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Neue jüdische Presse · 1915-06-18 · Heft 23 (18.6.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 23 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. schönstem Erfolg gekrönt. 'Es waren die Liebesgabensämmlungen für den Lazarettzug der Großloge und den Lazarettzug P. I der „Jüdischen Krankenschwestern". In neu eingerichteten Nähstube der- Weiblichen Fürsorge wurde die Wäsche für den Lazarettzug _ der Jüdischen Schwestern zum großen Teil genäht; wir übcrnichmen die Besorgung uiw Ausgabe der Stoffe an die Nähstube und die Aufsicht über die richtige Ablieferung der Wäsche. Die Notweirdigkeit, in dieser schweren Zeit unsere häusliche Wirtschaftsführung mit den vorhandenen Vorräten in Einklang zu bringen nnd dabei doch für eine nahrhafte, gesunde und billige Kost Sorge zu tragen, veranlaßte uns, ein Kriegskochbuch! für die rituelle Küche herauszngeben. Wir hatten unsere' lieben Schwestern aufgefordert, sich! jeden Donnerstag 511 einem Strickabend hier zusammenzufinden. Die angefertigten Arbeiten wunderten in unsere Liebesgabenkiste für unsere Krieger. Daß unsere spezielle soziale Arbeit, die Hauspflege, auch während der Kriegszeit in gewohnter Weife behandelt und eher noch vertieft wurde, bedarf wohl kaum der Versicherung. Jsrael't. Waisenaustalt. Die Ist. Waiscnanstalt veröffentlicht ihren 41. Jahresbericht. Am Ende des Jahres genossen in der Knaben-Abteilung R Zöglinge die Wohltaten der Anstalt. Aus der Schisf'schen Stiftung wurden im Laufe des Jahres 19 in den bürgerlichen Beruf eingetretene Zöglinge verpflegt, davon 9 in der Anstalt selbst. Die Mädchen-Abteilung zählte 21 Zöglinge. Der Rechnungsabschluß für die Knaben-Abteilung balanziert mit 63,448 Mk. und der für die Mädchen-Abteilung mit 23,142 Mk. Jahrzeitsttiftllllg für KriegSgefallene. Das große Leid, das jetzt Wer so viele Familien htzrernbricht, hat die Insassen des Gnmpertz'schen Siechenhauscs veranlaßt, eine warmherzige Anregung vorzubringen. In der Anstalts-Synagoge, iü der die Kranken, von inniger Andacht durchdrungen, Befriedigung suchen, da soll auf Wunsch für die auf deui Felde der Ehre in ihrer unberührten Jugend Dahingegangenen gelernt, das Kaddischgebct verrichtet und ein Licht gebrannt werden. Der Vorstand hat nicht nur dieser Anregung stattgegeben, sondern beschlossen, daß in der Anstalts-Synagoge eine Marmortafel errichtet werden soll, auf der die Namen der teuren Helden' als leuchtendes Vorbild verewigt werden sollen. Mit der Jahrzeitsstiftung für unsere Kriegshelden hat das Gumpertz'sche SiechenhauS eine segensreiche Einrichtung getroffen, die gewiß den von schwerem Schmerz heimgesuchten Familien Trost bringen wird durch den Gedanken, daß den Dahingeschiedenen an geweihter Stätte ein ehrenvolles Denkmal gesetzt wird. Nähere Auskunft wird die Verwaltung des Siechenhauses gerne erteilen. |€i I Cigari ■ Uebl Partien garren garetten erstklassigen Ursprungs. Cigarren-HQHer, gr. Eschen heimerstr. 31. Llebfranensi r. 1/3. Xannnntr. 47. I leaülefon. 11 Die Verjagten. Ernss Erzählung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von C. Berg. (Fortsetzung.) Ilebrigens sollten sie darüber in keinem Zweifel bleiben, die Phantasien der Fiebernden gaben ihnen Auffchluß genug. „Ist Euer Vater schon da?", flüsterte sie, „ist er da? Ich brauche nur ein Wort zu sagen, imd er ist frei. Wir gehen zusammen nach dem Gefängnis, Jemllian und ich, und da bringen wir ihn heraus. . . Ihr weidet Euch freuen — Alexandru ist ein sehr guter Mensch, aber mich mag er nicht leiden, ich bin ihm nicht schacht genug. Die andere, die bei ihm war, die hat er lieber." Dann richtete sie sich im Bett auf und schüttelle drohend die Fäuste: „Der Zöllner soll sie nicht wieder hindurchlassen, um keinen Weis, sie stahl mir sein Herz!" Und plötzlich sang sie mit hell schallender Stimme:' „Mein Haupt ist krank — Mein ganzes Herz ciu Weh — Und mein Gesang Nur Schmerzenslaut und Klagen . . ." Sic brach jäh ab und fuhr mit den zitternden Händen an die Stirn: „Nehmet mir die Steine vom Köpft", bat sie jammernd, „sie erdrücken mich. Jetzt muß ich ins Wasser hinunter. Diese Hiebe ist ein widriger, schmutziger Flecken cur meinem Herzen, aber das Wasser spült ihn wieder rein." Der Arzt mühte sich verzweifelnd, des Fiebers Herr zu werden. „Das war der Sprung in den Fluß nicht Frankfurter Israelitisches FanrilienAatt. allein", sagte er kopsichüttelnd, „übermenschlich wühll der Schmerz in dieser Unglücklichen um das, >vas sic verloren hat." Benno lag auf den Knien, die Stirn auf die Bettkante gepreßt. „Warum weint Ihr?" Die Frage Lang so ruhig und vernünftig, man hätte schwören mögen, Claudia wäre wieder bei Sinnen. „Ihr weint um den Men Mann. Haben sie ihn verjagt? Ihr dürft ja jetzt hier bleiben, ' weil Ihr das Wasser auf Euch habt. Warum habt Ihr das getan? ,. . Ich bin auch verjagt, aüsgestoßen aus den Reihen der Glücklichen, denen Liehe für Liebe tvard." Nun wandte sie den Kopf wild nach allen Seiten, sie schien ein Uirbekanntes furchtsam zu suchen; ihr schönes Gesicht verzerrte rasende Angst: „O Gott, mein Gott", stöhnte sie, „wo ist die Tür? Wie komme ich aus diesem Zimmer? Und aus dieser närrischen Tracht? Ich mag vor Scham nicht mehr leben." Gegen Morgen ließ das Fieber nach, Claudia wurde ruhiger, sogar das Bewußtsein schien ihr zurückzukehren. „Mir ist ganz leicht, ganz wohl", sagte sic und sah sich mit übergroßen Augen um. „Erkennst Du uns?", fragte Helsia zärtlich. Claudia nickte. „Ich kenne Euch alle. Du bist Helsia meine Schwester, da ist Dem freundlicher Mann, und Du bist Benno, mein guter Freund, — man soll nur seine wahren Freunde lieben. Legt Eure Hände über mich — so!" Sie seufzte noch einmal ttef auf. „Ach, es ist etwas recht Schönes um das Sterben!"- In der nächsten Minute lag Frau Helsia ohnmächttg an der Erde. Claudia hatte geendet. Neuntes Kapitel. Beweis, daß auch Alexandru Gefühl besitzt. Jemllian hatte sich den nächsten Morgen nach K. auf sein Vorwerk begeben, „in Geschäften", wie er gegen den jungen Groducza, der mit ihm Hinausritt, behauptete. Die Wahrhett war, daß ihm der tägliche, unumgänglich notwendige Krankenbesuch bei seinem Bruder beretts höchlich zuwider schien. Krank sein! Leiden! Alexandru konnte „das nicht sehen"; überdies war ja Leonid in besten Händen, die Baromäer hatten als Krankenpfleger einen vorzüglichen Ruf, und was ihnen an ärztlicher Kunst abgehen mochte, ersetzten sie durch ihre Gebete. Und Alexandru mußte sich ein wenig zerstreuen, das war er nach der Aufregung des vorigen Tages (er nannte das seinen Besuch bei dem blinden Popen) sich wirklich schuldig. Uebrigens, wenn er auf die erheiternde Gesellschaft Groducza's gerechnet hatte, so ließ ihn diesmal die unfreiwillige Komik dieses jungen Herrn völlig im Sttch. Denn vor dem Frühstück ivurde natürlich ein wenig „gejeut"; Jemllian gewann, was ihn in sehr angenehme Laune versetzte, Groducza aber hatte in einer Stunde zwellausend Francs verspielt, ein Verlust, über welchen er sich so unmäßig mit Champagner tröstete, daß ein Diner nnt ihm unmöglich war. Jemllian mußte ihn der Totenkammer überweisen und rüt, ziemlich verdrießlich, allein nach der Stadt zurück. Bor dem deutschen Theater, neben welchem, wie man sich erinnern wird, das Hotel de Paris mit Jemilians Wohnung sich befand, erregte eine kleine Menschengruppe seine lebhafte Aufmerksamkeit. Da standen Kemski, Life Lehmann, sein Diener George und Benno Liederttost, — alle vier in offenbar sehr eifrigem Gespräch begriffen. Life Lehmann hielt ein Tuch vor die Augen und weinte sogar, Kremski spielte alle Gebärden, lebhaften Erstaunens und höchster Bestürzung, so echt, wie vielleicht noch nie, und was allem Verwunderlichen die Krone aufsetzte, Benno Liedertrost schüttelte seinem George die Hände, es fehlte wenig, so umarmten sic sich gar. Eigentlich wünschte Alexandru jedes Zusammentteffen mü den Liedertrost's zu vermeiden, diesmal aber überwog die Neugier seine Zurückhaltung, er rttt mit kurzem Gruß heran: „Was gibt es hier für eine Neuigkeit?" „Fräulein Claudia . . ." stieß Life hervor. „Ah richtig, hat sie sich endlich gefunden?" „Daß wir sie gefunden haben", antwortete Benno, „danken wir der Intelligenz des Herrn George. George, der Fräulein von Moorbach, welche in der Dunkelheit ihren Weg e verfehlte und planlos umherirrte, erkannte, meinen Freund Kalagecianu und mich unverzüglich benachrichttgend uns auf ihre Spur verhalf, hat dann, nach unter erheblichen Schwierigkeiten stattfindender' Begegnung, die Dame gemeinschaftlich mit uns nach Haus geleitet." Nr. 23. „Was Tausend fällt dem ein," dachte Alexandru „der schnurrt ja seinen Satz herunter wie eine ausgezogene Spieldose"; demroch fragte er, apathisch wic immer: „Das ist alles?" „Noch nicht, Fräulein von Moorbach ist heut i» aller Morgenfrühe gestorben." „Gestorben!" Jemllian sprang vom Pferd; George führte eiligst den Rappen ab, er mochte um nichts j„ der Welt jetzt das Gesicht seines Herrn sehen. „Claudia tot?", wiederholt Alexandru erregt „nun, ich bitte doch sehr, daß Sie mir darüber , einiges Nähere mitteilen!" „Ein andermal, lieber Alexandru, gern, ein andermal. Kemski, Life kommt! Vergeben Sic meiner Eile, aber die Generalprobe zum Fest — Sie wissen, ich singe heut den „Czaren". „Sic, Sie wollen heute Abend noch singen?" „Warum nicht?", fragte Benno gleichmütig und fügte hinzu: „Glauben Sie, daß man wegen Claudias Tod den Namenstag des Fürsten, das Fest, seine persönliche allerhöchste Anwesenheit hier, höchstselbster Besuch der Galaoper, Wohltätigkeitsbazare und alles andere zugehörige Brimboriunr um drei, vier Trauerwochen verschieben müsse? „Keineswegs. Aber, daß just Sie singen wolle»! Just.Sie!" : „Die schöne Claudia lebt nicht lvieder auf, auch wenn ist jetzt durch eine plötzliche Absage die ganze Vorstellung gefährde. . . Sie erinnern sich vielleicht: die Mehrheit der- Juden hier ertvartet bänglich einen besonderen Erfolg nach diesem Fest. Und ich habe Gründe noch dringlicherer Art, mich nach oben einzuschnreichcln, vielleicht, daß mein wunderbarer Bariton meinem Vater die Freiheit ersingt ... Life, Kemski, cs ist hohe Zeit! Wir sehen uns doch iw Theater, lieber Jemilian? Die gesamte feine Gesellschaft soll erscheinen. Es wird ein sehr glänzender Abend werden." Er verschwand im Thcatertor, der Direktor und die Soubrette eilten mit, und Jemilian sah ihnen verblüsst nach. Er war empört über Bennos gefühlloses Betrage». Dieser junge Mensch, der das schöne -Mädchen iumschwärmt hatte, wie die.Biene den Lindeubaum, er konnte an Claudia's Todestage singen und Komödie spielen! Claudia tot! Jemllian wurde es ganz eigentümlich weich um den Magen; er wünschte sehr, daß Benno ihn die traurige Nachricht nicht erzählt hätte; das griff ihn an. Ganz leise überkam ihn die Ahnung, daß mit Claudia das einzige Geschöpf der Welt dahingegangen, das ihn selbstlos und herzlich geliebt, daß er nnt ihr ein kostbares, edles Gut unwiderbringlich verloren habe. Es tat ihm recht leid.- Er wollte doch seiner Trauer auch einige äußere Zeichen verleihen. Er trat in einen Handschuhladen und kaufte ein paar schwarze Handschuhe und einen schwarzen Schlips. Sollte er auch einen Flor um den Hut binden? Nein, das sah zu provokativ aus, er ließ es bewenden. Neben dem Handschuhladen hatte sich ein Blumenbazar aufgetan, der einzige in I.; denn die verräucherte, dicke Luft der Fabrikstadt läßt die zarten Kinder FlorcnS jämmerlich welken und verkümmern. „Zeigen Sie mir den kostbarsten Kranz, tvelcheu Sie auf Lager haben!",, sagte Jemllian zu der Verkäuferin. Das Mädchen brachte eine - herrliche Grabkrone aus weißem Flieder, Orangenblüten und Camelien, reich mit Myrtengrün durchflochten, ein wahres Wunderwerk der Treibhauskunst. „Sehr wohl! Ich wünsche dazu eine weiße Seidenschärpe mit goldgestickter Inschrift, bitte noüeren Sic: „Fräulein Claudia von Moorbach gewidmet von ihrem aufrichttg ergebenen Freund Jemllian Alexandru." Ich mache zur Bedingung, daß die Sttckerei bis heut Abend um sechs Uhr ferttg gestellt wird. „O mein Herr, das wird schwer gehen", seufzte die Verkäuferin, „bedenken Sie, nur drei und eine halbe Stunde Frist! Können wir nicht „Ihren aufrichtigen, ergebenen Freund" fortlassen?" „Das würde ich sehr ungern bewllligen", sagte Jemllan verdrießlich, „cs machte sich so viel schöner. Mein Name allein scheint mir nicht seriös genug." - „Nein, nein, mein Herr", rief das junge Mädchen, „dann kann ich den Auftrag nicht übernehmen." Es half Alcaxudru nichts, der „aufrichttg ergebene Freund" mußte fallen; Jemllian tröstete sich, daß er trotz alledem noch immer eine bewunderndes Aufsehen erregende Blumenspendc für Claudias Sarg senden werde. „Aber man wird ja bald satt des starrenden Kummers, Auch Niobe gedachte der Nahrung." Alexandru dinierte wie immer gut und lauge im Theaterrestaurant und ging dann hinüber in seine Wohnung, um Ruhe, zu halten. 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