Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sette 6 Mt. 31. Frankfurter Israelitisches Faniilienblatt. Pension Dentsch.Oiesliaden Taunasstrasse 49. 30 moderne Zimmer mit. Salons. Balkons. Vorzügliche Wiener Küche. - in aller Frühe — doch — — horch — — was — was soll das?? ... Entsetzt stand der alte Jean da . . . Es währte mehrere Sekunden, bis er sich etwas erholte. „Zu spät . . ." entfuhr es nun seinen bleichen, bebenden Lippen. „Wir sind verloren ..." Dann aber elltc er, so schnell er konnte, hinaus. „Wenn ich ihnen nicht freiwillig öffne" — murmelte er in seinen Bart hinein, „dann . . . dann werden sie das Tor sprengen ... dann werden sie gewaltsam eindringen . . . und dann . . . dann . . ." Mit zitternden Händen öffnete er das Tor. Ein kleiner Trupp Kosaken rill schimpfend und fluchend ein. „Chlcba!! . . . Wodki!! . . . (Brot, Schnaps.) Bist dn der Hausherr, Alter? ..." Ohne aber eine Antwort abzuwartcn, drangen sie lärmend ins Jimcre des Schlosses. „Dort finö die Ställe. . ." flehte der alte Jean. „Ich will die Pferde dort unterbringcn ... dort . . . dort . . ." „Nitschewo!! . . . Nitschcwo!! ..." Und sic führten die Pferde in die ersten besten Zimmer. „Chlcba! . . Wodki! . . Chlcba! . . Wodki! . ." . Wie die Wölfe überfielen sie den alten Jean. Er eilte - in Küche und Speisekammer und kehrte bald mit Brot, Wurst und Kognak zurück. ' Sie rissen cs ihm ans den Händen, ließen sich am Tisch und auf den Boden nieder, und — im Nu war alles verzehrt ... „Jeschtfcho! ... jcschtscho!!" Wieder mußte Jean in die Küche . . . Diesmal aber brachte er ihnen fast seinen ganzen Vorrat cm Brot und Wurst. „Pitoo! . . . Papirossy? . . ." Auch Bier und Zigaretten brachte er ihnen. Und nun zog er sich in eitlen Winkel zurück und sah von hier aus fast gleichgültig zu, wie die wüsten GLsellen aßen und tranken. „Die gnädige Frau Gräfin ... die gnädige Frau Gräfin . . .", zitterte cs in seinem Herzen.. „Wie muß sic sich jetzt ängstigen! ... Wenn er doch zu ihr könnte! Wer nein . . . nein . . . das darf nicht sein! Sonst würde er selber alles verraten . . . Wenn sie aber . . ." - Er crschrack. Ein „Kosak" stand vor ihm. „Tschaj." ■ Halblaut, fast leise kam es von des Kosaks Lippen. Dieser ungewöhnliche „Kosakenton" hatte den alten Diener derart überrascht, daß, er sich erst besinnen mußte. „Tschaj", wiederholte der „Kosak" bittend. Jean brachte ihm das Gewünschte. Aber nun vergaß er auch für niehrcre Minuten seine Sorge um die gnädige Frau. Der seltsame Kosak hat sein ganzes Interesse gewonnen: Ein Kosak, der menschlich auftritt! ... der ruhige höflich spricht! . . . sä, der nicht fordert, sondern — bittet! . . . Gab cs wirklich auch solche Kosaken?! . . . Bald entdeckte Jean etwas, das ihn in noch größeres Staunen versetzte: „Gab cs einen Kosak, der nicht ... der nicht —" Er kam nicht weiter. ■s.:' Ein Höllenlärm hat ihm jäh den Gedanken abge- ’ schnitten: Mitten im Zimmer standen die Kosaken und sangen mü> sprangen und schimpften nild fluchten dazwischen. Flaschen und Gläser llirrten . . . Stühle und andere Gegenstände wurden zerschmettert . . . Und plötzlich! Die Wilden hatten den alten Diener umringt. Ihre Gesichter flammten, ihre Augen spühten: „Schcnschtschmi!! . . Schcuschtschini!! . . Schcnschtschiui!!" schrien sic und tobten und rasten. „Hast Du cm Weib, Alter? . . . eine Tochter? . . . eine Schwester? , ... oder sonst ein Frauenzimmer?! Sprich! . . ." Wie vom Blitz getroffen stand der unglückliche Diener da. „Kommt, Brüder! kommt! wir sehen uns selber . um! ... wir finden schon! . . ."" Und johlend und kreischend ziehen sic durch die Gc<- mächer des Schlosses. flOffenbaeher Druckluft-Anlage I 1 Ottenbach S. H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). I ■ Bewährteste TspplBhrsfnlgODg (100,000 qm jährlich» 1 sowie unübertroffene Bettenu. Bettfedernrelnl-| guag mittelst Druckluft und Wasserdampf. Jean eilt ihnen nach. Schweiß- und Träneutropsen rinnen.über seine fahlen Wangen. Er ringt die Hände . . schreit . . fleht . . bittet . . — wer hört ihn? Eben haben die wüsten Gesellen das neben dem Schlafgemach der Gräfin gelegene Toilettenzimmer erreicht ... Dem armen Diener ging schier der Atem aus. Er raffte alle seine Kräfte zusammen und rannte . . rannte. Als er aber in das Toilettenziinmer trat, bot sich ihm ein Bild, das er mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, ohne recht zu wissen, was er sah. Leichenblaß stand die Gräfin da. Vor ihr die halbbetrunkene Bande und dazwischen . . . dazwischen: jener seltsame, ungewöhnliche Kosak, der vorhin seine, des alten Jeans, Aufmerksamkeit solange in Anspruch genommen hatte .... Mit ausgebrekteten Armen stand er da und rief mit fast übermenschlicher Stimme ein über das andere Mal: „Halt!! ... Halt!! . . Und als sich die Kosaken auf ihn werfen wollten, riß er aus seiner Busentasche ein mit einem amtlichen Stempel versehenes Schriftstück heraus und zeigte es den Kameraden: „Vom Herrn Oberst! . . ." rief er; „vom Herrn Oberst! . . . hier . . . hier stehts geschrieben: wer diese Frau antastet, ist des Todes!!" Das wirkte. Die 'Kosaken wurden jäh ernüchtert. Wie gebannt hingen ihre Augen an dem Schriftstück, d. h. an dem amtlichen Stempel an dessen Fuße . . . Und mit leisem Fluche zogen sie sich zurück. Etwa eine Viertelstunde später lagen sie in einem der vordersten Zimmer auf dem Boden und schnarchten. Auch der „Kosak mit dem amtlichen Schriftstück", der nun ruhig daselbst in einer Ecke kauerte, war eben im Begriff einzunicken, als sich eine Hand ans seine Schulter legte: „Edler Kosak. . ." Der edle „Kosak" sah auf: Jeair stand vor ihm. „Sie sind ein edler Kosak . . .", wiederholte er; „und ich soll Sie zur gnädigen Frau führen ... Kommen Sie . . . kommen Sie, edler Kosak . . ." Er führte ihn in den Salon. Die Gräfin eilte ihm entgegen und reichte ihm mit Tränen in den Augen ihre Rechte: „Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr?" „Ich habe keinen Dank verdient, gnädige Frau . . . Ich tat nur, wie mir befohlen wurde." Dabei senkte der Soldat schüchtern die Augen. „Wie heißt nun ihr Oberst, der Ihnen dies befohlen? Und wo ist er?" Der Gefragte errötete. Er schwieg einen Augenblick. Dann aber lächelte er: „Wie mein Oberst, der es mir befohleir hat, heißt? hm ... er heißt: Gott: ... Und wo er ist . . . nun, das wissen ja die gnädige Frau ..." Die Gräfin sah ihn verlvundert an: „Aber Sie hielten doch einen geschriebenen Befehl in Händen? ..." Anstatt einer Antwort zog er loieder das Schriftstück aus seiner Tasche und jübergab es ihr: „Bitte, lesen Sie." „Ich verstehe kein Russisch." „Nun . . . nun . . . es ist . . . mein Geburtsschein ..." Es währte lange, bis der alte Jean den Zusammenhang begriffen. Dann aber murnlelte er begeistert in seinen Bart hinein: „Welch ein edler Kosak!" Die Gräfin aber hatte dein Soldaten noch einmal die Hand gereicht, und tief gerührt sagte sie: „Gott lohne es Ihnen! . . . Aber — das war nun doch ein sehr gewagtes Spiel . . . Wenn Ihre . . . Ihre Kameraden . . . verzeihen Sie: ich meine: wenn die andern darauf bestanden hätten, das Schriftstück selber zu lesen . . . und — wenn sie sich dann überzeugt hätten, daß Sie sie getäuscht haben . . . dann . . . ach! dann wären auch Sie verloren . . ." Der Soldat sah sie ernst an: „Wenn man einen Menschen retten will, muß man schon fern eigenes Ich ein wenig vergessen . . ." sagte er leise „Uebrigens war die Gefahr nicht so groß. Denn meine Kameraden hassen von jeher alles Geschriebene uiw Gedruckte . . . Nur vor einem großen amtlichen Stempel haben sie Respekt . . ." Die Gräfin lächelte. Und dann nach einer Welle sagte sie etwas zögernd: „Dürste ich Ihnen ein kleines Geschenk machen . . . hm ... ich meine nur so zum Andenken . . ." Er errötdte. < „Nein . . . nichts! . . . ich muß auch wieder gehen . . . denn, wenn die andern von diesem ineineiu Besuche erfahren, dann . . ." Die Gräfin sah ihn schweigend an. Dann bat sie: „Nennen Sie mir wenigstens Ihren Namen und den Ihres Wohnortes. Oder, nein: bitte, schreiben Sie cä mir auf ..." Da setzte er sich hin, und, die schwere Soldatenhand schrieb mit großen, ungelenken .Buchstaben: Moses Israel owitsch ans Kiew ... INT, ROSENAU Herren-Schneiderei io O oetbestrasse 10« •hme Ausführung. Massige Preise« Kaiser Friedrich Quelle ——— OffiBnbaeh a*!• —— Gegen Gicht and Bhenmatigm« bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankf.a.H., Gttntherab.-AUee 37. TeLHansa259o.714< Wocherr-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Losch.) SamStag, den 14. August (== 4. Eilul.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 10 Min. Säbbat-AuSgang in Framfurl a. M. 8 Uhr 35 Min. in Berlin 8 Uhr 24 Min. Wochenabfck.uitt: S cf) auf tim. — Rechtspflege. Pflichten des Königs. Fernhaltung des Heidentums. Kriegsgesetze. Ans den gerade jetzt sehr zeitgemäßen Kriegsgesetzen sei folgendes hervorgehoben: Israel soll nur dann in den Krieg ziehen, wenn es das' Bewußtsein hat, daß seine Sache auf Gottes Beistand rechnen darf. Deshalb kommt es ihm auch nicht auf die GÜöße des Heeres an. Es durfte im Vertrauen auf jGott ganze Kategorien Wehrfähige zu Hause lassen. Wer sein neues Haus noch.nicht bezogen, von seinem neuen Weinberg noch keine Nutznießung gehabt oder seine Angelobte noch nicht heimgeführt hatte, zog mit dem Heere nur bis zur Landesgrenze mit und ging dann zurück, um daheinc alle jene Arbeiten zu übernehmen (Verproviantierung nsw.), die für die Kriegstüchtigkeit des Heeres nötig waren. Wer ein neues Haus bezogen, einen neuen.Weinberg in Gebrauch genommen oder eine Frau heimgeführt halle, rückte für ein ganzes Jahr nicht 'nur nicht unt .dqin. Heere aus, sondern war auch von allen Kriegsleistungen frei. Schließlich wurden vor versammelter Mannschaft auch die Mutlosen aufgefordert, nach Hause zurückznkehren. Aus dem Prophetenwort des. Sabbats: Ich (Gott) bleibe stets derselbe,— das listfs, was euch tröstet. Warum solltest du dich also fiirchten vor dein Menschen, der dahinstirbt, der tvie das Gras dahingegeben wird? Und vergissest Gott, der noch jetzt dich gestaltet, noch jetzt den Himmel wölbt und der Erde Festigkeit verleiht, und machest dir den ganzen Tag Sorge wegen der Wut des Drängers, als schickte er sich an, dich zu vernichten! — Wo ist nun die Wut des Drängers? Wochengottesdienst in Frankfurt a. M. Morgens: 6 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindau 6Vs Ahr, Hauptsynagoge 7 Uhr, Königsteinerstr. 71/a Uhr). Abends: 7 Uhr. Kravkfurter Familienuachrichtert. Geboren. E- Sohn Arthur Stiesel (Strauß), Sternstraße 38. — Jakob Ahrend (Zentmann), Hegelstr. 14. E. Tochter Richard Sternfeld (Blum). — Max Hammel (Ullmann), Gartenstraße 112. B a r in i z w o s. Paul Lipnianu (Sohn von Julius Lipmann-Essen, z. Zt. im Feld), bei Katz, Baumweg 23l Synagoge Börneplatz. I Gestorbe u. Helene Chotzen geb. Levi, 68 I. — Jessel Landau, 82 I., Sandweg 68. —, '.Leo Simon, 58.1-, Feldbergstraße 27. — Arthur Ehemann, Niddastraße 67, im Feld. Auswärtige Famittermachrichteu. G e st o r b e u. Georg Pügorski, 30 I., Pose», im Feld. — Bizefeldwebel Max Salamouski, Ritter des Eisernen Kreuzes, Sohn der Witwe Hulda S. in Pinne, im Feld. — Kurt Fabisch; Max Goldschmidt; Georg Kallmann; Walter Nothinann, 19 I., Breslau, im Feld. — Kurt Herlitz, Kättowitz, im Feld. — Architekt Leo Baer, Karlsruhe, im Feld. — Max Japhet, 28 ,J., Saarbrücken, im Feld. — Ferdinand Snlzberger, 73 I., Newyork. — Emma Leon geb. Meyerhof, 84 I., Hildes- Heim. — Adolf Goldbaum, Pforzheim. — Martin Fabian, 25 I.: Hans Goldberg; Julius Salzmann; Erich Baum; Erich Wolfs; Mfons Troplowitz, 30 I.; Hans Levy, 28 I.; Georg Lewy, Berlin, im Feld. — Kurt . Fabisch, 20 I., Breslau. — Henriette Halberstadt geb. Hertz, 80 I.: Henriette Jacobsohn geb. Wulff, 48 I., Hamburg. Vereins-Kalender. Samstag. Montcfiore, 41 Uhr: Schiur (Dr. Mat)): 5 Uhr: Sidra-Erklärung. — Mekor Chajim, 4 Uhr: Mikro-Vortrag (E. Kaufmann). Sonntag. Montcfiore, 7,01 Uhr, Hauptbahnhof: Hanau, Barbarossaquelle. Dienstag. Montefiore, 9 Uhr: Zusammenkunft