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Neue jüdische Presse · 1915-06-04 · Heft 21 (4.6.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 21 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches FamilienTatt. Henry Morgeuthau.*) Der Mann, der gegenwärtig die Vereinigten Staaten von Aiucrika als Botschafter .in Konstantinopel vertritt, wurde im Jahre lS5t> in Mannheim geboren. Er stammt aus ■ einer jüdischen Faniilfe Süddcutschlands, kam im Wer von nenn Jahren iiach Newyork, besuchte die öffeutliche Schule und wandte sich dann dem juristischen Studium zu. Zunächst Wwokat, später Geschäftsmann mit sicherem Blick für die Entwicklung Mwyorks begabt und durch Liese riesenhafte Entwicklung selbst emporgetragen, erwarb er sich au der Spitze großer Grundstücksgesellschaften ein bedeutendes Vermögen. Er wurde in das Präsidium einer Bank berufen, beschäftigte sich dabei init Fragen der öffentlichen Wohlfahrt und nahm insbesoirdere an jüdischen Wohltätigkeitsbestrebungen lebhaften Anteil. An der Seite einer gütigen Frau, als zärtlicher Gatte und Vater ein überaus glückliches Fainilienleben genießend, ein angesehener Bürger und Geschäftsmann Rcwyorks — so überschritt er die Schwelle des fünfzigsten Lebensjahres. In verhältnismäßig späten Jahren erst trat er der Politik näher. Er gehörte zwar seit langem der dcinoaber von weniger freien Reformgcmcinden Europas 'oft vorteilhaft unterscheiden. Aus seiner vorurteilslosen Haltung ergibt sich heute schon für viele amerikanische Juden eine starke Hinneigung zur jüdisch-nationalen Bewegung. Die materielle und moralische Jiideunvt drängt sich dem unbefangenen Blick täglich ans. — warum also nicht versuchen, dem Strom der Wanderer neue Aufnahmegebicte zu erschließen, dem alten Volk eure Heimat zu verschaffen, i» der ihm bessere Daseinsbcdinguicgen geboten werde«, warum nicht versuchen, das nationale Leben zu erneuern und so dem Judentum der ganzen Welt frischen Lebensmut einzuhaiut)en? .Diese in Amerika um sich greifende Erkenntnis hat auch Henry Morgeuthau, den unbefangenen Amerikaner, .den belvußten Inden berührt. Er ist kein Zionist, will sich nicht auf Programme sestlegen. Aber er meint (in echt amerikanischer Ausdrucksweise), man müsse „den Zionisten den Weg frei geben, damit sie zeigen, was sie können." Deic jüdischen Kolonien in Palästina, die er besucht hat, bringt er starkes Interesse entgegen, er wünscht ihre Entwicklung und Ausbreitung, weil sie ihm als xin Stück echten und gesunden jüdischen Lebens erschencen. Doch ivill er aus keine Weise den Propheten spielen. Als ich ihn fragte, was er von den Zukunftskratischeu Partei an, doch spielte diese bis zur letzten , Präsidentenwahl in Sfewyork keine bedeutende Rolle. Ms aber Woodrow Wilson znuc Gouverneur von Newyerscli gewähr wurde, war Henry Adorgenthau unter den allerersten, die seine Bedeutung ancrkmmten. Er gehörte einein Komitee von 7 Personen an, das in der demokratischen Partei die Aufstellung Wilsons zum Präsidentschastskaründaten durchsetzte und seine Wahl znin glücklichen Ende führte. Seit dieser Zeit ist Morgeuthau mit Wllson in enger Freundschaft verbunden. Ws ihm der Botschafterposten.in Äonstantinopel angeboten wurde, zögerte er. Sein Instinkt weckte in chm Bedenken, ob er gut daran tue, als „/Outsider" in die Welt der Diplomatie einzutreten. Aber auf Zureden seiner Freunde enffchloß er sich, die Probe zu wagen — und sie gelang. Sic gelang weit besser, als er selbst, als seine Freunde, als — vor allem — seine Kollegen vom diplomatischen Korps erwartet haben mochten. Morgeuthau hat sich von jeher an jüdischen Wohltätigkeitsbestrebungeu beteiligt, die in Mnerika einen besonders großartigen Charakter angenommen haben. Er gehört dem Borstand des größten jüdischen Hospitals Newyorks an (das natürlich das größte jüdische Hospital der Welt ist). Er war auch Bo rsitzender einer Synagogengemeindc, einer von den sehr freien Gemeinden allerdings, wie sie mir in Amerika denkbar find» die sich *) Entnommen einer von Richard Lichtheim in der Berliner „Jüdischen Rundschau" erschienenen psychologischen Skizze über.Henry Morgeuthau, den Botschafter der Bereinigten Staaten in Konstautinopel. I aussichten des Zionismus Halle, wies er auf eine der uns wohlbekannten Schwierigkeiten hin, fuhr dann aber fort: „Ich gebe kein Urteil ab, ich unterstütze jede im Interesse des Judentums unter,wmmene Sache, wenn ich glaube, daß sie dcnc Judentum irgend »velchen Nutzen bringen kann und wenn ich sehe, daß es ihren 'Verfechtern ernst damit ist." Diese Unterstützung hat er uns gewährt. Ohne ihn Hölle in diesen Monaten schwerer Schaden entstehen tonnen. Aber unermüdlich trat er für uns ein, und in vielen Fällen gelang es ihm, die jüdischen Interessen in der Türkei zu schützen. Die Zionisten wissen, was sie ihm zu verdanken haben, und werden es' ihm nicht vergessen. Morgeuthau ist trotz seiner Jahre an Geist und Körper ein jugendfrischer Mann. Hoffen wir, daß er uns Juden, seinem Materlande und der Menschhell noch langer erhalten bleibt. Allen dreien sucht er zu dienen, allen dreien hat er dauernden Nutzen gebracht, und noch viel Gutes ist von dein Weltbürger, denc Amerikaner und dem Juden Henry Morgeuthau zu erwarten. Zur Judeufrage. von Zahnarzt Lehmann-Frankfurt a. M. „Bcbol daur w’daur omad oleinu lcbalnseinu w'hakodesch borech hu mazileinn mijodom.“ Auch in diesem Weltkrieg, in dem die deutsche Nation in Gemeinschaft mit Oesterreichs-Ungarn und der Türkei gegen eine große Anzahl anderer Nationen Nr. 21. zu kämpfen hat, ist der besondere Kampf gegen die Juden! nicht zum Schweigen gebracht, im Gegenteil wir hören! von Judenprogromen, Judemnißhandlungen und Unmensch- |i lischem Verhalten Juden gegenüber nur deshalb, weil sic ■' Juden sind! Gott sei Dank, wird solches nur Vorzugsweise von Rußland bekannt, wenn auch in andere» k Ländern der Judenhaß ebenfalls sich Luft machen dürfte. > In unserem deutschen Vaterland ist wenigstens offiziell ] der Antisemitismus wiederum als Schmach des Jahrhunderts einstweilen für die Dauer des Kriegs gekennzeichnet. Das unvergeßliche Kaiserwort hat gleich in den! ersten Tagen jedweden Unterschied der Partei und des Glaubens als nichtig erklärt; nur den Deutschen kennt man noch, ivelcher in gleicher Weise Gut und Blut auf den: Altar des ‘ Vaterlandes opfert. Auch die Behörden haben der antisemitischen Presse das Handwerk gelegt und sind überall da Mißständen energisch gegenübergelleten, wo ihnen solche bekannt wurden. Es bedarf keiner besonderen Betonung und verdient kein weiteres Lob, das; auch die deutschen Juden sich in und hinter der Front als tapfere Streiter und begeisterte Vatcrlandsverteidigcr bewähren. Doch drängt sich ihnen die berechtigte Frage auf: Wie lvird es nach dem Krieg und in der werteren Zukunft für uns werden? Neben ausgesprochenen Optimisten, die die feste Uebcrzengung äußern, daß nunmehr den deutschen Juden ihr volles Recht zu Teil werden muß, lassen sich unverbesserliche Pessimisten hören, die keinen Glauben an eine wirkliche Gleichberechtigung der Juden inc Heer, in der Beamtenschaft und in sozialer Beziehung überhaupt für spätere Zellen haben. Eine Antwort zu geben, ist selbstredend heute unmöglich; wir müssen nur weiterhin durch strengste Pflichterfüllung — jeder au seinem Posten und in seiner Weise — alle die Vorurteile als unwahr kennzeichnen; wir müssen auch weiterhin durch die Tat, durch unser Tun und Lassen, beweisen, daß die jüdische Religion mit ihren Pflichten und Grundsätzen die festeste und bestestc Basis ist für Vaterlandstreue, Vaterlandsliebe und Vaterlands- Hingebung '■ Dann haben wir alles getan, daß sich die Worte bestätigen, die jüngst der deutsche Botschafter tu Washington, Gras von Bern stör ff, sprach. Er sagte in einer Unterredung, die er einem jüdischen Journalisten geivährtc, u. a.: „Nach dem Kriege wird der Judeichaß vollständig verschwinden, denn erstens wird das Volk nach dem Kriege viel demokratischer werden, und zweitens ist das deutsche Volk von der Treue der deutschen Juden zum Reich und ' von ihrer ehrlichen Anteilnahme am jetzigen Krieg überzeugt." Und .weiter: „Ich bin fest überzeugt, daß, soweit Deutschland in Bellacht komnit, der Anttsemitismus als abgetane Sache betrachtet werden kann. Nach dem Kriege wird die jüdische Emanzipallon voll und ganz durchgeführt." f HST. BOSE3STAU Herren-Schneiderei 10 Goetbeslrasve 10. Vornehme Ansfährqng. Massige Preise. Aus aSCex Wett. Deutsches Reich. Berlin. Unter Borsitz des Pros P h i l i p p s o n trat am 25. Mai der Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu einer Sitzung zusammen. Bor Eintritt in die Tagesordnung dankte Prof. G u t t m a n n - Breslau für die ihm seitens der Gesellschaft durch! die Herausgabe einer Festschrift zu 'seinem 70. Geburtstag berellete Ehrung. Das Andenken des ccm die Wissenschaft des Judentums hochverdienten verstorbenen Prof.. Abr. Berliner ehrte die Versammlung durch Erheben von den Sitzen. Im weiteren Verlaufe der Besprechungen wurde festgestellt, daß die wissenschaftlichen Arbeiten der Gesellschaft im ganzen keine Unterbrechungen erlitte» hätte», und beschlossen, diese auch weiterhin init allen Kräften zic fördern, insbesondere mit Rücksicht auf die große Bedeullcng, welche namentlich das Wirken der Gesellschaft für das geistige Lchen der jüdische« Gesamtheit besitzt. Im Vertrauen darauf, daß auch in diesen schwierigen Zeiten der Gesellschaft die für ihre Tätigkeit erforderlichen Mittel niemals fehlen würden, bewilligte der Ausschuß auss neue wie in den Vorjahren etzne Reihe von Subventionen, namentlich für diejenigen wissenschaftlichen Unternehmungen, die auf die Unterstützung der Gesellschaft in erster Reihe rechnen. Der Ausschuß beschloß ferner, in diesem Jahre die satzungsgemäße Mitgliederversammlung wieder stattfinden zu lassen; sie soll am 28. Dezember in Berlin stattsinden. Prof. Pick-Gotha wird in dieser Versammlung über „Jüdische Münzen" reden. — Die soeben ausgesprochene Hoffnung darauf, daß das Verständnis für die Aufgaben der Gesellschaft und die Bereitwilligkeit,' für diese auch finanzielle Opfer zu bringen, nie versagen werde, fand noch in der Sitzung eine schöne Bestättgung: Prof. Gnttmamr war in der erfteulichen Lage, der Gesellschaft als Grundstock einer künftig zu errichtenden Stiftung den Bellag von 1000 Mark zur Verfügung zu stellen, den ihm ein hochherziges Mitglied seiner Gemeinde, Lippmann Bloch, an seinem Jublläum für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt und denen Rabb. Dr. Werner-München noch 100 Mk. hinzugefügt hatte. Bruchs«!. Dem Jahresbericht des Landesverein zur Erziehung isr. Waisen im Großherzogtnm Baden entnehmen wir folgendest Die Berwaltungs- und Berpflegungskosten Miefe« sich'auf 17,843 Jk, die Mitgliederbeilläge und Schenkungen auf 14,613 Jk, das Vermögen V.

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