Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 22 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 22. Frankfurter Js«relttisches FamilienAatt. M WM Ml v. Knh raHl SohlHmrnmtnm 18m Telephon J, 8680. Seifen, Uekte, Kammutd B8rgtenwaren, Besen etc. Cosisetische Spezialitäten. glaubt, Wunder Großes zu tun, wenn er den ganzen Tag bjt Dolizeiwache umkreise wie die Füchsin ihr junges in der Falle." „Gott, mein Vater, mein armer, guter Vater!" Benno brach in Tränen aus und weite bitterlich in maßlosem Schmerz. „Sei ruhig!", sägte Kalagiceanu und legte seinen Arm um ihn, „vertraue Dich mir an, und sie werden' Deinem Vater nichts anhaben, ich schwöre es Dir." - „Hllfe, Hilft!" Es war ein furchtbarer Schrei. „Wer ruft?", antwortete Benno. „Es muß in der Nähe sein", sprach Kalagiceanu; „sft Dich vor, das ist der Flußsteg." Ueber das schmale Brett lief schreiend ein junger Mann. „Halt! wer bist Du?", donnerte' Benno ihn an. „George Renard. — Herr Doktor! Sie!"! „Warum schrien Sie?" „Eine Frau sprang ins Wasser, soeben, dort." Blitzschnell stülpte Benno auf den Fluß zu und wollte kopfüber in die Flut, da hielt ihn eine Eisensaust. „Ohe, mein Junge, du schwimmst so sicher wft ein Sack Mehl. Woher weißt Du, daß dies unsere Vermißte ist?" „Sie isUs, sie ist's", schrie George, mit dem Instinkt der Gefahr die Situation erratend, „eine schöne Frau, sft war heut verlleidet bei meinem Herrn." „Um so schlimmer", sprach Kalagiecanu kalt, während er Benno's Hände wie in einem Schraubstock preßte, „ein Grund mehr, unser Leben zu schonen." Mit gellem Weheschrei fiel Benno vor ihm in die Knie. „Rette sft, rette sft! Dir ist es leicht — nimm, fordere mein Leben —." „As! schweige doch", rief der andere, „was liegt an dieser Frau? Sft liebt Dich nicht'" „Rette sie, ich will Dein Diener sein, Dein Sklave lebenslang: ich will alles tun, was Du gebietest." „Ich könnte Dich beim Wort nehmen", murmelte Kalagiceanu, während er seinen Rock von sich warf. „Tu's, ich schwöre. Dein Knecht zu sein — o Gott, sft versinkt!" „Macht Licht!", schrie Kalagiecanu; dann sprang er ins Wasser. George riß alles, was er an Briefen und Zeitungen bei sich trug, aus den Taschen und zündete es an, Benno hatte ein paar Bücher, die er in dft Flamme warf; darauf zerbrachen sie ihre Stöcke, schichteten sie in Stücken übereinander und unterhielten so mühselig ein Leines Feuer, das jäh aufloderte, als George seine reich gefüllle Wuttkiflasche darüber goß. Im selben Augenblick tauchte Kalagiceanu auf, einen dunllen Körper vor sich herschiebend. Mit fiebernder Eile halfen ihm die jungen Leute ans Land. „Sft lebt!" schrie Benno jubelnd, „wie danke ich Dft!" ,Hch werde Dich daran erinnern", sagte der andere, sich schüttelnd vor Frost. „Verwünscht, die Schöne hatte es dringlich, da unten zu verschlingen, sft wollle durchaus nicht mehr hinauf. Gebt mft Eure Röcke, daß tvir sft erwärmen, und Du, Benno, elle zum Bahnhof, dort findest Du vielleicht einen Wagen! . . . Sft machen das sehr geschickt", sagte er zu George, der Claudia schnell des nassen Mantels enlledigte und Bennos Sürtout um sft schkmg: „Gestehen Sft, Bester, wie sind Sft vftsem Wilde auf die Spur gelangt?" „Ich habe bei Nigger zur Nacht gespeist; als ich aus dem Hanse ftat, huschte eine Erscheinung vorüber, welche ich heute schon einmal unter sehr denkwürdigen Umständen gesehen, ich folgft ihr." „Und so danke ich Ihrer Neugftr, mein guter George, dieses eisige Bad." „Herr von Kalagiceanu, sft retteten ein Menschenleben!" „Nicht auf lange", erwiderte Kalagfteanu trüb. „Wenn sie auch davonkäme, dft wird es wieder , tun." Bestanrant iprankel 96 Bargerttraua 96. Jeden Bonnentag Familienabend mit Konzert. WM' Eröffnung des Gartens. Wllil SprmmkQh Benno kam mit dem Wagen, sic hoben die Bewußtlose hinein und fuhren nach der Stadt. „Claudia", flehte Benno, „sprechen Sic ein Wort zu mir, ein einziges Wort. . ." Er rieb ihre eiskalten Hände, sft atmete schwer und bewegte murmelnd die Lippen, aber man verstand sie nicht. „Laß das Fräulein", befahl Kalagiceanu, „sft muß Ruhe haben!" Bei sich dachte er: gib Dir keine Mühe, armer Kerl, sft erkennt Dich nicht mehr. Im Haus Liedertrost hatte man gewacht. Helsia spähte zum Fenster hinaus, sogleich war sie mit Salomou vor der Haustur und half, tapfer wie ein Mann, dft Ohnmächtige hinaufbefördern. „Schweigen Sie Aber alles!", flüstterte Kalagiceanu zu George, indem er versuchte, einen Gegenstand in seine Hände gleiten zu lassen. ■ George ftat einen Schritt zurück. „Sie verlieren Ihre Börse, mein Herr", antwortete er, „hier ist sie Gute Rächt!" „Bei Gott, ein Gentleman", sprach Kalagiecanu so laut, daß George es noch hören mußte, „auf Ehre, er könnte seinen Herrn belehren . . . Nun ich sehe, daß ich jetzt überflüssig bin", fuhr er zu Benno fort. „Ich muß Dich morgen bei mir sehen, hörst Du?" „Ich werde völlig zu Deinen Diensten sein", antwortete Benno feierlich, „leb' wohl!" „Wüßte ich nur. wie das Unglück gekomme ist", rief Salomon händeringend vor Claudias Bett! „Es ist mir einerlei,' wie es gekommen ist", schluchzte Helsia, „wenn ich das Elend in meinen Händen habe." (Fortsetzung folgt.) gagr. Bo. 9.2Deataahe|NationaMt!sabtmg MS.—.UNo-Ja*. Teespltz. M.2.50. Ho. S. Wedda Assam-PeckOe-MlsoluM. 8.20. So. 30. TeegrnssM.1.80. Kakao Soma Mk. 2.40, 3 — Erinnerungen ans de« Tagen der Kindheit. Bom Bergingenieur L. Rosenthal (Basel). (Fortsetzung.) Eine Sotnic russischer Reiterei kam auch nach Niedermeiser, um dort Quartier zu beziehen. Mein Vater hat uns oft erzählt von den großen Wachtfeuern, die sie auf der „Haferwiese" östlich des Dorfes anzündeten, wo sft Flesschstücke an Spießen rösteten, kochten und tanzten. Dft Weiber und Töchter der Bauern mußten millun. Wehe ihnen, wenn sie sich weigerten. Sie wurden so lange mft dem Kantschuh oder der Nagaika bearbeitet, bis sie ihnen zu Willen waren. Viele der halbwilden Krieger aus dem Innern des russischen Reiches waren noch mit Pfeil und Bogen oder — wie mein Vater sich ausdrückte — mit „Flitzebogcn" ausgerüstet. In punkto Essen waren sie durchaus nicht wählerisch. Unschlittkerzen galten als Delikatesse. Weichgekochte Kohlstrünke, womit sonst die Schweine gefüttert wurden, fanden ebenfalls willige Abnehmer. Nach dem Abzug der Horde mußten sich die Einwohner des Dorfes noch längere Zeit — kratzen. Doch zurück zu meinen Knabenjahren. „Das war eine köstliche Zeit", wie es ut dem schönen Lortzing'schcn Lied heißt. Kam der Sabbat heran, so hörte schon ani Spätnachmittag des Freitags jede Geschäftigkeit auf. Alles blitzte und blinkte in Stube und Küche, die „Schabbeslampe" strahlte wie lauteres Gold, der Tisch mit den zugedeckten „Barches" war festlich hergerichtet, ebenso die Bohnensuppe mit Kalbsfüßen darin, sowie der fettglänzende Schalet für nächsten Mittag, kurz, alles war bereit, dft Prinzessin Sabbat zu empfangen. In unseren Festlleidern, das „Machser" oder die „Tefillo" unterm Arm, wandelten wir dann zur Synagoge, wo der „Chasen", mein lieber Lehrer Katz, die Gemeinde durch einen kunstvoll verschnörkelten „Lecho daudi" erbaute. Wieder zu Hause angelangt, umrdcn wir dann von den Eltern gebenscht. Ein.warmes, seliges Gefühl überkommt mich noch heute, wenn ich mich dann erinnere, wie weihevoll „das Entzünden" der Lichter von der Mutter besorgt wurde, oder wft der Vater „Kiddusch" am Freitag Abend und „Hatvdolah" beim Ausgang des Sabbats machte. Und erst die eigenartigen, uralten Melodien der „Semftos", der Festgesänge. Die hatten es mir ganz besonders angetan, ebenso wie die, welche ich an den hohen Jonteftagen in der Synagoge zu hören bekam. Noch heute, nach mehr als sechzig Jahren, gebe ich mich öfters dem Zauber dieser Klänge aus der £\o»Tvr>mvt*. Frankfurter Milchkur anstatt unter Kontrolle des ärztUohen Yerelna Scbwarmbnrgatr. 2—6 Tel. Hamas 1168 einzige Anstalt Frankfurts, welche anasohUessUoh kolmarme Kurmiloh und Yoghurt nur ans Milch der eignen Stellung liefert. Kindheit hin, besonders wenn ich, wie auf meinen Angelfahrten, ganz allein am rauschenden Wasser bin. Da sieht es ja niemand, wenn mir die Augen naß werden. Merkwürdig, — ganz ähnlich klingende „Tonadas" habe ich von den Gauchos der Pampas und den Indianern der peruanischen und bolivianischen Kordilleren gehört. Das waren ganz dieselben rhythmuslosen, bald klagenden, bald wie in wilder Verzweiflung ausschluchzenden Weisen in Moll, wie ich sft in Niedermeiser gehört hatte. Seltsam! — Sollte da ein kausaler Zusammenhang vorlicgen? Unmöglich ist es nicht. Zeigen doch, analog damit, die in weit, weit zurückliegenden Zeiten errichteten Bauten der Azteken in Mexiko, der Inkas in Mittel- und Südamerika vielfach ägyptische, assyrische und jüdische Anllänge. Kann es nicht sein, daß auch die Ureinwohner dieser Länder denselben gemeinschaftlichen Ursprung haben, wenn auch die Länderbrücke, auf der sie herüberkamen, durch geologische Vorgänge längst pneder in die Tiefen des Meeres zurückgesunken ist? Als Gemeindeältester, „Parnes" und „Kohen", d. h. aus der Kaste der Priester, dem Adel Israels stammend, genoß mein Vater allerlei Rechte und Privilegien, auf die ich nicht wenig stolz war. Zur Thora wurde er oder sein Bruder Meier zuerst aufgerufen, eine Ehre, die später auch mir, als ich „barmizwoh" geworden war, manchmal zuteil wurde. Das Nischmasgebet trug mein Vater sozusagen allein vor, denn während die anderen nur ein monotones, verworrenes Summen hören ließen, sang er mit lauter Stimme die herrlichen Worte dieses Lobliedes, dessen Weise ebenfalls einen gar eigenen, seltsam bestrickenden Reiz hatte. Nach beendigtem Gottesdienste ging es, so gegen elf Uhr, zu Tisch. Der war meist gut bestellt. Einmal aber war die sonst so delikate „Brühkuggcl" jämmerlich verunglückt, da aus Versehen statt des würzigen Majorans gallenbitterer Wermut verwendet wurde. Am unglücklichsten darüber zeigte sich „der Pollack", de» wir gerade zu Gast hatten. Nach dem Essen hielten die Alten des Dorfes ihre Siesta, ihr Schabbesschläfchen, während die junge» Leute und die Kinder herumflanierten. Ein sehr beliebter Spaziergang war der nach „der Leiwe", deni schon erwähnten Hügelrücken, von wo aus man die schöne Aussicht genoß. Die Straße durchschnitt ihn tief, so daß dft wunderlich gefalteten und geknickten Kalkstcinschichten an den Wänden dieser Hohle deutlich zu Tage ftaten. Sinnend habe ich sft oft betrachtet und suchte mir in meinem kindlichen Verstände klar zu machen, was da vorgegangcn sein konnte. Die Neigung zur Geologie schlummerte schon damals in mir. Nachmittags trank man zu Hause oder, wie es die Gelegenheit gerade mit sich brachte, in einer anderen jüdischen Familie Kaffee, wozu meist auch ein ansehnliches Stück Kuchen gereicht wurde. „Die Männer" versammelten sich dann in der Wohnung dessen, der gerade an der Reihe war, zur „Chcwra", um den Vorlesungen und Erklärungen des Lehrers Katz aus der Mischna oder der Gemara zu lauschen. Obwohl er sich dabei der deutschen Sprache bediente, lief doch alle Augenblicke ein hebräischer Satz mit unter, dessen Deutung oft zu den lebhaftesten Diskussionen führte. Dazu gab cs „Schabbesobst", gekochte Acpsel, Birnen oder Zwetschen, welche von der Hausfrau auf einem Teller mit dem üblichen: „Mach' Brache!" herumgereicht wurden. Jeder nahm dann dankend ein Paar Gabeln voll. Auch eingemachte, dick mit Zucker überstreute Schlehen umrdcn in manchen Häusern serviert, ein Beweis, wft anspruchslos und einfach man damals gewesen ist. Das Minchagebet rief am Spätnachmittag wieder zur Schul, doch gab cs nicht immer gleich „Minjan", so daß der zehnte Mann erst gesucht werden mußte. Um so vollzähliger aber versammelte man sich gegen Abend vor den Häusern von Josef Roscnberg und Seligmann Rosenberg, die ganz in der Nähe der Schul lagen. Da diese das letzte Gebäude des Ortes im Osten war, so gab es für uns Jungens hier auf dem breiten „Bruchwege" und zwischen den Baumgärten die beste Gelegenheit für unsere oft sehr lärmenden und ausgc- Lomler & Xaitsch l TeLHansaSL48. Frankfurt a.M., Liebfranenberg83. 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