Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 25 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692948--09040-2704216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. und jdeur reinen, edlen Wunsche, ihm Ehre zu machen und sich seines Judentums würdig zu erweisen. Uild fast alle diese Soldaten, deren Briefe uns die Sammlung bringt, machen in der Tat ihrem Judentum Ehre. Mit großer Befriedigung dürfen wir cs sagen: Unsere Soldaten sind tapfere Kämpfer, rielc von ihnen wahre! Helden. In unserem großen deutschen Millionenhecr bildeir die jüdischen Soldaten keine Ausnahme; und an der großen 'Zahl von Heldentaten, die unsere Kämpfer in diesem Kriege bereits vollbracht haben, haben sie ihren guten Anteil. Und was diese Tapferkeit, dieses Heldentum noch so erhöht und adelt, ist die Bescheidenheit, mit der er sich überall paart. Es ist schon manchmal gesagt worden, daß in unserer modernen Zeit, ganz besonders in diesem Kriege, ein neuer höherer Typus des Helden zu entstehen beginnt. Nicht mehr selbstherrlich, prunkend und eitel, hoch zu Rosse daherreitend mit heroischer Gebärde ist der nuderne Held, sondern schlicht und bescheren, wie selbstverständlich vollbringt er Hendentaten, verschwindet meist in der großen Menge des Ganzen, fühlt sich nicht als individueller Heros, der aus die Menge verachtungsvoll, herabblickt, sondern empfindet sich nur als Diener dieser Menge, dieser Gesamtheit. Dieser neue, soziale Typus Tbeg Helden ist in so manchen Gründungen seines Wesens ein jüdischer Typus. Unsere gesamte Diasporageschichte hat uns zu solchen Helden erzogen, und Hunderttausende solcher namenlosen schlichten Hjelden hat das Galuthleben hervorgebracht. So ist es kein Wunder, daß gerade diese Züge des modernen Heldenchpus an unseren jüdischen Helden, deren wir so viele in der Front haben, besonders stark zum Ausdruck kommen. Wie rührend und imponierend' zugleich ist die Art, wie die einzelnen den Empfang ves Eisernen Kreuzes schildern; sie sind sich oft kaum bewußt, daß sie eine besondere Leistung vollbracht haben, sie haben ja nur ihre Wicht erfüllt, wozu das Lob und die Auszeichnung! Ich konnte Ihnen, meine Freundin, noch viel von diesen Kriegsbriefsn erzählen, denn unerschöpflich sind sie als seelische Dokumente, als Seelenoffenbarungen. Und was wichtiger ist, noch sehr viel Schönes und Erhebendes könnte ich Ihnen erzählen; denn Goldgruben von Seelengröße uiid Charakteradel liegen in diesen Briefen, und mit Stolz und Freude wird jeder Jude diese Briese lesen, die vom Heldentum seiner Brüder erzählen. Jetzt, in dieser großen Zeit der Not und des Leiiws offenbaren sich all' die starken und wertvollen sittlichen Kräfte, die in den Seelen unseres Volkes ruhen, und die im Mltagsleben nur allzuoft von dem Schleier der hohlen Konvention und entsittlichenden Zeitmode überdeckt sind. Der Krieg wirkt reinigend und läuternd; er enthüllt die verborgenen sittlichen Kräfte und läßt neue erwachsen; er erzieht rmd adelt. Ich kann meinen Brief nicht schließen, meine Freundin, ohne Ihnen zum Schluß die Worte zu zitieren, die einer der besten unserer jungen jüdischen Helden, unser Martin Feist f. A., in einem seiner letzten Briefe geschrieben hat: „Möge auch diese Zeit, so gingen meine Gedanken wetter, reinigend hineinfahren in unsere Frankfurter Gassen, möge man verstehen lernen, daß man bisher zuviel danach gefragt, wer reich, wer arm ist. Weg mit der Anbeterci des Reichtums, entfernen wir diesen Götzen aus unserem Herzen, und unser Frankfurt wird sehen, daß cs noch ein Höheres gibt, und das heißt: „Mensch sein". Möge dieser große Moment ein großes Geschlecht finden, möge er uns veranlassen, uns selbst zu erziehen, daß wir nach delm Kriege ein Leben mit neueü Begriffen, neuen Borstellungen beginnen können." Was in diesen edlen Worten so klar und scharf zum Ausdruck gebracht ist, finden Sie in Men anderen Briefen gesägt, meist unausgesprochen, aber doch als natürlich erwartet und vorausgesetzt. Und das ist neben allen anderen eine der tröstlichsten Erscheinungen dieses Krieges, die uns helfen können, uns mit ihm zu versöhnen, daß er für Millionen Menschen eine adelnde, läuternde Kraft bildet, die sie über die dumpfe, abstumpfende Banalität des Alltagslebens mit seiner alles beherrschenden Erwerbsgier hinaushebt und durch die Größe des Schicksals, das sie erleben, besser und reiner werden läßt. kl. —n. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Die Lemberger Pogrome. Der erste Pogrom unter der russischen Herrschaft fand am 27. September statt. Gegen einen Juden war die lachhafte Beschuldigung geschleudert worden, einem Kosaken Geld aus der Lasche gestohlen zu haben; ferner wurde behauptet, daß während der darauffolgenden Schlägerei angeblich aus einem Fenster ein Schuß abgefeuert worden sei. Es wurde ein Schnellfeuer gegen die Häuser eröffnet und von den Kosaken geraubt und gemorder. Als Graf Bobrinsky ini Oktober als Geueralgouverneur nach Lemberg kam, begann die Herrschaft der Lchrana und damit die Zeit der Verhaftungen. Jede Nacht wurden Leute aus den Betten geholt, und bald waren mehr als 10,000 Polen und ebensoviel Juden verhaftet und wurden nach Rußland weggeführt, Frau und Kinder in der größten Not zurücklassend. Eine Rettung.vor diesem Schicksal gab es nur durch fortwährende Bestechungen. Manche Polizisten hatten auf solche Weise eine Einnahme von mindestens 50,000 Rbl. Der zweite Pogrom nahm im Liczakower Viertel seinen Anfang, wo ohne jeglichen Anlaß Juden niedergemacht wurden. Diese Vorgänge wiederholten sich eine Zeitlang allabendlich zwischen 7 und 10 Uhr. Einmal traten die Russen vier Juden, nachdem sie sie aus einem Wagen herausgeschleppt und ausgeraubt hatten, mit den Stiefelabsätzen buchstäblich zu Tode. Arbeitslose! Lodz, 25. Juni. Polizeipräsident von Oppen hat Petrokower- Straße 108 ein Arbeitsamt errichtet und es der Leitung eines bewährten Fachmannes, des Direktor Zirker, unterstellt. Tausende jüdische Arbeiter sind in Lodz beschäftigungslos. Bisher haben hauptsächlich deutsche Kohlengruben die Vermittlung des Arbeitsamtes in Anspruch genommen, und diese Kohlen^ gruben wünschen keine jüdischen Arbeitskräfte, weil sie zu Unrecht glauben, diese seien körperlich nicht kräftig genug. Hier erwächst den sozial tätigen jüdischen Vereinigungen Deutschlands eine dringende Aufgabe. Sic müssen einerseits zu erreichen suchen, daß die Kohlengruben jüdische Arbeiter nehmen, und andererseits tzen jüdischen Notleidenden Lodz' in Deutschland auch andere Arbeitsgelegenheiten zu verschaffen bemüht sein. Schülerspeisung und Notküchen in Jerusalem. Die Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung — Sitz: Frankfurt a. M. — erhielt von Fräulein Therese Dreyfuß, welche vor einigen Monaten nach Jerusalem znrückgekehrt ist, um die geplanten Not- SuppenAchcn zu errichten und zu leiten, folgendes Schreiben vom 20. Mai: < „Dieser Tage empfing ich die ans Amsterdam telegraphisch überwiesenen 10,000 Frs. Ich bin so sehr dankbar dafür, denn es'.kam gerade zu einer Zeit, wo ich mich gezwungen sah, die Küchen zn yergrößern. . . Es werden zur Zeit gespeist: 1. in der Küche am Deutschen Platz in der inneren Stadt 155 Kinder der städtischen Talmudthoraschuleu, 40 Kinder der Marokkanerfchule, 100 sesardische Kinder, 20 Jemeniten, 40 Waisenkinder, 20 Portionen an Familien und 70 Essen an jüdische Straßenkehrer. 2. in der Küche Mea Schearim außerhalb der Stadt 150 Zöglinge der städtischen Talmudthoraschuleu, 50 Kinder der Jemcnitenschnle, .35 Kinder der sesardischen Doresch Zionschnle und 50 Kinder der Grnsischen Gemeinde. Das tägliche Essen besteht aus einer kräftigen Suppe mit Brot. Für die innere Stadt habe» wir einstweilen die Mume der „Armen- und Pilgerwohnnngen" auf dem Deutschen Platz als Speisezimmer eingerichtet und gekocht wird im Freien. Hoffentlich kommen sie bald in die Lage, die Rotküchen zn vergrößern und mich räumlich besser anszngestalten." Inzwischen sind weitere größere Beiträge.zur Erlveiterung der Küchen seitens der „Deutsch- Holländischen Palästina-Verwaltung" zur Verfügung gestellt worden. Patriotische Suudgebuug in Marienbad. Aus Anlaß der Eroberung ihrer Heimat und deren Hauptstadt Lemberg veranstalteten die in Märienbad untergebrächten galjzischcu Flüchtlinge eine große Frendenkimdgebnng. Nr. 2& Mittwoch nachmittag marschierten sie in geschlossenen Zuge vom „Hotel-National" ab. — In Vierreihen geordnet, ginge:' die Greise vorm;, dann folgten die jüngeren Männer, dann die erwachsenen Mätzchen nnd zum Schlüsse die Schulkinder. Dem Zuge voran schritten die Rabbiner Aschkenaz'y ans Przeworsk, Mari lies aus Dubiccko Dr. Diamant aus Marienbad nnd der Präsident des Hilfs--Komitec für galiz. Flüchtlinge, Siegfried B n xb a u m. In den Straßen, durchs die sich der Zug bewegte, hatte sich eine nach, Tausenden zählende Menge angcsammelt. — Bor dem Amtsgebände der Bezirkshauptinannschaft nahm der Zug in langer Front Aufstellung. Die Schulkinder sangen die Volkshymmne. Hierauf erschien Bczirkshauptinan» von Br echter. Der Präsident des Hilfs-Komitees B u x b a n in. hielt eine Ansprache, i» der er der Freude über die siegreichen kriegerischen Ereignisse in Galizien Ausdruck gab und den Bezirkshauptmani' bat, die Glüüwünsche und de» Ausdruck unwa»- barer. palrioiischer Gesinnung der galizischen Judenschast an die Stufen des Thrones gelangen zu lassen. Er schloß seine Ansprache mit Hoch-Rufen ans unsere Monarchie und die verbiindete.il Kaiserreiche, in die die Flüchtlinge begeistert einstimmten. Bezirkshauptmann von Brcchler sprach seinen Dank für die patriotische Kundgebung aus. Dann setzte sich der Zug, von den Menschenmasscn begleitet, zur Wohnung des Präsidenten des Hilfs-Komitees für galiz. Flüchtlinge in Bewegung, woselbst sich die Kundgebung in ähnlicher Art wiederholte. Herr B u x b a u m erschien am Balkon nnd hielt eine sehr begeisternde Ansprache. Dann ging es, unter Absingung patriotischer Lieder durch verschiedene Straßen, die im Flaggenschmnck prangten, nach dem' „Hotel-National" zurück. B. S., Bankbeamter aus Lemburg. Flavins Josephus und seine Zeit. Bon AhronMarcus. Josephus Persönlichkeit nnd Charak ter. Bevor wir Josephus als Historiker eingehender besprechen, wollen wir uns mit seiner Persönlichkeit und seinem Charakter näher befassen. Er schildert seinen Lebenslauf in seiner Autobiographie, die als Verteidigungsschrift gegen Justus von Liberias dienen soll, der seine Handlungsweise im Kriege stark tadelt und ihm Vorwürfe macht, die aus Josephus Entschuldigungen nicht ganz deutlich zu erkennen sind. Justus Gcschichtswcrk selbst „Ueber die jüdischen gekrönten Fürsten" ist verloren gegangen. Kurz gefaßt lautet die Lebensbeschreibung wie folgt: Geboren zu Jerusalem int ersten Regierungsjphrc des ,Gäjus Caligula (3798) als Sohn des Priesters Matthias, geb. int 10. Regierungsjahre des jüdischen Königs Archelans (3767), Sohnes des Joseph, geb. im 9. Rcgicrungsjahre der Königin Alexandra (3699), Sohnes des Matthias mit Beiname der Bucklige, geb. im 1. Rcgierungsjahre des Hasmonäersürsten Jochanau H y r t a n o s (3668), Sohnes des Matthias, der die Tochter des Hasmonäers und Hohenpriesters Jonathal» zur Frau hatte. Dieser Matthias war der Sohn des Simon mit Beinamen Psellos (der Stotterer), Zeitgenossen des Hohenpriesters Simon, des Jüngsten unter den 5 Söhnen des Hasmonäers, der nach Jonathan's Tode die Herrschaft übernahm. (3619—3627).* Auf diesen Gcburtsadel, dessen Glanz noch durch die Abstaiiiiinlng ans königlichent Geblütc durch! die Staminmutter, die Hasmonäertochter, erhöht wurde, tat sich I o - s e p h u s soviel zu Gute, daß er sich zu folgender Aeußerung berechtigt fühlt: „Indem ich meinen Stammbaum, wie ich ihn in den öffentlichen Urkunden vorfand, veröffentliche, sehe ich mit Verachtung auf diejenigen hinab, die mich verleumden wollen." Mit welch peinlicher Genauigkeit diese Stammlisten geführt wurden, erhellt aus Esra 2, 61 bei der Rückkehr unter C h r u s, wo trotz des Priestcrmangels inehrere Prie< ster aus den Ilbteilnngen CHabaja, Hakoz und Barsilai, von denen die letzteren noch dazu durch Abstaninning mütterlicherseits von Barsilai dem Gileadenser, dem Freunde David's, ausgezeichnet waren, nicht legitimirt werden konnten, weil ihre Stammlisten verloren gegangen waren. Sie mußten daher aus dem Priesterstamme ansgestoßen werden. Nun war Josephus gelehrt und gebildet genug um zn wissen, daß Geburtsadel allein noch nicht de» Menschen macht. Er konnte jedoch mit Recht auf körperliche, geistige und gesellschaftliche Vorzüge stolz sein, die er mit feinem Takte verschweigt. Er berichtet nur, daß er als Priesterschüler schon in seinem 14. 'Lebensjahr als „Jlnj" bewundert wurden so daß ihn sogar Hohepriester aussuchtc», um von ihm gründliche Gesetzesauslegung zu erfahre». Nun waren, wie wir ans dem Talmud wissen, in den letzten Jahren des Verfalles die durch Protektion *) Es dürfte auffalleii, daß wir in dieser Liste 2 nicht gerade schmeichelhafte Beinamen antreffen, deren Gebrauch .nach dem rabbinischen Gesetze streng verboten sein sollte. Daß Erklärt sich aus dem Umstande, daß bei der strengen Untersuchung der eintretenden Priester ans Fehlcrlosigkeit des Körpers der mit eineni Gebrechen Behaftete zum aktiven Pricsterdienst nicht zugelassen wurde, obwohl er'am Genießen der Opfer und sonstige» Priesterabgaben teilnehmcn durfte. Er wurde daher in den Listen des Tempelarchivs mit der Bezeichnung seines Gebrechens geführt nnd. daher auch in;Priesterkreisen so benannt, Dieser S i ui o n gehörte der Abteilung Jojarib an, der im Range nach ersten von den 24, von denen nur 4 aus dem Exil znrückkehrten, Mischmvrot benannt nach den, Namen des Oberhauptes bei der Einteilung, zur Zeit Davids nnd Salomo's.