Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Frankfurter Israelitisches Famflienmatt. Es dünkte ihm heute absonderlich öde und einsam in seinen Zimmern. George, dieser Schlingel, war nicht da; überall kalt und ungemütlich. Im Salon war es noch am wärmsten, Jemilian legte sich auf den Divan »nd schloß die Augen. Eigentlich wollte er jetzt George zur Rede stellen. Was hatte Denno Liedertrost mit 'George für Vertraulichkeiten? Aber George kam nicht . . . Zwar die Portiere bewegte sich — doch cs war nicht George . . . Da stand Claudia: sic hatte die Hände wie bittend über biti Brust verschränkt und lehnte mit dem Kopf au die Tür/ als ob sie lausche. . . Ein dunkler Schatten lag auf ihrem Gesicht.— Jemilian wußte, daß dieser Schatten der Tod sei — was wollte die tote Claudia bei ihm Geheimnisvolles erfahren? Vor ihr auf den Knien lag ein alter Mann, das war der Patriarch, dessen Freiheit Benno Liedertrost heute abend sich ersiugcn wollte. Nach einer Weile kamen auch Benno und Kalagiccanu, einer nach dem andern herein — Benno hüpfte vor ihnr her, ein Szepter im Arm, eine Krone aus Flittergold auf dem Kopf. Er tanzte und sang und drehte sich höhnisch nickend nach Kalagiccanu um; der machte die längsten Schritte und breitete die Arme aus, aber er konnte Benno nicht mehr erreichen. „Was wollt Ihr von mir? Geht fort!" Jemilian schrie, was er konnte, aber er hörte seine Stimme nicht, denn um ihn summte nd brauste und klang es wehmütig — tränenreich wie ein Totenchor: „Mein Haupt ist krank, Mein ganzes Herz ein Weh, Und mein. Gesang Nur Schmerzenslaut und Klagen.," Alexandru vermochte diese schreckliche Melodie nicht mehr!zu ertragen; er jstcmmte hie Fäuste gegen die Ohren, sie nicht mehr zu hören — da erwachte er. Die Stntzuhr auf dem Kamin schlug neun. Teufel auch, er hatte wohl über fünf Stunden geschlafen. So dummen Schnack zu träumen! Hole der Henker das Alleinsein! Er kleidete sich blitzschnell an'und ging nach dem Theater hinüber. „Ausverkauft", sagte der Portier. „Sie kommen spät, Herr Alexandru, der zweite Akt hat schon begonnen." „Das tut nichts. Einen Logensitz, bitte." „Ich habe nicht einen Platz", bedauerte der Mann, „die halbe Stadt ist im Saal, in einer Viertelstunde ist das Erscheinen des Fürsten angemeldet." .„Eben darum will ich dabei sein", rief Alexandru ärgerlich. Der, Portier zuckte die Achseln. „Wenn Sie mit einem Stuhl im Orchester vorlieb nehmen wollen? Es ist dies ein sehr schlechter Platz." „Meinetwegen! Schnell, schnell!" _ (Fortsetzung folgt.)_ T, Viiä in a« Erlanger Maehf. I Äramer Kalserhofstr. 14 ■ Waschen, Färben und Faponnleren I aller Art Herren- und Damenhüto. ■ — Abholung und Lieferung frei ins Haus. —DD Erirmernugeu aus Le« Tagen der Kindheit. Vom Bergingenieur L. Rosenthal (Basel). (Fortsetzung.) Die jüdischen Handelsleute Niedermeisers machten sich einem stillschweigenden Uebereinkommen zufolge untereinander keine Konkurrenz . Jeder hatte seinen bestimmten Kundenkreis in den umliegenden Ortschaften. Man blickte scheel dazu, wenn der eigene Kunde vom Bruder Sabel, D'niel (Daniel) oder Jermige usw.. aufgesucht wurde. Ganz zu vermeiden war das nicht immer. Höchst drollig hörte es sich dann an, wenn einer sagte: „Das is doch mein Goichc, da haste doch nix z'tun." Einmal war „das Schlabberherzche" über Schabbes da. Der Mann hieß mit seinem richtigen Namen Herz Fränkel und stammte aus irgend einem Städtchen unten an der Weser. Er kaufte von den ansässigen Handelsleuten der Gegend größere Posten Leinwand, die diese nach und nach zusammengebracht hatten. Damals stand bei den Kleinbauern und Taglöhnern der Webstuhl noch in hohen! Ansehen. Auch meinem Vater wurden Hunderte von Steigen Leinwand ins Haus getragen. Die wurden aufgestapelt, bis der Fränkel kanr und sie holte. Den Namen „Schlabberherzche" hatte er von seinem vielen und raschen Sprechen, wobei ein wahrer Sprühregen aus seinem Munde sich über den Zuhörendcn ergoß. Mein Onkel, der Lehrer Müller aus Sontra, der gerade auch zu Besuch da war, wußte sich aber zu helfen, indem er einfach seinen Regenschirm aufspännte, als das Schlabberherzche aus ihn einsprach. Das unstäte bewegliche Männchen war überhaupt nicht beliebt. „Der Fränkel is'n Goi", hieß es. Er achtete nicht die Gebote des Sabbats und der Speiscgesetze, ja man munkelte sogar, daß er am letzten Jom Kippur nicht gefastet und den Entschluß gefaßt hätte, sich taufen zu lassen. Dem Onkel Müller saß stets der Schalk im Nacken, und da er nichts so haßte unc die „Meschummeds" (Abtrünnigen), beschloß er, dem Schlabberherzche eine tüchtige Lektion zu erteilen. Gegen Abend, als die ganze Gesellschaft vneder auf Seligmanns Treppe beieinander war, brachte mein Onkel unvermerkt das Gespräch auf die getauften Juden und erzählte Folgendes: In unserer Medine lebte einer, der hieß mit Vornamen Chonc und war ein „Posche Jisroel", so groß wie man nur einen finden konnte. Er hielt nichts, nicht einmal die höchsten und heiligsten Feiertage. Auch machte er kein Hehl daraus, daß er nächstens die Zahl der getauften Juden um einen vermehren würde. War von ihm die Rede, so sagten all unsre Leut: „Der Chonc is'n Goi!" Und richtig, nach einiger Zeit geht er hin, läßt sich „schmatten" und nimmt den Namen Christian an. Wer hatten ihn früher seine ehemaligen Glaubensgenosse^ verachtet und hieß es bei ihnen: „Der Chonc is'n Goi!", so taten dies jetzt auch die Christen, und sie sagten von ihm: „Der Christian is'n Jud!" Das Schlabberherzche saß da wie Butter an der Sonne, .wurde sehr nachdenklich, und man konnte cs ihm ansehen, daßdas Geschichtchen Eindruck auf cs gemacht hatte. Es hat sich nicht taufen lassen. Auch sonst konnte man von den Alten nlanche Schnurre erzählen bören. Eine, die den Vorzug hat, buchstäblich wahr zu sein, will ich hier wiedcrgcben: In den zwanziger Jahren hatte Niedermeiser noch keinen Chasan. Von dem eine starke Stunde westlich liegenden Herlinghausen oder Herlingscn, >vie es kurz genannt wurde, kam damals, jeden Freitag Nachmittag, ein zierliches Männlein zur Aushilfe herüber. Der Kleine soll eine ganz prachtvolle Stimme gehabt haben. Aber den Herlingsern, die zu jener Zeit eine ansehnliche Gemeinde bildeten, war er als Chasan nicht groß genug, und sie verschrieben sich daher einen anderen. Nun begab cs sich eines Freitags im Winter, daß so viel Schnee gefallen war, wie sich die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Das Rebbeche mit seinen kurzen Beinen versuchte es, durchzukommen, mußte aber sein Vorhaben bald aufgeben. Da kam eine Bauersfrau des Weges, eine wahre Brunhildc an Kraft und Gestalt. Auf dem Rücken hatte sie einen Tragkorb oder „Kööze", in der sie von Niedermeiser ein paar Ferkel holen wollte. Dem klugen „Dreikäsehoch" blitzte ein rettender Gedanke durchs Hirn. Gedacht — gemacht. Gegen das Versprechen eines guten Trinkgeldes bei rechtzeitiger Ablieferung, ließ sich die Riesin herbei, den verhinderten Sänger in ihrer „Kööze" mitzunehmen und stapfte rüstig weiter durch den Schnee. Aber in der Umgebung des hochgelegenen Westerholzes lag er' so tief, daß sie nur langsam vorwärts und erst nach Niedermeiser kam, als schon alles in der Schul versammelt war und ungeduldig auf den lleinen Vorbeter wartete. Dahin trug ihn nun die Brunhilde, und den halb Erstarrten aus der Kööze hebend, sagte sie zu der staunenden Gemeinde: „Da hajje Juggen Rebben!" Zu meiner Zeit wohnten in Herlingscn nur noch ein paar jüdische Familien. Die meisten waren nach der nahen Stadt Marburg oder in die aufblühenden Jndustriebezirke Westfalens verzogen, während das früher so bedeutungslose.Niedermeiser der Mittelpunkt des jüdischen Lebens für die umliegenden Ortschaften geworden war. Selten fehlte es an auswärtigem Besuch. Besonders unser Haus galt als das gastfreieste, und die Mutter hatte oft alle Hände voll zu tun, um es allen recht zu machen. Alljährlich, im November, vereinigte „die Chewrasude", eine Gasterei größten Stils, die Juden der ganzen Gegend in Niedermeiser. Die Chewrasude hier war berühmt, und von weit her kamen die Teilnehmer, um gemeinsame Interessen zu besprechen, alte Bekanntschaften anfzufrischen, neue änzuknüpfen und — last not least — gut und reichlich zu' essen. Die beste Köchin auf weit und breit, das „Eddelche" aus der Garküche der „Zipper" Wertheim in Cassel, mußte her und die Sude bereiten. Das Eddelche war von ausgesuchter — Häßlichkeit und erinnerte unwillkürlich an den Zwerg " Nase im Märchen, wenn es so vor seinen Töpfen mit grotesken Bewegungen hin- und herschoß. Viele Jahre ' später kehrte es alt und „verhuzzelt" nach seinem Heimatsdorf Breitenbach zurück, und da ich ganz in der Seite 5 Nähe, am Fuß der Schauenburg, eine Braunkohlengrube angelegt hatte, sah ich zu meiner Uebcrraschung eines Tages das Eddelchen wieder; es kam mit einem kleinen Handwagen, um sich ein paar Säcke Kohlen zu holen. Selbstverständlich nahm ich ihm dafür kein Geld ab, und hat, es auch für die Folge stets freien Brand gehabt. Aber es wurde nicht nur gut gegessen und gut getrunken auf der Chewrasude, sondern hinterher auch! fest — Karten gespielt. Das >var überhaupt zu jener Zeit ein sehr beliebter Zeitvertreib. An den Halbfeiertagen des Pessach- und Sukkothfestcs besonders wurde viel gespielt. Da saßen sie die älteren Leute, die lange Pfeife im Munde, das buntverzierte Samtmühchen auf dem Kopf, gestickte Pantoffel an den Füßen und vergaßen oft Essen und Trinken über ihren Klabrias. Die jüngeren Männer taten hie und da auch mit. Da war hauptsächlich einer aus dem Westfälischen, der das Spiel förmlich als Lebensberuf ansah. Der spielte das ganze Jahr hindurch. Im Aussehen glich er einem Briganten aus den Abruzzen; auch einen Samicl im Freischütz hätte er ohne das geringste Zutun vorstellcn können» denn das braune Gesicht unter dem struppigen, schwarzen Haupthaar, die dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen, die mächtige krumme Nase mit dem Knebelbart darunter, vor allem aber die entsetzlich schielenden Augen, gaben der ganzen Psysiognomie ein so dämonisches Gepräge, daß jeder, der ihn nicht kannte, ihn sicher fiir einen Angehörigen.finsterer Mächte gehalten hätte, wenn er ihm unter den entsprechenden Begleitumständen, z. Bin mondbeschienener Waldeinsamkeit, begegnet wäre. —< Aber trotz seines unheimlichen Aeußeren war er stets zu allerlei Späßen aufgelegt, wobei er sich selbst nicht schonte, denn auf dem Arolser Viehmarkt z. B. stellte er sich neben ein blindes Pferd und sagte mit Bezug auf die Beschaffenheit seiner eigenen Sehwertzeuge: „Nu — besser scheel als blind." Bei dieser Gelegenheit null ich noch einer Persönlichkeit gedenken, vor der ich mich als Kind schrecklich gefürchtet habe. Die kam gleich mit vier Beinen, wovon die zwei stärksten von Holz waren. Der „Krückenseelig" von der Numborg oder besser ausgedrückt, von Naunqburg, einem kleinen Stäbchen an der wäldeckischen Grenze, wo eine verheiratete Schwester meiner Mutter lebte, brachte auf seiner Bettellonrnee alle vier Wochen Grüße von dort, wenigstens führte er sich jedesmal damit ein. Sobald die furchterregende Erscheinung angestapft kanr, flüchtete ich in den hintersten Winkel unserer Stube. Wie eine fette Spinne sah das Monstrum von weitem aus. Auf dem kurzen, dicken Zwergenkörper saß ein verhältnismäßig noch dickerer Kopf mit großen, weit hcrvorquellenden Augen. Die funkelten wie ein Paar schwarze Riesendiamanten. Es hieß der Krückenseelig, spanne sie jeden Morgen auf eine Knopfgabel, um sie zu putzen. Das sonnenverbrannte, bartstoppelige Gesicht, der breite Mund, sowie das auffallend vorspringende, gewaltige Kinn, halfen mit dazu, diesen „Kinderschreck" noch furchtbarer zu gestalten. Die sieben oder acht Stunden von Naumburg her legte er mühelos und weit schneller als ein Fußgänger zurück, — ein solcher hätte überhaupt nicht Schritt mit ihm halten können. Mit fabelhafter Gewandtheit stelzte der Krüppel dahin. Was kümmerte es ihn, wenn die wütenden Dorshunde in seine Holzbeine bissen, es machte ihm im Gegenteil Spaß, denn er verstand es vortrefflich, sie damit während des Ausgreifens' so wuchtig aufs Maul zu schlagen, daß sie mit eingezogenem Schwanz heulend davonstoben. Da ich doch einmal bei den grotesken Gestalten meiner Kindheit bin, kann ich nicht umhin, auch des „Schnabels" von Oberlistingen flüchtig zu erwähnen Ob er. so hieß, well er durch die Nase „schnubbelte" oder weil er eine ungeheure, rüsselartige Oberlippe hatte, die, ivie der Schnabel eines Vogels, seinem. Gesicht vorausstrebtc, mag dahingestellt bleiben. So viel ist gewiß, daß der Jakob Goldschmidt, wie er eigentlich hieß, ein etwas beschränkter Herr war. Aber fleißig — sehr fleißig. Unermüdlich lief er von einem Dorfe nach dem anderen, kaufte Hippel- und Hasenfelle, Hedcngarn, altes Eisen rc. Man erzählte von ihm, daß er einmal am frühen Morgen vor lauter Geschästseifer seine Stiefel verkehrt angezogen habe, d. h. den rechten an den linken und den linken an den rechten Fuß. Im tiefen Schnee marschierte er so zwei Stunden über Westuffeln nach Meimbressen, wo ihn sein Geschäftsftcund Katzenstciu darauf aufinerksam machte, daß er ja die Stiefel verkehrt anhabe. Da ging ein Erleuchten über das feiste, bartlose Gesicht des Schnabels, und in seiner nnbehflflichcn Sprechweise sagte er: „Guck — s'is mer doch den ganzen Morgen so nerr'sch gewesen — ich mußt nor nit warum."