Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 28 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r; ■ ----- ■■■■■■— > •———- ■ - Erscheint wöchentlich am Freilag. Kr?ugsprris pro Uierieljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — frei inS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei inS tauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch trerfbmid für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg ^— -- - ■ ■- -r Redaktion und Grpedition: Frankfurt a. M. rr Lsngeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. H-ransg-Ver: Kals cheis. Insrrtimsprei» für me fünfgespallene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und .Besuche, Wohnungsinserate. HeiratS- Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen.Annahme bei der Exped. und in a-Annoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 486«. 13. Jahrgang. Freitag, den 12. Aw 5675 (23. Juli 1915) Rr. 28. Das Tischebeawjahr. Von Tischebcaw zu Tischebeaw hat nunmehr ein Jahr seinen Kreis gerundet, seitdem die furchtbare Tragödie ihren Anfang genommen hat, deren Zeugen wir alle sind. Es war Tischebeaw vorigen Jahres, da die Mobilisation des deutschen Heeres anhub, da Tausende unserer Söhne und Brüder zu ihren Truppenteilen eilten, um den Dienst zu erfüllen, zu dem das Vaterland sie rief. Voll banger Erwartung schauten wir an jenem vorjährigen Tischebeaw in die Zukunft; wenn auch keiner von uns daran zweifelte, daß unser Vaterland" siegreich aus diesem Kampfe hervorgehen werde, so ahnten wir doch das schreckliche Uebermaß von Leid und Jammer, das die nächsten Monate der Welt bringen würden, zitterten wir vor allem als Juden für das Schicksal unserer Millionen Brüder, die in Rußland der Willkür einer entfesselten; 'zügellosen Soldateska preisgegeben waren. Niemmid aber konnte an jenem Tischebeaw voraussehen, wie groß dieses Maß von Leid und Not sein werde; niemand wohl hätte daran gedacht, daß der kommende Tischebeaw uns noch mitten im Kriege finden werde. Und nun ist auch dieses Tischebeaw vorbei, und noch ist das Ende des Kampfes ebensowenig vorauszusehen wie am selben Tage des vorigen Jahres, nur daß wir inzwischen ernster, reifer geworden sind durch all das Große, Erhebende und Erschütternde, Furchtbare und Entsetzliche, das wir im Laufe dieses Jahres erlebt haben. Es mag manchen Juden geben, der geglaubt hat, dieses Jahr sei ein besonderes Tischebeaw, ein besonderer Trancrtag kaum notwendig gewesen; in dieser- Lawine von Not und Leid, die auf uns herabgestürzt ist, ist ein Tag an Trauer und Jammer dem anderen gleich, ist jeder Tag ein furchtbares Tischebeaw. Und wahrhaft, wer sich vor Augen hält, was in diesem Jahre unser Volk durchlitten hat, wird zugcben, daß wir tagaus tagein ein Tischebeaw erlebt haben, eine Tischebeaw nicht von historischen Erinnerungen, sondern von konkreter Wirklichkeit. Man blättere in unserer fast zwcitausendjährigen Diasporageschichte zurück: man wird seit dem Jahre der Zerstörung des Tempels, der Vernichtung unseres Staates, der Zertrümmerung unserer Freiheit und Selbständigkeit kein Jahr finden, das dem dahingegangenen von Tischebeaw zu Tischebeaw an Unglück und Jammer gliche. Wir hier, innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes, dem dank der herrlichen Siege unserer Truppen ja der unmittelbare Anblick der Kricgsfurie erspart geblieben ist, können uns gar keine rechte Vorstellung machen von dem Unglück, das in diesem Jahre unsere Brüder im Osten betroffen hat. Verstehen wir denn überhaupt, was es bedeutet, wenn wir lesen, daß 180,000 Juden binnen drei Tagen das Gouvernement Kowno haben verlassen müssen; verstehen wir, welche Unsumme von unaussprechlichem Jammer und Elend, von Menschenvernichtung und Existenzzerstörung in solch einer Nachricht enthalten ist; und derartige Nachrichten sind ja schier Alltäglichkeiten geworden, die man kaum beachtet. Und bei alledem ist es nur spärliche Kunde, die zu uns hinüberdringt; wieviel des Furchtbaren ist uns verborgen geblieben. Wenn erst der Krieg vorbei sein wird, werden wir erfahren und feststellen können, welche Leiden unsere Brüder im Osten während dieses Jahres durchgemacht haben, Leiden, gegen die alle Pogrome, Judenverfolgungen und Jnquijitionxn vergangener Jahrhunderte schier verschwinden. Und nicht nur auf Rußland hat sich das Elend, das uns der Krieg gebracht hat, beschränkt. In Galizien und in Palästina, und nach den neuesten Nachrichten auch in Frankreich und London- und in Marokko und Algerien; - unübersehbar sind die Stätten, in denen Juden in diesem Jahre Furchtbares erlebt und erduldet haben. Ein rechtes Tischebeawjahr; ein Jahr der Zerstörung und Vernichtung Zehntausender, der wirtschaftlichen Ruinierung Hundcrttausender unserer Brüder. Und sehr wohl mag den Juden, der heute all dies ansieht, die Verzweiflung überkommen, die unsere Ahnen ergriff, als sic den Tempel in Flammen lodern sahen, und für Zehntausende unseres Volkes war dieses Jahr das „Eicho", nicht die Wiederholung eines Klagebcts unserer Vorfahren vor 2000 Jahren, sondern der furchtbare Verzweiflungsschrei eines zu Tode getroffenen Menschen. Ein Verzweislungsschrei. und doch nicht nur Verzweiflungsschrei; ebensosehr auch ein Hoffnungsruf, ein Bittgebet, ein Ausdruck des Vertrauens aus eine bessere Zukunft. Es ist eine der größten Eigenschaften unseres Volkes wie unseres Schrifttums, daß wir keine restlose, unheilbare Verzweiflung kennen. Mit der Größe unserer Not wächst die Kraft unserer .Hoffnung; je mehr wir leiden, umso tiefer glauben wir, und auch „Eicho" schließt ja mit dem Trost- und Hoffnungsruf des „Haschiwenu Adaunoi elecho". Dieses Bewußtsein, daß wir in unserer ganzen, an Leid und Not so überreichen Geschichte unsere Hoffnung und unseren Zukunftsglauben niemals verloren haben, ist uns der stärkste Trost jetzt, da wir auf das vollendete Tischebeawjahr zurückblicken. Denn dies lehrt uns die Geschichte zur Gewißheit: so lange ein Volk den Glauben an sich und seine Zukunft nicht verloren hat, kann es nicht vernichtet werden. Letzten Endes geht ein Volk stets nur an sich selbst zu Grunde: wenn es innerlich so morsch und krank wird, daß es nicht mehr an sich glaubt. So lange wir nur die Eigenschaft unserer Ahnen uns bewahren, durch Not im Glauben bestärkt zu werden, sind wir unvergänglich. Und in der Tat: mitten im Unglück und Leiden, in dem wir uns befinden, zeigen sich bereits überall die Keime der besseren Zukunft. Der jüdische Wohltätigkeitssinn hat Herzliches geleistet und wird noch Größeres leisten, der tief im Herzen jedes Juden schlummernde Gottesglaube erwacht auch bei den vielen, in denen er früher durch die Äußerlichkeiten und Verirrungen unserer Ueberkultur überdeckt war, das jüdische Solidaritätsbewußtsein hält allen Angriffen der Zeit siegreich stand, das offene Bekenntnis zum jüdischen Volkstum ersaßt immer weitere Kreise unseres Volkes, überall regen sich bereits die Kräfte, die bestimmt sind, die furchtbaren Wunden, die uns dieses Jahr geschlagen hat, zu heilen. Und noch mehr als dies: Wir alle leben in der Erwartung von etwas Großem, Herrlichem, das uns die Zukunft bringen wird. Noch wissen wir nicht recht, was cs sein wird, noch wissen wir nicht genau, wann .es sein wird, aber in uns fiebert es vor bebender Erwartung. Wir empfinden, daß diese Zeit nie gesehener Leiden nicht einfach, spurlos vorübergehen kann; daß sie vielmehr nur Vorbote eiuer kommenden herrlichen Zukunft sein müsse. Unsere jüdischen Legenden, die von der Zukunft des nicssianischen Zeitalters künden, erzählen, daß vor der Ankunft des Messias eine Zeit furchtbarer Wirrnis und Not kommen werde, die Zeit der Kämpfe, von Gog und Magog. Es liegt alledem der tiefe und wahre Gedanke zu Grunde, daß alles Leid schließlich eine Grenze, ein Maximum hat, über das hinaus es nicht steigen kann, bei dem angelangt es vielmehr die Erlösung notwendig macht. Biele unserer frommen Brüder im Osten haben bei Beginn des Krieges erklärt, dies sei der von unseren Midraschim verkündete Kanrpf von Gog und Magog. Und in der Tat! Die Not unseres Volkes hat in diesem Tischebeawjahr eine Höhe erreicht, über die hinaus sie nicht mehr wachsen kann. Bewahren wir uns also die Hoffnung und den Glauben, daß diese Zeit nur Vorbote einer herrlichen Zukunft sei, die unserem Volke nach so viel namenlosen Leiden die stets verkündete und stets erwartete endgültige Erlösung bringen wird. Golustheorie«. Von Dr. Max Mayer, Manchen. Die Vorstellung, daß das jüdische Volk um seiner Vergehungen willen von Gott in die Verbannung geschickt sei, ist der mythische Urgrund alles jüdischen Diaspvraerlebens. Sie ist die einzige all jüdische Konzeption nach Untergang des Mischen Staatswesens. Von ihrer faszinierenden Gewalt ließ sich Israel 1900 Jahre bedingungslos ergreifen. Aus ihr erklärt sich die Einheitlichkeit des nachbiblischen Schaffens. Sie ist die Wurzel des Nicht-untergehen-Könnens, und in neuerer Zeit des Nicht-untergehen-Wollens der Juden. Ein Mythus, der bis ins letzte Jahrhundert seine lebendige Kraft bewahrt hat: solange er stark blieb, war er eine Hochburg jüdischen Lebenswillens, wo er wankt, schlägt diesem Willen der Sturmbock europäischer Kultursuggestion Bresche um Bresche. Mer nicht bloß ein Mythus. Auch eine Wirklichkeit. Ein Leben, das sich hart im Raume stößt. Oder besser die Nachtseite dieses Lebens. Das quellende Parasitendascin in Ritzen und Spalten. Die zum Atmen erkaufte Luft. Der aus Furcht verheimlichte Hunger. Und nicht nur ein Dasein. Auch eine Bewegung. In gewissen. Grenzen eine stetige innere Tendenz. Im letzten Sinne fteilich die Tendenz der Selbstaufhebung, der Erneuerung. Das streben nach einer anderen, besseren Welt. Die Vorbereitung für die große Zeit des Messias. Das sind die Vorstellungen, die uns mit dem Begriff Golus unwillkürlich ins Bewußtsein treten. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Golus iu der Tat Gemeingut Allisraels, die axiomatische Formel seines Lebens: unzerlegbar und stark wie der Glaube an den gerechten jüdischen Gott, der sein auserwähltes Volk für seine Bünden in den Bann tat, aber bei reuiger Umkehr, sein Herz nicht verschließen wird. „Er, der Barmherzige, verzeiht die Schuld und richtet nicht zu Grunde; er ließ oft seinen Groll besänftigen, und nicht seinen ganzen Grimm erregt er." Das ist der Schlüssel zum inneren Verständnis der beispiellosen Leidensgeschichte unseres Volkes. - Erst als dieser unerschütterliche Volksglaube zu wanken begann, wurde der Golus zu einem menschlichen Problem. Erst wo der Golusmythus aus einer lebendigen universalen Weltanschauung zu einer zeitlich und räumlich.-begrenzbaren ungerechten Willkürlichkeit des Schicksals wurde, sing man an, sich seiner bedingungslosen Geltungskraft zu entwinden, seine Absolutheit zum Objekt kritischer Untersuchung zu machen, mit einem Wort: ihm gegenüber einen „Standpunkt" einzunehmen.