Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26. Ente 5 Frankfurter Israelitisches FamilienRatt. N |(i- I Cigarren I Uebfran Partien gärreri garetten erstklassigen Ursprungs. UQlleP, gr. Eschenheimerstr. 31. Uebfranenstr. 1/3. Taunnsstr. 47. I stand ein stcinaltcr Chassid mit. cisgrancm Bart, das Käppchen auf dcnl kahlen Haupte zurückgcschobcn, Gcbetriemcn an der Stirn, eine echte Ahasverusgcstalt, und gleich daneben sas; auf der Erde ein schwarzäugiges Weib, kaum sechzehnjährig und sang ihren Säugling in den Schlaf — ein Kind mit einem anderen Kinde. Biele hatten sich ein Strohlager zurechtmachcn und mit Decken und Tüchern verhüllen können; an manchen Stellen sah man auch eine Familiengruppc um Feuer kauernd, cs wurde Tee gekocht und man 'ließ Erdäpfel in der Asche braten. Leider nicht die Minderzahl lag ohne wärmende Hüllen, schutzlos der Januarkälte preisgegeben; zuweilen wimmerte ein Kind. I Und Abraham schritt ihre Reihen entlang, und!da er all das Elend sah und nicht einem von diesen allen zu helfen vermochte, da ging er seitab, gegen Osten, wo er die Stadt liegen sah, und schüttelte in ohnmächtiger Wut seine Fäuste gegen die Dränger und schüttete vor Gott sein Gebet und seine Klagen aus: „O ahnde an den Frevlern ihre Bosheit und ihr Vergehen und bringe zu Ende den Stolz der Uebermütigcn, und den Hochmut der Tyrannen schlage danieder! Möge das Schreien aus ihren Häusern gehört werden, wenn Du unversehens die Kriegerschar bringst über sie, dieweil sie uns die Grube graben, um uns zu fangen, uns die Fallstricke zu legen vor unfern Füßen. Du Gott weißt es, wie all ihr Ratschlag nur ausgeht auf unseren Tod. Möge ihre Schuld nie gesühnt werden, ihr Vergehen nicht verlöschen vor Deinem Angesicht, nrögen sie uiedersinken und »immer vor Dir bestehen! In der Zeit des Griinmes lasse ihre Weiter kinderlos werden, ihre Mäimer vor dem Schwerte fallen in der Schlacht . . ." Und Abraham stand die halbe Nacht betend und jammernd, bis er ermattet, von Schmerz und Schwäche übermannt, niedersank und schlief. Er träumte, es wäre Sommerzeit und auf unermeßlich hohem Felde wüchse mannshohes Korn; goldig nickend im Winde rauschten die vollen, gesegneten Aehren. Es war ein fruchtbares Land, das sich im Osten dehnte, er sah Gärten mit den schönsten, reife Früchte tragenden Bäumen, und stattliche Weinberge, wo jede Rebe dreifach trug die süßesten, blauen Trauben. Da dehnten sich blühende Wiesen mit saftigem Rasen, auf denen feiste Rinder weideten; es war ein Land, indem nrllder Frühling und reifer Herbst zugleich segensreiche Herrschaft übten. Abraham wußte, daß dieses herrliche, begnadete Land Rumänien sei. Er saß am Feldrain und betrachtete die prächtige Ernte, die da gedieh. Auf einmal verdüsterte sich die Sonne; ein giftgeschwollener Hauch strich über das Land; lautlos ohne Füße glitt sie unter die Mengen der Völker, die Riesenschlange der Pest — wen ihr Oden anwehtc, der sank ins Grab: Fürsten, Bürger, der falsche Priester wie der Bettler am Stein. Es kam Sturm und Untoetter, die Trauben verdorrten, die Frucht faulte am Baum. Da schritt der Mangel durchs Land, mit ehernem Fuß zertrat er das reife Korn und überfiel den Landmann, wie ein gewappneter Mann. Und über diesem durch Hunger geschwächten, durch Pest vergifteten Lande sah Abraham am Himmel das feurige Zeichen des Schwertes — ein Riesenschwert, gemacht zum Blitzen, gewetzt zum Würgen, ein Schwert, das Erschlagene will.. Zitternd lag er, fnrchtbebend, ein schwacher, sündhafter Mensch, da schallte eine. Donnerstimme an sein Ohr: „Glaubst Du, Kleinmütiger, daß der Gott nicht mehr vergelte, der Pharao ins Meer versenkt? Zu Eurem Heile führe Ich Euch hinaus aus diesem Lande — und tveiden sollen die frühgequälten Armen, und die Verletzten in Sicherheit sich lagern, indes Ich jenen Stamm durch Hunger töte, der ihren Ueberrest erwürgt. Ziehet hinaus! In Freundlichkeit geleite Ich Euch, führe Euch lau Wässcrbäche Mus gerader, ebener Straße, daß Ihr nimmer straucheln könnet; denn Ich bin.Israel ein Vater, der seines Kindes nicht vergißt." Da erwachte Abraham; gestärkt und voll Zuversicht erhob er sich wie ein junger Mann. Ucbcr dem Lager der Flüchtlinge stand die goldene Morgensonne; das Volk tummelte sich zum Aufbruch, ■ sausend und donnernd rollte der „Wiener Zug" ans den Bahichof heran. Fm Dittiiih ML A. WM Schlllaratn. 18m Telephon I, 8630. Seifen, Liebte, Kamm- und Bürsteimaren, Besen etc. Cosnretische Spezialitäten. .. Sie stürmten die Wägen, Abraham half, >vem er helfen konnte; er brachte es fertig, zehn Personen zugleich Rat zu erteilen und Nnldfrcmde, umherirrende Kinder ihren Eltern zuzuführen. „Einstcigen!", schrie ihn der Schaffner an, „vorwärts"! Abrahams Blick suchte noch einmal das Bahnhofsgebäude — an einer der Ausgangstüren gewahrte er eine große, elegante Frauengestalt; sogleich sprang er in den Wagen, schlug die Tür hinter sich zu und versteckte sich im Hintergründe, er wollte Helsia. durchaus nicht scheu. Jetzt, langsam, setzte sich der Zug in Bewegung, ein lctztcsmal reißt der Kondukteur die Tür auf und schiebt einen kleinen Jungen hinein, der die langgebauten Wagen hindurchläuft, au all dem Wirrwarr der Passagiere vorbei, mit unfehlbarer Sicherheit auf Abraham zu: „Großpapa, lieber Großpapa!" „Herr Gott, Junge!", schrie Abraham, zu Tode erschrocken, „nullst Du wohl hinaus??!" Aber Gabriel sprang ihm an den Hals und legte leidenschaftlich die Aermchen um ihn. „Nein, 'Großpapa, ich bleibe bei Dir, Du mußt ncich bei Dir lassen!" Es war zu spät, das Kind wieder herauszubringen, der Zug war in vollem Lauf. Gabriel stellte sich vor den Alten und redete zu ihm, ernsthaft, wie ein großer Mensch: „Großpapa, Mama hat mirs eingelernt. Dir zu sagen. Du sollst mich bei Dir behalten und als Juden erziehen, das bischen Wasser haftet an mir nicht", er fuhr sich lachend durch das schwarze Gelock. „Mama sagt, mein jüdischer Kopf ist echt, der ist in der Wolle ■ gefärbt. Sie wird Dir auch Geld schicken für mich..." „Du wirst Deine Mutter allein lassen?", fragte Abraham zitternd. „Mama läßt Dir sagen, daß sie wieder ein Kind haben wird", fuhr Gabriel wichtig fort. „Und warte Großpapa, jetzt kommts schwer," er richtete sich höher auf die Zehen und sah mit seinen großen, schwarzen Augen dem alten Manu fest ins Gesicht: „Mama bittet Dich, Du sollst ihrer und meines Papas nicht in Groll gedenken und von Dir Nachricht geben, mich aber sollst Du mit Dir nehmen, damit ich ein freier Mensch werde im Lande der Freiheit. Lieber, einziger Großpapa, ich bin Dir ja so gut!" Da druckte Abraham den Jungen ans Herz und fuhr mit ihm und all den andern nach dem Laude der Freiheit. , Ende. 9egr. No. 9. Deutsohe'National-Mlschung M.3.—.VNo.|2§.,/reespitz.M.2.50. No. 3. Wedda Assam-Peckoe-Miscb.M. 3.20. No. 30. TeegTassM.1.80. Kakao Soma Mk. 2.40, 3 — Erinnerungen aus de» Tagen der Kindheit. Bon Bergingenieur, L. Rosenthal (Basel). (Fortsetzung.) Entstanden war der Brand mutmaßlich durch den heißgelaufenen Zapfen der Schälmühle oder vielmehr durch die Fahrlässigkeit des darin beschäftigten Mühlenknechtes, der es versäumt hatte, nach Feierabend ihn mit Wasser zu kühlen. Der Stein der Schälmühle lief so enorm schnell, daß nicht nur der Zapfen, sondern auch sein Lager sich erhitzte. Schon mehrere Male war cs vorgekommcn, daß das unmittelbar darunter befindliche Holzlverk sich gebräunt und zu glimmen angefangen hatte. Ich begreife heute noch nicht, tute man, trotz dieser offensichtlichen Warnung, nichts weiter dagegen tat, als daß der Mühlbursche von Zeit zu Zvit ein wenig Wasser auf den Zapfen gießen mußte. Das brodelte und kochte jcdesinal, toenn es geschah, ein Beweis, wie heiß das Metall tvär. Und wie leicht, wie einfach wäre es getvcscn, jede Gefahr zu beseitigen. Keine 3 Meter höher lief das Wasser in der „Renne", den: Rade der Oelmühle zu, nnd durch Anbringung eines Röhrchens mit Hahn hätte man beständig den Zapfen' kühlen können. Die Ableitung des dünnen Strählchcns in das dicht neben der Außenmauer befind- .liche alte Bett der Rühre wäre auch eine Kleinigkeit gewesen. lieber ein Menschenalter ist seitdem vergangen. Aber inr Geiste sehe ich noch immer das trauliche Gcwinkel unserer damaligen Wohnung, die außergewöhnlich hohe, vordere Stube, von der mau auf ein paar hölzernen .YiäwwJNWV r i 3sr_ EOSENATT Herren-Schneiderei 10 Goethestrasse IO. Vornehme Ausführung. Massige Preise. j Stufen in das viel niedrigere, eigentliche Wohnzimmer, Hinabstieg. Weitere Treppen und Treppchen führten rechts in die tiefliegende Küche hinimtcr, links zur Oelkammer und Mühle, sowie hinauf zu einem Schlafgemach, von dessen Fenstern aus man mit der Hand in das Mühlgerinne langen koimte. Das stand auf hohen Holzpfeilern, und wo es nicht ganz dicht war, tropfte es. Im Winter bildeten sich an solchen Stellen oft zentnerschwere Eiszapfen. Es machte mir stets Vergnügen, wenn ich sic mit einer Stange abstoßcn konnte und sie mit donnerndem Geräusch in die Tiefe stürzten. Auch das große Mühlrad vereiste manchmal, wenn es stillstand, was aber selten vorkam. Tag und Nacht mußte es sich drehen. Zwei Schlagknechte und meine Brüder lösten sich beständig ab. Auch ich habe oft stundenlang das Walz- und Stampswerk und die Presse bedient; . mit 12 und 13 Jahren fühlt man sich schon ein wenig. Bon dem wuchtigen Niederschlagen der Rammen zitterten Wände und Fußböden, und es fehlte einem ordentlich, etwas, wenn das dumpfe Dröhnen, Poltern und Schüttern einmal aussetzte. Nach dem Brande mußte die Mühle aber volle 6 Wochen stillstehen. In unserem Schcuneugebäude wurden zwei Leine Räume zu Wohnstube und Küche notdürftig hergerichtet. - Da ging es eng her, und es gehörte die ganze Anspruchslosigkeit jener Zeit dazu, um über diese Misere hinwegzukommen. Wir bauten dann ein neues, massives Haus, wozu ein ebener Platz erst durch umfangreiche Erdarbeiten geschaffen werden mußte. Das dabei gewonnene Material - wurde über die schuttersüllten Keller der Brandstelle ausgebreitet, wodurch später ein dritter Garten mit schöner Terrasse entstand. Das neue, freistehende Haus mit seiner großen, zweiseitigen Sandsteintreppe, seinen Postamenten, Solbänken, Gesimsen, dem zierlichen Erker und den noch zierlicheren Türmchen an den vier Ecken, machte einen förmlich schloßartigen Eindruck. Auch unter seinem Dache habe ich später noch herrliche Jugendtage verlebt, wenn ich besuchsweise nach Niedermeiser kam. — Denn ich war jetzt 14 Jahre alt und mußte fort von Haus, um mich in Kassel zur Aufnahme in die polytechnische Schule vorzubereiten. Die schöne Zeit der durch nichts getrübten Kindheit war vorüber. Mit den Ansangsgrüuden der Mathematik mußte ich mich jetzt abplagen. Wie ein FWen von der freien Weide hatten sie mich eingefangen und ins Geschirr gesteckt. Mir war trüb zu Mute. Mit Sehnsucht dachte ich zurück an das Leben in der Familie, an meine Spielgcnossen, an die Berge nnd Wälder, die ich so oft, einem seltsamen Hang zur Einsamkeit folgend, allein durchstreift hatte, auch die gewohnte Kost vermißte ich, und wenn diese letzte Regung auch etwas Prosaischer Natur war, trug sie doch mit dazu bei, mir den Aufenthalt in Cassel zu verleiden. Ein unendliches Heimweh überkam mich. Erst nach Wochen konnte ich cs einigermaßen vernnnden. Doch gab cs auch Lichtblicke. Jeden Freitag erschien der Botenfuhrmann Ncumeier und brachte von der lieben Mutter ein Kistchen, gefüllt mit einem Laib heimischen Brotes, einem großen Stück Rauchfleisch oder einer harten Knoblauchswurst. Auch ein Töpfchen Gänseschmalz fehlte selten. Ganz unten lag dann ein Briefchen mit einem Fünfgroschenstück. Die gute Mutter! — Mit doppelter Macht Packte mich dann das Heimweh, so daß ich in Wirklichkeit oft „mein Brot mit Tränen aß". Ja, sie war vorüber, die erste und schönste Zeit der Jugend. Kalt und ernst schaute die Gegenwart mich an. Wohl habe ich in meinem späteren Leben noch viel Herrliches genossen und geschaut. Meere habe ich durchschifft, fremde Länder und Völker kennen gelernt. Die Pracht der Tropen erschloß sich mir — durch das Dunkel der Urwälder habe ich mir den Weg gebahnt, hoch noch über den Wolken, auf den eisigen Graten der höchsten Gebirge gestanden, den Donner der Erdbeben gehört und die glühende Lavaflut den Bulkanschlünden entströmen sehen. Man sagt, jede Reise sei ein Trunk aus der Quelle des Lebens. Nun, damr habe ich manchen tiefen, köstlichen Zug daraus getan. Aber wenn ich mich zurücktränme in die Vergangenheit, so war doch das Schönste — mein Kindhcitsparadies in Niedermeiser. > I ©ffenbaeher Drnekliift"liilaig»| I Offanbacha.Ho Telefon 123. 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