Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 21 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. In ähnlichem Sinne sprechen sich alle andern W>>. Blätter in New Dort nnd in der Provinz aus. Tiefe ^Ausführungen beweisen, wie stark der Gerechtigkeitssinn eines Juden ist! Bon Anfang! des. Krieges an traten die russischen Judein Amerikas geschlossen füx Teutschland einobwohl manche Mißstiumrung im Herzen der russischen Juden noch von der Zeit vor dem Kriege ob der Prozentnorm der Wäschen Studierenden auf dein deutschen Hochschulen u. dgl. m. gegen Deutschland bestand; sie traten für Deutschland ein, weil das Reicht auf Seiten der Zentralmächte ist. Was aber besonders zu unterstreichen ist, das ist die Tatsache, daß selbst bei dem „Lusitania"fall, da die überwiegende Mehrheit der Amerikaner, aufgestachclt durch die englandfrenndliche Presse, zum Kriege gegen Deutschland hetzt, sich die jüdffche Presse ihr gesundes und tncher objekives Urteil nicht nehmen ließ und' in gewohnter jüdischer Gerechtigkeit die Schuld England nnp dessen amerikanischen Helfern, wie es tatsächlich der Fall ist, zuschiebt! Es ist zu hoffen, daß nach dem abscheulichen Treubruch des „famosen" Bundesgenossen Italien die rchsischen Juden ihre Propaganda für Deutschlands gerechte Sache noch verdoppeln iverden, denn es gibt nichts Schlimmeres, nichts, was den Juden mehr erbittert und empört, als Treubruch. * Am 6. Mai d's. Js. fand in New Hork, in Cooper Union, eine Massenversammlung der New Iyrker Juden statt. Die Versammlung drückte ihre Sympathie für den Kampf des polnischen Volkes um seine Befreiung und Selbständigkeit aus, protestierte aber gegen die unmenschliche Behandlung ier polnischen Juden und stellte die Grundsätze fest, nach! denen die rechtliche Regelung des zukünftigen Gemeinwesens in Polen vorgenommen werden sollte. Die Resolution wurde einstimmig von der Versammlung, in der ca. 4000 Juden anwesend waren, angenommen. Viele Taustmde mußten, da der Saal zu Nein war, draußen bleiben. Die Resolution, die eine Reihe von beachtenswertem Anregungen enthält, hat folgenden Worllaut: Obgleich die feindlichen Beziehungen großer Teile des polnischen Volkes, polnischer Organisationen nnd. polnischer Zeitungen zu der jüdischen Bevölkerung in Polen, die ihren Ausdruck gefunden haben in Boykotts, Unterdrückungen und Denunziationen in der Kriegszone nno "blutige russische Militär-Pogrome zur Folge haben, eine tiefere Verbitterung geschaffen haben bei den Juden der ganzen Welt gegen die polnische Gesellschaft, so identifizieren wir doch nicht das polnische Volk als solches mjt den finsteren Kräften des polnischen Chauvinismus nnd ändern nicht unsere sympathische Haltung zum Kampf des polnischen Volkes für seine Befreiung, Wiedervereinigung und Selbständigkeit. Aber zugleich müssen wir konstatiere», daß die polnischen Parteien .es ablehne», der jüdischen Bevölkerung ' im zukünftigen.Pole» rechtliche Garantien für ihre nationale Existenz zu gewähren, und daß diese Parteien die polnische Freiheit auf nationaler Rechtlosigkeit und Assimilierung der jüdischen Minderheit aufbauen wollen. Die Weigerung, den Juden nationale Rechte zu gewähren, macht wertlos die Bereitschaft der Polen, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung einzuräumen. Denn die systematische Agitation der polnischen Parteien gegen die Anerkennung der Juden als Nation hat eine Atmosphäre des Hasses gegen die Juden geschaffen nnd so den Boden vorbereitet für eine» Bernichtungskampf gegen die drei Millionen polnischer Juden. Mn dauernder nationaler Friede zwischen Polen und Juden ist nur dann möglich, wenn im zukünftigen freien Polen der großen jüdischen Minderheit außer bürgerlicher Gleichberechtigung auch die national-politische Gleichberechtigung bei den Wahlen in der Stadt- und Landesverwaltung gewährleistet wird, ebenso müssen auch den Juden nationale Rechte in der Gemeinde, in Schule nnd Sprache und die Selbstverwaltung ihrer eigenen nationalen Angelegenheiten gewährt rverden." ' Diese Resolution, die von cindnt solch starken Gerechtigkeitssinn getragen ist, verdient besondere Erwähnung. Welch grandiose Menschlichkeit gestört dazu, den Polen, den schlimmsten Feinden der jüdischen Nation und ärgsten Widersachern des Rechts, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Daß die Versammelten dabei die berechtigten jüdisch-nationalen Ansprüche geltend machten, macht ihnen nur Ehre. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. In diesen Zeiten des kulturellen Niedergangs nnd sittlichen Bankerotts tut es einem doppät wohl, zu wissen, daß der Genius des „Am-Kadosch" dieses über allen menschliche Verfall erhebt und der Geist der Propheten trotz 2000jährigem Galuth über das „heilige Volk" noch weht. Briefe über Leu Krieg. VII. Meine Freundin! Wir unterhielten uns in unseren letzten Briefen von der inneren geistigen Wesensverlvandtschüft, die Deutschtum und Judentum verbindet, und waren da zu der Erkenntnis gelangt, daß . die weltgeschichtliche geistige Parole dieses Krieges: .„Kampf gegen den Militarismus" ihm den Charakter eines Kampfes gegen die jüdische Lebensauffassung gibt, und daß hier der tiefste Grund jener Sympathie zu suchen ist, die in diesem Kampf das Judentum der gesamten Welt innerlich für Deutschland enrpfindet. Damit waren wir schon vom zeitlos philosophischen Gebiete auf das aktuell-politische gelangt und wollen nunmehr, zNm Abschluß unserer Untersuchungen über dieses Problem, uns auch ein wenig mit dieser Seite der Frage beschäftigen. Der politischen Momente, die in diesem Kriege und — in der durch .ihn bestimmten nahen Zukunft.— Deutschtum und Judentum verbinden, , gibt es zwei: zunächst das unmittelbare,, allen sichtbare, daß Deutschland gegen Rußland kämpft. Und es braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, daß jeder Kampf gegen Rußland ein Kampf auch für uns Juden ist. Allein gerade diesem Momente messe ich, nur verhältnismäßig geringe Bedeutung bei, weitaus geringer, als es in unserer deutsch-jüdischen Presse gemeinhin geschieht. Denn abgesehen davon, daß die Wirkungen dieses Krieges fitr das russische Judentum keinesfalls so bedeutsame und jedenfalls nicht so günstige sein werden, wie es viele erwarten, darf gerade ^dieser Seite unserer politischen Verbindung mit dem Deutschtum nicht allzngroßer Wert zuerkannt werden, weil sie ja nur nwmentaner, vroübergehender Natur ist. Jede Aenderung der politischen Konstellation Europas — wie sie nach dem Kriege zweifellos eintreten wird — kann das Verhältnis zwischen Teutschland und Rußland radikal ändern und von einem innerlich und geschichtlich begründeten und „darum dauerhaften Eintreten unseres Vaterlandes zu Gunsten der russischen Jndcnhcit kann keine Rede sein. Wohl aber erblicke ich in deni anderer politischen Moment, das die Interessen von Deutschtum und Judentum aneinander knüpft, das Ergebnis nicht einer momentanen politischen Konstellation, sondern einer geschichtlich berechtigten, für weite Zukunft hinaus dauernden Entwicklung. Dieses andere Moment betrifft unsere kolonisatorische Arbeit in Palästina und die großen nationalen Zukunstsideale, die wir im Lande der Väter zu verwirklichen hoffen. Verwundert werden Sie wohl, meine Freundin, im ersten Augenblick, ivenn Sie diese Zeilen lesen, aufblicken und sich fragen, worin denn eigentlich solche Interessengemeinschaft Wischen unseren Zukunstsidealen und. den Zielen deutscher Politik begründet sein sollte; ich erwidere Ihnen mit dem einen Wort: Vorderasien. Vorderasien! Für viele in unserem deutschen Vaterlande leider noch immer ein nichtssagender Begriff; einer, der sie nur an Märchen und hegenden, an Zauberschlösser und Märchenprinzen erinnert. Und doch bezeichnet Vorderasien eine der gewalttgsten und herrlichsten Aufgaben deutscher Zukunft, eines der bedeutsamsten Ziele deutscher Weltpolitik. Schon einige Zeit ist vorbei, seitdem eine Anzähl der besten und geisteskühnsten Männer unseres Vaterlandes den großen Gedanken gefaßt haben, deutsche Kraft solle das alte Vorderasien zu neuem Leben erwecken. Kerflehen Sie wohl, meine Freundin, was dieser Gä>anke in Wahrheit bedeutet. Er ist so gewaltig und. gigantisch, daß man auf den ersten Blick ihn kaum in seinem ganzen Umfange zu überschauen vermag. Vorderasien, dieser fruchtbarste aller Erdteile, die alte Urheimat all unserer Kicktur und Zivilisation- "die nun seit Jahrhunderten verödet, verwaist ihren Winterschlaf Sir. 21. schläft, soll erwachen; jene unbegrenzten Bodenflächen, die vor Jahrtausenden drei- und viermal im Jahre Ernte gaben, die stellenweise dichter bevölkert waren als die dichtbewohntesten Teile unseres heutigen Europa, auf denen sich Städte von noch heute ungekannter Größe und Pracht erhoben, das gewalttge Land der antiken Weltreiche,, die Urstätte aller Religion und Philosophie, dieses Borderasien soll erwachen. Dies ist ein Prozeß, der sich in seiner weltgeschichtlichen Bedeutsamkeit den größten Ereignissen der Geschichte zur 'Seite stellen kann, der bestimmt ist, dem Gang der Weltgeschichte eine neue Wendung zu geben nnd das Zentrum der Weltkultur zu verrücken. Und dieses gigantische Werk soll deutsche Kraft vollbringen. Unter der Mitarbeit aller Völker, gewiß, aber unter der Führung Deutschlands. Es ist eine weltgeschichtliche Mission, die da unser Vaterland auf sich nimmt, und daß es diese Mission erkennen und sie zu erWlen bereits die ersten Schritte (denken Sie an die Bagdadbahn) tun konnte, beweist, däß es genügend Kraft und Mut besitzt, um dieses Werk zu leisten. Und" nun werden Sie, meine Freundin, wohl schon ahnen, daß eine innere Interessengemeinschaft besteht Wischen unseren nationalen Zukunftsidealen, die sich um Palästina ranken, und. den Zielen deutscher Weltpolitik, deren größtes Vorderasien betrifft. Denn nicht nur, daß Palästina ja doch auch nur ein Teil Vorderasiens ist, besteht Wischen Palästina und Vorderasien noch eine besondere außerordentlich bedeutsame Beziehung: Palästina bildet die Brücke zwischen Europa und Vorderasien. Die Richtigkeit dieses Satzes beiweist Ihnen nicht nur ein Blick auf die geographische Karte; es beweist Ihnen auch — und: in noch weit stärkerent Maße — ein Blick in die Geschichte. Wenn man nach! der weltgeschichtlichen Bedeutung des alten Palästina für die Entwicklung der Menschheitskultur ftagt, so wird man sie vielleicht am besten .so formulieren können:. Palästina hat die Ausgangspforte gebildet, durch welche die höchsten und' bedeutsamsten Ergebnisse der vorderasiatischen Kultur ihren Weg nach Europa angetreten haben. Der Monotheismus der Bibel, die Ethik der Propheten, die Religion der Psalmen, das Evangelium des Neuen Testaments — alle Grundlagen und Voraussetzungen der europäischen Kultur — in Palästina haben sie die Form gefunden, in der sie dann von Europa übernommen wurden. Und es entspricht so nur der tiefen Harmonie und Gesetzlichkeit des historischen Geschehens, daß nun,, da dieser vor zwei Jahrtausenden bereits vollendete Prozeß eurer Kultürvermittlung zwischen Vordcrasien und Europa sich wiederum zu vollziehen . beginnt, diesmal aber in umgekehrter Richtung, Palästina wiederum die alte Rolle übernehmen muß: wie es damals, da die Kultur von Vorderasien nach Europa ging) Ansgangstor gebildet hat, so wird es jetzt, da der Weg von.Europa nach! Vorderasien führt, Eingangspforte sein müssen. Daraus aber ergibt sichdaß. das Werk der Wiederbelebung Vorderasiens durch.Deutschland "seinen Wetz nehmet muß über Palästina. Gehen wir nunmehr noch einen Schritt weiter. Wer war das Volk, das vor Jahrtausenden die weltgeschichtliche Aufgabe der Vermittlung vorderasiatischer Kicktur nach Europa in Palästina vollbracht hat. Wir Inden. Und treue und leidenschaftliche Vermittler, wie wir sind) haben wir das Gut, das wir vermitteln sollten, nicht verlassen wollen und haben mit ihm die Wanderung angetreten durch all die .Länder und Völker, denen es Segen bringen sollte. Von Palästina nach Italien und Spanien, von Spanien nach Frankreich,' von Frankreich nach England und'Deutschland, von Deutschland nach Polen und Rußlandder Weg unserer Wanderungen bezeichnet den Weg der europäischen Kulturentwicklung, Len Weg, den die großen Werte und Ideen, die wi» von Vorderasien nach Europa brachten, gegangen sind. Wir wurden Mel belohnt für unser Werk, aber kennt die Geschichte den Begriff der Dankbarkett? Ans Dank darf der Vollbringer weltgeschichtlicher Aufgaben niemals hoffen; daß er zu solchem Tun berufen wird, und: sein Dasein solch großen Sinn erhält, dies bildet. seinen Dank und Lohn. UM nun ist der Wendepunkt unserer Bahn erreicht; Europa ist. umkreist und Borderasien darob verödet; die neue Aufgabe entsteht: die alte