Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Seitdem sprechen wir von einer „Wschüttclung", einer „Üeberwindung", in neuerer Zeit sogar von einer „Verneinung" oder „Bejahung" des Golus. Das Charakteristische an diesen Ausdrücken ist, daß dabei uns jüdischen Menschen selbst eine aktive Betätigung zuerkannt wird. Unsere Vorväter hatten die Ansicht, daß „das Ende nicht gedrängt, das heißt nicht Mnstlich durch Menschenhände herbeigeführt werden darf. Trotzdem wir schon in mittelalterlichen Litcraturwerken Andeutungen über die Rolle finden, die uns Menschen bei dem Erlösungswerke Lufällt (z. B. Midrasch .Echo rabbosi: „Die Gemeinde Israel spricht vor Gott: Herr der Welt! Deine Sache ist es, daß Dü uns zurückführst. Nein, sprach Gott zu ihnen, eure Sache ists, den Anfang zu machen"), so ist es doch erst die große Errungenschaft unserer Zett, den Schwerpunkt dieser Erlösung in unser Selbst zu verlegen. Diese nwdernen Golustheorien sind zugleich ein Querschnitt durch die Sttüktur der gegenwärtigen jüdischen Renaissanccbestrebungen. Den geistigen Erben des Mendelssohnschen Humanitütsideals und der Gabriel Rießerschen Beschränkung des Judenproblems auf die Seitenfrage ber bürgerlichen Gleichberechtigung siel es verhältnismäßig leicht, sich dem jüdischen Zentralproblem des Golus auf eine elegante Weise zu entziehen, indem sie die individuell-dramatische Eigenerlösung des Judenvolkes in eine generell-dogmatische 'Erlösung der Menschheit durch die Juden ausweiteten. Das gesetzestreue Judentum beharrte zu seinem größten Teile bei jener alten Passivitätslehre, nach der das Ende nicht gedrängt werden dürfe. So blieb der Ausbau der modernen Golustheorien ganz von selbst das Moiropol derjenigen Wischen Strömungen, die in sich den Mut und die Pflicht fanden, das jüdische Problem in der Wurzel und int Verttauen auf die eigene Kraft zu lösen. Der erste bewegungsmäßige Ausdruck der modernen Goluskritik war der Exodus jener idealistischen jüdischen Studenten, die vor 33 Jahren unter dem Gndruck russischer Judenpogrome mit dem Kampfruf: „Bes jaakow lechü wenelcho!" ihre Zelte im Osten Europas abbrachen, um durch den selbstherrlichen Akt der absoluten Golusverneinung mit ihrem alten menschenunwürdigen Dasein eine kurze, aber gründliche Abrechnung zu halten. Für sie war der Golus kein weitverzweigtes System verschieden abgestufter jüdischer Lebensformen, keine nur durch Zeit und Umstände verunstaltete Ruine, der man durch Verbesserungen ein einigermaßen menschliches Aussehen geben konnte, sondern ein von Grund auf verfehltes, jeder Vermenschlichung unzugängliches Gebäude, ein unentwirrbarer Komplex sclbstzerstörerischer Tendenzen, ein Leben, an dem weiterzubauen nicht nur eine unnütze Kraftverschwendung, sondern geradezu ein sittlich miiWerwerttges Unternehmen ist. Diese blluistische Ausrottung mit Stumpf und Stiel, diese radiülle Absage an jede Wische Golusbemühung zittert noch in unserer heuttgen zionistischen Welt nach. Die unruhige Stunde, in welcher die zionistische Bewegung noch nicht in erster Linie eine Mobilmachung der Seele, sondern im!, wörtlichen Sinne ein Aufbruch an allen Toren bedeutete, war einer sachlichen, überlegten Golusanalyse ungünstig. Und diese auf der Höhe prophetischer Geradsinnigfeit stehende Golusverneinung der ersten zionistischen Fieberglut fand ihren Nachhall bis in unsere Tage. Zwar besitzt unsere heutige zionistische Golusverncinung nicht mehr jene dringliche Unmittelbarkeit der biluistifchen Periode, nicht mehr den ekstatischen Glanz des heute oder morgen bevorstehenden allgemeinen Aufbruchs, aber ihrer hat sich inzwischen die jüdische Wissenschaft bemächtigt und ein ansehnliches Gebäude auf ihrem Grund errichtet. Und noch mehr: die Golusverneinung hat dem Wischen Denken upd.Fühlen ein neues künstlerisches Gewand verliehen: die Hinlenkung der Sinne auf die Kunstform des Kontrastes. Denn mit der Verneinung des Golus Hand in Hand ging die Bejahung des Nicht-Golus: Palästinas. Und so blühte zum ersten Male wieder das große Symbolpaar des Lichts und der Finsternis zu einem neuen, nicht mehr bloß ttaditionellen Erleben auf. (Schluß folgt). Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Brief aus Amerika. Die „Bereinigten jüdischen Gewerkschaften", der „Jüdischnationale Arbeiterverband", die „Jüd. sozialistische Partei Poale-Zion", die „Jüdische sozialistische Foederation" und der „Arbeiter-Ring" mit zusammen mehr als 300,000 organisierten jüdischen Arbeitern haben eine gemeinsame Erklärung gegen die Greueltaten Rußlands den Juden gegenüber erlassen. Die Erklärung gelangte in sämtlichen großen Tageszeitungen zum Abdruck. Dieses Vorgehen der jüdischen Arbeiter-Organisationen ist auch deshalb von Bedeutung, weil die sich in Amerika aufhaltenden russischen Preßagenten die Berichte über die Leiden der russischen Judenheit als „Verleumdungen" ableugnen und sich die größte Mühe geben, die öffentliche Meinung Amerikas zu Gunsten Rußlands zu bearbeiten. Es ist auffallend, daß angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruches der sechs Millionen Juden des europäischen Ostens diesmal in Amerika weniger gesanimelt worden.ist als für die Pogromopfer der Revolutionsjahre. Diese Erscheinung dürfte wohl ihre Erklärung in der unermeßlichen Größe des Unglücks finden, der gegenüber sich alle Wohltätigkeit als einen Tropfen auf einen heißen Stein fühlt. Man — das heißt die jüdische Masse — begreift endlich, daß die Judenheit politisch handeln muß, wenn sie helfen will, und es macht sich deshalb eine starke Strömung für die Veranstaltung eines Kongresses der amerikanischen Judenheit bemerkbar. Der Kreis um das „American Iewish Comittee" leistet diesem Plane jedoch heftigen Widerstand. Die assimilierte, plutokratische Oberschicht, die das Recht ihrer Herrschaft über die jüdische Gesamtheit leider meist nicht durch jüdisches Interesse, sondern durch Spenden sich angeeignet zu haben glaubt, befindet sich wieder einmal im Gegensatz zu der ihre nationale Zusammengehörigkeit mit den Juden der ganzen Welt tief empfindenden Volksmassc. Doch wie es scheint, wird man über das „American Iewish Comittee" diesmal zur Tagesordnung übergehen. Die Zionisten, die Vereinigung der orthodoxen Organisationen und der Orden „Brith Abraham", der größte jüdische Orden des Landes, haben sich bereits für den Kongreß ausgesprochen. Auch hat bereits eine Besprechung von Vertretern dieser und anderer jüdischer Verbände stattgefunden. Des ferneren werden die jüdischen Arbeiter-Organisationen demnächst einen Kongreß veranstalten, dessen Aufgabe die Beantwortung der Frage ist, was die jüdische Arbeiterschaft Amerikas für „die bürgerliche, politische und nationale Gleichberechtigung der Juden in den kriegführenden Ländern" tun kann. — In dem meist jüdische Arbeitskräfte beschäfttgenden Damenschneiderfach New Jorks stehen ernste Kämpfe bevor. Der maßgebende Arbeitgeberverband hat nämlich die Tarifgemeinschaft gekündigt, um einen Ausstand hervorzurufen, den man dann bei der herrschenden ungünstigen Lage des Gewerbes mit Erfolg für die Kassen der Arbeitgeber niederzuschlagen hofft. Der Versuch güttger Verhandlung scheiterte, weil der Arbeitgeberverband plötzlich die Arbeiterorganisation nicht mehr anerkennen will. Eine Riesenversammlung der Arbeiter in Square Garden— es dürften 50,000 Köpfe anwesend gewesen sein — bekundete den festen Willen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Samuel Gomperz, der Präsident des amerikanischen Gewerkschaftsbundes, versprach den Beistand der gesamten Arbeiterbewegung. (I. A. K.) Paritätische Behauoluug -er Jude« i» der «eue« städtischen Selbstverwaltung Russisch-Polens. Wie bekannt, werden jetzt nach der neuen „Städteordnung" für die unter deutscher Verwaltung stehenden Gebietsteile Russisch-Polens die Mitglieder des Magistrats (Schöffen) und des Stadtverordnetenkollegiums bei der erstmaligen Bildung ernannt. In Lodz, Pabianice, Wielun und vielen Nr. 28 anderen Städten haben die Ernennungen schon stattgefunden. Wir hören aus bester Quelle, daß die jüdische Bevölkerung ihrer Stärke gemäß neben den anderen Nationalitäten bei der Bildung der städtischen Selbstverwaltungskörperschaften voll und ganz berücksichtigt wird. So sind in Lodz unter den zehn Schöffen drei Juden vertreten, nämlich: Bankier Stanislaus Jarocinski, Fabrikbesitzer Bielszowski und Kaufmann Sergius Hoffmann. Unter den 36 Stadtverordneten befinden sich 12 Juden. In Pabianice wurden zu Schöffen drei Deutsche, zwei Polen und ein Jude ernannt. Die 23 Stadtverordneten sind, wie wir hören, durch 12 Deutsche, 7 Polen und 4 Juden vertreten. In Wielun befinden sich unter den Schöffen 4 Deutsche, 4 Juden und 4 Polen. Flavius Josephus und seine Zett. Bon AhronMarcuS. II. Josephus als Historiker. Sein Verhältnis zur heiligen Schrift. Seine Chronologie. Unser Ten ach schließt mit den Büchern der CHronik, die in ihrem ersten Delle die dunkelsten, jeder Erklärung widerstrebenden Stellen bieten. Der Talmud bemerkt hierüber: „Seit dein Tage, da das Buch der Genealogien Sefcr Jochasin verborgen wurde (nignas), sind die Augen; der Weisen verdunkelt und ihr Licht ist getrübt." Das; diese Dunkelheit teilweise eine beabsichtigte ist, beweist z. B. die Genealogie des davidischen Königs- Hauses I 3. Diese beginnt mit David und schließt mit 'Anani, den wir« in allerneuester Zeit durch die Entdeckung der Briefe des Hohenpriesters Jedonja von dem bis dahin verschollenen Tempel auf der Insel (Jeb> E l o f a n t i n c an der Grenze Nubiens kennen lerne», die er unter der Regierung D a'rins No th os um 3352 (408) an den Statthalter von Syrien Bagoas, an S a n b a l l a t, Pascha von Samaria, an I o ch a - n a n Hohenpriester von .Jerusalem und an diesen 'Anani von den Edlen Jnda's gerichtet hat. Die Genealogie umfaßt also einen Zeitraum von mehr als 600 Jahren. Während aber die Reihenfolge der Könige bis zu I e ch o n j a dem Gefangenen (Assi r) bis zu dessen Urnrnrenkel P e l a t i a (nämlich Iechonja, Scheal - ticl, Pedaja, Serubabel, Chanania, Pelatia) deutlich gchalte» ist. wird hier im B. 2l der Fade» absichtlich unterbrochen — wie schon aus dem wiederholten b e n a i hervorgeht .— und erst für die letzten 5 Geschlechter wieder regelmäßig ausgenommen: Schcchanja, Schiemaja, Nearja, Eljoenai, 'Anani; obwohl es für Esra ein Leichtes war —, zumal der Sohn des Schemaja: Ch «tusch, mit ihm zusammen aus Persien nach Jerusalem als Derttetec der Königsfamilie hinaufzog (v. Esra 8,2) —, die Reihenfolge klar ausznnehmen. Die Absicht besteht darin, die königliche Genealogie nicht öffentlich preiszugeben, damit nicht jeder xbeliebige Bastard sich einen königlichen Stanimbaum znrechtmache. Der Schlüssel zur Prüfung der Legitimität lag eben in der richtigen Angabe der Glieder dieser Lücke und verblieb in den Händen der leitenden Glieder des Hauses, Exilarchen und Pattiarchen. Eine ähnliche vieldeutige Verwickelung finden wir bei der Genealogie der Leviten und Nachkommen Samuels, der Bevorzugten im Te»,- peldienst. Während nämlich im Buche Samuel selbst der Anschluß seiner Ahnenliste an den Urahnen Kor ach absichtlich 'unterblieben ist, weiler bei der zeitlichen Nähe der Geschlechter nicht als allzu rühmlich galt, sind im' Buche I der Chronik Käst/ 6 zwei einander widersprechende Stammbäume ansgestellt, von denen der erste bei richtiger Prüfung von Korach bis Samuel? Generationen, der zweite deren 16 aufzählt. Dagegen rechnet das Buch Sarnnjel I I — wenn wir das ausgelassene Mittelglied zwischen Znf und Korach laut Chronik I und in Uebcreinstimmung mit H B. M. 6. 24 mit Elkanah ergänzen — ebenfalls imus 7 -Generationen. Graetz und Iab etz haben daraus einen kritikasterischen Angriff geschmiedet und die Behauptung ausgestellt, es fehlten inj der zeitlich korrespondierenden Liste der Hohenpriester von Ahron bis Zadok mindestens 11 Geschlechter. Sie haben übersehen, .daß Assir, Ella nah und Abiasaf Söhne des Korach waren, aber nicht 3 Geschlechter nacheinander. Demgemäß ist Chronik I, VI, 7 ff. so zu verstehen: Korach, dessen Söhne: Assir, Elkanah, Ab jafaf. Dann geht es zurück! zu Assir, dessen Söhne 6 Generationen bilden, mit Einschluß von (D. 9) Elkanah und dessen zwei Söhnen. Dann geht es wieder zurück zur Genealogie des zweiten Korachsohnes: Elkanah, der mit seinen Nachkommen bis Samuel 7 Generationen darstellt. Der Widerspruch) in dem die spätere Liste zu der erschien steht, kann vorläufig nur nach dwn Auskunstsmiüel des Talmud gelöst werden: „Schawkeh likroo d'ihn dochik nmuki anafschjeh (Ueberlasse es dem Pofsuk, sich selbst in Ordnung zu bringen)." Damit stimmt dann vollkommen der Stammbaum der gleichzeitigen Hohenpriester: .Pinchas, Abischua> Bnki, Usi, Serachja, Merajot, Asarja, Umarjä, Achitub — 8 Geschlechter und der Stammbaum D atzi ds, der.zwar nur 5 iGeschlechter aufzahlt vom Sohne des Stammesfürsten