Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 25 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juli 1915) Nr. 25 Briefe über den Krieg. ix. Meine Freundin! In der ganzen, bereits turmhoch angcschwollenen Kricgslitcratur gibt cs keine interessanteren Veröffentlichungen. als die Sammlung von Kriögsbriefen. Wer wirklich verstehen ivill, was Krieg bedeutetwer vor allein verstehen ivill, in welcher Weise dieser ungeheure Krieg ans die Millionen der Kämpfenden einwirkt, nehme solche Kriegsbriefe zur Hand. Alles, was ivir hier hinter der Frynt über den Krieg schreiben, ist ja nur logisch. Erdachtes, wir reden nie vom Krieg, sondern über den Krieg; vom Krieg sprechen kann und darf mix, wer ihn mittelbar erlebt hat; und erleben können ihn eigentlich nur jene, die im Schützengraben liegen. Und auch, abgesehen voit diesen! Gesichtspunkt, auch ohne alles besondere Interesse für den Krieg, besitzen diese Kriegsbriefe höchsten Reiz und Wert. Sic sind seelische Dokumente von unvergleichlicher Klarheit und Bedeutsamkeit. Denn, meine Freundin, wenn Sie nur ivenige solcher Briefe von der Front gelesen haben, werden Sie wissen: Diese Leute lügen nicht, prunken nicht; was sie schreiben, ist wahr; angesichts des gewaltigen Schicksals, dem sie stündlich gegenüberstehen, werden sic wahr und aufrichtig wie die Kinder; gewiß, es sind oft nmnchs Phrasen in ihren Briefen zu lesen; gewisse Wendungen wiederholen sich fast bei allen; aber auch diese sind durchaus wahr und intensiv empfunden. So stellen diese Briefe psychologische Offenbarungen dar, wie iiian sie in gewöhnlichen Zeiten in dieser ungeschminkten Aufrichtigkeit nur selten findet; in ihnen können Sie studieren, wie unsere Soldaten in den Tiefsten ihrer Seiele fühlen und empfinden; und haben Sic nur genügend Material vor sich, so bieten Ihnen diese Briefe ein unvergleichliches Mittel zum Studium der deutschen Volksseele und darüber hinaus zum Studium des modernen Menschen überhaupt. Es war daher ein glücklicher Gedanke, eine Sammlung jüdischer Kriegsbriefc zu veranstalten, die uns Ausschluß darüber geben will, wie der jüdische Soldat den Krieg erlebt. Vor kurzer Zeit sind diese „Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden"*) erschienen. Die Auswahl und Zusammenstellung einer solchen Sammlung ist keine leichte Aufgabe, erfordert viel Takt und Verständnis; umso mehr wird man dem Herausgeber Dr. T a n n e n b a u m das Lob zuerkennen, daß er die Auswahl sehr glücklich und verständnisroll vorgenomNten hat. „Maßgebend für die- Aufnahme" — erklärt er im Vorwort — „war das ausgesprochene Verhältnis dös Schreibers zum Judentum, gleichviel welcher Richtung er angehört." Dies ist ein sehr richtiger Standpunkt. Nicht etwa aus Rücksicht auf den Burgfrieden, sondern einfach darum, weil es so nur möglich ist, einen Ueberblick über das gesamte deutsch-österreichische Judentum in seiner unmittelbaren Stellungnahme zum Kriege zu geben. So kommen denn im Buche Vertreter der verschiedensten Richtungen und Berufe zu Wort: Orthodoxe und Liberale, Zionisten und Assimilantcn, schlichte Kleinstadtjuden und überkultivierte Intellektuelle, Studenten und Kaufleute, kurz jüdische Soldaten aus allen Schichten der deutsch-österreichischen Jüdenheit; und man hat daher das Recht, diese Briefe als typisch und .charakteristisch für die Art zu betrachten, in der dör deutsch-österreichische jüdische Soldat den Krieg empfindet und erlebt. Wenn Sie nun diese Briefe durchlesen, meine Freundin, und sich nach den beherrschenden eigenartigen Zügen fragen, die sie charakterisieren, so werden Sie vor allem zweierlei finden: zunächst, sie sind in einem gewissen Sinne ziemlich gleichförmig. Bei all den notwendigen Verschiedenheiten der Charaktere, die Erziohung, Beruf, religiöse Ueberzeugung bedingen, erleben all' diese Soldaten den Krieg doch in gleichartiger Weise; es treten hier weit weniger individuelle Eigenarten zu Tage, als man auf Grund der Kenntnis des jüdischen Charakters annchmen sollte; ihre ^Empfindlings- und Denkweise ist in starkem Grade typisch. Das scheint mir schon die erste bedeutsame Einwirkung des Krieges zu sein. Nicht nur verbindet er die Kämpfenden und darüber hinaus die ganze Nation durch die ehernen Bande gemeinsamer Not und gemeinsamen Kampfes, sondern er nivelliert auch, er uniformiert nicht nur äußerlich, er drängt durch seine ungeheure Wucht allen die gleichen Empfindungen auf; vor seiner überwältigenden Größe verschwinden die vielen in- ' dividnellen Sonderarten, und nur die ganz starken und großen Persönlichkeiten vermögen ihre Individualität auch ihm gegenüber zu bewahrön. Und zu dieser ersten, grundlegenden Eigenart dieser Kriegsbriefe kommt noch eine andere hinzu: sie sind außerordentlich natürlich und gefühlsmäßig und fast gar nicht intellektuell. Auch dies ist eine Erscheinung, dis der Kenner der jüdischen Volkspsyche nicht von vornherein erwartet Hütte; sind wir doch sonst gewohnt, alles intellektuell zu verarbeiten, und ist doch unsere überstarke Jntellckinalität vielleicht unsere hervorstechendste Wesensanlage, unser Segen und Fluch zugleich. In diesen Briefen finden Sie keine Spur von dieser Jntellektnalität mehr. Diese Leute erleben den Krieg durchaus natürlich, schier primitiv. Das Vaterland ist angegriffen, ist überfallen, es muß verteidigt werden. Von irgendwelchem Grübeln und Nachsinnen über das ungeheure Schicksal des Krieges, über seine Tragik und Problematik finden Sie auch nicht ein Wort, Auch dies scheint mir eine Wirkung des Krieges zu sein. Wie die Individualität des Einzelnen gewöhnlich zu schwach ist, um ihm widerstehen zu können, so ist auch die Jntellektnalität des Einzelnen zu ohnmächtig, nur ihm standzuhalten. In einem gewissen Sinne ist ja alle Jntellektnalität unfähig, Erscheinungen von der Größe und Gewalt eines Krieges, wie es dieser ist, zu begreifen; und wir alle erleben den Krieg ja in erster Reihe nicht intellektuell, sondern gefühlsmäßig. Aber bei diesen Soldaten, die im Schützengraben von dem Odöm des titanischen Schicksals, das wir jetzt alle durchleben, unmittelbar umstrichen sind, zeigt sich diese Erscheinung im stärksten Grade. Auch die, intellektuellsten unter ihnen, die sonst sicherlich gewohnt sind, alles, was ihnen begegnet, haarscharf zu analysieren und logisch zu durchdenken, hier haben sie aller Logik und Geistigkeit den Rücken gewandt und leben ganz unter der Herrschaft ihres Gefühles, schlicht, natürlich, nahezu primitiv. Beide Eigenarten dös typischen und des gefühlsmäßigen Erlebens besitzen diese Kriegsbriefe eigentlich nicht als jüdische Kriegsbriefe. Sie teilen sie vielmehr mit allen deutschen Soldatenbriefen, und ich glaube auch mit den Soldatenbriefen der anderen westeuropäischen Völker. Aber bei diesen jüdischen Briefen fallen diese Eigentümlichkeiten besonders aus. Denn wir Juden sind für gewöhnlich stärkere Individualisten und größere Intellektualisten wie die anderen Völker. 'Und man kann gerade daran, daß auch wir diese Eigenschaften im Erleben dieses Krieges schier eingebüßt haben, die außerordentlich machtvolle Kraft der Einwirkung des Krieges auf das Seelenleben des Einzelnen ermessen. Wenden wir uns nunmehr zu den spezifisch jüdischen Eigenarten dieser Briefe. Denn fie besitzen solche; Gottlob, besitzen siü solche. Es ist in hohem Grade beruhigend und tröstend für jeden Juden, zu erkennen, daß der Krieg, der große Gleichmacher und Kehrbesen, das jüdische Bewußtsein der jüdischen Soldaten nicht hat einschlummern lassen, es vielmehr röcht lebhaft geweckt und belebt hat. Unsere Soldaten fühlen sich auch draußen als Juden, ja stärker und intensiver, als Diele von ihnen es in Friedenszeiten getan. In allen diesen Briefen findet man die Bekundung dieses starken jüdischen Bewußtseins, in vielen von ihnen hört man von der Neubelebung des vordem schlummernden jüdischen Gefühls. An den Feiertagen, draußen im Feindesland, vor allem wenn sie im Osten in polnischen Städtchen Juden treffen, komnrt ihr jüdisches Bewußtsein zu mächtigem Ausdruck, und ich bin überzeugt, viele von ihnen, die in den Krieg gegangen sind als indifferente, uns schon halb verlorene Juden, werden aus aus ihm zurückkehren in neu erwachtem, starkem und intensivem jüdischen Selbstgefühl. Es ist sehr interessant, zu prüfen, welchen Motiven dieses fast bei allen erstaMe, bei vielen erst im Kriege erwachte jüdische Gefühl entspringt. Wer sagen wollte, es ströme allein aus dem religiösen Enrpfinden, aus dem Bedürfnis nach Religion, würde nur einen Teil dieser Motive umfassen. Es stehen daneben noch vor allem zwei andere: zunächst die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Genossen und Brüdern im Kampfe. So sehr der jüdische Soldat auch den nichtjüdischen als treuen Kameraden empfindet — und man ist ftoh, konstatieren zu dürfen, daß das Verhältnis zwischen ihnen fast allgemein sehr gut ist —, so führt ihn doch diese Gemeinschastssbedürfnis vor allem wieder zum Judentum zurück. Es ist eine ähnliche Erscheinung wie die vorhin erwähnte: der Krieg sozialisiert; das Individuum verschwindet in feiner Nichtigkeit und Ohnmacht, und kann nur existieren durch den Zusammenhalt mit stärkeren Kräften: zum Teil durch das innige Hinwenden zu seinem Gott, zum Teil durch engsten Zusammenschluß mit seinen Genossen, lind zu diesem religiösen und sozialen Gefühl kommt noch ein drittes hinzu: das Ehrbewußtsein. Der jüdische Soldat fühlt sich verpflichtet, durch seine Haltung im Kriege seinem Judentum Ehre zu machen. Der Jude wird so oft als feig beschimpft; er wird zeigen, daß das eine Lüge ist. In vielen Briefen kehrt dieses Motiv wieder; besonders, wenn einer das Eiserne Kreuz erhält oder befördert wird, ist es der erste Gedanke, der ihn freudig durchfährt. Es wird vielleicht manche geben, die dieses Streben und Bemühen, die Mär voir der jüdischen Feigheit Lüge zu strafen, mit nicht ganz ungeteilter Freude und Befriedigung beurteilen werden; denen es vielleicht als ein Ausdruck apologetischer Aöngstlichkeit, eines unmännlichen Fragens nach dem, was die anderen sagen, erscheinen wird; Md zweifelsohne spielen bei dem und jenem auch solche Motive mit. In den meisten Fällen aber entspringt dieses Streben wirklich der inneren Liebe zum Judentum