Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 29. Juden sehr furchtsam seien und Angst vor dem Gewehr haben . . . Ich weiß nicht, mag es sein, wie es will, aber so kühn und unerschrocken wie diesen, habe ich noch niemand in meinem Leben kämpfen sehen. . ." VII. Die 'Nacht lag müde über den weißgekittcltcn Feldern, und grau und Jrüb Klickte her Himmel aus sie Herab. Wüst wie ein verlassenes Nest sah Rocheles Stübchen aus, und Todesschwcigen herrschte darin. Dowidl lag in Vaters Bett, seine Bäckchen brannten wie zwei Flammen, sein Kopf glühte schrecklich vor Hitze, und ständig zitterte sein Körperchen in schwerem Fieber auf, und mit schwachem Murmeln rief er jedesmal aus: „Tatischy, - Tatischy! . . ." Röchele legte ihm kalte Tücher um den Kopf, und mit Tränen in den Augen bat sie ihn: „Söhnchen, Söhnchen, sei Ml! Morgen früh kommt der Tatischy und bringt Dir ein neues Chumesch mit goldenem Einband, ein grün-samtenes Tefillin-Säckchen, auf das Dein Name mit silbernen Buchstaben eingestickt ist." Aber wenig wirkten die Trostworte der elenden Mutter aus ihr krankes Kind. Die Hitze, das Fieber wurde immer größer und stärker. Die außergewöhnliche Liebe zu seinem Vater uird die'Sehnsucht nach ihm, das ewige Klagen seiner Mutter mit ihrem tiefen Seufzen: „Noch kein einziges Briefchen bekommen!" . . . fraßen sich in sein Herz und nagten an ihm wie eine böse, giftige Schlange . . . „Mame, Mame!" stieß er plötzlich auffallend wild aus, „siehst Du, siehst Du, der Tatischy ist doch da! . . ." Rocheles Blut erstarrte, und die Haare standen ihr zu Berge ... „Söhnchen, Söhnchen!" nahm sic ihn bei den Händen, denn er gebärdete sich schrecklich, „sei dockruhig, sei ruhig, Du reißt mir das Herz aus denr Leib!" ... „Nein — nein, laß mich, Mame", riß er sich aus ihren Händen los und seine Stimme zitterte, „Du siehst gar nicht, Mamischy? . . . Der Tate ist doch gekommen und hat mir ein goldenes Chumesch mitgebracht, ein Arboh-Kanfes mit seidenen Zizzis, ein Tcfillinsäckchcn. O, wie schön! .! . Und ein Messerchen, ein rotes, rotes Messerchen ... Weh! wirf es hinaus, das Messer, ein schwarzer Mann hat es mir entrissen und will mich mit dem Taten abschlachten, erschlagen! . . . Mame. Mame, laß ihn nicht, laß ihn nicht! . . . Sieh nur, sieh nur, wie er hinMrzt und sich auf der Erde im Blut wälzt, wie er röchelt, wie seine Augen zucken! Du laßt ihn, Dy laßt ihn!? . . . Nein, ich will das nicht! . . . Mame, Mamischy, schütz mich vor ihm oder gib mir geschwind das weiße Moschiach-Pferdchen, ich will fliehen, entlaufen, weit — weit weg von ihm, dorthin, tief ins Meer hinein. ... O, o! .... Der schwarze Mann mit dem Messer jagt mir nach, er reißt mir den Tallis-Koton herunter und sticht mich ins Herz und sticht mich ins Herz. — O, der schwarze Mann mit den feurigen Flügeln." . . . „Mein teueres Söhnchen, Dowidl, meine Kronewas redest Du, was redest Du so sonderbar heute! Es ist doch niemand da. ... Sei Ml, sei still, mein einziges Kaddisch-Lcben! . . . Morgen ganz frühe, wenn nur die Sonne am Himmel aufgegangen ist und die Böglein sich auf den Bäumen zeigen, wird der Tatischy zu Dir kommen, sei ruhig, sei ruhig mein einzig Kind!" Und Röchele eilte selbst ganz erschrocken zum Bücherschrank, nahm von dort die Bücher heraus und legte sie auf sein Bett als Heilmittel. Und sofort besann sie sich, riß die Mesuse von der Türe, legte sie auf sein Herz, nahm seinen Tallis-Koton und wickelte seinen Körper damit ein, und gleich darauf zündete sie die Lampe mit den Schabbeslichtern an, hängte des Vaters Kittel an die Türe und schrie schmerzlich auf: „Herr der Welt! Du bist ein gerechter Richter! Erbarm Dich des armen Geschöpfes!" ... Ein wenig später schwieg er und grub sich tiefer in sein Bett. Wer bald zitterte er in wilder Erregung auf, schlug die Decke zurück, schleuderte sie zur Erde und schrie vor Fieberglut: „Siehst Du Mamischy?! ... So viele rote Vöglein fliegen am Himmel, so viele silberne Fischlein schwimmen im Wasser. Halt mich nicht, halt mich nicht! . . . Laß mich zu ihnen ... Zum Taten will ich' gehen, zum Taten will ich! — Er will nicht zu mir kommen, nein — nein, er will nicht mehr zu mir kommen ... Der schwarze Mann hält ihn fest, er hält ihn und zündet Lichter an. . . O, o, Hab ich Furcht vor den Flämmchen! Sie flackern und brennen so stark, so stark! . . . O, o, sie brühen mich, sie. brühen mich, und Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. alles, alles verbrennen sie! ... Lösch sie aus, lösch sie aus, die Lichter, w—ei—l . . . Ma—me! i—ch w—i—ll schla—f—cn! . . . Die Li—ch—ter, die Fi—sch—lein, o — — o — — Mamme! ... Am nächsten Morgen, sobald sich nur rote Flecken anr Himmel zeigten, hörte man Klopfen an der Türe. Röchele erhielt den ersten Brief von ihrem Mann. . . Sie öffnete ihn fiebernd und hob mit gebrochener Stimme zu lesen an: „Verzeih mir, mein teures Röchele, daß ich bis ejtzt nicht geschrieben habe. Ich bin nicht schuld daran, so wahr Gott lebt, der weiß, daß ich unrklich nichts dafiir kann. . . . Geh hin zu meines Vaters Grabstein und reiß ihn aus und bete dort um Erbarmen für mich. Und Dowidl, unser teueres, unser einziges Söhnchen sollst Du vielmals für mich grüßen und küssen. Bald werden wir, so Gott will, uns Wiedersehen." ... „Dowidl, Dowidl, ein Brief von Deinem Taten ist gekommen, er läßt Dich grüßen und küssen! . . . Was, Du schläfst gar? Dowidl, mache Deine Aeuglein auf, gib mir Dein Mündchen, daß ich Dich küsse. . . . Weh mir, ach weh mir. Du willst nicht aufstehcn? . . . Steh auf, steh auf, mein Kind — — — Du bist tot! Du bist tot! Herr der Welt!" . . . Ein Strom von Tränen brach aus ihren Augen los, und sie siel über das Kind: „Da, ja, ich will Dir folgen, mein teurer Mami! Du hast ihn grüßen und küssen geheißen. . . . Dowidl, Dowidl! Einen Gruß an Dich von dem Taten, gib mir Deine Lippen, so so!" . . . Und mit gewaltigem Schmerz küßt sie das tote Kind. Als die Sonne schon deutlicher am klaren, winterlichen Himmel erschien, hatten sich die beiden reinen Seelen, die Seele Dotvidls mit der seines Vaters zusammengefunden und dort weit — weit am tiefen Himmel vereint. V» 1Fi*o m a« Erlanger Macht. Hj U. AraiUier laiserhofstr.M.B Waschen, FSnben und Faponnferanl allen Art Hennen* und DantenbOtem - Abholung und Lieferuug frei ins Haus. — — Aus Felvdrieseu. Im Schützengraben, 21. Juli 1915. Sehr geehrte Redaktion! Erew Tischobeaw. — Die Posten werden eingeteilt. Ich selbst werde mit noch zwei Kameraden als Patrouille bestimmt. Um 10 Uhr etwa verlassen wir den Graben und überklettern den Drahtverhau. So leichten Herzens wie in dieser Nacht bin ich noch nie auf Patrouille gegangen, denn ich soll am Tischobeaw den ersten Feldgottesdienst in den vier Monaten, die ich hier draußen bin, mitmachen. Um 1 Uhr kommen wir, nachdem wir unseren Auftrag erledigt haben, in den Graben zurück, erstatten dem Zugführer unsere Meldung und legen uns dann in unseren Unterstand zur Ruhe. Wer schon um 4 Uhr weckt mich ein Kamerad, denn wir haben einen Weg von 4 Stunden bis zum Truppcinlager S., wo der Gottesdienst stattfindet, zurückznlegen. Wir sind etwas über Minjan unter Führung, eines jüdischen Unteroffiziers. Kurz hinter unserer Stellung finden wir aber einen Leiterwagen, und die. immer gefällige Artillerie nimmt uns mit. Der Infanterist sagt sich immer: „Lieber schlecht gefahren, als gut gelaufen." Im Truppenlager S. ist die Kapelle ausgeräumt, sie dient sozusagen als Schulchan. Beinahe 120 Soldaten unserer Division haben sich eingefunden. In allen Ecken finden sich Freunde, Verwandte, und Bekannte, denn die 'Angehörigen unserer Division stammen fast alle aus Hessen und Hessen-Nassau. Man muß unwillkürlich denken: ,Kol Jisroel arewim." Punkt 10 Uhr beginnt der Gottesdienst. Als Geistlicher fungiert Hilfsprediger .Hirsch aus Coburg. Er beginnt damit, Schacharis zu beten. Bei diesem Anlaß siet mir, genau wie schon am Pessach, auf, daß ein großer Mangel an Tefillaus Herrscht. Hier ist noch Kn Feld, wo jüdische Liebestätigkeit einsetzen könnte. Die universellen Feldgottesbücher sind fast unbekannt und können sich nicht einbürgern. Dagegen war ich erfreut, daß zahlreiche Kameraden das Tehitlim-Büchlein von Dr. May und I. B. Levy besitzen. Es hat hier draußen sehr viel Freunde gefunden, und den Herausgebern gebührt doppelter Dank. Nach Vollendung des Sch-acharisgebetes sagt der Prediger einige Kinaus und läßt dann eine Ansprache über die Bedeutung des Tages folgen. Am Nachmittag trennt sich die Gemeinde. Teils geht es in die Ruhequartiere, teils in die Schützengräben. Uns allen, die wir daran teilgenommen, wird dieser Tischobeaw im Felde unvergeßlich bleiben. Besonderer Dank gebührt Herrn Prediger Hirsch, der es selbst fertig brachte, daß wir aus dem Schützengraben zu dem Gottesdienst entsandt. wurden. Hugo Weingarten. I OfFenbaeher Dnteklnft-Anlag^l ■ Offanbaoh a» M. Telefon 123. (Anschlnaa mitFrankfart).l I Bewährteste TapptchralnlflanB (100,000. qm jährlich« ■sowie unflbertroflene Battenu. Battfadarnralnl-1 Lm BUBfl mittelst Druckluft und Wasserdampf. Sem 5 ftmtft rmd LttenttNr. Jüdisches Archiv. Mitteilungen des Komitees »jüdisches Kriegsarchiv." Nr. 1 40 Seiten. 60 Heller oder 50 Pfg. Wien, R. Löwit. Wenn es der Zweck der Mitteilungen sein soll, weiteren Kreisen einen Begriff davon zu geben, wie wertvoll das Material ist, das im Jüdischen Kriegsarchiv gesammelt wird, so ist dieser Zweck in der vorliegenden ersten Nummer erreicht. Schon die übersichtlich geführten Listen jüdischer Ausgezeichneter sind als dankenswert anzusehen. Daß in einer Anzahl von Fällen dje Gründe der Auszeichnung in kurzer und präziser Fassung hinzugefügt sind, wirkt besonders illustrativ. Vorzugsweise Aufmerksamkeit verdienen aber die Beispiele russischer Barbarei und Henkerei, oie die „Mitteilungen" fast durchaus nach orginalen Berichte» zu bringen wissen. Einige davon, wie ,chie Untar von Swssow (i.: Russisch-Polen- und das Schicksal ejner bukoriaischen Julensämilie. von dem der Postvermerl auf dem letzten rerzneijelten Briefe des Familienvaters Kunve gibt, sowie der Tod des greisen Talnrudisten in Szerzcc gc yören wohl zu den furchtbarsten der Art. Dabei scheinen alle die,e Fakten nichr aufs Geratewohl aus der' Fülle der russischen Missetaten herausgegrisfen zu sein, sonoern sind wohl äusgewählt, um einerseits die furchtbarste Begleiterscheinung der Greuel, die namenlose Verlassenheit der ihren Peinigern ausgelieferten Opfer, hervortretenandererseits den Leser auch die Beweggründe, Grundgedanken und gewisse interessante Hilfsquellen des russischen Greuelsystems zumindest ahnen zu lassen. Namentlich geht aus ihnen ganz deutlich hervor, daß sich Rußland nicht ohne Grund an die Juden als Hauptsündenböcke hält, sondern daß es in de» eigenen heimischen Juden diejenigen treffen will, die naturgemäß seiner Regierungsweife am konsequentesten widerstreben und in den galizisch-bukowinischen Juden die jedenfalls erreichbarsten unter den Trägern eines unbedingten Oesterreichertums. Das Heft, das auch einige patriotische Kundgebungen jüdischer autoritativer Stellen enthält und mit Geschmack ausgestattet ist, stellt sicherlich einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte dar, den jeder, der sich für diese ernstlich interessiert, zur Kenntnis nehmen sollte. Es ist im Berlage R. Löwit, I. Rotentummstraße 22 erhältlich. Bei dem Berlage R. Löwit, Wien I, Rotenturmstraße 22, ist als erster Band der jüdischen Liebhaberbibliothek Perez ,/Die Rächt auf dem alten Markt." Deutsch vou Hugo Zuckermanu in einer nummerierten Auflage von 300 .Exemplaren erschienen. Demnächst erscheint im gleichen Verlag Her J ü d. National-Kalender für 5676, herausgegeben vou Dr. Otto Abeles und Ludwig Batv. Grundsätze der jüdischen Lebeusauschauuug in populärer Form, behandelt von Rabb. Dr. Ansbacher, Heilbronn. 1 M. Frankfurt am Main. „51. I. Hostnann. Der Antor gibt kurz und seicht wertvolle Gedanken aus dem Born der jüdischen Religion. Zwei vaterländische Reden von Rabb. Dr. I. Zlocisti-Pr. Stargard. Berlin, M. Poppelauer. Die erste Rede vergleicht den gegenwärtigen Kampf Deutschlands gegen seine Feinde mit dem Kampfe Israels gegen Amalek. Die zweite Rede hat Ruths Worte zu ihrer Schwiegermutter Noomi: „Dein Volk ist mein Volk"' zur Grundlage; wie Ruth der Noomj, so bleibe „die Tochter Zions der Mutter.Germania treu bis in den Tod und will, wo sie stirbt, begraben sein." Kaiser Friedrich Quelle —— OTTenbach a. M» —— Gegea Gicht ud Bheuuttamu tnrikck Alleiniger General -Vertreter: Frladrloh Stobt» FnukkiJL) Güntherabv-Allee 37. Tel.TTaraa859n.714» Woches-Ssle»der. (Zeitangaben nach dem Lvacb.) SamStag, den 31. Just l— 20 A.w.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 llhr 35 Mn. Sabbat-AuSgang in Frarckfurt a. M. 9 Uhr 05 Min. kn Berlin 8 Ubr 53 Min. Wochenabschnitt: Ekew. — Gottes Segen für die Treue gegen Gottes Gesetz. Gottes Schutz in der Wüste. Wiederholung" der Geschichte des goldenen Kalbes. Die Auserwählung Israels. Das fünfte Buch Moses, das wir jetzt vorlesen, wird „Mischueh Thora", Wiederholung des Gesetzes, genannt. Das ist jedoch nicht wörllich zu Pehmen. Wohl hatte Moses vor seinem Tode noch einmal das ganze! Mesetz seinem Bolle vorgetragen, im fünften Buch sind jedoch'— neben Moses besonders am Herzen liegenden ^Mahnungen — nur die gesetzlichen Verordnungen verzeichne^ die bei dem Uebergang aus der Wüste -'in das Land der dauernden Niederlassung besonders hervorgehoben werden.mußten, da sie erst jetzt ihre praktische Bedeutung fanden. Daher kommt es auch, daß der größte Teil dieser Verordnungen in den vorhergehenden Büchern überhaupt noch nicht erwähnt ist. Wochengottesdienst in Frankfurt a. M. Morgens: 6 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindau 6ys Ahr, Hanptfynagoge 7 llhr, Königsteinerftr. 7V» Uhr). Abends: 7 llhr (Montag abend 9 Uhr 20 Min.; Dienstag abend 7% Uhr).