Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Frankfurter JMttlttischeS Familiendlatt. Sir. 29 Dr. Alfred Carlebach, Sohn von Julius Carlebach, Blnmenstraße 3, den bayer. Militär-Verdienst- Orden mit Schwertern. Er besitzt bereits das Eiserne Kreuz. Berlin. An den Verband der Deutschen Juden ergeht ans mehreren Gefangenenlagern die Bitte um geeignete Lektüre für jüdische Gefangene. Die Bibliothek der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Oranienburgcrstraßc 29, hat eine Zentrale zur Versorgung von Lazaretten und Gefangenenlagern mit jüdischer Lektüre eingerichtet und nimmt weitere Sendungen gern entgegen. Berit». Qberleutnanr Amtsrichier Dr. Bernhard Weiß, Ritter des Eisernen Kreuzes, erhielt den baher. Militärverdienstorden 4. Kl. m. Schw. t—■ Richard Wvlfsohn wurde zum Leutnant bcsördert. Anb. Sally Heimann, Sodn des Kaufmanns I. .Hermann, erhielt, nachdem er bereits das Eiserne Kreuz erhalten hat, nun auch das daher. Militärverdicnstkreuz 3. Kl. m. Kr. .u. Schw. Schwäb.-Vmüud. Tb e o a o r Gur m ann ist mit der württembg. Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden. Hmuburg. Hans Simon und Pauk Rorhgicßcr erhielten das Eiserne Kreuz. Stratzdurg. Eine, rnlerejlanre V er Hand-, lung fand vor dem hiesigen Kriegsgericht statt. Der-21 jährige Kaufmann Moritz Weil aus Straßburg befand sich bei Ausbruch des Krieges in Ncwyork. Da'er nicht mehr zu Schiff nach Deutschland'kommen konnte, so ließ er sich vom französischen Generalkonsul als Franzose einen Paß ausstellen, um auf dem Wege über Frankreich Deutschland zu erreichen. Hier mußte er sich als Soldat einstellen lassen. Er chatte die Absicht, bei der ersten Gelegenheit zu den Deutschen überzugehen, welches sehr gefahrvolle Unternehmen ihm auch endlich gelang. Das Kriegsgericht erkannte die edlen Motiven Wcils an und sprach ihn frei. Ktsstugeu. Siegfried Lismann. Houvtmonn im hiesigen Landsturm-Infanterie-Bataillon, Ritter des Eisernim Kreuzes, wurde zum Major befördert. Breülav. Hermann Freund. Sohn des Nervenarztes Dr. F„ Martin Knoche-Breslau und David SorskY-Kattowitz erhielten das Eiserne Kreuz und Leutnant Romberg den daher. V er die n st o r d cn mit Schwertern. — Vizewachtmeister Sternberg, Sohn des Kommerzienrats Adolf S., wurde zum Leutnant befördert. Robert Loewenthal, ein begabtes Mitglied der Breslauer Dichterschnle, Max Rohcr-Guttentag und Referendar Karl Zernik-Ratibor starben den Hcldento d lll.j Pose«. Jsmar Herrnstädt-Liffa und Ernst Simvnsohn-Posen erhielten das Eiserne Kreuz. Wie«. In dem alrwen Offiziersnand fanden folgende Beförderungen von Juden statt: Major Salomon Adler zum Oberstleutnant, Hauptmann Heinrich Friedläuder zum Major und Leutnant Maximilian Bardach Edler von Chlumberg zum Oberleutnant. — Oberst Maximilian M'ändl erhielt das Militärverdienstkrenz 3. Kl., Oberstleutnant Husserl den Eisernen Krönenvrden 3. Kl. New Bork. „The Hebrew" berichtet ans St. Louis: George W. Heller, der Besitzer Eines hiesigen Stahlwerkes, hat Anfang Juni einen unbegrenzten Auftrag der französischen R^iernng auf Schrapnells a b g e - lehnt. Die Bestellung hätte wöchentlich auf 90,000 Dollar gelautet. Heller lehnte den Auftrag aus Opposition gegen den Krieg ab. Einige Tage früher hat ein anderer amerikanischer Jude aus derselben Stadt, Theodore Phillips, eine Bestellung im Werte von 900,000 Dollars auf Maschinen zur Herstellung von Kartätschen abgelehnt. Personalien ».Kleine Mitteilungen. Berlta. Dr.Beruh. Proskauer. Geb.Regierungsrat und Professor, Direktor das Untersuchungsamts' der Stadt Berlin, ist — 64 Jahre alt — verschieden. P. war ein langjähriger Mitarbeiter Robert Kochs. Viele Neuerungen auf dem Gebiete der Hygiene sind ihm zu verdanken; so hat er erst vor kurzem .einen Destillierapparat zur Trinkwasserversorgung unserer Truppen hcrgestüllt. Berlin. Der Verein für jüd. Kranken. Pflegerinnen zählte am Schluß seines letzten Berichtsjahres 81 Schwestern und 13 Schülerinnen. — Geh. Sanitätsrat Dr. O. Roth mann, der langjährige Vorsitzende der Geschäftskommission des Vereins für innere Medizin, feiert am 3. August den 80. Geburtstag. Hamei«. Lebrer a. d. Ph. Kanstein beging seinen 70. Geburtstag. <I-.I Pose«. Der Syna«ogen.Bereln der Wohltätigen Freunde wählte Kantor I. H e l i s chk o w s k i aus Rawitsch. Würzbarg. Hier wurde jüngst ein .Verein zur Ermöglichung der rituellen Verpflegung ist. Nerven- und Geisteskranker im Regierungsbezirk Unterstanken und Aschaffenburg" gegründet. .Vorsitzender ist Disttiktsrabb. Dr. Breuer-AscHifscnburg. MonDeubMlKMn Taunusstrasse 49. 30 moderne Zimmer mit Salons. Balkons. Vorzügliche Wiener Küche. Frankfurter Berichte. „Montestore'-Vereiu. Vergangenen Samstag hatte der Verein verwundete, jüd. Soldaten aus hiesigen Lazaretten zu sich geladen.' Es waren etwa 20 Mann erschienen. Sie wurden von Herrn Singer, dem Arrangeur, aufs herzlichste begrüßt, nahmen an den kleinen freundlich gedeckten Tischen Platz, wo ihnen Konfekt, Himbeersaft und Bier verabreicht wurde. . , Der Synagogenchor stimmte unter der bewährten Leitung seines allverehrtcn Dirigenten Seckbach das „Ma tanwu" in der Komposition v. Lewandowsky an, dem die Hörer austnerksam und sichtlich ergriffen lauschten. Im Namen des Vereins begrüßte sodann in offizieller Ansprache Dr. May die erschienenen Kriegskameraden. Er wies darauf hin, wie gerade sic, die jüdische Soldaten im wahrsten Sinne des Wortes die idealen Interessen, die sein Stifter dem Verein als Programm vorgezeichnet innerhalb der jüd. Jugend durch ihr tteues, tavjeres Verhalten förderten, daß keiner mehr wie wir bewundernd und voller Dankbarkeit auf ihre Wunden wie auf Ehrenmale blickten, weil sic geholt sind im Kampfe um die Güter, um die das Judentum seit Ewigketten innerhalb .der Menschheit kämpft, im Kampfe um Wahrheit und Recht, im Kampfe gegen jenes Edomreich des Ostens und jene Reiche der materialistischen Decadence des Westens. Die jüd. Jugend wird ihnen und all den Braven, die da draußen kämpfen und bluten, dadurch danken, daß sic sich eines immer wctterstrebenden Idealismus befleißigt, einer immer größeren Verinnerlichung und Bereicherung durch die Werte, die die jüdische Lehre ihr bietet zum Wohle des Vaterlandes und der Menschheit. Nachdem der Redner geendet, folgten Solovorttäge aus Opern durch den vorzüglichen Sänger Goidisky und Dellamattonen durch den Chorknaben Gabel, der mtt' Stoltze'schcn Gedichten erheiterte. Dann nahm Herr Singer im Anschluß an einen von einem Choristen wunderschön vorgettagenen Psalm die Verteilung von Psalmbüchern (Ausg. May-Levh), die Rabb. Dr. Horovitz für diesen Zweck gestiftet hatte, vor, erwähnte bei dieser Gelegenheit die große Teilnahme, die unser Montcfiorc Verein als solcher an den Kämpfen habe, durch die verhältnismäßig sehr große Zahl unserer Mitglieder, die im: Felde stehen, teils zu hohen ehrenvollen Stellungen gekommen, vielfach mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden seien, andererseits über, leider auch schon in großer Anzahl {Bereits 21) den Ehrentod auf dem Felde gefunden. Er bat die Anwesenden, zur Ehrung dieser Braven sich zu erheben und dankte, als es geschehen. Wieder folgten Borttäge, Einzelgesänge, an denen sich besonders die zahlreich anwesenden jungen Damen, vor allem Frl. Therese Japhet und Else Levy, beteiligten. Bald aber stimmten alle in gehobenster Stimmung die bekannten Patrwtischen Lieder an, von denen alle, vor allem unsere Feldgrauen, sich begeistert fortreißen ließen. Eins folgte nun aufs andere. Erst gegen sieben Uhr beschloß der wundervoll schön vom Synagogenchor vorgetragene Psalm 24 die schöne Feier. Unteroffizier Heiden selb dankte ttn Namen seiner Kameraden dem Vorstand.des Vereins und allen Mtwirkenden, besonders noch Herrn Dr. May für alles Schöne, was ihnen geboten worden. Gerne würden sie der an sie ergangene Aufforderung, bald wieder gemütlich da zu sein, Folge leisten. Es soll nicht vergessen werden zu bemerken, daß auch unser steter anhänglicher Freund Prof. Hülsen zu unserer Keinen Feier sich einstellte und eine lleine Ansprache an die Versammelten hielt. Personalien. Karl Feist, Prokurist des Verlags I. Kauffmann, ist einer schweren Krankheit, die er sich auf dem Kampfplätze des Ostens zugezogen hatte, erlegen. Diese Nachricht wird in weiteren Kreisen lebhaftes Mitgefühl erwecken. Glicht unr deshalb, weil ein Mensch von vornehmer Gesinnung und Herzensgute in der Blüte seiner Jahre abberufen wurde, sondern auch, weil die jüdische Oeffcntlichkeit einen jener jugendlichen Kräfte verloren hat, deren lebendiges jüdisches Jutereffe für sie zu wirken besttcbt ist. So war cs Karl Feist seit dem Tode seines Vaters eine Erbschaft, an dessen jStelle an den hohen Feiertagen in der Büdesheimer Synagoge der Sprecher der Gemeinde vor Gott zu sein, und so war er seit Jahren ein tätiges Vorstandsmitglied 'im Montcfiore-Bcrein. Jsaac Mainz begeht dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Wenn er sich auch aller Acnßerungen der Liebe/ die er in weitesten Kreisen 'genießt, durch die Flucht aus „seinem" Frankfurt zu eittziehen suchte, — so muß er es.'doch über sich Ergehen lassen, daß die Bertteterin der jüdischen Oeffcntlichkeit dieses Tages gedenkt. Denn Jsaac Mainz ist ein Jude, auf den das Judentum stolz sein darf. Ihn krönt nicht nur, die Krone jüdischer Gelehrsamkeit (Keser schel taurvh), sondern er ist auch in seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ein Jude alten Schrwtes. Seine Frömmigkeit ist echt und tief, seine Menschenliebe, sein Gerechtigkeitssinn und seine Wohltättgkeü sind mustergültig. Möge er den Tag seines Geburtstages' in dem Bewußtsein begehen, sein ganzes Leben als echter Jude gewirkt zu haben,. möge er uns noch viele Jahre als leuchtendes Beispiel erhalten bleiben. N\e«w>NVVc\ gegr. 1730 Nö. S^Deutsohe’Nationml-MisobtmgM-S.—. Teespitz.H.8.50. No. 3. Wedda Assam-Peokoe-Hlscb.H. 8.20. No. 80. TeegroaaM.1.80. Kakao Soma Mk. 2.40, 3 — „Der erste Brief.. Bon Josef Löwy, München. Aus dem jiddischen Manuskript von Dr. Max Mayer. (Schluß).. VI. Schloimeh stand unter einem galizischen Städtchen. Er kämpfte sehr tapfer in der ersten Feucrlinie, denn der Gedanke, der schließlich in ihm geboren wurde, gab seiner Seele Kraft und Mut. Man konnte zlvar nicht genau wissen, wie dieser Gedanke sich bei ihm entwickelte: möglich, daß das Bewußtsein, er habe so wie so nichts zu verlieren und müsse ein für alle Mal zum Sterben gehen, in ihm diese Idee erzeugt hatte, um sich an etwas anlehnen, auf etwas stützen zu können. Die Stütze und seine Idee aber -war: Für den lieben alten und ehrwürdigen Kaiser, der uns Juden schon aus so viel bösen Händen befreit hat, muß man mit ganzem Herzen und ganzer Seele kämpfen . . . Ja, es ist eine große Pflicht, für ein solches Reich in den Krieg zu ziehen - . Und möglich, daß das Gefühl von Liebe, welches unbewußt und instinktiv in vielen Juden zum österreichischen Kaiser lebt, bei ihm schon lange vorstanden war und erst jetzt richtig aufflackertc ... Der ständige Todcsschreck und Kanonendonner hatte ihn so übermannt, daß er beinahe gänzlich. auf Weib und Kind vergaß. Erst heute, als es bei ihnen in den Deckungen ein wenig ruhiger gclvorden war, erinnerte er sich ihrer und begann ein Briefchen heim zu schreiben. Denn während der ganzen Zeit, die er auf dem Schlachtfelde zugebracht hatte, war er so verwirrt vom fortwährenden Kampf, daß er einfach an nichts anderes dachte als an sein Gewehr. Und er schrieb den Brief auf seinem großen Machser, das er von seinem Vater geerbt hatte; ohne Machser tat er keinen Schritt. Er hielt es' für einen heiligen Schutz ... Nachdem der Brief zu Ende geschrieben war, suchte er sich einen abgesonderten Platz aus, wo ihn keiner sehen und hören, konnte und nahm das Machser zur Hand. Er schlug den Jom-Kippnr-Piut auf und hob mit großer Ehrfurcht und Heiligkeit an, ans ihm zu beten: „Mi bekizzo umi lo bekizzo. . . mi bacherew umi boroow" . . .*) Seine schmerzliche Stimme mischte sich mit seinen Tränen und reichte bis an den göttlichen Thron. Allmählich, allmählich brach die Nacht herein. Da und dort vereinigte sich die untergehende Sonne init einem roten, Angstvollen Mutfleck,;unb da und dort flog ein Schwarm schwarzer Raben raubsuchend mit einem ekeligen Kra-kra--Geschrei vorüber. Dunkel wurde cs uns dem Schlachtfeld, alles Ml und finster, wie in einem Meer von Tinte ertrunken. Nach einer Weile segelte ein frommer, verträumter Mond am Himmel und schaute mit einem trüben Blick, der schm Weltenleid und -freude gesehen hat, auf das Schlachtfeld. Plötzlich hörte man einen schrecklichen Lärm: '„Kinder auf! Kinder auf! Stürmt gegen den Feind! Unsere Husaren sind vorgerückt" ... Wie ein Wilder sprang er auf, ließ sein Machser liegen, packte sein Gewehr und lief mit seinen Kameraden gegen den Feind . . . Sein Herz klopfte, sein Auge war noch tränenfeucht, aber seine Hand war kühn und stark, und wie ein gereizter Tiger stürzte er als erster mit einem grausam-unmenschlichem Geheul hinein. Im Laufe durchlöcherte eine Kugel seine Brust, und er sank zur Erde, ohne zu einem „Schma Jsroel" Zeit gehabt zu haben . . . Bald hörte man mächtige Siegesrufe: Hurrah! Hurrah! Hurrah! . . . Seine Kameraden waren sott mit Schuß und Sttch, mit Fahne und Lied, und er blieb allein auf dem Felde. . . . Und ihre Stimmen wurden nicht stille, sic schwebten weiter, Mrmten zum Himmel und vermischten sich mit Blut und Rauch. . - Der Mond schwamm kalt und unberührt am tiefen Himmel, weit, weit entfernt von den Menschen und ihrem menschlichen Haß. Mit gelbem Schein bettachtete er das tote Gesicht des elenden Soldaten . . . Später, als die Schlacht zu Ende >var, wandte sich einer seiner Kriegskameraden zu den übrigen: „Habt Ihr den mageren Juden bemerkt, habt Ihr gesehen, wie begeistert er gestritten hat? Ich weiß nicht, woher er diese Tapferkeit genommen hat . . . Man sagt doch, daß *) „(Am Rosch-haschonoh wird es eingeschrieben und am Jom-Kippur besiegelt) wer sein Ziel erreicht und wer vorzeittg dahin geht . . . wer durchs Schwert und wer durch Hungersnot" ...