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Neue jüdische Presse · 1915-06-04 · Heft 21 (4.6.1915) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 21 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Sie wird den Weg verfehlt haben; in der Dunkelheit, unbekannt mit der Richtung der Straßen, ging sie vielleicht statt nach der Neustadt zu, den Fluß hinauf." „Gut, suchen wir dort!" (Fortsetzung folgt.) - Erinnerungen aus Leu Tagen der Kindheit. Vom Bergingenieur L. Rosenthal (Basel). (Fortsetzung.) Sic hat noch lange gelebt, die gute Alte, denn als ich im Frühling 1869 aus Südamerika zurückkehrtc, war sie gerade gestorben. So konnte ich ihr noch das letzte Geleite „zum guten Ort" geben und eine Handvoll Erde ins Grab werfen. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört der Einmarsch der „Strafbayern" ini Spätherbst 1850. Der etwas sehr despotische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. suchte die -Verfassung von 1831 und noch mehr die Reformen von 1848 zu beseitigen, stieß aber bei dem Volk und seinen Vertretern, den Landständcn, auf solchen Widerstand, daß er die Intervention des. Bundestages anricf und 25,000 Mann bayerische und österreichische Exekutionstruppen in Kurhcssen einrücken ließ, um „die Bürger mürbe zu machen". Denn diese hatten schließlich die Zahlung der Steuern geweigert. Wir bekamen auch 12 Mann ins Haus gelegt. Genau eriimcre ich mich noch der Uniform mit den glänzenden Kltöpfen und den nicht mürber glänzenden Waffen, die an den Wänden unserer geräumigen Wohnstube hingen. Auch baß mich der Tambour Stützer oft auf seine Schultern setzte und herumtrug, einmal mich sogar in die Spinnstubc mitnahm, weiß ich noch. Me Krieger taten ihr Bestes. Meine Mutter hat .es uns oft erzählt, wie sie, gleich nach Ankunft oer schlimmen Gäste, den großen Waschkessel in der Küche mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln füllte, auch die Rauchkammer, wo das Dörrfleisch, die guten Würste und die noch schätzenswerteren Gänseschinken hingen, nicht schonte und — was eine Hauptsache für die Bajuvaren — von dem Wirt Thöne auf dem Hübbel ein stattliches Fäßlein Bier holen ließ. Um 5 Uhr konnten sich die Tapferen zu Tische setzen, und eingedenk ihrer Mission hieben sie auch mit solcher Energie und Ausdauer ein, daß bald tabula rasa gemacht und im Fäßlein ebenfalls kein Tropfen mehr zu finden war. - Die Mutter saß gerade in der Küche und sorgte sich für den Speisezettel des folgenden Tages. Da trat der wohlbeleibte Unteroffizier der Mannschaft mit rotem, schwitzendem Gesichte und aufgeknöpfter Weste vor sie hin und frug mit ungeheuer freundlichem Lächeln: „Na Madamche — was esse mer denn z'Owed?" „So good hadde ick et ni as ick bi de Soldaten was", sagte „der alle Hanfranz", unser Nachbar. Der war mit der großen Armee anno 1812 nach Rußland gezogen und dabei gewesen, wie es ihr bei dem Brande von Moskau zu heiß und bei der großen Retirade durch die verschneiten Wälder und Steppen zu kalt geworden war. Zu Fuß hin und her, die ungeheure Strecke. In schmucker Uniform war er abmarschiert, und in einem alten Weiberrock kam er zurück. Wenn er in seiner schlichten Art von dem grausigen Uebergang über die Beresina erzählle, konnte man eine Stecknadel zu . Boden fallen hören, so stille wars. Wie oft habe ich nicht seinen Geschichten gelauscht, in dem ärmlichen Stübchen mit dem Lehmboden, und den Leinen, grünlichen, in Blei gefaßten Fensterscheiben, die hie und da durch ein- Stück steifes Papier ersetzt waren. Im Kachelofen brieten Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kartoffeln, und wenn zuweilen eine den bekannten, feinen, singenden Ton hören ließ oder platzte, konnte cs gar heimlich sein bei dem alten Hanfranz. Aber er war auch abergläubisch und erzählte oft Spukgeschichten, die mir so auf die Nerven gingen, daß ich später beim Zubettgehen die Decke über den Kopf zog, um ja nichts mehr zu hören und zu sehen. Bon den ‘ Söhnen des Alten diente der älteste bei uns als Knecht. Auch sein etwas jüngerer Bruder wurde viel von -uns beschäftigt. Die Tochter versah von Freitag Abend an den Dienst als „Schabbcsgoie". In dem Knecht stak aber das Soldatenblut seines Vaters, denn als mein Bruder Alfred 20 Jahre alt und zum Militär tauglich befunden war, erbot sich der Hankcstoffel für ihn einzutretcn. Das ging damals. Man konnte einen „Stellvertreter" kaufen. Die 800 Taler, die das meinem Vater kostete, kamen der armen Familie sehr zu statten, und der alte Hanfranz, der sich schlecht und recht als Taglöhner, Waldarbeiter und Steinbrecher, wie es gerade die Gelegenheit bat, durchs Leben brachte, führte sich von da an täglich „ein halb Kännchen" mehr zu Gcmüte. Von der napolconischcn Zeit wußte auch incin Vater nlanches zu erzählen. Mehrmals hat er den Bruder des Kaisers, Jeromc, Ivclcher das neugebackene Königreich Westfalen beherrschte, inmitten seines glänzenden Stabes auf dem „Meßhagen" gesehen. Der Meßhagen ist eine hochgelegene, ebene Heide, von Wald umgeben, die mit Vorliebe — wie auch heute noch — zur Abhaltung von Paraden, Manövern und sonstigen militärischen Schauspielen benutzt wird. Der König „Lustig" soll dabei keine besondere Figur gemacht haben. Aber 1813, im September, als die Kosaken Tschernitscheivs vor dem Leipziger Tor in Cassel erschienen, war es vorbei mit der Herrlichkeit des prachtliebende» Königs imd der Parole: „Morgen wieder lustik!". Er flüchtete gen Westen. Mit gemischten Gefühlen sahen ihm die hessischen Juden nach, denn während seiner siebenjährigen Regierungszeit hatten sic sich als Menschen fühlen dürfen und brauchten nicht, wie vorher, den gelben „Judenstreifen" an der Schulter zu tragen oder beim Einlaß in die Stadt den „Lcibzoll" zu zahlen. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle ' ——— Offenbach a. 1. ——— Gegen Gicht and BheamattHm— bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankf.a.M., Gflnthereb^-Allee 37. Tel.Hansa259a.714. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Duscb.) , Samstag, den 5. Juni (= 23. Siwan.) ' Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Fromfurt a. M. 9 Uhr 50 Min. in Berlin 9 Uhr 20 Min. Wochcnabschnitt: Schelach-lecho. — Die zwölf Kundschafter., Vorschriften für Speise- und Geuüßopfer. Der Sabbätentwerher. ParschaS Zizzis. Rausch-Chaudesch Jjar: Samstag 12. Juni und Sonntag 13. Juni. Wochengottesdienst in Frankfurt a. M. Morgens:' 6 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenhcim, Unterlindau 672 Uhr, Hauptshnagoge 7 Uhr, Königsteinerstr. 77* Uhr). Abends: 77< Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindau, Königsteinerstr. 7 Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr). Nr. 21. Speuverr. Bei der Nationalfondskoiniuissiou (Zeit 21) ginge» ein Pälästina Notstands-Aktion: F. S. , 300.-,«H Jakob Wolfs, Bankier 100.— Isaak Arnsberg - 10.— I. L. G. 10.- Für das hebräische Schulwerk: F. S. 200.— Jakob Wolfs, Bankier 50.— B ü chsenleerung: Blnmenthal, Rechneigrabenstr. 4.45 Sauitätsr. Dr. med. Lud. Goldberg, Heddernheim 21.16 I. Grünebaum, Oederweg 2.65 Allgemeine Mitteilungen. 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