Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 0 cn ojsc. Was Ist unsere sittliche Pflicht? Wenn Wir tzwei ei,scheu fechten sehen, kümmern wir uns nicht nm Ethik, „dern suchen den Kampf zu hindern. Wenn Nationen jtcinander um das Dasein ringen, so muß Menschlichkeit eilet c 'Neutralität über Wiegen. Die Humanität fordert, daß ir den Kampf aufhalten und keinem der Kämpfen» eit Unterstützung gewähren oder ihn zür Fort- DCr' ^uug ermuntern. bet Die neutralen Nationen sind schrecklich machtlos;, aber ifitfi eint die Vereinigten Staaten und die übrigen Neutralen cht die Macht haben, die Unordnung in jder Welt zu ' iterdrncken, so müssen sie sich hüten, zu sthrer Verrren „gernng beizutragen. Wenn wir aufrichtig den Krieg rüden wollen, wenn tvir Amerikaner willens sind, jedes iner l>ier 5U bringen, um Pas menschliche Leben zu retten, so \ «llen wir uns nicht an dem Blut unserer Mi teschöpfe und an dem grimmigen Erbe des »des bereichern. In der Zukunft wird es dem Geiste jder edleren keii-Rnorikaner widerwärtig sein, wenn wir aus dem .Elend uvaudter Völker unser Vermögen bereichert haben. Haltet cher jede Unterstützung mit btahrung, Kriegshilfe, Geld!len kriegführenden Nationen vor! Laßt Amerika sich it den anderen neutralen Staaten vereinigen, um den lieg zu beenden unter Androhung der Erschwerung, ja ü AuWrens .des Handels mit allen. So laßt uns' der Zukmift ins Auge sehen und uns ir die koimnende Zeit des Friedens vorbereiten. Wer ogt inmitten des Krieges von Frieden zu 'sprechen? wen, die diese Zeit für ungünstig halten, antworte ich: Niemals ist eine Zeit günstiger gewesen, denn der Veratf des Krieges lehrt das Menschengeschlecht die jSegmgeu des Friedens." Denen, die den Traum von Recht rd Gerechtigkeit für absurd und die Macht Pis das nzige Herrschende erklären, antworte ich: „Niemals in -r ganzen Menschheitsgeschichte erschien es vernünftiger, iß durch das Recht die Macht in per Welt .gestaltet ird." Und denen, die Menschlichkeit und Zivilisation meinen und nur Las "Gesetz der Notwendigkeit, der clbsterhaltung als herrschend betrachten, antworte ich: Niemals ist die Notwendigkeit von internationalem Gesetz «b Ansehen im Interesse der Menschheit und der Zivililtion so klar erschienen." Diese Rede ist doppelt iilteressant. Einerseits Meist sie, wie ' die amerikanischen Juden, selbst -c assimilatorischen Kreise, sich zum Kriege eilen, andererseits besagt sie, daß das amerikanil)e Assimilantentum anders geartet ist. als das mtinentale, indem jenes nationaler suhlt als das 'feiere; ein Hinweis auf die Assimilanten im Lvard of Deputies" zeigt dies zur Genüge. shcr ischc cim :ie3c chl ags- " Wie eine JCllll iten, er, itig- »nd -Abngs die her l> e ii je ii »hm iescs men irift. hco d- 't ii < Be drei otiz ner. ienhrci aels errvorldcn >terrcit, die uiu »- di'c lichc nmt Illdhrer isscn ches cißig chen für dels iteiingsltoch aiifc ung itiochg, fügt ljcnuud mal feit. der leg" licht idcii zu ,den!so die rder i es :ichung eils Erst Engländer, dann Inden. Manchmal öffnet ein kurzes Wort mit Blitzesschnelle »d Blitzeshelle den Blick in die Seele dessen, der cs Machen. Ein solches Wort ist den Führern der engschen Judenheit, die infolge ihrer' sozialen Stellung n „Board vf Deputies" vereinigt sind, entschlüpft, indeni e den Ausspruch taten: „Erst Engländer, dann Juden". Man ist von den hohen Herren, die im „Board I Deputies" die jüdischen Interessen dort, wo sie in icfahr sind, verteidigen sollten, schon vieles gewöhnt, - diesmal haben sie aber ganz nackt und offen gezeigt, iß sie nicht nur jüdischer Lebensführung und jüdischen Bissens, sondern auch des letzten, des jüdischen Geihts, bar sind. Nachdem die dienstfähigen feindlichen Ausländer in icsangenenlageru untergebracht sind, .sollen die anderen nt ihren Familien des Landes verwiesen werden, wenn ic nicht vor einer Konimission ihre vollständige Ein» mndsfreiheit erweisen können. Mit dieser Verfügung hloebt über Hunderten deutschen und österreichischen iidischen Familien das Damoklesschwert. „Board of ieputies" war die berufene Körperschaft, deren Aufgabe - gewesen wäre, den Betroffenen zur Seite zu stehen l»d ihre Ausweisung möglichst zu verhüten. Wie er ich aber schon früher geweigert hatte, sich um die iiibcit in den Gefangenenlagern zu kümmern, so sprach i auch Hier 'ein .Nein und begründete es mit den Worten: Erst Engländer, dann Juden." Wären sich die Herren bei all ihrer Unjüdischkeit miigstens ihrer Stellung in der englischen Judenheit ewußt, dann hätten sic sich sagen müssen: Wir sind mgländer und Juden, und soweit cs im Rahmen der treue zu unserem englischen Vaterland möglich ist, wollen nr gern bestrebt sein, unseren Brüdern, die Untertanen kindlicher Länder sind, hilfreiche Hand zu bieten. Ist England geschädigt, wenn seine jüdischen Geangenen koschere Kost erhalten oder wenn es harmlosen jamilicn weiterhin Gastfreundschaft gewährt? Fühlen ie Herren vom „Board of Deputies" denn nicht, welche ächerlichc Figur sie vor dem Richtstuhle der Geschichte rachen Werden? Wie es nur die Unsicherheit des Ghettoaden ist, die aus ihnen spricht und sie zu einer Haltung veranlaßt, die nicht nur dem jüdischen' Brudergefühlandern auch der Menschlichkeit widerspricht? Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vom Jüdische» Nationalfonds. Die Kpendeneingänge des Ratioualfonds im Juli erreichten 41,070 Jk Diese Summe verteilt sich wie folgt: Südafrika 11,923 Jk, Nordamerika 10,111 Jk, Oesterreich 10,062 Jk, Deutschland 4340 Jk, Rumänien 1709 Jk, Bulgarien 749 Jk, Alt-Griechenland 643 Jk, Holland 497 Jk, Skußland 4SI Jk, Portugal 224 Jk, Dänemark 196 Jk, Frankreich inkl. Tunis 135 Jk 2lus Palästina eingetroffene Nachrichten geben erfreulicherweise davon Kenntnis» daß die Getreideernte in den NationalfondSbe.triebeu sehr befriedigend War und noch rechtzeitig genug geborgen werden konnte, bevor die Heuschreckenplage Galiläa erreichte. Bekanntlich sind Pflanzungsbetriebe und Gemüsegärten von den Heuschrecken schlver heimgesucht. Da die N. - F. - Farmen und jillnschen Kolonien, auch in diesem Jahre wieder über genügend Getreidcvorrüte verfügen, so darf man annehmen, daß in absehbarer Zeit k e i n B r o t m a n g e 1 in Palästina herrschen wird. Das Hauptbüro des N.-F. im Haag, hat seit Ausbruch des Krieges eine Informations-Abteilung errichtet, deren Tätigkeit schon viel Gutes bewirkt hat. Etwa 400 russisch-jüdische Studenten» die sich bei Kriegsbeginn in Lüttich befanden und zum großen Teil interniert würden, wurden durch die Bemühungen dieser Informationsstelle mit ihren Angehörigen in Verbindung gebracht und erhielten Mittel für einen auskömmlichen Lebensunterhalt. Aehnlich wurde der Briefwechsel zwischen zahlreichen jüdisches ■Familien in Rußland und ihren Verwandten in Deutschland, bezlv. in dem besetzten Jkussisch-Polen oder beispielsweise zwischen in England ansässigen Juden und ihren Angehörigen am Kontinent vermittelt. Ms der größte Teil Galiziens von den russischen Truppen besetzt War, hat das Hauptbüro die Verbindung zwischen den Juden in dem okkupierten Galizien und ihren Verwandten in Oesterreich hergestellt. So gingen im letzten Halbjahre beim Hauptbüro über 1500 Anfragen ein und Wurden etwa 2000 Informationen erteilt oder vermittelt. Louis D. Bravdeis. Vor einigen Wochen fand in Boston die Jahresversannnlung der amerikanischen Zionisten statt. Ganz Boston, das eine Stadt von 700,000 Einwohnern ist, war geflaggt. Die Versammlung selbst bot ein solch' mächtiges Und eindruckvolles Bild, wie noch nie eine jüdische Versammlung in Amerika. Und der Pol in all' dem GeWoge War Louis D. Brandeis, der Vorsitzende des zionistischen Exekutivkomitees. Mit Louis D. Brandeis hat die zionistische Bewegung einen Mann von hervorragender Bedeutung gewonnen. Im öffentlichen Leben Amerikas ist er als vielfacher Millionär, als führender demokratischer Politiker, als persönlicher Freund des Präsidenten Wilson und als Anwalt der Regierung bekannt. In der Judenheit kannte man ihn bis vor einigen Jahren Wohl nur als Philanthropen. Jetzt hat er sich. Wie >es sein Wesen ist, gleich ganz in die Welt der jüdischen Interessen gestellt. Sein Ausspruch: „Zionismus ist Demokratie, ist soziale Gerechtigkeit" zeigt, wie tief er sofort die zionistische Bewegung erfaßt hat. : Eine Yacht als Gescheut eines amerikanischen Philanthropen für das Palästiua-Hilsswerk. Die durch den Krieg hervorgerufene Not in Palästina, die noch dazn durch eine furchtbare Heuschreckenplage gesteigert worden ist, hat überall zur Organisierung großer Hilfsaktionen für Palästina geführt. Jüdische Kreise, die in engster Verbindung Sette 3. mit der jüdischen Kolonisation in Palästina und der gesamten jüdischen Bevölkerung im heiligen Lande stehen, haben diese Organisation in allen Ländern dnrchgeführt. Bon Amerika sind die ersten großen Unterstützungen nach Palästina abgegangen, n. a. auch schon vor längerer Zeit ein Lebensmitteltransport auf einem amerikanischen Regierungsdampfer. Vor kurzem hat in Boston die Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten stattgefunden, die eine große Demonstration für die zionistische Bewegung darstellte. An der Konferenz nahmen von bekannte» jüdische» Persönlichkeiten Herr Dr. Schemarja Levin, Mitglied des Aktionskomitees der zionistischen. Organisation, der bekannte amerikanische Philanthrop- Nathan Straus, der Bruder des früheren amerikanischen Botschafters in Konstantinopel u. a.' m. teil. Herr Nathan S trau s, der sich schon bisher an der jüdischen Hilfsaktion für Palästina beteiligt hatte, tat sich auch diesmal durch eine großherzige Spende hervor, indem er dem Hilfswerk für Palästina seine kostbare Privatyacht zum Geschenk machte. Er richtete an Herrn Louis Br and eis, den Vorsitzenden des provisorischen Komitees für zionistische Angelegenheiten in Amerika, den folgenden Brief: Sehr geehrter Herr Brandeis! Jn diesen "Tagen der Finsternis für alle Menschlichkeit und für unsere Brüder im besonderen hat die Frage der Hilfsleistung für die allgemeine Not, insbesondere im heiligen Lande, eine unvergleichliche Bedeutung erlangt. Es ist zur gloingcnden Pflicht für jeden einzelnen geworden, Opfer zu bringen oder Wenigstens mrf manchen Luxus zu verzichten, um dort Hllfe zu leisten. Wo sie am meisten nottut. „Die Welt ist mein Land; Gutes zu tun, ist meine Religion." Ich habe mich darum entschlossen, dem Proviforischen Komitee für allgemeine zionistische Angelegenheiten meine Nacht, die „Sisilma" zum Geschenk zu machen, von der ich eine Beschreibung mitschicke. Ich habe diese Nacht Maklern zum Verkauf übergeben, sodaß das erlöste Geld so schnell wie möglich zur Hilfeleistung für die dringende Not zur Verfügung steht. Die Verkaufsverhandlungen werden Sie selbst in der Ihnen am geeignetsten Weise zu Ende führen können. Ich habe einen tiefen Eindruck von der Art der Haltung, in der Sie immer in erster Linie für Recht und Gerechtigkeit gestanden haben und darum nehme ich mir die Freiheit, Sie zu bitten, diese Gelder zu verteilen, deim ich bin sicher, daß Ihre Kenntnis der Dinge Ihnen ermöglicht, den besten Gebrauch davon zu machen." Jn Deutschland haben sich zum Hilfswerk für Palästina sieben jüdische Organisationen zusammengeschlossen, deren Saunnlung schon über 52,000 Mark ergeben hat. Das Verteilungskomitee in Palästina, dem sowohl die aus Amerika als auch _ aus Deutschland, Oesterreich usw. zugehendcn Gelder überwiesen Werden, besteht aus Vertretern aller jüdischen Richtungen. An seiner Spitze steht Herr Dr. Klrthur R u p p i n in Jaffa. Weitere Spenden werden an das Hilfswerk für Palästina, Berlin, IV. 15, Sächsischestr. 8, Postscheckkonto Berlin 4192 erbeten. Flavins Josephns und seine Zeit. Bon Ahron Marcus. Fortsetzung. Daß die Chronik nicht in dieselbe höhere Rangordnung wie das Buch der Könige ausgenommen, sondern unter die helligcn Schriften dritten Ranges und als Schluß der Osfenbarungen versetzt wurde, hat augenscheinlich folgende Gründe: 1. Das Buch der Könige ninfaßt die Gesamtgeschichte Israels, sämtlicher zwölf Stämme, namentlich aber die der größte» Propheten wie Achija, Elia, Elischa, für die es die Hauptquelle, als» hauptsächlich ein wirkliches Prophetenbuch ist. 2. Seine Abfassung (Redaktion) fällt in die Zeit der Elite der jüdischen Gesellschaft von Jerusalem, wie der Talmud sie bei Hacharasch wehamasger schildert, die 18 Jahre vor Zerstörung des Tempels, von Nebuchadnezar nach Babylon geschleppt, den Bestand des Judentums für die Ewigkeit gesichert hat. Jechskeel, Daniel,Mordpchai gehörten diesem Milien an, das ja auch der Prophet Jeremia als deni besten Teil des Volkes schildert (29,17). Daher diese bei keinem Volke der Erde angctroffene Strenge der Wahrheit und rücksichtslosen Offenheit gegenüber den höchststehendcn Personen, die selbst den göttlichen Sängerkönig David mit seinen Schwächen und Verfehlungen blosstellt. i Die Chronik hingegen befaßt sich hauptsächlich mit den Begebenheiten des Stammes Juda und seiner Könige. Sie ist — wie unsere Weisen bemerken — zur Verherrlichung des davidischen Königshauses geschrieben, verschweigt daher fast alles, was diese beeinträchtigen könnte. Ihre Abfassung datiert ans der Zeit des zweiten Tempels nach der Rückkehr aus dem' Exil in gedrückten Verhältnissen unter knapper Betellignng der großen Massen, die in Babel zurückgeblieben waren. Da liegt auch wohl der Schlüssel zu der Andeutung des Talmud, daß zwischen Azal und Atzal Geheimnis^ liegen. Diese Famllie gehörte nämlich zu den Nachkommen des Königs Saul. Unter den 30,000 Exulanten, die allein unter den 42,000 Zurückgekehrten ihre Stammlisten besäßen, Waren etwa 8000 Benjaminiten, die sich vielleicht im Stillen der Hoffnung Hingaben, ihren alten Vorrang Wieder geltend machen zn können, besonders, nachdem Mprdochai und Ester aus ihrem Stamme die Existenz des ganzen Volkes gerettet haben. Ebenso stand der davidischen Königsfamllie die alte Rivalität der Hohenpriester gegenüber, denen schließlich die Ersteren weichen