Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692954--09093-2704275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V”- " ■ — - — ' — . ... - Erscheint wöchentlich am Freitag. Kriugspreis pro Zlierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Strersband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg l- - - .- — Ae-aKtion und Expedition: Frankfurt a. M. n Langeslr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. rr —. ' Insertiousprei» für die sünfgespaltme Petitzeile 25 Pfg.. für dieRellamezeile Mk. 1.—. Ber Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Besuche. WohnungSinserate, Heirats-Nnnoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene P^zelle ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Dorschrist ohne Verbindlichkeit. I Unnoncen-Annahme bei der Exp cd. und in a-Annoncen-BureauS.. I Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. I 13. Jahrgang Freitag» den 3. Ellul 5675 (13. August 1915) Nr. 31 Für die polnischen Juden. Warschau ist gefallen, der größte Teil von Polen ist erobert, ganz Kurland, ein beträchtliches Stuck Litauens befindet sich in den .Händen imsercr siegreichen Armeen, und jeder Tag briitgt ihnen große Strecken neuen russischen Gebietes in Besitz. Mit dieser Okkupation eines so beträchtlichen Teiles russischen Landes ergeben sich naturgemäß für unsere Heeresleitung, vor allem aber für unsere Reichsbehörden viele neue, schwierige und wichtige Probleme, deren wichtigstes das Verhältnis zu der Bevölkerung des okkupierten Gebietes betrifft. Gleich nach dem Falle Warschaus setzte denn auch in der gesamten deutsch-österreichischen Presse eine lebhafte Erörterung dieses Problems ein, wobei aber in ebenso seltsamer wie bedauerlicher Weise nur ein Teil desselben besprochen wurde: die polnische Frage. Fast alle aber vergaßen, daß neben den Polen in den okkupierten Gebieten auch eine große Zahl von Juden leben, und so ausgiebig die polnische. Frage erörtert wurde, so wenig ist der polnisch-jüdischen Frage gedacht worden. Es hat schier den Anschein, als ob die alte Parole aller europäischen Judenpolitik: das Totschweigen, die völlige Nichtbeachtung, die Ignorierung unserer Existenz, auch diesmal befolgt werden sollte, als ob man.glaube, das Problem am besten so lösen zu können, indem man so tue, als ob es gar nicht existierte. Dieser ebenso ungerechten wie falschen Politik muß von Seiten der deutschen Judenheit beizeiten energisch entgegengetrcten werden, um rechtzeitig die unabsehbaren Schäden und Gefahren, die sie bringen kann, zu beseitigen und die Beziehungen unserer Regierung zu unseren Brüdern im Osten auf die richtige Grundlage zu stellen. Als der Krieg ansbrach, da erklärten die Führer unseres Heeres und die Leiter unserer Regierung, der Kampf gegen Rußland sei ein Befreiungskampf für all die kleinen vom Zarismus brutal unterdrückten Nationen; als unsere Truppen in Polen einmarschierten, erließ unsere Heeresleitung ein Manifest an die polnischen Juden, worin ihnen gesagt wurde, die deutschen Armeen werden ihnen Erlösung von dem grausamen russischen Joche bringen. Unsere Brüder in Polen empfingen dann auch überall die deutschen Truppen wie Befreier, und gar mancher von ihnen hat diese ihm natürliche Sympathie mit seinem Leben bezahlen müssen. In den Berichten aller Kriegskorrespondenten war es zu lesen, daß von allen Einwohnern Polens die Fuden die treuesten Freunde Deutschlands seien. Nunmehr ist der Zeitpunkt gekommen, da die deutsche Herrschaft fast ganz Polen umfaßt, da nach der Eroberung Warschaus an die Einrichtung einer wohlgeordneten Verwaltung in den besetzten Gebieten geschritten werden muß. Und da erachten wir es als die selbstverständliche Pflicht unsererBehörden,daßsieinallenVerfügungen, die sie treffen, auf die Lebensinteressen, auf die religiösen und nationalen Eigenarten und Bedürfnisse der polnischen Judenheit die gebührende Rücksicht nehmen, kurz: daß sie ihnen in allem in Wirklichkeit als die Befreier entgegenkommen, die zu sein, sie ihnen von Anbeginn an versprochen hatten. Allein die Frage der polnischen Judenheit geht in ihrer Bedeutung und Folgenschwere weit über den Umfang einer vorübergehend eingesetzten Okkupationsverwaltung hinaus. Denn bei aller Vermeidung einer Erörterung der Kriegsziele, darf es doch schon mit Sicherheit ausgesprochen werden, daß eine Rückkehr der okkupierten Gebiete an Rußland unwahrscheinlich ist. Sofort nach dem Falle Warschaus ging es wie ein selbstverständlicher Ausruß durch die gesamte deutsche Presse, ohne Unterschied der Parteirichtnng: dieses Polen, das jahrhundertelang ein Sollwerk west- und mitteleuropäischer Kultur gegen osteuropäische Barbarei war, muß diese seine alte Aufgabe wieder erhalten; was immer auch mit diesen polnischen Gebieten geschehen wird, es läßt sich jetzt noch nicht im einzelen erörtern, aber dieses eine ist uns allen klar: russisch dürfen sie nicht wieder werden. Und damit gewinnt die Frage des Verhältnisses unserer Negierung zu der polnischen Judenheit historische Bedeutung; sie wird zu einer Lebensfrage für Hunderttausende unseres Volkes und muß bei Zeiten gründlich erörtert, klargelegt und beantwort werden. Und hier ist die Grundforderung, die zu erheben ist, wohl uns allen hinreichend klar: unsere B r ü d e r i n P o>l e n m ü s s e n a l l j e n e e 1 e m e ntaren Menschen- und Bürgerrechte erhalten, die ihnen der zarische Despotismus bisher vorenthalten hat. Soll Polen wieder Glied mitteleuropäischer Kultur werden, dann darf es in diesem Lande keine Menschen mehr geben, Venen auch nur eines jener Rechte mangelt, die wir seit den Tagen der humanistischen Aufklärung als die natürlichen und elementaren Menschenrechte betrachten. Wir hätten es nicht für nötig gehalten, solches ausdrücklich zu betonen, wenn nicht gewisse Zeitungen — und leider liberale Zeitungen voran — es fertig gebracht hätten, schon jetzt so etwas wie Sondergesetze und Ausnahmebestimmungen für die „genuschten Elemente" der polnischen Judenheit zu fordern. Wir sind überzeugt, daß unsere Regierung hier liberaler und humaner ist als diese „Liberale,!" und nicht zögern wird, ihr Versprechen, Befreier der polnischen Juden zu sein, einznlösen und dafür Sorge zu tragen, daß ihnen von ihren Menschen- und Bürgerrechten keines entzogen oder geschmälert wird. Dies wird unsere Regierung schon, abgesehen von allen Momenten der Humanität und Gerechtigkeit, aus Gründen nüchterner realpolitischer Erwägung tun müssen. Wie auch im einzelnen die zukünftige Gestaltung Polens geregelt sein wird, vor allem wird dafür Sorge getragen werden müssen, daß es seine Aufgabe, Bollwerk gegen Rußland zu sein, erfülle. In der Erfüllung dieser Aufgabe aber werden die polnischen Juden die erste Stelle einnehmen müssen. Vom polnischen Volke selbst ist ein beträchtlicher Teil antideutsch und russophil gesonnen; nicht nur die Großgrundbesitzer, auch die gesamte Partei der „Narodower Demokratie" (Volksdemokratie) ist ausgesprochen russenfreundlich; die Reden der polnischen Abgeordneten in Duma und Reichsrat anläßlich der Eroberung Warschaus haben bewiesen, welche Stellung breite, einflußreiche Kreise des Polentums Deutschland gegenüber einnehmen. Hierzu kommt, daß die Polen als Slaven stets sich den Russen verwandt und verbunden gefühlt haben, in der Zeit des modernen Panslavismus mehr denn . je. Hingegen wird von den polnischen Juden, sofern ihnen nur die neue Gestaltung der Verhältnisse Freiheit und Rechte bringt, wohl keiner sich nach der russischen Gewaltherrschaft zurücksehnen; auf ihre Treue zu Deutschland wird man wie auf einen Felsen bauen können. So vereinigen sich alle Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit mit denjenigen einer klugen Realpolitik zu der Erkenntnis, daß es erste Pflicht unseres Vaterlandes ist, bei der gegenwärtigen provisorischen und vor allem, der künftigen dauernden Gestaltung der polnischen Verhältnisse für eine wirkliche Gestaltung und rechtliche Gleichstellung der polnischen Juden Sorge zu tragen. Wie dies im einzelnen geschehen muß, darüber kann jetzt noch nicht gesprochen werden; dies hängt von der Form ab, in der die Zukunft Polens geregelt werden wird. Aber diese grundsätzliche, wichtigste Forderung der unbedingten Gleichberechtigung unserer Brüder in Polen, der Berücksichtigung ihrer Sonderarten und Bedürfnisse, eines freundschaftlichen, wohlwollenden, auf den Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschlichkeit ruhenden Verhältnisses zu ihnen seitens unserer Regierung, diese prinzipielle Forderung muß schon jetzt mit aller Deutlichkeit und Energie erhoben werden. Denn nur so wird unser Vaterland in der Tat den polnischen Juden Retter und Befreier sein, nur so wird es gelingen, sie den großen historischen Interessen Deutschlands und Mitteleuropas dienstbar zu machen. Wir zweifeln denn auch nicht, daß unsere Regierung nicht zögern wird, von Anfang an diese Grundforderung zu erfüllen. Das Martyrium der russischen Juvenheit. Die Lage unserer Brüder in Rußland wird immer furchtbarer. In dem Maße, in dem unsere siegreichen Heere immer neue Gebiete des Zarenreiches besetzen, in dem die Niederlagen des Großfürsten immer vernichtender werden, greifen die Verfolgungen und Unterdrückungen der Juden um sich. Vor allen, die Ausweisungen aus ganzen Gouvernements bedeuten ein nie gekanntes Unglück für Hunderttausende russischer Juden, ein Unglück, das in seiner brutalen Grausamkeit an die finstersten Tage des mittelalterlichen Glaubenshasses erinnert. Erst jetzt, nachdem die Dumatagungen begonnen haben, erfährt man aus den Reden der Deputierten einiges Nähere über all das unsagbare Elend, das diese Ausweisungen hervorgerufen haben. Allein auch in diesen Reden wird noch nicht alles gesagt, wird das Schlimmste verschwiegen, oder wenn es gesagt wird, durch die russische Zensur nicht zur Veröffentlichung zugelassen. Erst nach dem Kriege wird man sich ein genaues Bild des Martyriums machen können, das die russische Judenheit in diesem Kriege zu erdulden hat. Ein Bericht, den die „Vossische Ztg." aus Petersburg erhält, gibt eine annähernde Vorstellung von diesen Leiden, die in unserer ganzen Geschichte in diesem Umfang beispiellos dastehen. Wir geben den Bericht ungekürzt wieder; er lautet: Petersburg (indirekt), 9. August. Mr geht die Originalabschrift der Interpellation zu, die die äußerste Dumaliuke au den Ministerpräsidenten Goremykin 'wegen der Lage der russischen Juden ^»gerichtet hat, und deren restlose Veröffentlichung in der russischen Presse von der Regierung verboten wurde. Die darin angeführten beglaubigten Daten sind geradezu entsetzlich. Bekanntlich hatte die russische Regierung die Ausweisung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus den kriegsbedrohten Landesteilen angeordnet, und die Interpellation führt an, .wie diese Ausweisungen vor sich gegangen sind. Die Räumung mußte in der Regel binnen 24 Stunden erfolgen, so daß die Ausgewiesenen fast ihr gesamtes Gut zurücklassen mußten, das dann unter der Duldung oder auch Mitwirkung der Polizei und der Militärbehörden ausgeraubt wurde. Die Ausgewiesenen wurden in Gütecwaggons gesperrt, deren Türe» plombiert wurden. Die sogenannten „Judenzüge" hielten auf manchen Durchgangsstationen mehrere Tage, ohne daß den eingesperrteu Männern, Frauen und Kindern die Erlaubnis gegeben worden wäre, die Waggons zu verlassen. Nicht einmal in die Waggons hineingereicht durfte etwas werden. Auf der Station Unetscha hielt ein derartiger Bahuzug volle zehn Tage, und als man dann die Waggons öffnete, fand