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Neue jüdische Presse · 1915-07-09 · Heft 26 (9.7.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 26 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Karlsruhe. Re'chßtaasoLgeordneter Dr. Ludwig Haas, Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Kl-, erhielt nunmehr auch das Eiserne Kreuz 1. Kl. Gaffel. JuNizrat Dr. Rothfels wurde zum Over« lentnant befördert. Etuttaart- Berndard Stern, Ritter des Eisernen Kreuzes, Sohn des Kirchenvorstchrrs Ludwig St., ist zum Leutnant befördert worden. Mönchen. Der 24jähriae Schriftsteller Albert Michel starb den Tod fürs Vaterland M. Schloß, Reisender von Merfeld & Herz, erhielt das Eiserne Kreuz und wurde zum Leutnant befördert. Hamborg. Dr. Gerson Blöde und Dr. Martin Auerbach, Vorsitzender des jüd. Turnvereins „Bar- Kvchba", erhielten das Eisern.« Kreuz. Köln. Feldwebel Ernst Coden, Sobn von Julius C-, und Albert Horn, Sohn der Witwe H., erhielten das Eiserne Kreuz. Hier wurde Leutnmit Robert Kahn beigesetzt. Herr Gustav Kahn jr. hat mit ihm sein zweites und wtztes Kind auf dem Schlachtfeld verloren. (L) Pose«. Ernst Kantorowicz, Felix Ruschin- Posen, Harry Löweustci n-Lissa und Hugo Cohn- Wronk erhielten das Eiserne Kreuz. Wien. Stabsfeldwebel Leo Lustig, Besitzer der Goldenen Tasiferkeitsmedaille, der hier verwundet im Spital lag, .erhielt anläßlich seiner Rückkehr ins Feld von der tsrajckit. Krltusgemeinde eine goldene Uhr. — Vizewachtmeister Ingenieur Semmy Berliner aus Hannover, Schwiegersohn von Leopold Waller hier, ist hier beigesetzt worden. Er hatte bei Besko den Heldentod gesunden. Rew-Aork. Sir Edgar Speyer-London. Mitglied des Geheimen Rats des Königs, ist mit Famllie eingrtroffen. Er wird wahrscheinlich für die Dauer des Krieges hier bleiben, weil Ahm als naturalisiertem Engländer deutscher Abstammung der Aufenthalt in England verleidet wurde. Bon Alexandrien such hier palästinensische Juden angebnnmen, die .von der türkischen Regierung als russische Untertanen ausgewiesen sind. In Alexandrien ging es den Flüchtlingen gut, bis zahlreiche Verwundete der Darbanellen-Kämpfe nach Lorten gebracht wurden und allen verfügbaren Platz beanspruchten. sortiert 15-5) : G.M.HOLZ J HOFLIEFERANT unsortiert 12H G.M.HOLZ FRANKFURTaM Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Die dieser Tage verstorbene Frau Aniela Fürstenberg, Gattin des Direktors der Berliner Handelsgesellschaft, war die Tochter des "früheren Vorstehers der Warschauer jüd. Gemeinde Nathansohn. Breslau. Fabian Liebes feiere am 1 Juli das 50jährige Jubiläum der von ihpr begründeten Gebrüderfirma Gebr. Liebes. — ' In Schwcrfenz wurde Frau Röschen Kaatz, . Mutter des dortigen Stadtverordneten und Vorsteher' der jüdischen Gemeinde, Max Kaatz,!nnd des Hindenbnrger Rabbiners, Dr. Saul Kaatz, eine tief fronunc, vornehm gesinnte und wohltätige Frau, zu "Grabe getragen. Bischheiw t. Elf Unser nach swwerem Leiden Heimgegangener Rabbiner Dr. Zacharias Wolfs war in Eisensted t Schüler Rabbiners Hildesheimer s. A. und zugleich Lehrer seiner Kinder. Er begann seine amtliche Laufbahn in Biblis» wurde dann Rätor der Rabbinervorbereitnngsschule in Colmar, dann Rabbiner in Schirshofen und kam 1900 nach hier. Als Leiter der Colmarcr Schule war er Lehrer der meisten amtierenden Rabbiner Elsaß-Lothringens, und ihm ist es zu danken, wem, hierzulande so viele Rabbiner der konservativen Richtung angehören. ILonder & Laitscbf Tel. Hansa 3148. Frankfurt &.1L, Liebfrauenberg88. ■ Specialhans für Unterkleider und Strümpfe. ■ Niederlage echter Dr. Lahmann-Wäsche. | Frankfurter Berichte. Personalien. Am 1. Juli blickte Fräulein Antvnie Lepehne auf ihre 25jäl)ria^ Tätigkeit als Vorsteherin des Mädchenstifts zurück. Das war für ihre ehemaligen Zöglinge die Veranlassung, der Mütterlichen Freundin herzliche und aufrichtige Glückwünsche Larzubringen. War sie ihnen doch ein nachahmenswertes Vorbild gewissenhafter und uneigennütziger Pflichterfüllung. Hat sie es doch, stets für ihre vornehmste Aufgabe gehauen, unermüdlich für das Wohl der von ihr Erzogenen bedacht zu sein, dje Frmcksurter Israelitisches FamÄienNakt. wirtschaftlich Schwachen zu stützen und den in dem Kamps mit dem Leben mutlos Gewordenen Anregung zu neuem Wirken zu geben. Möge es ihr vergönnt sei», alle .Aufgaben auf de» von ihr verfolgten Gebieten kraftvoll weiter zu erfüllen als leuchtendes Beispiel all derer, welche die Freude haben, um sie zu sein, denen ihr schlichtes Wesen stets ein begeisternder Ansporn wurde. H. T. Von anderer .Seite wird uns'ferner .geschrieben: Am.1. Jüli feierte das Jsr. Mädchenstift das 25jährige Jubiläum feiner Vorsteherin, Frl. Antonie L e p c h n e. Wurde muh in anbetracht der großen, furchtbar schweren Zeit, in der wir leben, von einer größeren Feier abgesehen, so soll es doch an dankbarer und herzlicher Bezeugung für die Jubilarin glicht fehlen. Das Mädchenstift, welches im Jahre 1877 von Philipp und Charlotte Speyer gegründet wurde, gehört zu den segensreichsten nick» vornehmsten Anstalten der Stadt Frankfurt. Diese Anstalt soll den jungen Mädchen, die einen Beruf erlernen wollen, ein wahres Hein«, sein, ein Heim der körperlichen und geistigen Pflege. Diese Stiftung soll den jungen Mädchen ihr Elternhaus und vielen Verwaisten die Eltern ersetzen. So war der Sinn der Gründer. Dieses ideale Werk echter Menschenliebe würde Fräulein Antonie Lepehne im Jahre 1890 anvertraut, und es' hatte wahrlich für dieses Hans keine bessere Wahl getroffen werden sannen. Fräulein Lepehne brachte für diese ihre Stellung nicht nur ein bedeutendes Maß von Bildung, sondern auch ein unendlich gütiges Wesen Mit und ein Herz, für das es nichts Höhere und Schöneres aus der Weit gibt, als Gutes zu tun wird anderen zü helfen iml> sie zu fördern. Und Mit diesem .Wesen echter Güte leitete die Jnbllarin das Werk edler Menschenliebe 25 Jahre. Möge cs Fräulein Lepehne vergönnt sein, noch viele, viele 'Jahre in diesem schönen Heime weiter zu wirken, wie bisher zum Segen und Wähle des Hauses und seiner Zöglinge. F. Mfefcm. Dle Verjagte«. Eine Erzählung aus der Mitte des vorige« Jahrhunderts. Bon C. Berg. (Schluß.) Da ihm Abraham nichts cntgcgiietc, antwortete er sich selbst: „Die Juden haben Christum getötet. Das ist wahr. Aber wer weiß? Er hätte wohl so auch nicht mehr heute gelebt. Ich weiß gar nicht" — er kratzte den Kopf und zog das schnapsgerötete Antlitz in bedenkliche Falten — „wenn man alle Judenscelcn hinauswerfen will, über wen wird man dann herfallcn, wenn man Strafgelder und dergleichen brauchen wird?" Und der brave Thomas machte sich im Namen seiner Regierung große Sorgen. — — Die Nachricht von den unglücklichen Ereignissen, welche an jenem verhängnisvollen Abend im deutschen Theater sich abgespielt, hatten noch in selbiger Nacht die schnellste Verbreitung in der Stadt gefunden; die Beamten des Polizeigefängnisses waren natürlich die ersten, welche auf das ausführlichste alle Details des blutigen Dramas erfuhren. So kam es denn, daß Thomas, schonungslos und geschwätzig, wie niedere Leute häufig sind, dem Unglücklichen den Tod seines Sohnes mit allen gräßlichen Einzelheiten unverzüglich gemeldet hatte. Nun hockte Abraham auf einer abgebrochenen Steinplatte, die ihm als Schemel diente, gesenkten Hauptes; verzweifelt schlug er die Fäuste an die Brust und schrie zu Gott: „O gefiele es Dir, mich zu zermalmen, nröchtest Du Deiner Hand gestatten, mich gänzlich aufzureiben! Noch sollte das mein Trost sein und jubeln wollte ich in dem schonungslosen Schmerz. ." Und wieder nno immer wieder mit' erbarmungsloser Selbstanklagc maß er nur sich allein die Schuld an allenr Unglück bei und jammerte: „Warum denn schaffest Du meine Missetat nicht fort und tilgest meine Schuld? Ich darf ja nur in dem Staube liegen, dann suchst Du mich, ich bin nicht da!" So haderte er wie Hiob mit seinem Gott. Dann endlich lag er stumpf und teilnahmslos auf der Pritsche. Es rührte ihn wenig, als Thomas ihn aufrüttclte und, ihm die Fesseln abnehmend, ihn bedeutete, hinauf zu Groducza zu kommen; fast mit Gewalt mußte der Wärter ihn die Treppen hinaufzcrre». „Ihr habt augenblicklich die Stadt zu verlassen", schrie der Polizeimeister ihn an, „verstanden?" „Laßt mich nur daheim meine Angelegenheiten.. „Es gibt hier kein daheim mehr für Euch", unterbrach ihn Groducza zornig, „vorwärts, Du Kerl da, schaffe den Mann hinaus!" Thomas, dem diese Anrede galt, bemächtigte sich Abrahams, eilte mit ihm hinunter, setzte ihn in den Polizeiwagen — das elendiglichste Gefährt der Welt, halb Karren, halb Schlitten — und schleppte ihn auf diesem zur Bahn,' . Nr. 26. Der, Nachtzug war eben wieder hi,lausg?sahrenl erst gegen neun Uhr Morgens kam der „Wiener Zug"! der die Verbindung mit Oesterreich und Deutschland heil stellt. Trotz siebenstündiger Wartezeit, die Abraham hie« verbringen mußte, hätte er nicht wagen dürfen, in di« Stadt zurückzukehren; denn Thomas bewachte ihn io« ein Hund, er ließ ihn gar nicht ans dem Auge. Dies« Vorsicht war herzlich unnütz, wozu hätte Abraham um« kehren sollen? Sein Benno war tot, und SaloiwM und Helsia konnte er nicht verzeihen . . . Was ließ ca in dieser Stadt zurück? Sein Hab und Gilt! SciJ am Besitz hängt aller Menschen Herz. Das Haus, da« er gebaut —/wie hatte er sich damals gefreut, daß crl der einst gering geachtete, mittellose Junge, den schöncnl stattlichen Bau errichten konnte! . . . Hinter dein Hau» hatte er einen Garten angelegt, jeder Baum ivar ihn« lieb. Da war auch ei» Apfelbaum, den er selbst ge« pflanzt, so alt ivie sein Saloinon — er ivird da kein« Frucht mehr ernten. Er hatte gespart und gcschafW und sich zu Ehre und Ansehen mühselig hinanfgcar«! beitet. Alles hin, alles. Mit leeren Händen ivar c« gekommen — ein trotziger Haß stieg in ihm auf — utifl leeren Händen wollte er ivicder gehen. I „Heiliger Gott, Du hier?!" » Der alte Grünburg stand vor ihm und sah ihn mit« leidig an, „so ivar ich lebe, in der Stadt glaubt mm« Dich noch —" 1 / „Eiilgespcrrt", antwortete Abraham düster „neinl ich bin frei." » „Frei! Gelobt sei Gott! . . . Aber ivas tust 2i» auf dem Bahnhof? Komm mit, ich fahre Dich heim!« „Ich danke Dir, ich muß hier bleiben, ich reis« morgen früh ab." I „Hier bleiben? Uebernachten hier wohl gar? Nimn» cs nicht übel, Liedertrost, bist Du kein junger Man»! daß Du Dir zumutcn kannst, eine Winternacht warten» und fröstelnd auf diesen! elenden Bahnhofsgebäude zul verbringen?" I „Wv kommst Du jetzt her, Grünburg?" fragil Abraham ausweichend. I „Woher ich komme? Nun, Du weißt es doch, bin ick» nicht Chclvremann wie Du? Hast Du mich nicht uni zähligc Male selbst hierhcrgcführt in den Auswandc-I rungsschuppeil den armen Leuten, die da fort müssen,! Geld und Speise zu bringen? Es ist zunl Erbarmen» zweihundert Fanlilicnväter aus unserer Stadt liege»! hier niit Weib und Kindern, und die doppelte Zahl! ist aus anderen Orten gekommen; die Schuppen fassen! längst nicht Raum für alle, die meisten liegen aus! freiem Felde." I „Sichst Du wohl", entgcgnete Abraham, „sie sind! auch Menschen; es sind schtvache Weiber und Kinder beil ihnen, und sie warten und frieren auch, warum soll ichl nicht hier bei ihnen ausharrcn? Ihr Schicksal Ivird von! jetzt ab das meine sein." I „Abraham!", rief Grünburg entsetzt, „Du willst! fort mit diesen nach Amerika? Was wird Dein! Sohn ..." „Sprich mir nicht von meinem Sohn!", antwortete Abraham abgcwcndct; er öffnete die Tür des Schuppens und ivies hinein: „Das Volk, das hier hauset, ih>n gehöre ich jetzt mit Leib und Seele, das sind fortan meine Kinder." Denk alten Grünburg'ward ,es unheimlich; der Ata»»! da vor ihm mit dein eiilgefallenen, übernächtigteil Gesicht und dem von Tränen erloschenen Blick sah wie ein Sterbender aus. Er faßte nach seiner Hand, ihn zurückhalten, und sagte bittend: „Höre doch. Dein Soh»! härmt sich um Dich!" Da flammten die Augen Abrahams in finsterer Glut. „Mein Sohn ist ein Abtrünniger", rief er zornig, „beim Leben des Allmächtigen ich will ihn niemals Wiedersehen." Er riß sich los und dnrchschnitt in jugendlicher Hast den langen, schmalen, mit Menschen überfüllten Raum. Grünburg hätte über Köpfe und Leiber treten müsse», ihm zu folgen; er sah nur noch, wie Abraham gebückt durch die niedere Ausgaiigsforte schwankte und verschwand. Hinter dem Schuppen breitete sich freies Feld. Es war eine sternenklare Januarnacht. Im Westen schwebte die Mondsichel in dem tiefen Blau, das östliche Himmclstor schien lvie von einem herannaheildeil Nordlicht leicht gerötet. Ans dem mit steifgefrorencil Schnee bedeckte» Furchen des Feldes lagerten die Flüchtlinge: Mensche» jeder Altcrstufc und mancherlei Standes, der berufsmäßige Schnorrer,. wie der achtbare Bürger, der Knall und Fall sein Häuschen vermißern mußte, lagerten da; hier tauchte ein blasses Jünglingsgesicht auf, mit Brille und. kleinem Bärtchen, ein vertriebener Student, dort

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