Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. mehr dauern, und in den größeren Stabten Palästinas wird man die Theater, die Zeitungen, dieAbendkonzertc der Juden finden. Und je nrehr die Kolonisation zninmmr, desto größere Bedeutung gewinnt auch der politische Zusamnrenschluß der Kolonien und das Hebräisch, das ihre Sprache ist." Ich glaube, meiuc Freundin, ivir Dürfen mit diesem Urteil wohl zufrieden sein. Es sagt uns zwar nichts Neues; aber cs tut »och wohl, audj. von anderen. Außenstehenden das bestätigt zu hören, was man selbst behauptet, und sich so zu überzeugen, daß nicht etwa blinde Vorliebe und eitle Selbstzufriedenheit uns zu solchen Bewertungen verführt hat. Für jeden Juden, der die Entwicklung des jüdischen Palästina mit fieberndem Interesse und bebender Hoffnung verfolgt, klingen die Worte Paqucts wie beglückende Nachrichten von gutem Gelingen und hohen Erfolgen, wie erhebende Versicherungen Einstigen Glanzes und kommender Größe. Und auch dafür gebührt ihm Dank. Und nun noch ein letzter Blick auf die andere, allgemeine, weltgeschichtliche.Seite des zionistischen Problems, wie sie in Paquets Buch! zum Ausdruck gelangt. Wir haben ja .im vorigen Briefe die Verwirklichung des Zionismus eng verknüpft mit der großen Aufgabe der Wiederbelebung Vorderasiens besprochen. Auch dieser Gedanke findet in Paquet einen machtvollen Verkünder. Das letzte Kapitel seines Buches: ^,Es ist Zeit" ist ihm gewidmet; es ist von allen Teilen des Buches der erhebendste und kraftvollste. In einer herrlichen Vision verbündet der Dichter die neue Zukunft des Orients und erhebt sich dabei stellenweise zu prophetischer Größe und wütgeschichtlicher Wucht. Im Hafen liegt das Schiff, zur Abfahrt bereit. Am Strande sitzt ein Mann, mit geblümtem Turban mrd gelber Jacke; er fängt Krabben, singt leise vor sich hin, und dann wirst er sich, nieder zuur Gebete. Und.da erkennt es der Dichter: Auch, dieser ist ein Unglücklicher, ein Niedergeschlagener, wie es alle hier sind, besonders die Guten. „Dieser Mann steht unversehrt, doch, todesbang in einer zerfallenden Well." „Doch hinter den: hockenden Ärabbenfischer sehe ich in diesein Augeirblick die halbversteckte Stadt und sehe, größer als sie, die Erscheinung eines Mannes mit der Uhr in der Stadt. Und ich sehe diesen Mann ein Zeichen .geben, sehe in diesem Augenblick vom Herrschastsgebäude der Stadt die rote Flagge heruntersinken und an ihrer Stelle ein anderes Tuch emporschweben. Es ist das gelbe Banner mit dem zweiköpfigen Adler des Morgen- und Abendlandes, des neuen heiligen Reiches. . . Sag es den Deinigeir: es ist Zell! dLLchstens werden auch, vor diesem ' Mstenort die großen festen Schiffe vor Anker gehen und eine Keine Schar ans Land senden. Und da steht er unter einem Gebäude, der Mann mit der Uhr in der Hand. Plötzlich! wird ans sein Zeichen der Adler enrpockschweben, die Spannung wird sich lösen in einen "Donner des Friedens. Der Markt wird'wellergehen wie jeden Tag. Die Karawanen aus der Wüste rverdcn vom Gebirge hcrniedersteigen, und beladen znrückkehren zu chrcr Jahreszeit, die Bauern werden mit guter Neuigkeit auf das Land zurückkehren und ihre Dörfer werdet: aufblühen mit.neuen roten Dächern wie Mohn in den Landschaften. . . Die viertausend Webstühle aus der allen Zeit werden sich in Bewegung setzen und die Seide dieser Maulbeerhaine weben. Die verschlossenen und dumpf gewordenen Gärt«: werden aufatmen unter dem Werkzeug des Jätenden uird werden ftmkeln von kleinen Bächen und Duftwolken hinaussenden auf das Meer." Das ganze Morgenland wird neue erwacht sein, denn es ist Zell! Und wir, meine Freuirdin, wir wollen den Ruf des Dichters zu dem unseren machen, oder vielmehr ist er nicht schon längst der unsere? Wissen wir es nicht seit langem schon, daß es Zeit für uns ist; Zeit, den Zweifeln und Leiden unseres Galuthseins ein Ende zu machen und ein neues Leben zu bauen im Väter Lande? Nun, da wir erkennen, daß unser Streben nur. einen Teil eines großen wellgeschichtlichen Prozesses darstellt, daß wir nur Träger und Vorboten einer großen Zukunstsidcc von universalster Bedeutung sind, werden wir noch sicherer sein in unserem Wollen ruck» feuriger in unserem Tun. Denn wir empfinden uns als Diener der.Zukunft und Erfüller einer Mission. Wir fühlen, daß über unserem Mcankfurter Israelitisches Familienblatt. Streben und Bauen das Gebot der Weltgeschichte schwebt und hören über unseren Häupten cs wie Adlersschwiugen rauschen und uns künden: es ist Zeit! dl. —n. Zur Hilfsaktion für Palästina. Von Daris Tri et sch, Berlin. Der Notznstand in Palästina, der in der jetzigen schweren Zeit zu besonders energischer Sannneltätigkeit Veranlassung gibt, hat zahlreiche Freunde des jüdischen Palästinawerkes — und zwar vorwiegend solche des „neuen Jischub" — zu allerlei Bcvenkdn und Zweifeln gebracht. Sie stehen auf Grund der Propaganda für die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation im Heiligen Lande unter dem Eindruck, Palästina als agrarisches Land und die dortigen Inden als Bauern könnten unmöglich durch den Krieg in eine Lebensmittelnot geraten. Nun haben wir zwar erst in diesen Tagen in allen Zeitungen. lesen können, daß das hochagrarische Rußland Mangel leidet: an Roggen in Wilna, an Zucker in Moskau und in „Petrograd", an Fleisch in Moskau und in Warschau (wo jetzt das Fünffache des üblichen Preises gezahlt wird!-, und an allen Lebensmitteln in den Gouvernements Wjatka und Wladimir. Und dabei ist Rußland tatsächlich der agrarischste Großstaat, und sein Üblicher 'riesiger Export, an Brotgetreide, Zucker usw. ist tatsächlich, durch den Krieg vollständig unterbunden, sodaß ein ungeheurer Ueberfluß im Lande bleibt. Palästina hingegen ist in viel geringerem Maße agrarisch. Seine Einwohnerschaft lebt zur größeren Hälfte in den Städten. Ein Export — nach anderen Teilen der Türkei und im Wege der obligatorischen Versorgung der Sinai-Armee — findet auch während des Krieges statt. Selbst im Friü>en werden Lebensmittel eingcführt, und wenn die Ausfuhr auch bei weitem überwiegt, so steht doch einem Ausgleich entgegen, daß die palästinensische Ausfuhr an Getreide beispielsweise den Spezialweizen des Hauran, der sich zur Makkaronifabrikation eignet, und die Braugerste von Gaza umfaßt, beides Produkte, die sich zur Verarbeitung als Brotgetreide wenig eignen und die in» Anbetracht der immer noch mangelhaften Verkehrsverhältnisse nur sehr schwer auf den .Markt von Jaffa und Jerusalem gelangen können, wo - sie bekanntlich am nötigsten gebraucht werden. Was njzn gar die jüdischen Kolonisten betrifft, so machen sie erstens nur etwa ein Zehntel der jüdischen Einwohnerschaft Palästinas aus, sodaß von einer Deckung des jüdischen Bedarfs durch die* jüdischen Kolonien schon an sich nicht die Rede sein könnte, nick» besonders in Judäa, wo die meisten städtischen Juden wohnen (Jerusalem! allein wird bis auf 70,000 Juden geschätzt), treiben unsere Kolonien sehr wenig Getreidebau, und auch ihre Baumzucht usw. produziert zum weitaus größten Teil Artikel, die sich nicht zur Ernährung eignen. Man weiß, daß die Haupterzeugnisse der judäischen Kolonien Weintrauben, Orangen und Mandeln sind; — nach europäischen Begriffen also ausgesprochene Genuß- und nicht Nahrungsmittel. Die Araber geben uns zwar das Beispiel, daß man in der Traubenzeit fast ausschließlich von Trauben und längere Zell nachher noch weitgehend von Rosinen leben kann, sodaß in dieser Zeit unter denjenigen Arabern/ die als Eigentümer oder Arbeiter mit dem! Weiubau zu tun haben, der Brotverbrauch. ans ein Minimum und oft auf Null sinkt. Wer unsere aus Osteuropa stammenden Kolonisten und Arbeiter haben sich an diese, sicherlich! gesunde, Lebensweise noch nicht gewöhnt, und auch die anderen nahrhafteren Südfrüchte, wie Feigen und Aprikosen, werden vorerst bedauerlicherweise von ihnen kaum angebaut. Ist diesen Hinsichten wäre künftig viel zu bessern. Wer der gegenwärtige Zeitpunkt ist sicher nicht geeignet, statt der dringend erforderlichen Hilfe Ratschläge zu erteilen, die im besten Falle erst nach vielen Jahren die Wiederkehr solcher Notlagen verhiildern können. Auch, dann ist sogar fraglichob ein etwaiger Kriegsfall nicht doch wieder zu Lcbensmittelknapphcit führen könnte, denn eine Armee kann auch! ein Vielfaches. dessen requirieren, was heutzutage in Palästina zu holen war. Nr. 33. IM übrigen haben die Getreidevorräte besonders unserer > galiläischen Kolonien auch jetzt schon .übermäßiges Steigen der Getreidepreise in den Städten verhindert und das türkische Heer vcrprofianticren helfen, und wir sollten froh sein, daß wir solche Dienste leisten konnten. In der Zeit nach dem Kriege wird es sehr dienlich sein, wen« die Freunde des jüdische» Palästinawerkes sich mehr als früher um die Fragen der praktischen Kolonisation kümmern wollten, aber im Augenblick kommt es viel mehr darauf an, den palästinensischen Juden über die Kriegsnotlage hinwcgzuhelfen und' die Arbeit zu leiste», für die im jüdischen Palästina einstweilen noch die allgemeinen staatlichen und kommunalen Fürforgestellen und ähnliche Einrichtungen fehlen. Brief aus Palästina. Die Ernennung Direktors David Zjelliii zum Zensor für Hebräisch, die Wiederemstellung jüdischer Wächter in den Kolonie» und die Wiedereröffnung der hebräischen Mädchenschule in Jaffa, die infolge behördlichen Verbots zeitweise geschlossen war, haben auf die jüdische Bevölkerung einer: guten Eindruck gemacht. Die Motorc für die Bewässerung der Apfelsinen pflanz::,: gen werden mit Petrolemn in Bewegung gesetzt, und rvenn jetzt Petroleum nicht zu beschaffen ist, darnm gehen Millionenwvrte zu Grunde. Es find Bemühungen lln!. Gange, die Zustimnrung der kriegführenden Mächte — wie bei dem amerikanischen Lebeinsmittelschiff — zur Einführung von Petroleum zu erlange,:. Das Geld soll der Anleihe zur Erhaltung der palästinensische» Apfelsineirpflanzungen entnommen würden. Bo» den 600,000 Frs. dieser Anleihe hat Jacob H. Schiff-New Dort 100,000 Frs. gezeichnet und 200,000 Frs. unter Bürgschaft der Jüd. Kolonialbank und des Jüd. Nationalfonds vorgestreckt. Bezüglich der Lebensmittel, biö das durch die amcrikanischenn Juden ausgestattete Lebens- Mittelschiff brächte, bestanden erst Unstimmigkeiten mit den Behörden. Man einigte sich schließlich dahin, 55 °/o der Lebensmittel an die jüdische, 26»/» an die mohammedanische und 19»/» an die christliche Bevölkerung zu verteilen. Die Verteilung ist inzwischen erfolgt. Der bekannte la:üm>irtschaftliche Sachverständige Aronsvhn hat den Behörden einen Plan zur Bekämpfung der Heuschreckenplage überreicht, und Oberbefehlshaber Djemal Pascha hat ihm zur Durchführung seines Planes ausgedehnte Vollmachten Abertragen. Für die Kosten haben die jüd. Institutionen Palästinas 10,000 Frs. zur Verfügung gestellt, die Hälfte dieser Summe die zionistische Palästina-Bank und das zionistische Palästina-Ämt. Die Rüste« in Krosno. Unser anmutiges Städtchen hat. während der letzte» siebenmonatigen Kampagne verhältnismäßig wenig gelitten. Vernichtet wurden nur der Bahnhof und einige Hänser. Ein Ha:,s, wo die Russen beträchtliche Vorräte hatten, ging i» Flammen aus. Wie in anderen Städten, so hatten es auch in Krosno hie Russen besonders auf die vcrlasse'nen Häuser abgesehen. Was nicht fortgeschleppt werden konnte, wurde zerstört und verwüstet. Fensterrahmen und Türen wurden yerausgerissen, Parkettböden beschädigt, so daß 'die zurückkehrenden Eigentümer ihre Wohnungen im schrecklichsten Zustande fanden. Häuser, in denen jemano zurückblieb, wurden verschont. Zur größten Freude der Einwohner blieben sämtliche Fabriken wie auch die Petrolenmgruben in der Umgebung unversehrt. : Dße Ausschreitungen der Russen hingen von dem Gutdünken der einzelnen Stadtkommandanten ab, die ost gewechselt wurden. Im allgemeinen - benahmen sie sich der polnischen Bevölkerung gegenüber leidlich gut. Auch war die Lebensmittelteuerung nicht drückend. An Stelle des abgereisten Bürgermeisters Dr. Jugcndfein trat der Vizebürgermeister Kvnkierek, der sich um die Stadt Krosno und die Bewohner große Verdienste erworben hat. Seine energische Handlungsweise war de» Russen ein Dorn im Auge, und so wurde er gleich andere» Bürgern nach Lemberg abgeschjoben. UuS der Umgebung wurden vier Priester in das Innere Rußlands fortgcschleppt. Ein Geistlicher in Krosno, der ein Tagebuch führte, wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Man begnadigte ihn schließlich, wobei die Todesstrafe in eine Verbannung nach Kiew verwandelt wurde. Die russischen Kulturträger hatten besonders an der jüdischen Bevölkerung ihr Mütchen gekühlt. Selbst die angesehensten Inden Mußten die Straßen kehren und sogar am Samstag öffentliche Arbeiten ver«