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Neue jüdische Presse · 1915-07-16 · Heft 27 (16.7.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 27 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Nr. 27. Waacben, Färben und Faponnleren aller Art Herren- und DamenhütBm v m gHWß Erlsnjcr Nacht. «* ÄTaittOr lalseriJoIstr.M. Abholung nnd Lieferung frei ins Haas. — „Der erste Brief.. Von Josef Löwy, München. MUkioit Aus dem jiddischen Manuskript von Dr. Max Mayer. L In einen grauen Nebel ist das Dörflein cingchüllt wie eine schmerzlich bewegte Braut in ihren Hochzcitsschleicr. Die niedrigen Häuschen mit den Strohdächern blicken verzweifelt zum Himmel, als ob sie bei der Sonne mehr Strahlen bestellen wollten. . . Die polnische -Weichsel, die sich durch das Dorf schlängelt, murmelt mit einsamer, herbstlicher Melodie und wiegt wie eine zärtliche Mutter das Dorf in ihren: Schoß . . . Die schon halbnackten Bäumchen, die neben dem schiefen, weißen Häuslein standeir, in welchem die glückliche Familie lebte: Schloimeh mit seinem Röchele und ihrem „Kaddisch" Dowidl, beugten die Köpfe tiefer zur Erde und stimmten von Zeit zu Zeit jämmerlich in das Klagen des Windes ein, als ob sic ein schreckliches Geheimnis in sich bewahren wollten, das man nicnials aussprcchen darf. . . II. Der graue Abend lag über dem kleinen unaufgeräumten Zimmerchen wie eine faule Katze auf einem zerwühlten Bett .... Der schwache Schein einer kleinen Lainpe flackerte und warf auft'dic weißen Wände seinen zitternden Schatten. Röchele saß zufrieden neben dem Ofen und stopfte für ihr liebes Dowidl Wiutcrsöckchcu, und auf dem llcinen Tisch lagen einige Hemden, die sie für ihren Mann ausbessern mußte. Auf einem Bänkchen neben ihr saß ihr achtjähriges Söhnchen und spiellc mit der roten Wolle. Seine schwarzen Aeuglein glänzten vor Vergnügen und blickten mit großer Dankbarkeit zu der Mutter auf, als ob sie sagen wollten: Für mich, für mich richtet Mamischy die Socken, bannt es mir warn: ist, wenn die großen Fröste kouunen ... Plötzlich hörte man fremde Tritte und gleich darauf Klopfen an der Tür. Röchele war angstvoll sitzen geblieben, und bevor sic sich noch umgcschaut hatte, wer hercingekommcn war, lag fdjou ein langer weißer Bogen mit polnischer Aufschrift vor ihr, den sic nur mit Mühe durchlcsen konnte. Dowidl sprang von seinem Bänkchen auf und rief freudig aus: „Mamischy, Mamischy, ein Brief an den Vater, ein Brief an den Vater ist gckomnien! Sicher vom Scidischy! „Söhnchen, sei einen Augenblick still!" bat Röchele ihn erschrocken, hielt den Brief gegen die Lampe und prüfte ihn, indem sic ihn nach allen Seiten drehte: Dann legte sic ihn mft cincnr feuchten Blick auf ihres Mannes Bücherschrank. Als Schloimeh vom „Maariw" heiinkam, ergoß sich wie gewöhnlich -sein herzliches „Guten Abend, Röchele" in der llcinen Stube. Und wie immer bat er sie mit zärtlicher, weicher Sümme, ihm das Essen zu reichen. — Dann setzte er sein liebes Dowidl auf den Schoß und kräuselte mit väterlicher Liebe seine goldenen Schläfeickocken und ftagte ihn einige Stellen aus dem „Chumesch", die er tagsüber im Chcdcr gelernt hatte. Als er aber sein Weib Röchele verschüchtert dasitzcn sah, wurde er schweigsam. Sie weiß wahrscheinlich gar nicht, daß er schon vom „Dawnen" heimgekommen war und sie hat scheinbar auch nicht gehört, was er zu ihr gesagt hatte. „Röchele!" wandte er sich noch einmal an sie, „guten Abend!" und als er ihren Blick sah, schwieg er. Sie beugte ihren Kopf tiefer, ließ ihn auf die -Brust sinken, bedeckte ihr bleiches Gesicht mit ihren schlanken, weißen Händen und begann hefttg zu schluchzen. Aus ihrem Weinen vernahm Schloimeh etwas Schreckliches, es war ihm, als ob plötzlich eine Saite in seinem Herzen gerissen wäre ... |<NreBbMherDrneUiift-lidagf>l lOffUtbaCh S. ■. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfurt).! ■Bewährteste TappichralnlaiUig (100,000 qm jährlich)! | sowie unübertroffen« Battenu. Bettfadernralnl-1 gong mittelst Druckluft nnd Wasserdampf. - Der kleine Dowidl, der das Weinen seiner Mutter nicht verstehen konnte, richtete verwundert seine Augen auf den Vater und schrie mft einer unnatürlich wilden Sttmmc: „Tatischy, Tattschy, ein Brief vom Seiden ist gekommen, ein Brief vom Seiden ist gekommen!"... und packte erschrocken seines Vaters Hand und bedeckte sie mit Küssen. Schloimeh stand stumm und unbeweglich; ein kalter Schauer bebte durch seine Glieder. ' Aber bald wurde sein Auge wie von einem Magneten angczogen und fiel auf den Bücherschrank, auf dem der Einbcrufungszcttel lag. — Da war ihm alles, alles klar, und er aß kein Nachtmahl mehr und lag die ganze Nacht mit offenen Augen im Bett . . . HL Zwei Tage später stand Schloimeh bleich und still auf und ging heimlich, wie wenn er vor seinen eigenen Tritten erschrecken würde, zum Bücherschrank und nahm das große „Machser" heraus, das er von seinem Vater geerbt hatte. Leise packte er seine paar Hemden zusammen und steckte das alles in einen kleinen grünen Koffer, gleich als ob es niemand bemerken sollte . . . Als er das Köfferchen schon unter das Bett schieben wollte, kam plötzlich die schöne Mery herein, die ihnen gegenüber wohnte. Ihre schwarzen, ungekämmten Haare fielen auf ihre runden Schultern herab, ihre Bluse war halb offen, sodaß zwischen ihren vollen Brüsten das silberne Kreuz heraussah ... Weil sic die schreckliche Nachricht, die ihr zur gleichen Zeit zugestellt wurde, nicht allein ertragen konnte, war sie zu ihrer Freundin Röchele gekommen, um bei ihr ihr volles Herz auszuschüttcn . . . Aber sobald sic Schloimeh erblickte, versagte ihr die Sttmmc, und sie brachte kein einziges Wort über die Lippen, denn sic fühlte, daß die gleiche Trauer, die bei ihr Einkehr hielt, auch in diesem kleinen Zimmer hing . . . Einige Minuten später lvandtc sic sich mit gedrückter Sttmmc an Schloimeh: „Szlomku, Szlomku! jakie to nieszczescie, jckic to nicszczescie! moj maz tcz „Wezwanie" dosta, Jczu, Jczu moj drogi! ..." Und indem sic dies aussticß, weinte sie laut auf. Schloimeh sah sic stumm und trüb an und mnrmcltc etwas Unverständliches . . . Röchele, die bei ihrer Nachbarin Anwesenheit in einem Winkel stand und kein einziges Wort herausbrachtc, fiel, als sie fortgegangen war, auf ihres Mannes Brust und küßte ihn wie ein verschüchtertes Täubchen lange, lang ... (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen aus den Tage» der Kindheit. Bon Bergingenieur L. R o s c n t h a l (Basel). (Schluß). In dem besseren der zwei Gasthöfc des Dorfes stiegen wir ab. Gleich beim Eintritt in die Gaststube empfing mich eine merkwürdige Ucbcrraschung. Da hingen an den Wänden noch dieselben Bilder, die ich schon als Kind oft und lang betrachtet hatte. Das Kramlädchen auf der anderen Seite des Flurs war auch noch da — unverändert, wie ich auf den ersten Blick gewahrte. Das freute und rührte mich. Noch denselben Nachmittag unternahmen wir eine Wanderung durch das Dorf und nach unserer ehemaligen Besitzung. Die Eltern hatten sic schon vor 41 Jahren verkauft, um nach Cassel übcrzusiedeln, wo mein ältester Bruder verheiratet war. Ach wie wurde mir zu Mut, als das liebe Haus wieder vor mir lag. Eine alte Danic wohnte jetzt darin, eine Tochter des schon früher erwähnten Gutsbesitzers, die uns freundlich hcrumführtc, als ich mich ihr zu erkennen gegeben hatte und darauf bestand, daß wir wieder „Du" zu einander sagen müßten. Wir gingen dann auch in die Gärten, die aber sehr verwildert aussahen. Nur das klare Wasser des Mühlbachs, der Rühre, schoß noch wie ehemals rauschend durch sic dahin. Vieles war anders geworden. Aber ich fand doch noch meinen Namenszug, den ich 1864, als ich meine ersten Studienreisen unternahm, in das Eichenholz des Scheucrtorcs cingcschnftten hatte. Der steht vielleicht noch lange nach meinem Tode da, denn die Dinge überdauern die Menschen. Allerlei Gedanken über Zeit und Ewigkeit, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, fluteten mir durch das Hirn ... „Zögernd kommt die Zukunft angezogen, Pfeilschnell ist die Gegenwart verflogen, Ewig still steht die Vergangenheit." Als wir gegen Sonnenuntergang auf der geräumigen Plattform der Steintreppe vor dem Hause saßen, mußte PensionDeumieMen Taumisstrasse 49. 30 moderne Zimmer mit Salons, Balkons. _Vorzügliche Wiener Lüche._ ich lebhaft daran denken, wie manchen sommerlichen Abend wir selbst — die Eltern, meine Geschwister, auch öfters Freunde aus der Nachbarschaft — da zugebracht Ratten. Wie damals sandten auch heute die nahe», blühenden Felder ihren Duft herüber. Aber der der Bohnenblüte, dieses wunderbare Aroma, an das ich mich besonders gut erinnere, war nicht dabei. Im Dorfe sah es auch nicht ganz mehr so aus wie früher. Den oberen Teil des Kirchturms, der aus Fachwerk bestand, hatten sie mit eintönigem, grauen Schiefer bekleidet, hie und da standen neue, nüchterne Häuser, wogegen die alten um so verfallener erschienen. Nur die gewaltigen Linden bei der Kirche hoben noch, wie ehedem, ihre womöglich noch größer gewordenen Laubkuppeln in das Blau, des Himmels. Die Menschen waren mir fremd — ich kannte sie nicht und sie kannten mich nicht, aber mancher Zug in den Gesichtern der uns Begegnenden, erinnerte mich an die eingesessenen Bauerngeschlechter. Auch nach uns drehten sich einige alte Leute herum — es ging ihnen vielleicht gerade so, und der Rosenthal'sche Familienzug mochte auch in ihnen Reniiniszenzen früherer Tag geweckt haben. Ich zog es vor, unerkannt zu bleiben. Nur der alte Georg Jordan, der frühere Bürgermeister, fand es heraus, daß ich aus der Oelmühle sei und sprach mich an, obwohl er mich zuerst für meinen Bruder Alfred hielt. Ganz närrisch vor Freude war er. So bringt nach langer Trennung die Erinnerung an die gemeinschaftlich verlebte Jugendzeit die Herzen einander nahe. Meine Spielgenossen: Lodewigs Friedrich und Thönens Schorfe, waren auch noch da. Der Friedrich diente als Knecht auf dem Neutze'schen Gutshof. Etwas gebückt von der Last der Jahre, die Hünengestalt aber sonst kernig und ungebrochen. Als er mir jubelnd vor Freude mit, seinen arbeitsharten, klobigen Fingern die Hand drückte, hätte ich vor Schnrerz beinahe aufgeschrien. ' Abends war er inein Gast, und nicht ohne Besorgnis sah ich wie er ein „halb Kännchen" nach dem andern nur so in sich hineingoß „zur Feier des Wiedersehns", lvie er sagte. Sein Dienstherr aber beruhigte mich: „der alte Friedrich kann schon was vertragen", flüsterte er mir zu. Stolz zeigte mir dieser auch eine Nummer des „Daheim", worin er mit noch zwei oberhessischen Kameraden abgebildet war. Die vierzigjährige Gedenkfeier des deutsch-französischen Krieges 1870 hatte alle Veteranen Hessens in Cassel vereinigt. Der Kaiser selbst nahm die Parade ab, und ein Berichterstatter des „Daheim" ließ die drei charakteristischen Gestalten der alten Krieger photographieren. Bisher hatte ich angenommen, ich sei der einzige des Dorfes, dessen Bild in die Oeffentlichkeit gekommeir sei — das stimmte nun nicht nrehr. Aber daß gerade wir zwei treue Jugendgenossen das sein mußten, ist doch merkwürdig. — Eine halbe Stunde später kam auch Altbürgermeister Jordan, sowie Thönens Schorfe, der das Gewerbe eines Büchsenmachers betrieb — Niedermeiser war schon von alltersher eine Pflegestätte dafür geivesen — und nun gab es eine lebhafte Unterhaltung. Alte, halbvergessene Geschichten wurden aufgefrischt, und das „Weißt Du noch?" spielte die Hauptrolle an diesem mir unvergeßlichen Abend. Am anderen Morgen ging ich mit Richard nach „dem Ueber", um mein Geburtshaus aufzusuchen. Aber es war nicht niehr da. So viele — viele Jahre hatte es gestanden, und gerade jetzt, kurz vor niemer Ankunft, mußte es abbrennen. Die verkohlten Eichenbalken, von einer Stärke wie man sie heute nicht mehr sieht, lagen noch herum. Sinnend habe ich lange sie angeblickt, dann schnitt ich mir einen Span davon ab, um ihn mit mir in die Schweiz zu nehmen. Der soll mich begleiten, wenn ich meine letzte Reise anttete. In den wunderschönen Sommertagen unseres Aufenthaltes in Niedermeiser bestiegen wir auch die kühn zur Höhe strebende Kuppe des Rosenbergs. Wieder eine Fülle von Erinnerungen. Wie oft habe ich nicht als Knabe einsam und allein unter der Eiche auf seineni Gipfel gelegen und mich hinausgeträumt, weit über die dufttgblauen Bergketten hinweg, in die fernsten Länder. Und — sonderbar — als sich das später aufs weitgehendste erfüllte, zog es mich mit Macht wieder zurück HST. ROSENAU Herren-Schneiderei 10 G o e tbestrasae 10. Vornehme Ausführung. nissige Preise. j

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