Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9(r. 21. Frankfurter Israelitisches Familienölatt. Seite 5 auf 310,879 Jk 14 Kinder wurden in die Vereinsobhut ausgenommen und 36 Kinder aus ihr entlasse», weil deren atzungsgemäße Altersgrenze weit überschritten war. Der Verein ließ im Jahresanfang 428 Kindern, am Jahresende 106 Kindern seinen Beistand angedeihen. Der bei weitem größte Teil der Schützlinge blieb im Hause der Eltern oder Verwandten und wurde mit Unterstiitzungsbeiträgen bedacht. Bon den übrigen befinden sich 13 Kinder in Lamilienpflege, 1 Knabe ist auf dem landwirtschaftlichen Lchrgut Steinhorst bei Celle (Provinz Hannover), 1 Kind .lebt im Kriippelheim bei Professor Dr. Bulpius in Heidelberg, 5 Kinder sind als Lehrlinge tätig, 2 Kinder sind im Jsr. Kinderheim in Köln und I Knaben besuchen die Präparandenschnlc in Höchberg. Oesterreich-llugarL. Budapest. Der „Pester Lloyd" berichtet über russische Greuel in W ol a Micho w a (Galizien) „. a. folgendes: 18 jüd. Familien waren verblieben, weil sie nicht mehr die Zeit gefunden hatten, zu entfliehen. Die Russen kamen, und es war ihr erstes, den Inden das Vieh abznnchmen. Nur der Synagogendiener konnte seine Kuh durch Verstecken in seine Wohnstube retten. Der 90jährige Rabbiner Simchas Horovitz wurde samt seinem Weib aus seiner Wohnung gepeitscht. In furchtbarem Frost mußte er im Freien, nächtigen. Er und seine Frau erkrankten an Lungenentzündung. Drei Tage später starben beide in einer Stunde, sozusagen in einer Minute, nebeneinander. Um wenigstens an einander einigen Schütz zu finden, bezogen später alle jüdischen Familien eine gemeinschaftliche Wohnung in einem einzigen Hause. Es lvar ihnen verboten, die Straße zu betrete», und abends durften sie kein Licht in der Wohnung haben. Allabendlich erschienen die Kosaken bei ihnen und prügelten sie. Eine Woche nach dem Einzug der Russen traten vier Kosaken in die gemeinsame Wohnstube der jüdischen Familie» ein, just als diese das Abendgebet verrichteten. Die Kosaken sielen mit Nagaikahiebcn über die Juden her, prügelten sie alle blutig, schnitten den Männern die Bärte und die Schmachtlocken, den Mädchen die Haare ab. Als während dieser Prozedur ein alter Jude sein Gebet weitcrstammelte, herrschte ihn ein Kosak an, was er da noch zu sagen hätte. Der Jude antwortete, er habe bloß sein Gebet fortgesetzt. Die Russen warfen ihn zu Boden und . traten ihn mit Füßen. Der Krieg und die deutschen Jude«. Frankfurt a. M. Die Brüder Assistenzarzt D'.Samson H i r s ch und Unterarzt Julius H i r s ch erhielten das Eiserne Kreuz. Berlin. Der Verbindung jüd. Studenten „Hasmonaca" hu K. J.-V. verzeichnet den Heldentod folgender Mitglieder: Dr. jnr. Friedrich Loewenthal, cand. chcm. Fritz Mühlmann und sind. jnr. Arthur schweitzer. — Bizewachtmeister Fritz Jonas, Sohn Justizrats Paul Jonas, der bereits mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, hat nun auch-die Hessische Tap'ferkcitsmedaille erhalten. — Ans dem Felde der Ehre sielen u. a.: Lentnant Rechtsanw. Dr. Beruh. B e h r e n d, Georg L e v y » Max Chorinsky, Fritz Begn, Max Wohlgem u t h, S i e g m. W e ch s be r g, Referendar M a x Aronstein, Hans Kronheim, Ofsizicrstcllvertreter Alfred Sohn, Ritter des Eisernen Kreuzes. Das Eiserne Kreuz erhielten: Stabsarzt Dr. Walter Simon-Königsberg, Architekt Siegfried Ascher-Berlin und Architekt Alfred Bieber -Berlin. Herbe»e >Ruhr>. Hier wurde Leutnant Joses Rosenbaum, Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Kl. und vorgcschlagen zum Eifer,reu Kreuz 1. Kl., beigesetzt. Rymbeck-Scherfede (Wests.!. Artur Ltnhardt, Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde, ist auf dem Felde der Ehre gefallen. Nürnberg. Das Eiserne Kreuz erhielten: Oberarzt Dr. Max K u n r c u t h e r aus Fürth, F ranz Regensburger, Sohn des Fabrikbesitzers Albert Regensburger in Fürth; Eugen Kurzinger, Sohn des Weingroßhändlers Bernhard Kurzinger in Würzburg; Leutnant Art»r Lust aus Mirnberg; Kriegszahnarzt Dr. Maximilian Otto Steinhardt ,ans Nürnberg; Dr. med. Hermann Kronheimer; Ernst Blank, Sohn des Kanfmaims Jul. Blank, Mirnberg. Das M ilit ärv er dien st kreuz 2. Kl. erhielt der Feldlazarettinsp'cktor Otto G e r st aus Mirnberg, das' Militärverdienstkrcnz 3. Kl. Ludwig Ä o h n, Gefr. im 1. Chevaulegerregiment in Nürnberg.' Köln. Julius Goldfinger-Köln, Rechtsanw. Dr. G a n z - M. - Gladbach und Fritz Loeb - Trier wurden zu Leutnants befördert. Wien. In der letzten Zeit erhielten folgende Juden ho h c Tapfe rkeitsauszeich nun gen: Hauptmann- Rechnnngsführer Moses Bodek (Goldenes' Berdienstkreuz nrit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille), llntertierarzt Ignaz Brauner, Mzessist G e r s ch » n Zwilling (Goldenes Berdienstkreuz am Bande der Tapserkeitsmedaille), Fähnrich Ladislaus Stern, Alexand er Grü„baum und Feldwebel Iosef Po ng r a c (Goldene Tapserkeitsmedaille). Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Im 64. Lebensjahr verschied Louis Rosenbaum, Seniorchef der Firma Meyerhof u. Nathorff, der in verschiedenen Ehrenämtern der jüd. Gemeinde tätig war. Berlin. Die Stadt erhielt aus dem Vermächtnis Th. Mnnk-Potsdam 300,000 JL Der städt. Armendirektion fielen zu: 20,000 JL aus den, Vermächtnis Helene Rosenthal geb. Bnrchard, 5000 (4L von Kommerzienrat Hey mann Auerbach und 5000 von Professor Moritz Meyer. Riga. Dr. Jehuda Löb Kantor, der bekannte hebräische Schriftsteller und der Begründer und Leiter vom „Hajom", ist im Alter von 67 Jahren verschieden. Kantor, der seine Studien auf deutschen Hochschulen gemacht hat, war ein nwderner Schriftsteller, modern in seinem Stil, der rein von den bombastischen und hohlen Redensarten der Melizahschreiber und europäisch war. Man kann ihn mit Recht einen Neuerer nennen, der mit seiner europäischen' Schreibweise die jüdischen Schriftsteller Mlßlands klar und einfach zu schreiben gelernt hat. Aber auch als erster, der eine Tageszeitung heransgab, war er ein Neuerer. Kantors „Hajom" war eine Bühne für alle Modernen; Frischman, Kazenelsohn u. .dgl. m. füllten die Spalten des Hajom. Wilna. Die bekannte hebräische Tageszeitung „Häsin a n" hat ihr Erscheinen e i n g e st e l l t. Rew-Nork. Beim Untergang der Lusitania kamen n. a. um: Charles F r o h man, der bekannte Theatcrdirektor,'und Charles Klein, ein bekannter' Lnstspieldichter. Chicago. Julius Rosenwald, der Präsident des von ihm gegründeten und heute größten Versandhauses der Welt SearI Roetuck u. Co., Jtiitetc anläßlich seiner silbernen 'Hochzeit sieben Millionen Mark für wohltäti ge Zweckc. Frankfurter Berichte. „Montenore"-Verein. Dienstag sinket ein bunter Abend statt. Das Programm wird 'neben einem kleinen Orchester (Mandoline, Zupfgeige, Klavier etc.) noch Biolinsoli, gesangliche und agitatorische Darbietungen bringe». Der Besuch der Veranstaltung ist kostenlos, jedoch wird zur Unterstützung des Liebesgäbcndienstes eine Einzeichnungsliste aufgelegt werden. Persoualien. Karl Herzberg, Direktor der Deutschen Effekten- und Wechsel-Bank, feierte am 1. Juni das Jubiläum seiner 50jährigen Tätigkeit bei dieser Bank. Direktor Herzberg gehört seit Jahren dem Vorstand der Israelit. Gemeinde an. „VICTORIA" Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hanta Tel. 2002. J| GQUOlUStraSSB 18. Hanta Tel. 2002 Spezialität: Kragen, Manschetten nnd Hemden. MÜeton Die Verjagten. Eine Erzählung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von C. Berg. (Fortsetzung.) „Zu meiner größten Ueberraschnng'fand ich sie vor wenigen Wochen hier in Rumänien wieder." „Und Sie haben Ihre Sprödigkeit jetzt fallen lassen, nne?", fragte Kemski mit schlauem Augenzwinkern. „O nein! Vielleicht würde ich ihr einige Beachtung geschenkt haben, hätte ist sie in einem andern Zirkel erblickt. Aber ihre Beziehungen zu den Liedertrost! Ich finde es absurd, daß eine adlige Dame wie Fräulein von Moorbach mit diesen Juden so intim werden konnte!" „Aber Sie sind doch selbst Jude", platzte Life heraus. „Eh, das ist doch etwas anderes", antwortete Jemilian mit überlegenem Lächeln. Life blickte ungläubig immer wieder bald auf Claudia's Bild, bald auf Jemilian zurück. „Sie sind mir ein Rätsel, Herr Alexandru", sagte Life Lehmann, „wie kann ein Mann der Liebe eines so idealen Mädchens widerstehn?" „Die idealen Mädchen wollen schließlich ganz real geheiratet werden, mein schönes Kind: Darum mögen solche junge Damen sich nicht durch allzugroßes Entgegenkommen ihre Chancen bei uns verderben. Anständige Mädchen wie Fräulein von Moorbach sollen keine Extravaganzen begehen, sie dürfen kein Temperament zeigen, das gehört sich nur für —" Er hielt inne. Wem sagte er das? Er ärgerte sich jetzt, daß er zu viel gesprochen hatte und schloß brüsk: „Aber was geht Dich Fräulein von Moorbach an? Und was kümmert sie mich?" . . . Gegen Mitternacht verließen Kemski, Life Lehmann und Alexandru das Haus. Wie sie die Freitreppe herab schritten, deutete sie auf eine auf den untern Stufen ruhende Gestalt: „Sieh doch, was da liegt!" „Ein Betrunkener", antwortete Alexandru und stieß verächtlich mit dem Fuße danach. Aber auch im Herzon des Mädchens lebt das göttliche Mitleiden des Weibes noch. „Nicht doch, Jemilian", sagte sie sanft, „es kann ein Kranker sein." Sic beugte sich nieder und fragte: „Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?" — Der Liegende richtete sich auf — eine Sekunde starrte ihr ein totenblasses, verzerrtes Antlitz mit glühenden Augen in» Gesicht, dann war es verschwunden. Erschrocken klammerte sich Life an Alexandrirs Arm. Dann hörte man rufen. „He Alexandru!" „Hier ist er." Aus dem Dunkel der Straße tauchte eine hohe Männcrfigur hervor. „Wer da?" Es war so finster, die Begegnenden stießen fast aneinander. „Kalagiccann! und Benno Liedertrost! — Es ist ein Unglück geschehen. Fräulein von Moorbach wird zur Stunde im Hause Liedertrost vermißt." „Sie wird sich bei einer guten Freundin verplaudert haben." „Aus dieser Fährte suchten sie Salmon und seine Frau. Sie haben bereits vergeblich die halbe Stadt in Alarm gebracht" „Schicken Sie zur Polizei!" Kalagiccann schlug sich vor die Stirn: „Daß ich daran nicht dachte! Wahrhaftig, das ist der einzige Weg, hier Verlorenes wiederzufindeir!" Er machte Alexandru eine tiefe Verbeugung und ging mit Benno eiligst davon. „Ironischer Mensch!", brummte Jemilian. „Herr Alexandru", flüsterte Lisc. „Was hast Du? Du zitterst an allen Gliedern." „Mich dünkt, ich habe Claudia gesehen . . . jener junge Mann. ..." „Run wahrlich, Claudias überall!" silhr Alexandril auf. „Du träumst Mädchen. — Kommen Sie schneller, Kemski, wir schaffen diese Närrin nach Haus." — Mittlerweile schritten Benno und Kalagiccann ratlos vor dem Theater auf nnd ab. Nun haben wir diese Strecke seit zivei Stunden zum sechsten Male zurnckgelegt", rief Kalagicenu, „welch verrückte Idee, sich hier ein Rendezvous geben zu wollen! Sie ist vielleicht jetzt doch zu Haus. Kehren wir um!" „Um wieder die Verzweiflung, die Vorwürfe Helsias zu hören!", rief Benno. „Nein sie ist nicht da, wir finden sie nie mehr!" „So erzähle doch jetzt, wie ein vernünftiger Mensch", sprach Kalagiccann ungeduldig. „Du hast sie von acht bis neun Uhr hier erwartet?" »Ja." „Sie wollte in Männerkleidung kommen?" »Ja." „Warum?" „Ich weiß es nicht." „Sie hatte also irgend einen Plan, den Du nicht kennst?" „Was weiß ich? Sie hat mich zum Besten gehabt", knirschte Benno. „Es scheint so. Du hast sie nicht verfehlt?" „Ich habe jede Fliege gesehen, die über den Platz flog." „Schön, ich bin überzeugt. Ta sie nicht kam, gingst Du zu Salomon?" „Nein. Ich ging törichter Weise eine Stunde vor seinem Hause auf und ab." „Warum?" „Du weißt, daß wir uns heute früh erzürnt hatten." „Ja so. Wie wurde Claudias Abwesenheit entdeckt?" „Um halb zehn Uhr wollte Helsia ihrer Freundin gute Nacht sagen und fand das Nest leer. Sie schlug sofort Lärm." „Wohl. Salomon telephonierte auch mir." „Vor der Tür begegneten ivir uns, alles andere weißt Du Nun selbst." „Nichts weiß ich, ich stehe vor einem Rätsel." „Kalagiccann, sie war vielleicht doch bei — Jemilian." „Schon wieder! Du ivürdcst jeden ändern sür diese wahnwitzige Vermutung ohrseigen, Claudia bei Jemilian! Eine Dame wie sie! Ucberdies haben wir ja Alexandru eben gesprochen, wir haben die Soubrette gesehen, — zweifelst Du noch?" Benno seufzte. „Niemand zu erblicken", fuhr Kalagicenu fort, „die Straße menschenleer weit und breit." „Aber sie war hier", ries Benno verzweifelt, „>vir müssen sie finden!" ' „Einverstanden. Aber wo?"