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Neue jüdische Presse · 1915-06-18 · Heft 23 (18.6.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 23 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ich versuchte in meinem vorigen Briefe, Ihnen die politischen Momente darzületzen, die Deutschtum und Judentum verkrchpfen, undfanddas wichtigste und entscheidenste dieser Momente in der Verbindung der zionistischen Ideale unseres Volkes mit den vorderasiatischen Zukunstsaufgaben des Deutschtums. Ich will Ihnen nunmehr zeigen, daß diese Ideen, die Ihnen auf den ersten Blick hin allzukühn und völlig neu erscheinen möchten, nicht Hirngespinste einiger schwärmerischer Ideologen sind, sondern gerade von den Männern, die den Gedanken der Wiederbelebung Vorderasiens durch deutsche Kraft schon seit langem vertreten und propagieren, durchaus in ihrem Werte und ihrer -Bedeutung erkannt und gewürdigt werden. Sie wissen wohl, meine Freundin, daß dieser vorderasatische Gedanke vor allem von jener Gruppe geisteskühner und schaffensfröudiger Publizisten und Politiker verkündet wird, die sich um Paul Rohrbach und Ernst Jäckh scharen. Paul Rohrbach, der klarblickende, scharfdenkends Herold des „Größeren Deutschland" von morgen, Ernst Jäckh, der unermüdliche Vorkämpfer der döutsch>- türkischen Bundesgenossenschaft, waren mit die ersten, welche den großen Wurf des vorderasiatischen Gedankens, seine weltgeschichtliche Bedeutung erkannt und dargelegt haben. Beide aber, Rohrbach sowohl wie Jackh, sind warme Freunde des zionistischen Gedankens und haben schon des öfteren in Wort und Schrift sich seiner angenommen. Besonders aber in letzter Zeit, in diesen Kriegsmonaten, hat die Erkenntnis von der Bedeutung dös Zionismus für die künftige Weltpolitik eines siegreichen Deutschland weite Kreise durchdrungen; Zeitungen, wie Naumanns „Hilfe", in der noch zur Zeit des Sprachenkampfs ein sehr heftiger Angriff auf den Zionismus erfolgt ist, wie die „Sozialistischen Monatshefts", sonst nicht immer dem jüdisch-nationalen Gedanken hold gewesen, haben in größeren Aussätzen zu diesem Gedankünkomplex Stellung genommen und beide sich durchaus, günstig für die Bestrebungen und Ziele des Zionismus ausgesprochen und'ihre Verwirklichung als im Interesse der deutschen Politik gelegen erklärt. Und solche Aussätze bilden nur ein Symptom der immer stärker werdenden Erkenntnis, daß die Ziele der deutschen Orientpolitik und der zionistischen Ideale in gleicher Richtung liegen und bestimmt sind, sich gegenseitig Stütze und Hilfe zu sein. In diesem Zusammenhänge möchte ich Ihre Aufmerksamkeit nun vor allem auf ein Buch'lenken, das vor kurzem erschienen ist und sowohl durch die Persönlichkeit seines Verfassers wie auch durch den Flug seiner Gedanken ein beredtes Zeugnis dieser immer mehr sich verbreitenden Einsicht bichet; ich meine Alfons Paquets Palästinabuch.*) Sie wissen wohl,'wer Alfons Paquet ist; wer sich für jenes junge, strebende, reifende Deutschland interessiert, das sich, anschickt, führende Nation der Welt zu werden, kann nicht an Paquet Vorbeigehen, denn er stellt einen der reifsten und vollkommensten'' Repräsentanten dieses jüngeren Deutschland dar. Durch' und durch deutsch gesonnen und doch .mit seinem Blick den gesamten Erdkreis umfassend, tief verwurzelt in der Ge- *)' Alsoys Paquet: In Palästina. Verlag Eugen Diederichs, Jena. 199 Seiten, Preis 3 Mk., broM, .4 Mk. gebunden. ‘ schichte s eines Volkes und bod); mit seinem ganzen Wesen sich der Zukunft entgegönstreckend, den idealistischen Schwung und das grüblerische Gemüt des „Volkes der Dichter und Denker"" mit döm scharfen Wirklichkeitssinn und praktischen Verstand des Deutschen von heute verbindend, zugleich Mystiker und Nationalökonom, Dichter und Politiker, erscheint er wie ein Vorbote und eine Erscheinung des großen, starken, schöpferischen Deutschlands der Zukunft. Kein Wunder, daß Paquet einer dör kühnsten Verkünder deutscher Weltpolitik geworden ist. Ein Reisender und Völkerbeobachter von einer Schärfe des Blicks und Tiefe der Divination wie wenig andere, ruft er sein Volk auf zu weltpolitischem Schaffen, zur kräftigen bewußten Uebernahme des Berufs, zu dem es die Weltgeschichte erkoren hat: Führer der Menschheit des 2l>. Jahrhunderts zu sein. Man muß diese Bedeutung Paquets kennen, um fein Palästinabuch mit dem richtigen Maßstab messen und bewerten zu können. Man muß wissen, daß in ihm mehr als ein großer Dichter und eine starke Persönlichkeit spricht, daß in ihm vielmehr einer der Vorboten und Führer des Deutschland von morgen das Wort führt, um feinen Aeußerungen den Wert beizulegen, den sie verdienen. Ich will hier nicht von diesem Palästinabuch als Ganzen! sprechen; Ihnen nicht seinen wundersamen Reiz zu schildern versuchen; denn als Werk eines deutschen Dichters und Denkers genommen, gehört seine Beurteilung in die allgemeine deutsche Presse. Was uns Juden an diesem Buche interessiert, sind die Stellen in ihm, die den jüdischen Bestrebungen in Palästina gewidmet ssind und daneben auch die Gedanken des Verfassers über die Zukunft des Orients überhaupt. Diesen jüdischen Interessen und Bestrebungen in Palästina widmet Paquet einen beträchtlichen Teil seines Buches; außer vielen kleineren Stellen ein ganzes, größeres Kapitel: Zion. Er schildert darin seine Eindrücke von einem jüdischen Volksfest, dem er in den Pessach-Chol-hamauedtagön in Reschoböth beigewohnt hat (sie finden alljährlich um dieselbe Zeit in dieser Kolonie statt), spricht sodann von seinem Besuche in Pethach-Tikwah. und kommt zuletzt auf den Zionismus als solchen zu sprechen, den er von der hohen Warte geistesgeschichtlicher Betrachtung ansieht mtb beurteilt. Das ganze Kapitel ist gewiß mit das tiefste, was je ein Nichtjude über den Zionismus geschrieben hat. Es zeigt stellenweise eine Tiefe des Blickes für spezifisch jüdische Fragen, ein derart feines Verständnis für intime Geistesprobleme unserer jüdischen Gegenwart, eine derartige divinatorische Kunst der Einführung und des Miterlebens, daß man stellenweise kaum glauben möchte, daß hier einer spricht, dem doch schließlich unser inneres jüdisches Leben fremd und in einem gewissen Sinne auch verschlossen ist. Hier zeigt sich eben der Dichter Paquet, der Dichter, dessen ureigenster Beruf es ist, Empfindungen anderer wie eigene erleben zu können und dessen bohrendem, schauenden Geist keine Seele gänzlich verschlossen bleiben kann. Allerdings, nicht allem, was Pasquet über die innere Lage des Judentums sagt, wird man beistimmen können; gär manche werden besonders seinen Ausführungen über die religiöse Umkehr und Wandlung, die sich, wie er meint, innerhalb des Judentums zu vollziehen beginnt; scharf widersprechen zu nuissen glauben, und man wird gern zugeben, , daß 'er in seinen Ansichten iüber diese intimsten Geistesftagen des modernen Judentums allzusehr von den Wortführern bestimmter Richtungen beeinflußt ist und ohne uinfassende Kenntnis der anderen, besonders innerhalb des osteuropäischen Judentums vorherrschenden Strömungen urteilt, aber all dies sind Fehler, die kaum vermeidlich sind. Im großen und ganzen bleibt es doch eine bewundernswerte Leistung, mit welchem Verständnis Paquet es vermocht hat, sich in die innere Lage des heutigen Judentums einzufühlen und Probleme zu erkennen, an denen so viele nnter uns bisher achtlos vorbeigegangen sind. Dies aber zeigt schon, daß wir in ihm einen warmen Freund unseres Volkes, einen aufrichtigen Freund des zionistsschen Gedankens vor allem begrüßen dürfen. Denn nur wo Sympathie die Grundlage blldet, ist solches Sicheinfühlen möglich Und in der Tat: wo immer der Dichter vom Judentum spricht, ob von seiner Vergangenheit oder seiner Zukunft, seinem Schaffen und seinen Idealen, überall erkennen wir den edlen Freund, der der Tragik unserer Geschichte, der Größe unserer Selbsterhaltungskrast, der Bedeutung unserer Zukunstsideale vollstes Verständnis und aufrichtige Sympathie entgegenbringt. Und wir wollen für uns das Recht in Anspruch nehmen, auch in diesem Punkte Paquet als den Vorboten des neuen Deutschland von morgen zu betrachten und hoffen, daß dieses unserem Volke ebenso warme Freundschaft und Sympathie bekunden wird, wie dieser sein Herold und Vorkämpfer. Bei alledem aber bleibt doch Paquet in all seinen Beobachtungen und Urteilen stets der scharfe, wirklichkeiksbewußte Reisende und Politiker, der ob des Fluges seiner Ideen nicht die nüchterne Realität vergißt. So darf man seine Urteile über die bisher in Palästina erzielten Erfolge und die Aussichten für die Zukunft doppelt hoch bewerten, als die eines Freundes und eines scharfen, llugen Beobachters zugleich. Hören wir, wie er nun urteilt: „Das Ergebnis dieser Kolonisationsarbeit ist jetzt bereits so weit zu übersehen, daß man sagen kann: die Zukunft in Palästina, sowohl die wirtschaftliche wie in gewissem Sinne auch die der Verwaltung» gehört den Juden. Das Kingt erstaunlich nach so wenigen Jahren, aber es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man im Land selber sieht, wie die Juden begonnen haben, außer ihrem Geld und der Intelligenz, die sich in den Dienst der Sache gestellt hat, jährlich auch einige Tausend frischer Arbeitskräfte in das Land zu führen..." Und weiter: „Erst seit zehn, höchstens seit fünfzehn Jahren gibt es den modernen Zionismus. Ueberblickt man, was seine Werbearbeiten für die Durchknetung der in Palästina versammelten und beä gesamten draußen verstreuten Judentums geleistet haben und was im Lande geschieht, so muß man zugeben, daß schon vieles erreicht worden ist. Von Jahr zu Jahr tritt Palästina deutlicher als Wirtschaftsgebiet von ausgesprochener Einheit auf dem Weltmarkt hervor. Die Tonnenzahl der in Gaza, Jaffa und Haifa verkehrenden Schiffe ist seit 1903 auf mehr als das Doppelte des Früheren gestiegen und noch fühlt man sich nur in den ersten, ganz zarten Anfängen. Das ist zwar nicht das Werk der fleißigen Juden allein, aber ihr Anteil an dieser Entwicklung wird immer größer. Am langgestreckten Wüstensaum von Jaffa, am Nordrand von Jerusalem, an den Abhängen des Karmel bei Haifa sind Wische Viertel moderner Kleinhäufer nach europäischem Wüster entstanden, weitere, bessere sind im Entstehen. . . Lange wird es nicht

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