Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5 Wien. Dr. Karl Lippe aus Jassy, der bekannte zionistische Veteran, ist hier in hohem Greiscnalter plötzlich verschieden. Ueber seinen Wiener Ausenthalt schreibt „Dr. Bloch's Ocsterr. Wochenschrift." „Stennman in den letzten Monaten die Bibliothek »nscrer Kultusgemeindc besucht oder sich an dem Schabbos- Pachmittag-Korso unserer Flüchtlinge auf der Pratcrstraße und in deren Umgebung beteiligte, mußte einem ein Greisenauge anffallen, das in jugendlichein Feuer crstrahlÄld, eine Welt voller Geist und Gemüt wiederspiegelte. Jeder hatte diese ausdrucksvolleil belcbteit Züge schon irgendwo im' Bilde gesehen. Die Porträts der ersten Vertreter des jüdischnationalen Gedankens, die Aufnahmen des ersten Zionistenkongresses, die Titelblätter einer Reihe Ivon glühendem jüdischen Enipfinden getragener Schriften, sie alle hatten uns diesen jüdischen Typus ins Gedächtnis geprägt. __ Es war Dr. Karl Lippe, der bekannte Arzt -nild Literat und Politiker. Einer der aufrichtigsten Verfechter des. jüdischen .Nationalismus schon vor Theodor Hcrzls Auftreten, verdiente er vollauf die "Auszeichnung, auf dem erstell Baseler Kongreß mit dem Alterspräsidium betraut zu werden. Aber, über diesem Auftreten in der breiten Oeffeirtlichkeit darf nicht die emsige Kleinarbeit übersehen werden, mit der er sich an stillen Winterabenden der geistig-nationalen Erziehung der jüdischen Umgebung in seiner Heimatstadt widmete, und von der seine geistvollen Vorträge unvergängliches Zeugnis ablegen. Was er für die geistige Hebung und die Rechtssicherheit unseres Glaubensbrüder .in Rumänien geleistet hat, bleibt eilt Ehrendcnkmal für ihn aere perennius. Schwere Sorgen belasteten seine treue jüdische Seele in beit letzten Wochen, das Flüchtlingsschicksal, der Verlust seines Schwiegersohnes und andere Heimsuchungen trübte» seine sonst so lebensfreudige Stimmung. Seine geistige Regsamkeit, die ihnl bis znm letzten Atemzuge treu blieb, half ihm über; diese ernsten Stunden hinweg. Sein hohes Alter forderte seinen Tribut. Sanft schlummerte er in ein besseres Jenseits hinüber." Sopran (Ungarn). Moses Schiff, Schwiege»sohn des Präsidenten der orthod. Laiideskanzlek Obcrrabbiner Lipschitz s. A., ist im Mter von! 61 Jahren verschiede n. Er war das Mister eines frommen Juden, denn cul er betätigte mich in seinem ausgedehnten Geschäfte die größte Rechtschaffenheit und die iveitgehendste Gutherzigkeit, da die Heiligung des göttlichen "Namen sein höchstes Streben ^var. Lodz. Jsac Sandberg, der Direktor des jüdischen Theaters, Ist nach schlverem Leiden -im Alter -von 44 CI* Jahren verschieden und hat mit sich ein Stück jüdischer Kulturgeschichte begraben. Es ivar sein Bestreben, das jüdische Theater zu veredeln. Wenn Schalom .Asch, Perez Hirschbein usw. ein neues Stück geschrieben hatten, boteii sie es -i-andberg zur Erstaufführung a», denn sie ivnßten. daß jhn ideale Interessen leiten. -- ■; New-Aork. Der angesehene jüdische D-chtcr I e h u a s ch ist nach längerem Aufenthalt aus Palästina zurückgekehrt. Er sprach sich begeistert voir seinem dortigen Aufenthalt aus. Er liebe mit seinem ganzen (Herzen das alte jüdische Land, aber noch mehr das neue jüdische Leben, das sich i.n 4hm entwickelt. Die Lust .in Palästina gebe den beste» Schutz gegen die Assimilation. Selbst der verbissenste Gegner des jüdischen Nationalisinus werde in Palästina au hie elvig junge Kraft des jüdischen Volkes glauben lernen. Cafe Kaisergarten am Opernplatz Erstklassiges Familien-€ate Nachmittags Konzerte. len ne je L i;S» ho« iiltb einer vor Zeit chcc »ren nng 0llaui licht je». iefc ,4le mit che» che» uns dem neu daß icß. ' z» die jene >ncr inen cn.' en> Fr. Hanselmann, Besitzer. I» Kriegsgefangenschaft. Von H. A. (Schluß). „Gieb doch 'neu Zipfel von Deinem Mantel, mich friert's gar so grimmig." „Ne — antwortete Chajim — er ist mir auch zu enge." „Ich bin aber Dein Vorgesetzter" — stammelte der vom Frost Geschüttelte. „Hier gibt's keine Chargen!" „Sei nicht dumm. Gieb doch. Sei gütig." „Na, meinetwegen, schieb näher." »der . a. rau lüden ihr hn> ni-!Ngen :her Er nahm den Leidensgenossen unter seinen Mantel. Dieser war ein finstrer, übelriechender Fleischklumpen, der den Räum ausfüllend sich dehnte. Bald aber lvar auch schon seine Position behaglicher als die seines großmütigen Gastgebers. Chajim wiedersetzte sich gar nicht. Er fühlte sich noch so wie geehrt, daß er noch jemanden habe, der auf seine Güte angewiesen sei und mit dem er sein Elend teilen könne. Der Gast zitterte aber bei all dieser Liebe noch immer ganz schrecklich. „Ich kann mich erwärmen" — sagte er —, umarme mich, preß mich an die Brust, Bruder!" Frankfurt«? Milchkuranstalt unter Kontrolle des ärztlichen Vereins Schwarzbnrgstr. 2-6 Tel« Hans« 1168 einzige Anstalt Frankfurts, welche anssohUesslloh keimarme Kurmilch und Yoghurt nur ans Milch der eignen Stallung liefert. Chajim fühlte sich noch mehr geehrt und umarmte ihn. ..." „Fester" — wimmerte der Fröstelnde —. „Preß Dein Gesicht zu meinem. . . Stärker . . Du bist so warm. Laß meine Hand an Deinem .Hals erwärmen, Bruder!" — Chajim ließ es geschehe», daß der Unbekannte seinem Körper die Wärme entzog. Er interessierte sich nicht einmal nach dessen Namen. Es ivar ja auch ganz egal. Er lvar Soldat. Dieser sagte auch nicht, daß er sein Landmann, ein - Kiewski sei. In der eingeschlosseiien Seele hatte der Lokalpatriotismus keine sonderlich tiefe Wurzel geschlagen. Als es ihn auch fröstelte, frug er ihn: „Wie heißt Du, Bruder?" „Ich? Feodor Palvlow, zu Befehl! „War Dein Vater Schneider?" „WaS denn sollte er gewesen sein?" „In Kielv?" „Ja dort!" „Ans einem "Auge blind? Eine gesetzte kleine Gestalt?" „Ja einäugig, aber jetzt ist er nicht mehr so plump. Er ist schon ganz mager. „Wo ivohnt Ihr?" „In der kleinen Mittclgasse." „Dann ist cr's, schrie Chajim auf und riß den Kops beiseite, indes er sich der erdrückenden Uinarinung des kranken Kameraden erwehrte. „Das ist er", wiederholte er heulend und sagte mehr keuchend als schreiend: „Dann hat er. Dein Bater, meine gute Mutter, den Vater und mein kleines, blondes, liebunschuldigcs Schwesterchen erschlagen. Ja er und sein Kumpan, Tinolo, der Schmied, haben sie ermordet. Fort von mir! Du Mordsbrut. „Fällt i. •: gar nicht eilt", antwortete dieser flcgmatisch. Chajim sträng aus, doch umklammerte der andere mit eisernem Grifs seine Füße, zog ihn herab und umhalste ihn mit aller Kraft, preßte sein Gesicht zu ihm und küßte ihn: „Auf mich wirst Du doch darum nicht böse sein. Du Tölpel! Bin ich denn 'mein Vater? Hab's denn ich getan? Er ivar besoffen. Das Schwein hat immer getrunken. Und dann: er lvar nicht einmal mein Pater. Meine Mutter ließ sich von ihm scheiden. „Laß ab!" heulte Chajim aus voller Kehle, daß die Gefangenen alle vom Schlafe auswachtcn und nur, als sie sahen, daß cs zlvei zankende Genossen seien, sich behaglich schmarchcnd weiter streckten. „Laß meinen Hals! Mir graut's vor Deiner Gestalt! Du bist, wie Dein Vater. Ganz Dein Vater. Ich erkenne Dich gegenau. Du bist cs. Ja, ja, ganz genau weiß ich's. Ich sah Dich vom Mansardenfeuster. Du hast gegrinst, als Du das glühende Bügeleisen Deinem Pater brachtest. Und mit diesem" — heulte er — „habt Ihr sie zutote gemartert!" Er sprang auf. Da er zu schwach lvar, um mit Muskelkraft zu arbeiten, zerkrallte er seine» Genossen mit den Fingernägeln. Jener aber, unc sich zu erivarmen, preßte ihn lvürgcnd immer fester und fester zusanrnien. „Wenn ich stark wäre" — sagte Chajim erschöpft — „würde ich Dich mit den Händen erdrosseln. Aber ich kann nicht, wir können nicht morden! . ." „Gib doch den Mantel. Was war, war. Auch ich glaube, daß es so war. Es ist aber schon vorüber. Keiner kann es wollen, daß lvir uns daran erinnern. Nicht einmal das Väterchen. Ich lveiß dies. Ich bin doch ein Chargist. Komm! schlaf doch. Zerfleischen lvir uns nicht. Man könnte uns noch deshalb totschießen. Hast doch Verstand. Du bist doch ein Zsid, der muß doch das haben. Schlaf doch ruhig!" Und Chajim reichte ihm den Mantel. Er setzte sich auf und starrte mit aufgerissenem Auge ins Dunkel hinein. Der Morgen wollte nicht kommen. Es wollte nimmer heller werden. Er lvurde schwach und matt und .sank endlich müde auf sein Lager zurück. Sein kranker Genosse schmiegte sich zu ihm und flüsterte: „Mein Vater war ein Provokateur; er mußte tun, lvie ihm geheißen ward. Er mußte . . ." Im Halbschlummer fragte Chajim: „Wer hat ihn gezwungen?" Der Kranke nannte keine Namen. Er wagte es nicht. Trotzdem doch alle Späher ringsherum schnarchten. Ein gewesener Dragoner neben ihnen, hatte sich noch vor einigen Minuten znsammengekrampst ausgestreckt und war tot. Die "Asiatische hat es ihm angetan. "Als es daun grau dämmernd zum Fenster hereinzitterte, faste Pawlvw Mut und flüsterte mit fieberbrandiger Lippe dem Juden ins Ohr: „Wenn wir uns gut verprügelt, dann werden wir alle anders, besser werden. Auch Er! Wir werden die besten Menschen sein, die Gottes Erde trägt. . . ." Der edle „Kosak". . . Von Jacob Diamant. Der Himmel hat sein kostbares Blau eiligst verborgen . . . die Sonne mühte sich ab, ihren Goldschatz in einem tiefen Wolkensack zu verstecken . . . und der Wind — der lief kopflos umher und Klagte und jammerte Ko—sa—feit . . . Ko—sa—feit! . . . Nicht nur die Herzen: auch die Ohren glaubten es deutlich zu hören. Und nicht nur aus dein Heulen des Windes: auch aus dem Rauschen der Bäume, dem Bellen der Hunde, dem Miauen der Katzen, dem Krähen der Hähne und dem Gackern der Hühner und der Gänse . . . Alles, alles schien ängstlich zu verkünden ... zu mahnen . . . und zu warnen: Ko—sa—fett . . . Ko—sa—fett!.. Die kleine Grenzstadt bebte. Eilt Schauer zog durch die stillen Gassen. Die träumenden Häuser erstarrten. Und ihre Bewohner mit ihnen. Irgendwo, in einem Winkel, traurig, stumm und in sich zusammengekauert, lag das Leben . . . Wer kümmerte sich darum? . . . Der Tod aber war aus seiner unsichtbaren Höhle hcrvorgekrochen und guckte, ein drohendes Gesicht zeigend, in alle Fenster und Fensterlein . . . Wie die Schüttelt schlichen die Menschen umher. Die Wangen: weiß, die "Augen: rot und die Herzen — schwarz . . . Und die Lippen zuckten: Kosaken . . . Kosaken . . . Und der Wald hinter dem Städtchen? Der stets um diese Zeit ausgelassen-fröhliche, lachende, singende Wald? — Dahin war seine Fröhlichkeit, tot sein Lächelt und stumm sein Gesang . . . Ein Seufzer brach aus feinem Herzen und kollerte über Steg und Pfad ... über Rand und Rain . . . hinaus . . . weit, lveit hinaus. Wer hörte es? "Nicht einmal das alte, verwitterte Schlößchen dort oben am Rain. Denn taub, stumm, ausdruckslos lag dieses jetzt da. Nur im hintern Flügel, den eine Gruppe dicht uebencinailder stehender, breitästigcr Bäume vor böseit Augen schützen, — bangten drei Menschenseelen: .Kosaken . . . Kosaken . . . Der Tag hat sich hinauSgcschlichcn. "Aus dem Städtchen, dem Wäldchen und dem Schlößchen dort oben. Leise, fast uitmerklich stahl er sich fort. Und seinem Halbdunkel folgte das Ganzdunkel der Nacht. Schwarz, tief schwarz war sie, diese Nacht. Tenn der Mond und die Sterne wagten sich — wohl auch aus Furcht vor den wilden Kosaken — nicht hinaus. Die Bewohner des Städchens wollten eigentlich nicht schlafen. ... "Aber — sie schliefen: Meister Schlaf, dem sie gestern tind chegestern die Türe gewiesen, — lvar heute durch die Fenster zu ihnen hineingedrungen, und — bevor sie sich versehen konnten, lagen sic tief in seinem dunklen Reich . . . Nur im Schlößchen am Rain wachte der alte Jean, der herrschaftliche Diener. Vor der Majestät seines Pflicht- und Treugesühls mußte sich selbst die rücksichtslose Frau Müdigkeit beugen . . . An einem Fenster kauerte der greise Diener und lauschte und strengte sich an, das leiseste Geräusch aufzufangen und zu prüfen . . . "Aber es war still ringsumher. Ganz still. Nur in Jeans Hirn und in seinem Herzen schrie jemand ängstlich: Kosaken . . . Kosaken! Jean seufzte bitterlich. Einmal und noch einmal. Dann erhob er sich. Leise, auf den Zehen schlich er sich zur Tür. Er öffnete sie behutsam und steckte seinen Kopf in den Flur. Seine "Augen spähten . . . seine Ohren spitzten sich . . . Nichts, nichts war zu vernehmen: „Gottlob . . ." murntcltc er, „sie schläft . . . sie schläft . . . Endlich, endlich! . . ." Allsatmend schloß er die Tür. Als er sich aber wieder am Fenster niedcrließ, da fiel eine große Träne in seinen weißen Bart: „Die Aermste . . . sie ist jung und schön . . . und wenn sie kommen . . . sie . . . die Tiere ... die menschlichen Tiere ... — —" Ein Schauer schüttelte den alten Jean: „Wenn doch der Herr Graf hier wäre! Oder: wenn wenigstens der Dietrich und oer Michel nicht ins Feld müßten! . . . Ach, der Krieg! dieser verdammte Krieg! . . . "Aber aber . . . komme, was es wolle: die gnädige Gräfin muH fort von hier ... In die Stadt wenigstens . . . Da ist man zum mindesten unter Menschen ... bei Brüdern . . . Morgen . . . morgen! . . . Ja, morgen