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Neue jüdische Presse · 1915-08-06 · Heft 30 (6.8.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 30 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JSraeUtisches MmilienNakt. Sorgfalt -in ihren religiösen jüdischen Aufgaben ihre Pflichtin dieser schweren Zeit zu tun. Lehrer Scher eschcwsky-Hainstadt dankte dem Redner. Sodann sprach! noch Lehrer E. Wertheimer- Hardhcim, der von jeher ein Förderer der Freien Vereinigung ist. Königsberg. Ludwig Leo. Ehrenbürger der Stadt ist rät 85. Lebensjahre verschieden. Schrnda. Max Mendel und Frau Marie geb. Braun feierten die goldene Hochzeit. Pose«. Die jüdisch e Unterkunstsstätte hat in ihrem zweiten Berichtsjahre 2236 Nachtlager verabfolgt. Wie«. Hier wurden sechs volnifche Christen aus dem galizischen Städtchen Tur ka zu 3—12 Monaten schweren Kerkers verurteilt, weil sie in ihrer Stadt zusammen mit den Kosaken jüdische Häuser geplündert haben. Prag. Regimentsarzt Privatdozent Dr. Oskar .Adler erhielt das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens am Bande des Militärverdienstkrenzes und das Eiserne Kreuz. Parts. Senator Ferdinand Drehfus, Bruder des Präsidenten der Börse Gustav D., ist gestorben. —, Dr. Herz, der Chiesrabbiner von England, besucht die jüdischen Soldaten an der Front und wurde bei dieser Gelegenheit von Marschall French empfangen. Rew-AsÄk. Dr. Philivp Klein beging den 25. Jahrestag seiner Wirksmnkeit als Rabbiner der hiesigen ungarisch«: Gemeinde „Anheim Zedck." Dr. K. stammt aus .Ungarn. Bon 1880—1890 war er Rabbiner in Liban (Rußland). Lomler & Laitschl Tel. Hansa 3148. Frankfurt a.Ä, Liebfrauenberg38. ■ Specialhans für Unterkleider und Strümpfe. ■ Niederlage echter Dr. Lehmann-Wäsche. | Frankfurter Berichte. Personalien. Mitten aus rüstigem Schassen, aus der Fülle der Kraft ist Frau 'Siegfried Salomo:: dahingerafst worden. Frohes Lebensbehagen war's, das .sic überall verbreitete, wo sie auch weilte: in ihrmn Heim, das sic in tiefster Eintracht mit ihrem Gatten 'jüdisch weihte und adelte, bei ihren Gästen, denn: sie sicht jin hurtiger Beweglichkeit widmete, in den finsteren Stätten der Armut) die sie ganz heimlich, ganz bedächtig, ganz reich und ganz herzvoll erhellte. Sie verstand das A und O jüdischer Lebenskunst: sie wußte zu herrschen und zu dienen, zu herrschen, wo es :wttat, fest aufzutreten und einem von Kindheit an sorgsam gepflegten Willen Geltung zu verschaffen, zu dienen, wo der überragendere Herrscherwillc Gottes sein Wort sprach. M. Sp. - L ö b Nu ß b a u m und Frau Rosa geb. Adler, Zeil 43, feierten die goldene Hochzeit. I« Kriegsgefimgeuschuft. FMküm. N Bon H. A. Chajin: Wramowitsch teilte das Schicksal seiner Kameraden im Lager der Internierten. Vielleicht das erste Mal in seinem Leben kam er auch als Person in Rechnung. Zuhause, in Kiew, hatte seine Existenz als Angestellter einer Sackleihanstalt mittlerer Größe keine allzu große Bedeutung im sozial«: Zusammenleben der Gesellschaft gefunden. Er wunderte sich auch nicht wenig darüber, daß ihm die hohe Ehre zuteil wurde, seines Kaisers Rock tragen zu dürfem Die ganze Geschichte in ihrer schauerhasten Größe kam ihm traumhaft vor. Wie ein Moiidsüchtiger machte er, ohne jedes innere Bewußtsein, alle Bewegungen der Armee mit. Er schaufelte, marschierte, hungerte, knallle ab, lief vorwärts, rückwärts, taunlelte her und hin, bis er durch einen dumpfen Schlag auf den Bauch zusan:»:enbrach und als Verwundeter regungslos liegen blieb. Weshalb eigentlich? Warum? Als er aus der betäubenden Ohnmacht erwachte, lag er im Gefangenenlazarctt, wo ihm die Wunde verbunden und — nach dem Genuß eines stärkenden Trunkes — sein Transport durch die Bahn vorbereitet wurde. Das tosende Rasseln des raschrollenden Eisenbahnzuges legte sich lähmend auf seine - matten Glieder. Er lag wie ein Stück Holz, gedanken- und wunschlos auf seinem Lager hingestreckt. Nach Tagen wurde es «Mich stiller. Ein Hasten und Laufen fremder Menschen in einer stenrden Welt brachte ihn zur Besinnung. Er wurde behutsam abgehoben und — wie er von den Mitgefangenen Offizieren crstrhr '—dem Internierungslager abgeliefert. Er war froh, daß es so gekommen war. Seine armen Ellern, Gott habe sie-selig, erzählten ihm manch Schönes vom Ungarland. Chajim erinnerte sich stets mit stiller Wehmut seiner guten, arinen Eltern. Und, wem: er sic in Gedanken vor sich stehei: sah, zog ein wimnterndes Weinen durch seine Seele. Auch sic — es ist noch gar nicht so lange her — sind in einer Schlacht umgckonunen. Damals als man seine Brüder, durch das Volk, aber nur so halboffizicll, abmordetc oder besser, vertilgen ließ. . . . Er war noch klein, aber schon reif genug, um sich genau des Erlebten erinnern zu können. Es kam«: zuerst zivei Männer mit Fahnen, die das Bild des Zaren und des geheiligten Gcorgius zeigtet:; sie ließet: die junggeborene 'Konstitution hochlcben. Diesen folgten zwei andere Gesellen mit den gleichen Standarten, die aber schon die Konstitution verdammten. Dann sammelten sich die Nachbarn. Der Schmied, ein berüchtigter Schneider, der Pferdentetzger und dazu aus den dunkelsten Spelunken finstere Gestaltet: mit blauroten Nasen utrd grinsenden Blicken; Messer, Hanuner, Keule, Schere und scharfgeschliffenc Eisenstücke blitzten in ihr«: Fäusten. Ein wildheiseres Schreien, Heulen, Brüllen und Johlen durchschnitt die Luft. Jn wenigen Minuten )yar sein Vater tot. Seine Mutter und die kleine Rachtshu — ltric der Gedanke an diese das Herz zerfleischt — ein bläßliches Geschöpf voi: rciiter Unschuld, folgten nach. Die Photographie trug er in: Tornister mit. Sie waren beide schon abgeblaßt, kaum n:ehr zu erkciuieil. Chajim hat jede menschliche Forn: voi: der härtet: Pappe abgeküßt. . . . Wird er ihnen noch begegnen? Daß ihm der gleiche Weg bcvorstchc, davon war er heilig überzeugt. Man werde ihn — das hat man dem beschränkten, aber nicht dumnicn Jungen so cingercdet — mit den übrigen Gefangen«: zusammen töten. Jn der Kaserne und hinter der Front redeten sie imincr und intiner Ivieder nur von den: Martertod der Gefangenen. Und er war auch überzeugt, daß sein letzter Tag bald da seit: werde. Nun aber wollte sich diese Prognose nicht erfüll«:. Aus Vorsicht bereitete er sich alltäglich durch die Widduj Gedaulo auf den letzten Weg vor. Er wollte von diesem nicht überrascht werden. Die Tage verrannet: it:des in gleichntäßiger Beständigkeit. Er fand sich ii: diesem Zustand zurecht und hatte ihi: fast liebgcwonnen. Als kranker Gefangener wurde er mit besonderer Rücksicht behandelt. Er wurde gleich anfangs in einem umzäunten Raum gebracht, dessen Dach soeben gezitnmert wurde. Es war da zwar noch etwas kühl, doch nicht so unheimlich kalt, wie draußen im Schützeiuzraben. Der Mond sandte sein kühles Licht frei. in die Baracke hinein. Er war doch zufrieden: dem: — so dachte er — immer besser lebend auf der Erde, als mausetot unter dieser zu ruhen. Auch mit der Verpflegung tvar er zufrieden. Sie war tausendmal besser als die russische im Felde, Ivo er abwechselnd fastete und hartgefrorene Kartoffelschalen nagte. Den Mantel behielt er. Nicht wie die anderen, die ihn für einige Groschen, für Tabak, Brot oder einen Schluck Schnapps Hingaben. Er hüllte sich in ihm ein, kalkulierte und wartete. Es geschah nichts. Absolut nichts. Vor chm, in unendlichem Gewch:mel, schob, stieß aufeinander, wälzte sich fliehend übereinander in wogendem Gewinn eine unübersehbare Menschenmasse. Bei ztjmnzigtausend Menschen. Er verspürte etwas wie bange Angst vor dieser großen Menge. Wenn es kühl war unb die Leute froren, was auch manchesmal vorkam, preßte sich die Masse zusammen und glichen zitternden Animalicn, die ihr«: Herren suchen und nicht zur Türe hinaus können. Einmal trug der Wind ein besonders schreckliches Röcheln auf feinen kalten Schwingen ins Lager, Sit: Kamerad war tot. Es war ein letztes Ateinschöpfen. Ob er nur so wie eine Schabboskerze verglimmen, oder von einen: Kan:cradei: ausgelöscht, erdrosselt wurde, — wer kann dies so genau wissen? Um ein besseres Schlafplätzchcn, einen Bissen Brot, ein gefallenes Wort, wurde oft ein Stoß, ein Tritt, ein Puff verabfolgt, der geradeaus ins Jenseits beförderte. Er aber lebte ganz gesondert voi: den übrigen. Er kom:te mit der Masse trotz seiner naiv«: Herzensgütc nicht zusammenstimmen. Und doch verdroß es ihn, daß seine russischen Kameraden mit ihren serbischen Vettert: stets in Zank lebteir Führte sie doch — lote er meinte — ein Ziel in den Krieg. Eigentlich verstand er die ganze Geschichte nicht. Außer dem rätselhaften, unergründlichen Offenbaeher Druckluft-Anlage I Ottenbach L1. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfart).! Bewährteste Tapplehrelnlgang (100,000 qm jährlich)! sowie unübertroffene Battenu.BettfedernrelnI-| gang mittelst Druckluft und Wasserdampf. ^Ji Nr. 30 Willen des weißen Zaren wußte er keinen rechten Grmid für dieses gewaltige Massengemetzel. Weshalb? Warum? fragte sich Chajim mit der instinktiven Fragcgeste, die ihm im Blute steckte. Er wußte nicht ciirmal, wo er eigentlich sei. Es tat ihn, weh, daß er iricht fragen konnte, tvas das alles um ihn zu bedeuten habe. Eines Abends, als cs stark dunkelte, fühlte er i„ seiner unmittelbar«: Nähe einen formlosen Menschenklumpcn. Er kollerte von: Lager hinab. Der eben inspizierende Honvcd half diesem zurecht ui:d bedeutete ihm auf slowakisch: daß er ruhig weiter zu schlafet: habe. „Wird man uns hängen? schieß«:?", fragte Chajim. „Was zun: Teufel", war die barche Antwort. „Werden wir hier überwintern?" „Natürlich." „Ui:d, wein: ich fraget: darf und Sie, Herr Soldat, antlvortei: dürfen: was siitd das dort für blinkende Häuser, die aus den Gärten, zwischen Bäun:cn hervorlachen?" „Die gehöret: unscret: reichet: Magnaten, die pflege» hoch zu Roß ihre Regimenter, die Husarcir, die rote» Teufel, gegen dei: Feind zu führen. Soll die Not steige», dann sausen sie mit ihren Leuten wie der Wirbelwind gegen den Gegi:er, den sie zerschmettern. Sie schneide», stoßen, schinden, stechen und brechen Euch alle, wenn cs nottut, zusammen!" „Zu Befehl, Herr Soldat, das n:ag sein. Aber dort drüben gibt es noch sehr, sehr viel Russen." Der Gefangene machte, voi: den eigenen Worte» erschreckt, fast verwirrt eine bezeichnende Bewegung mit den: Finger durch die Lllst, mit der er die unübersehbare Kolossalität der Masse illustrierte, die da konuncn soll, vor der er auch eine Heidenangst verspürte. Stotternd stieß er hervor: „Ja, der Zar ist furchtbar mächtig, fast allmächtig." Der ungarische Honvcd lachte, gab den: zitternden Menschen noch ein«: angerauchte:: Zigarrcnstun:pf und schritt tveiter. Chajin: verbrachte die Nacht sehr unruhig. Tausend Gedanken tanzt«: ihm durchs Hirn. Es verfolgte ihn imincr das Gefühl, daß er doch morgei: oder übermorgen erschoss«: würde. Habe er doch, noch dazu vor einem ungarischen Krieger, den Zaren gerühmt. Er dachte dabei — wenn auch nur so ganz verstohlen, vcrängstet — daß er den Zaren nicht liebe. Warum sollte er ihn eigentlich lieben? Er war entschlossen, dies, wenn cs sein muffe, gerade heraus zu erklären. Von diesen Gedanken gemartert, wälzte er sich schlaflos herum, bis ihn der Hunger auf andere Idee» brachte. Brot gabs hier, wenn auch nicht in: Ueberfluß; aber immerhin genug, um für den, der begnügsam wirtschaftete, den Hunger zu stillet:. Für die weithalsigen Kameraden wars freilich zu wenig. Diese werden dann natürlich, wenn sie nach Hause kommen, dieses Land verleumden, das an ihren: traurigen Geschicke gar keine Schuld trägt. Chajin: aber fügte /ich ins Unabänderliche. Er gewöhnte sich ans Hungern und Ableben seiner Gesängenengenossen und trug die eigenen Entbehrungen mit Hingabe. Nur davor hatte er Angst, daß er seine Schlafstelle verlieren werde. Das geschah aber nicht so bald. Im Gegenteil. Es war dunkel und regnete stark; man legte einen neuen Katneraden zu ihn:. Dieser hatte keinen Mantel. Er gab ihn, wie er sagte, für einen tiefen Schluck Schnaps hi». Andere meinte», daß er ihn beim Laufen weit wcgschleuderte, um rascher aus der Feuerlinie ko:nn:e>: zu können. Er wandte den: Neuaitkönnnling den Rücken zu. Dieser keuchte, fluchte und fror vor allem ganz gräßlich. Jur Dunkel blitztet: seine zusammenklappernden weißet: Zähne aus seinem Munde heraus. (Schluß folgt.) J«ug-J«da. Man schloß uns tauseird Jahr ins Ghetto ein Man wollt' der Völker besten Edelstein Im Straßenstaub elend erblinden lassen. Herr dünkt sich über uns der dümmste Knecht Wohl fanden Akitleid wir, doch nirgends Recht. Jedweder dürft uns quälen, sollt uns hassen. Dentwch! zur Sonne hoben wir den Blick Und schufen uns im trauten Heim das!'.Glück Das uns heute alle unsere Feinde neiden. Zusammen schweißt' uns fest die herbe Not Und Aug' in Auge stets'den bittern Tod So -lernten wir der Dränger Laster meiden.

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