meinem Leib." Der Arzt erschrak, dann aber rief er: „Das ist nicht wahr, der Frosch hatte kein Arbakanfos, der ist kein Jude." „Woher wissen Sie denn?" „Er ist doch in einen treifenen Topf gesprungen." Diese schöne Geschichte löste auch, allgemeine Heiterkeit aus. Viktor Kurz rieb sich die Hände und amüsierte sich königlich. Sein Nachbar und etwa zehn Jahr jüngerer Freund Hermann Beck, der einzige der Tafelrunde, der auch gesellschaftlich bei ihm verkehrte, klopfte ihm auf die Schulter.,' „Viktor, wenn Deine Frau und ihre vornehme Chawrußoh das alles mit anhörten!" „Das wurde ihnen möglicherweise sehr gut gefallen, vielleicht auch nicht." „Sage einmal Viktor, Deine Kinder wachsen heran. Sollen die auch so mesch —, so gebildet werden wie Deine Frau?" „Lasse nur meine Frau zuftieden. Sie tut sehr viel für die Ausbildung der Kinder, sotveit sic nicht Aufgabe der Schule ist. Sie lernen sich in jeder Gesellschaft bewegen, und das wird ihnen später zu statten kommen. Mein Karl Günter, der in einem Jahr sein Abiturium macht, will Medizin studieren, dann kann er doch seinen Commilitonen von -unserem vornehmen Verkehr erzählen." Weck sagte mitleidig: „Das arme Kerlchen will Medizin studieren, das übersteigt doch bei weitem seine Kräfte." Kurz hatte sich dies heimlich schon selbst gesagt, deshalb wurde er jetzt um so aufgebrachter. „Was, nicht stark genug, was machst Du mir den Jungen zum Schlemihl?"- Weck legte die Hand auf den Arm Kurz und erwiderte in ernstem, eindringlichen Ton: „Viktor, wir zwei waren immer gute Freunde, wie Brüder, ivenn Du auch Ater bist. Ich meine es gut mit Dir, das weißt Du, und deshalb rate ich Dir, frage Deinen Hausarzt, was er dazu meinte. Zum Doktor Lambert kann man blindes Vertrauen haben, der kennt Euch ja alle, die Kinder seft ihrer Geburt. Ich fühle mich als treuer Freund verpflichtet, Dir einmal die Augen zu öffnen. Es ist schade um Deine Kinder, daß sie eine so moderne Mutter haben. Erkundige Dich ddch einmal, wie vernünftige Leute über sie denken. Und ich weiß auch ihr Gebahren als Hausfrau und Mutter zu beurteilen, wenn ich auch Junggeselle bin. Deine Frau ist so berühmt, daß man, wenn man von Dir spricht. Dich nur „den Mann der Frau Kurz" nennt. Die Unterhaltung ivurde flüsternd geführt, das machte die scharfen Worte Becks noch eindringlicher. Kurz wurde abwechselnd rot und blaß. Er wußte nichts zu erwidern, erhob sich hastig, sagte gute Nacht und ging fort zu einer viel früheren Stunde als gewöhnlich. (Fortsetzung folgt.) Partien garren ■ garetten erstklassigen Ursprungs. Cigarren-MOller, gr. Eschenheimerstr.31. Llebfranenstr. 1/3. TannnMtr. 47. I Sfataua. Eine Reisecrinnerung aus Rußland von Siegfried Fürst. Sterncnprangend und schneekalt stand die Nacht über Wilbischky, einem kleinen westrussischen Marktflecken. Seine elenden Holzhütten, die verstreut und regellos umherlagen, standen schon dunkel und verlassen da, obgleich cs kaum erst sieben Uhr nach russischer Zeit war. Ein schneidender Wind strich von Pen Feldern hinein und hatte die Bewohner an die Hcrdfcucr gejagt, deren Rauch dünn und schnell verweht aus den niedcrn Essen quoll. Vor der Gostinitza (dem Gasthaus), dem größten Gebäude des Ortes, ziemlich an seinem Anfang, stand ein hoher offener Reisewagen mit vier Pferden bespannt, auf deren rauhe zfttcrnde -Micken gelber Lichtschein aus den Fenstern seine Reflexe tvarf. Wir, d .h. die Familie des Gostinitzky und ich, der bei ihr zu Besuch weilte, wollten Nr. 33 mit der Familie eines befreundeten Gutsbesitzers a, der Nachbarschaft, dem Eigentümer des Wagens, ziv Stunden weit über Land fahren, um der nächsten Stoj der Vorstellung einer jüdischen Wanderbühne Bei# wohnen. | . Der Vorbereitungen zu dieser Fahrt waren u, zählige gewesen, auf Wochen hinaus. Kaum waren Pl, kate an (ben Mauerecken des Ortes aufgetaucht nnd hatii mit großen russischen und hebräischen Lettern von de bevorstehenden Ereignis erzählt, als die Gleichförmigke des Kleinstadtlebens einer fieberhaften Erioartung m Vorfreude Platz gemacht hatte. Schnell waren Leseabeni arrangiert worden, an denen die ganze Jugend z, sammengekommen war, um vorerst einmal den Jnha des angezeigten Stückes kennen zu lernen. Dann tm man daran gegangen, seinen Feststaat herzurichten, in zuletzt war noch mir die nicht ganz leichte Aufga zugefallen, mitten im bitteren russischen Winter für di Blumenschmuck der Damen zu sorgen. Nun standen die Herren fahrtbereit im Gastzimnic in den langen schweren Pelzen, die Fellmütze auf de Kopf, und warteten auf die Damen, die in den hinten Gemächern des ebenerdigen Gebäudes noch die letzte Ha, an ihre Toilette legten. Endlich kamen auch sie, in nun ging cs hinaus und auf den harrenden Wag, Ein Peitschenknall, die vier kleinen zottigen Tiere zog, an und verfielen nach wenigen Augenblicken in ein, schnellen Trab, den man ihnen angesichts der Dchwere d Wagens nicht zugetraut hätte. Eine kurze Fahrt zwischen den letzten Ausläufe, des Ortes, und die Stille und Unberührtheit der Wmte fluren umfing uns. Weglos breiteten sie sich aus allen Richtungen, kaum einmal ein Baum, ein Knick, d sich verschneit und doch dunkler abhoben von dem lem tcndcn Weiß der unendlichen Fläche. Tief samtfarb schloß. die Glocke des Horizontes alles ein, bediadc, mit Milliarden funkelnder Sterne. Die Kälte legt sich auf uns wie ein durchsichtig Mantel, machte unsere Glieder starr und gefühllos „i unsere Augen schwer von Schlaf. Kein Gespräch moch so aufkommen zwischen uns. Ganz lautlos fuhren toi Räderrollen und Hufegetrappel, alles erstickte der Schn, nur die Rosse schnaubten oder wieherten auf, oder i> Fuhrknecht vor uns rief sie an. Einmal fuhren >vir durch ein schlafendes Dorf. B Eiswürfel lagen die Hütten, dunkel, nur aus der ein floß der rote Schein einer Lampe. Hunde schlugen, hinter der Umhegung der Höfe, und nach wenigen Auge, blicken hatten wir das Dorf im Rücken. Wie lange wir so gefahren sind, vermag ich m, zu sagen. Zwischen Traum und Wachen glitt ich hi Minuten tourdcil zu Ewigkeiten, und doch verrann ih Gesamtheit wie im Fluge. So langten loir endlich o Eine breite unebene Straße, füllte sich um uns it Menschen, die schattengleich an erleuchteten Fcnsteni hi glitten. Leben erwachte um uns. und bald hielten to vor dem erleuchteten Ausschnitt eines Tores. Ein paar Umherstehende halfen uns vom Wag, Minuten brauchten wir, um tvicder die Herrschaft üb unsere Glieder zu erlangen. Durch einen Hof, den ei elektrische Birne in Halblicht tauchte, gingen wir fl eine langgestreckte, niedrige hölzerne Halle zu, das Ls zierskasino der Stadt, wie man mir sagte. Dunst », Stimmengeschwirr schlugen uns entgegen. An den Wä den waren dreiarmige Kandelaber angebracht in groß Abständen, in denen Wachskerzen brannten. Ein Li, erfüllte so den Raunt, das heller war als draußen d Nacht, aber doch alles nur in verschwomnienen!!> rissen sehen ließe. Am andern Ende der Halle w ein Vorhang ausgespannt, den davor auf dem Boden o gezündete Kerzen in zitternden Streifen erhellten. Wir nahmen inmitten einer Kopf an Kopf g reihten Menschenmenge Miseren Platz in einer d vorderen Stuhlreihen ein. Ein paar Damen und Herr, aus der Nachbarschaft wurden mir vorgestellt, ihre E sichter vermochte ich jedoch bei dem herrschenden Hol dunkel nicht zu erkennen.' Dann ertönte ein jGlockenzeich An den Wänden tauchten Männer auf, die mit lang Stöcken die Lichter in den Kandelabern löschten, fei» sich nun der Raum in tiefes Dunkel hüllte. Nur b Lichter vorm Vorhang flackerten noch, und an der cn gegcngesetzten Schmalseite des Raumes, dem von ein Portiere kaum verhängten Eingang, quoll ein schmol Kegel gelben Lichtes herein. In ihm wogte Dains und man konnte die Gestalten einiger Offiziere erblicke die mit ihren breiten Mützen, sporenllingend w Zigaretten rauchend, an der Schwelle standen und hcn blickten. Zwei Glockenzeichen rasch nacheinander, und uni völligem Schweigen des Raumes hob sich der Vorhao Nt Die spam weißl eilen Beben dem zlvisä jüdis, folgt, (unh bekar Sein Sata Tall ihn koml als das wie Wirl fluß Tall ins zugr Arm kom, töcht eine, Scir Vati zu rate, desse und sein alledark auf Tal! dem Wie wir! von Me, dasa so dies, and und sich sehe dem hat! und Erf eim fan! ttad Bel spie Wa als Wa schc Lac den Br, tvei der Mi gen zog hin Ru g g ü C ü 1