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Neue jüdische Presse · 1915-08-13 · Heft 31 (13.8.1915) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 31 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 Seite 2. man darin sechzehn Scharlachkranke und acht Flecktyphuskranke. Auf der Station Hömel taollteit die jüdischen, aber auch christliche Einwohner den in den Bichwaggons tagelang Eingefperrten helfen, die wie wahnsinnig nach Brot und Wasser schrien. Aber die den Zug bewachenden Gendarmen drohten, auf die Helfer zu schießen, die mit Wasserkrügen herbeigeeilt waren. Dasselbe geschah auf der Station Belitza. In Nowosybkow wollten die dortigen Honoratioren sich telegraphisch bei den höheren Behörden für die Verschmachtenden, Kranken und Sterbenden verwenden. Das Telegramm« wurde jedoch zurückgehalten und sämtliche Unterzeichner verhaftet. In vielen Städten wurden die vornehmsteit Juden als Geiseln in die Gefängnisse gesperrt, wo sie noch heutigen Tages schmachten. Es sind zahlreiche Fälle vorgekommen, wo ein sogenannter Jndenzug nach wochenlanger, qualvoller Fahrt endlich an seinen! Bestimmungsort angelangt war, aber ' die ebenso qualvolle Rückreise antreten mußte, weil der betreffende Gouverneur die Ausladung nicht gestattete. Mehrere jüdische Frauen waren während dieser Höllenfahrt niedergekommen in verschlossenen und plombierten Waggons, wo Männer, Frauen und Kinder ohne Speise und Trank tagelang zusammengepfercht waren. Me Schreie uni Lrzt- ' liche 'Hilfe nutzten nichts, und männliche und weibliche Leidensgcnossen mußten helfen. Unter den Ansgewisenen nick» in Viehwaggons Verladenen befanden sich Schwerkranke und Kreißende, die ächzend und stöhnend in die bereitstehenden Züge geschleppt wurden. Selbst Irrsinnige, die in Krankenhäusern und Irrenanstalten sich bei Veröffentlichung der Ausweisungsdekrete befanden, wurden von dort in die Judenzüge verladen, zusammen mit Gesunden. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man die von Hunderten christlicher und unverdächtiger Zeugen erhärteten Angaben der entsetzlichen Interpellation liest. Der Dumaabgeordnete, einer der Mitunterzeichuer der Interpellation, der mir die Abschrift übermittelt, schreibt mir unter anderem: Unsere lieben englischen Bundesgenossen sammeln Tausende und Abertausende, um für Negerkinder kultnrbringcnde Lendenschürzen anzuschaffen. Die mitverbündeten französischen Bourgeois veröffentlichen Bibliotheken über deutsche Greuel. Wir selbst erklären, wir kämpften für Kultur und Freiheit. Zeigen Sie der noch objektiv gebliebenen Welt, wie der Zarismus mit seinen eigenen Untertanen, seinen ^lieben Juden", verfährt. Ich tue dies ohne Kommentar, der den Urtext des Grauens nur abschwächen würde. Ein Kommentar zu diesem Bericht ist in der Tat unnötig. Das Herz möchte einem brechen, wenn man diese Schilderungen liest, die gewiß nur einige einzelne Fälle herausgreifen, wie sic deren aber gewiß zahllose vorgekommen sind. Und wenn man dann bedenkt, daß Frankreich und England mit diesem Barbarenstaate verbündet sind, wenn man in ihren Zeitungen wieder die niederträchtige Lüge von ihren: Kampf für Zivilisation und Gerechtigkeit liest, wen erfaßt da nicht ein namenloser Ekel gegen diese Heuchler und Zyniker, die die hehren Ideale der Kultur und des Rechtes so zu beschmutzen sich nicht schämen, indem sie sie mit Rußland in eineni Atemzuge nennen. Einen einzigen Protest gegen all diese Lüge und Niederträchtigkeit haben wir aber Gottlob: die unerhörten Mederlagen, die unsere Truppen den russischen Armeen zufügen, die unermeßliche Katastrophe, die sich dem Zarenreiche von Tag zu Tag mit immer schnelleren Schritten nähert. Die furchtbaren Schläge, die Rußland jetzt in Polen und Kurland, und Litauen erleidet, wir erblicken in ihnen den wahren Triumph der Gerechtigkeit, wir erblicken in ihnen das unerbittliche Walten der göttlichen Nemesis. Wenn erst die Katastrophe in ihrer ganzen Größe eingetreten, wenn erst der Barbarenstaat in ohnmächtiger Hilfslosigkeit niedergeschmettert daliegen wird, dann wird auch unseren unglücklichen Brüdern in Rußland, die jetzt so Furchtbares als die unschuldigen Opfer barbarischer Brutalität erdulden müssen, die Stunde der Erlösung schlagen. Möge die Stunde nur recht bald kommen? Brief aus Oesterreich. Das zur Beurteilung der eingelaufenen Wettbewerbsarbeiten für den neu zu errichtenden Friedhof der Wiener israelitischen Kultusgenreinde eingesetzte Preisgericht hat u. a. dem Architekten Prof. Ernst Lichtblau für seinen Entwurf unter dem Stichwort „1. Nissan" einen Preis von 2500 Kr. zucrkannt. Diese kurze Notiz enthält ein jüdisches Kulturbild, — denn der von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde also Ausgezeichnete ist — ein getaufter Jude. Wieder einmal eine der Unmöglichkeiten, die die Assimilation möglich gemacht hat! Die „Neue National-Ztg." schreibt über die Angelegenheit: „Als der Name Ernst Lichtblau bekannt wurde, da wußten die der Jury ungehörigen Borstandsmitglieder auch sofort, daß der Mann ge- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. taust ist. Sie mußten das wissen, denn sein Name war seinerzeit in den Austrittslistcn enthalten, und überdies befindet er sich irr dein vom Steueramt der Kultusgemeinde geführten Verzeichnis der Ausgetretenen. Die Mitglieder des Kultusvorstandes haben aber geschwiegen, weil sie sich vor den christlichen Fachmännern, insbesondere vor dem städtischen Baudirektor Heinrich Goldemund, schämten; sie schämten sich, weil sich ein geraufter Architekt um einen jüdischen Preis beworben hat. Sie machten daher gute Miene zu diesem traurigen Spiele, schwiegen und zahlten dem katholisch getauften Renegaten Ernst Lichtblau 2500 Kr. aus den jüdischen Steuergelderii aus. So bekämpft der Wiener Kultusvvrstand die Massentaufen!" — Die Wiener Zeitungen geben eine öffentliche Bekanntmachung des Lemb.ergcr Stadtkommandanten Generalmajor R i m l wieder, die sich dagegen wendet, „daß die russischen Gefangenen während ihres Transportes durch die Straßen von einem .Teil des Publikums, besonders des jüdischen, beschimpft und mit Stöcken geschlagen wurden". Wohl haben die Polen, die mit den Russen Brüderschaft geschlossen haben, keine Veranlassung zu Aeußerungcn des Unmutes. Anders die Juden! Die russischen Horden haben ihre Frauen geschändet, ihre Männer gehängt. Hätten sie sich jetzt einmal Luft gemacht, — es wäre verständlich gewesen. Allem Anschein nach ist aber die Beschuldigung gegen die Juden ein Stückchen polnischer Perfidie, auf deren Leinr der General gegangen ist. Rachsüchtigkeit widerspricht dem 'jüdischen Charakter. Auch sind zahlreiche einwanössreie Mitteilungen vorhanden, daß die galizischen Juden sich überall den russischen Gefangenen gegenüber bewunderungswürdig menschlich benommen haben. Man kann ein guter General und doch ein weltftemder Meiisch sein. Auch ist Generalmajor Ri ml vielleicht nicht ganz von der traditionellen Judenabneigung ftei, trotzdem ihm bekannt ist, daß in den nun glücklich vergangenen schweren Zeiten die treuesten Bürger Oesterreichs in Galizien die Juden gewesen sind. Doch so viel hätte sich auch der unpolitischste General sagen können, daß eine solche Beschuldigung für die russische Regierung eine willkommene Begründung für Schikanen, ja für Pogrome gegen die ihr überlieferten Inden bieten kann. Aber selbst die liberalen Wiener Zeitungen haben die Bekanntmachung ohne Kommentar abgedruckt und durch den Abdruck in alle Welt verbreitet. Diese Tatsache scheint uns am bemerkenswertesten. Sie stellt der Wiener Presse wahrlich kein günstiges Zeugnis aus. Sie zeigt aber auch, wie wenig selbst die einfachsten Forderungen der .Vernunft in Anwendung kommen, wenn es sich um Interessen von Juden handelt. Soll es anders werden, dann muß an die Stelle der jüdischen Assimilation die Pflege des jüdischeil Selbstbewußtseins 'treten. Nur, wenn wir Juden jüdische Würde zeigen, wird man uns richtig behandeln. Bis es so weit ist, dürfen wir uns llicht wundern, jede tadelnswerte Einzelheit, die in unseren Reihen vorkommt, als jüdisches Uebel in alle Welt ausposaunt, alles Rühmenswerte aber unter anderer Marke unterschlagen zu sehen. Stets heißt es z. B.: „Der jüdische Händler N. wurde zu 100 Kr. Strafe verurteilt", aber: „Der österreichische Gelehrte usw.". Für diese beliebte Methode haben auch die letzten Tage wieder ein Beispiel gebracht. Es wurde nämlich in der Presse die Vaterlandsliebe zahlreicher galizischer Bürger besonders hervorgehoben, die während der Zeit der Russenherrschaft in Galizien hunderte aus der Kriegsgefangenschaft entwichene österreichische Soldaten in Zivilkleidcr umkleideten und bei sich verborgen hielten. Man verschwieg aber fein säuberlich, daß diese patriotischen Bürger, die ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, meist Juden waren und daß mit den Soldaten, um sie zu retten, meist eine Metamorphose in polnische Kaftanjuden vollzogen wurde. Brief aus Rußland. FcodorSologuw, Leonid Andre jew und Maxim Gorki lassen ein Saminelbuch erscheinen. Nr- 31. Was huschen „dcrn einani dient »r den |eu Ui ng e Die Ml dil ht die lterdrÜ! lgernn nden jer zr illen n I-schöj »des In crikai lvandi er je len kr lit den lneg zr Ans So ir die gt in neu, i iRicmdG uf des »gen i ib Ge inzige! r gaiq bux irb." iieinei Äbsterl ieittaTi Ans ion }i Di Meist as! cklen, l,e As uithtei ltzterc; Loard dessen Reinertrag z n G u n st c n der jüdische H e i m l o s e n bestimmt ist. Das Buch bringt Aufsätze,! Erzählungen und Gedichte der angeseheilstcn Schriftsteller Rußlands, und wenn sein finanzielles Ergebnis auch ein! Nichts gegenüber dem Elend von mehr als 600,000 vertriebenen Juden sein ivird, so zeigt es doch, daß der! geistige Adel Rußlands etwas Scham verspürt. Freilich zu einem offenen Protest gegen die Regierung, die jetzt so viele Wahrheiten hören muß, haben sich die Herren! auch diesmal nicht aufgeschwungen. In Wilna hat die Regierung die Gründung einer! jüdischen Hilfsgesellschaft gestattet. Bisher waren stets nur bei besonderen Gelegenheiten jüdische! Hilfskomitees erlaubt. Die Gesellschaft will den Heimlosen Arbeit verschaffen, lpill Kindergärten, Kranken-! Heime, Altersheime usw. gründen und nach dem Kriege! die Auswanderung organisieren. An der Gründungsversammlung nahmen niehr als 400 Personen teil. Wie der erste Redner ausführte, soll die Vereinigung eine! Stätte für alle Bestrebungen und alle Klassen sein, dem, für das Volk könne man nur dann richtig arbeiten, wenn man mit dem Volke arbeite. Dr. Makower, der Vorsitzende, sprach die Hoffnung aus, daß die Tätigkeit der Gesellschaft sich über das Wilnaer, Kownoer und Grodnoer Gouvernement erstrecken loerde. Duma-Abgeordneter Friedmann hielt eine Begrüßung? ansprache. — Wie aus Petersburg berichtet wird, hat die höchste Heeresleitung das Schreiben jüdischer Briefe und das Sprechen der jüdischen Sprache an Telefonen -und öffentlichen Orten verboten. Briefe iy jüdischer Sprache sollen ohne weiteres vernichtet werden. Die Durchführung dieses Befehles lväre eine Ungeheuerlichkeit, denn Millionen Juden beherrschen nur die jüdische Sprache und Schrift. Der Gouverneur von Grodno, Generalmajor Schcbcko, forderte die jüdische Bevölkerung des Grodnoer und des Sakolskcr Bezirks auf, ihre Angelegen hexten zu ordnen, da tagtäglich der Befehl eintressen könne, daß sie innerhalb zwei bis drei Tagen ihre Orte verlassen müssen. In Girre interessante Rede. der vorigen Nummer nahmen wir Notiz von der Zcntralkonsercnz amerikanischer Rabbiner. Heute geben wir nunmehr die Rede des Präsiden^ ten Gries wieder. Er sagte: ,Die Juden Amerikas haben Israels Schreckensschrei gehört und haben sich bemüht, das schwere Joch Israels anfznheben, aber vergebens. Angesichts des überall herrschenden Elends entdecken wir wiederum, daß wir unvorbereitet und unorganisiert sind. .Um dem itbcrwältigendcii Unglück zu begegnen, versuchen wir, nationale und internationale Agenturen zu schaffen. Wir sind niemals bereit, obgleich die Juden immer im Elend sind. . . . Die Stunde hat geschlagen, die Verwirrung, die fehlende Organisation bei den amerikanischen Inden zu beenden. Soll jede Krise uns unfertig und unvorbereitet finden? Es kann nicht länger dic Frage sein, wem der Ruhm -gebühren soll; die menschliche Not schreit nach Mtgefühl und Hilfe. Die Krisis verdammt „die Teilung des Rats" und fordert „Einheit der' Handlung." Laßt die große Menge der Komitees und ihrer Leller ihre Ansprüche auf Priorität ausgeben, sie ,müssen sich vereinigen, um je in Komitee zu schaffen, hvelches immerwährend und durchaus' repräsentativ und rechtmäßig autorisiert sein soll, für alle Juden Amerikas' zu sprechen und zu handeln. Schrecklich' sind die Kosten des'Krieges gewesen für militärische Ausgaben durch die Zerstörung des Handels und durch den Verlust des von Menschen Hervorgebrachten. Diese Kosten erreichen eine Summe, die jeder Einbildungskraft spottet, mehr als 20,000 Millionen Dollar. Nockschrecklicher ist die Einbuße au Menschenleben, der Hause von menschlicher Sorge und Weh und die Verringerung menschlicher Leistungsfähigkeit der Rassen auf Generationen hinaus. Ohne Frage ist es der riesenhafteste Schlag, der je dem Fortschritt des Menschengeschlechts zugefügt worden ist. , , ' Und »abgesehen von den Kosten, — das Menschengeschlecht wird sich nicht schnell von der Verwilderung und der Verrohung erholen, und wir haben noch nicht einmal die volle Geschichte der Roheit und der Gewaltmäßigkeit, der Wildheit und des Schreckens gehört. Laut -ist der Ruf gegen die barbarische Kriegsführung und ihre -unmenschliche Grausamkeit erschollen. „Menschlicher Krieg" ist freilich undenkbar, aber das.schlimmste ist, daß nicht bloß die Kriegführenden» sondern auch die Fernbleibenden abgestnnrpft werden; denn wer kann sich rühmen, ftei zu sein von innerem Jubel, wenn neues '.Mißgeschick „den Feind" trifft? Der Krieg hat das Menscheugeschlecht l{o entsetzlich heruntergebracht, daß zarte Frauen ruhig die ungeheuersten Schreckenstaten lesen und selbst die Kinder sich an den entsetzlichsten Berichten erfteuen. . . .' Was ist unter solchen Umständen die Pflicht eines neutralen Volkes? Neutralität kann nicht Gleichgültigkeit bedeuten, dkeutralität kann nicht zur Aufhebung der moralischen Verpflichtungen, des sittlichen Urteils kommen. . . . 1 Ma Illb Bl qproch ischen . /,Bo den ' Mo Depi Scfahr diesi sie -issens ^hts, l Na icsangc lit ihr, ic »ich andsfi!hlvebt [übifdjci cputie - gewi mb ihi ch ab Men auch Erst l >e»igstl Mußt, kngläni neue z ir ger [tiublidj Iß tziigene imilic ie Her [ädjcrlit lachen laben i prranla andern

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